Donnerstag den Oktober
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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman von E. Gaboriau.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
In weniger al§’ einer Sekunde hatte der junge Polizist alle diese Möglichkeiten ins Auge gefaßt, aber er hütete sich, bent alten Absinth gegenüber ein Wort davon verlauten zu lassen. Sein Freudenrausch und seine Hosfnnngsseligkeit hatten sich nämlich nach und üach verflüchtigt, er hatte seine gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen, und er war jetzt, wo er sich selber prüfte, von feinem eigenen Verhalten nicht gerade entzückt. Er hatte allerdings! auf den alten Absinth einen ungeheuren Eindruck gemacht, er hatte ihn durch seine Ueberlegenheit geradezu erdrückt — aber was war denn das? Der gute Papa war ein Dummkopf, er, Lecoq, hielt sich für sehr klug; war das wohl ein Grund, sich zu brüsten und wie ein Pfau das Rad zu schlagen? Hätte er noch wenigstens von seiner durchdringenden Geistesschärfe einen schlagenden Beweis abgelegt! Aber was hatte er denn gemacht? War das Geheimnis aufgeklärt? War der Erfolg unzweifelhaft geworden? Er hatte an einem Faden gezupft, aber damit ist ein wirr verschlungenes Knäuel noch nicht aufgelöst. — In dieser Nacht schwor Lecoq bei sich selbst, wenn er sich von seinem Fehler, der Eitelkeit, nicht befreien könnte, so wollte er sich wenigstens bemühen, sie zu verbergen. Er wandte sich also in recht bescheidenem Ton an seinen Gefährten:
So! dranßen sind wir fertig; wäre e§: nicht gnt, wenn wir uns jetzt an das Innere machten?
Alles schien noch genau so zu sein, wie die Polizisten es verlassen hatten. Eine qualmende Kdrze mit langer Schnuppe beleuchtete mit ihrem rötlichen Schein dieselbe Unordnung und die Leichen der drei Opfer.
Ohne eine Minute zu verlieren, begann Lecoq die auf der Erde verstreuten Gegenstände aufzuheben und einen nach dem anderen zu prüfen. Einige waren noch ganz unbeschädigt. Dies kam daher, daß die Witwe Chupin anstelle eines Fußbodens eine Lehmdiele gut genug für ihre werten Gäste gefunden hatte. Diese Diele war bei nassem oder Tauwetter kaum weniger kotig als „die Ebene" selbst,
Tie ersten Nachforschungen lieferten die Trümmer eines Glasnapfes' und einen eisernen Löffel, der offenbar während des Kampfes als Waffe gedient hatte, denn er war ganz verbogen.
Es ergab sich ferner, daß sich die Opfer vor dem Streit das klassische Getränk jener Stadtteile, die unter dem Namen „Wein ä la franyaise" bekannte Mischung von Wein, Wasser und Zucker hatten munden lassen. Nach dem Napf lasen die beiden Beamten fünf jener schweren häßlichen Kireipengläser mit sehr dickem Boden zusammen; sie sahen aus, als enthielten sie eine halbe Flasche, während in Wirklichkeit gar nichts hineingeht. Drei waren zerbrochen, zwei noch heil. In diesen fünf Gläsern war Wein gewesen, derselbe „Wdin! ä la fran?aise". Man sah es, zur größeren Sicherheit prüfte aber Lecoq mit seiner Zunge die auf dem Grunde gebliebene blaurötliche iirupähnljche Masse.
Teufel! murmelte er mit unruhiger Miene.
Hierauf untersuchte er die Platten aller umgeworfenen Tische. Auf dem einen, und zwar dem, welcher zwischen Kamin und Fenster gestanden hatte, unterschied man deutlich die noch feuchten Spuren von fünf Glasern, einem Napf und sogar von dem Eisen- löffel. Dieser Umstand hatte für den jungen Beamten eine ungeheure Wichtigkeit. Es ging der klare Beweis daraus hervor/ daß fünf Personen den Napf in Gesellschaft geleert hatten. Mer welche Personen?
Oh! rief plötzlich Lecoq und gleich darauf in verschiedener Betonung, nochmals: Oh! — Sollten etwa die Frauen nicht in Gesellschaft des Mörders gewesen sein?
Es gab eilt einfaches Mittel, alle Zweifel hierüber zu beseitigen. Man brauchte nur nachzuweisen, ob man nicht noch andere Gläser entdecken würde... Es war nur noch eins vorhanden, von der nämlichen Form wie die anderen, aber kleiner. Es war Branntwein daraus getrunken worden.
Also waren die Frauen nicht in der Gesellschaft des Mörders gewesen, also hatte er sich nicht um ihretwillen geschlagen, also . . .
Mit einem Schlage wurden Äcoqs Annahmen sämtlich zu Wasser! Das war schlimm, und er war im stillen untröstlich darüber, als plötzlich der alte Absinth, der fortwährend herumgesucht hatte, einen Ruf ausstieß.
Der junge Beamte drehte sich um; er sah, daß der andere ganz blaß war, und fragte:
Mas gibts?
Es ist jemaich in unserer Abwesenheit hier gewesen!
Unmöglich!
Aber es war nicht unmöglich, sondern wahr! Als Gsvrol der Mutter Chupin die Schürze vom Gesicht weggerissen, hatte er sie auf die Treppenstufe geworfen; keiner von dem Beamten hatte sie angerührt. Und nun waren die Taschen dieser Schürze umgekehrt. Tas war ein augeitschcinlicher Beweis!
Ter junge Beamte war ganz verdutzt; man sah an seinen zusammengekniffenen Gesichtszügen, mit welcher Anstrengung er nachdachte.
Wer kann hierher gekommen fein ? murmelte er. Diebe? . .
Tas ist unwahrscheinlich. ■
Nach einem langen schweigenden Nachdenken, das fein alter Kollege nicht zu unterbrechen wagte, rief er endlich:
Ter Mensch, der hierher gekommen ist, der es gewagt hat, in dieses Zimmer einzudringen, wo drei Ermordete liegen — dieser Mensch kamt nur der Komplize sein! . . . Aber hier genügt eilt Verdacht mir nicht, ich brauche Gewißheit. Ich brauche sie, ich will sie!
Sie suchten lange nach dieser Gewißheit, ünb erst nach einer anstrengenden Stunde entdeckten sie in der Nähe der von Gsvrol gesprengten Tür auf dem zertrampelten kotigen Boden eine Fußspur, die genau denen des Mannes entsprach, der im Garten herumspioniert hatte. Sie verglichen diese Spuren und fanden, daß die Nägel unter der Sohle genau in derselben Form zu- fammengcstellt waren.
Er ist es also! sagte Lecoq. Er hat uns belauert, hat uns fortgehen sehen und ist eingetreteu. Aber warum? Welche tut*


