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GsZitze vsr Kapslesn I.
(Zum 2. Oktober.)
Ende September 1808 hatten sich die Beherrscher von Europa Napoleon I. und Alexander von Rußland zu einer persönlichen Zusammenkunft in Erfurt eingefunden. Auf Wunsch ihres Protektors erschienen gleichfalls wie zur Dekoration Jsröme, des Kaisers Bruder, die Könige von Sachsen und Württemberg, sowie die meisten kleinen Rheinbundfürsten. Was mit ihnen verhandelt werden sollte, lag int Dunkel, wenigstens für sie. Am 25. September schreibt der bayrische Gesandte Lerchenfeld aus Kassel an seinen König Max Josef: „lieber die wahren Motive zu dieser Reise des Kaisers wie zum Zwecke einer Begegnung mit dem Kaiser von Rußland könnte ich Eurer Majestät nur einen sich widersprechenden Haufen von Vermutungen, die man hier der Reihe nach wiederholt, berichten. Es scheint ziemlich festzustehen, daß viele Differenzen, viele Arrondierungen und Indemnitäten unter den Souveränen des Rheinbundes stipuliert werden."
Kaiser Alexander von Rußland hatte seinem verratenen Freunde Friedrich Wilhelm von Preußen versprochen, eine Milderung des Pariser Vertrags, demzufolge Preußen 140 Millionen Franken Kriegskosten zahlen sollte, bei dieser Gelegenheit bei Napoleon auszuwirkeu. — Wenn Napoleon Alexander in Erfurt für sich gewaun und seine rheinbündi- schen Vasallen durch Versprechungen noch enger an sich kettete, konnte er an eine erfolgreiche Unterdrückung des spanischen Ausstandes denken, der ihn zur Zeit beschäftigte. Kaiser Josef hoffte er einzuschüchtern, wenn er ihm, vor Feindseligkeiten warnend, schrieb: „Was Ew. Majestät sind, sind Sie durch meinen Willen."
Tie Anwesenheit des Kaisers der Franzosen und der zahlreichen fürstlichen Gäste mit ihrem glänzenden Gefolge brachten reges Leben in die sonst ruhige Stadt Erfurt. Im Theater spielte eine kaiserliche Truppe aus Paris unter Talmas Mitwirkung, des gefeierten französischen tragischen Darstellers. „Vor einem Parterre von Königen" kamen die besten französischen Tragödien zur Aufführung. Vorne im Parterre saßen (in kostbaren Lehnsesseln die beiden Kaiser. Dahinter gruppierten sich dem Range nach die einzelnen Könige, Fürsten und Erbprinzen. In den Parterrelogen saßen in ihren goldgestickten, mit Ordenssternen besäten Uniformen kaiserliche Beamte und die hohe Generalität. Den ersten Rang zierte ein Kranz von Prinzessinnen und fremden vornehmen Damen. Vor dem Theater standen die kaiserlichen Garden mit den Spielleuten, die bei der Auffahrt eines jeden Kaisers die Trommel dreimal zu rühren hatten. Beim Erscheinen des Wagens des Königs von Württemberg wollten die Tamboure, getäuscht durch den Prunk der Karosse, gleichfalls die dreimalige Ehrenbezeugung geben, da schrie ihnen der wachhabende Offizier zu: „Taisez — vous, ce n'est — qu'un rot" (Still, das ist ja nur ein König.)
Goethe war mit dem Herzoge Karl August aus dem nahen Weimar herübergekommen und wurde mit dem Kaiser bekannt gemacht. Dieser unterhielt sich gnädig mit ihm über Literatur und Geschichte. Am 30. September nahm Goethe an der Tafel teil, die der Herzog Napoleon zu Ehren gab. Am 2. O k t o b e r wurde Goethe von Napoleon zur Audienz befohlen. Der Kaiser saß gerade beim Frühstück, Tayllerand und Daru zur Rechten und Linken, Berthier und Davary hinter ihm. Der Kaiser sah Goethe, als er eintrat, fest an und rief ihm entgegen: „Bons stes un Homme." Dann fuhr er fort: „Wie alt sind Sie?" Goethe erwiderte: „Sechzig Jahre." „Sie haben sich gut gehalten", bemerkte der Kaiser. Bald kam die Unterhaltung auf Literatur, wobei Napoleon fragte: „Sie haben auch Trauerspiele geschrieben?" Daru erlaubte sich, zu bemerken, Goethe habe auch den „Mahomet" von Voltaire übersetzt. „Das ist kein gutes Stück," fiel der Kaiser ein und kritisierte die „unwürdige Schilderung, die dieser Welt- croberer von sich mache." Im Laufe des Gespräches kam
Napoleon auch auf Goethes „Werther" zu sprechen, den er siebenmal gelesen, und der ihn auf seinem Zuge nach Aegypten begleitet habe. Der Kaiser bezeichnete verschiedene Stellen im „Werther" als nicht naturgemäß, worauf Goethe erwiderte, der Dichter müsse sich zuweilen Kunstgriffe erlauben, um Wirkungen hervorzurufen, die er auf einfache und natürliche Weise nicht erreichen könne. Bei Besprechung des Dramas äußerte der Kaiser seine Mißbilligung über die Schicksalsstücke; sie gehörten einer „dunkeln" Zeit an. .„Was will er jetzt mit dem Schicksal; die Politik ist das Schicksal."
Mich nach Goethes Familie erkundigte sich der Kaiser in gnädiger und herablassender Weise. Als Goethe das Zimmer verließ, äußerte Napoleon zu seiner Umgebung: „Voila un Homme!", welchen Ausspruch Grimm übersetzt hat: „Das ist endlich einmal ein Mann, der mir in Deutschland gegenübertritt."
Einige Tage später war Napoleon nach Weimar gekommen und ordnete eine große Hasenjagd auf dem Schlachtfelde von Jena an, wozu auch Prinz Wilhelm von Preußen erscheinen mußte. Am Abend fand Hofball im herzoglichen Schlosse statt und dann im Theater die Aufführung: „Der Tod Cäsars" von Voltaire. Während des Balles unterhielt sich Napoleon wieder eingehend mit Goethe über Literatur und meinte, er solle auch einmal eine Tragödie über Cäsar schreiben, aber in würdigerer Weise, wie es Voltaire getan hätte. „Das könnte die Hauptaufgabe Ihres Lebens, werden. Man müßte darin der Welt zeigen, wie Cäsar die Welt beglückt haben würde, wenn mau ihm Zeit gelassen hätte, seine umfassenden Pläne auszuführen." Napoleon lud Goethe ein, ihn nach Paris zu begleiten. „Kommen Sie nach Paris, ich verlange das von Ihnen;, Sie werden da eine große Weltanschauung getoinnen und ungeheure Stoffe für Ihre dichterifchen Schöpfungen finden." Obschon Goethe weder London noch Paris gesehen hatte, konnte er sich doch nicht wegen seines borgerückten Alters und der Unbequemlichkeit, die eine damals lange Reise mit sich brachte, zu einer Pariser Reise entschließen.
Am 14. Oktober erhielt Goethe mit Wieland das Kreuz der Ehrenlegion, eine Auszeichnung, auf die er nicht toettig- stolz war, so sehr dies auch von vielen Verehrern des Dichters in Abrede gestellt wird. Wer wollte ihm dies als Schwäche auslegen, zumal ihm die Auszeichnung tioit einem Napoleon zuteil wurde? lieber die Einzelheiten seiner Begegnung mit Napoleon und dessen Kritik an Werther hat der Dichter absichtlich sich nicht gerne geäußert. Was wir darüber wissen, verdanken wir den Mitteilungen des Kanzlers von Müller, dem sich der Dichter wohl offenbart hat.
Der Eindruck, den Goethe von Napoleon gewonnen hatte, war ein nachhaltiger. Er glaubte an die Weltherrschaft des gewaltigen Korsen. Als 1812 Napoleons Heer auf Rußlands Eisfeldern so kläglich seinen Untergang fand; und in Deutschland Stimmen laut wurden, die zur Ab- schüttelung der Fremdherrschaft anfforderten, äußerte Goethe: „Schüttelt nur an Euren Ketten! Der Mann ist Euch zu groß; Ihr werdet sie nicht zerbrechen." So erlaubte er auch nicht seinem Sohne, in das freiwillige Korps einzutreten, das sich in Weimar zur Befreiung des Vaterlandes gebildet hatte.
Seltener Zufall, daß der Dichter am 18. Oktober 1813, als Napoleons Glücksstern bei Leipzig bereits zu erbleichen schien, in seinem Epilog zur Tragödie „Essex" die prophetischen Worte einflocht:
~ -„Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag." — e-i
Vermischtes.
* Militärjahr und Volksgesundheit. Auf den günstigen Einfluß, den die Militärzeit höchstwahrscheinlich aus die Sterblichkeitsverhältnisse unserer männlichen Bevölkerung ausübt, weisen die amtlichen Beglett- worte der neuen deutschen Sterbetafel für das Jahrzehnt


