Mer noch schweigt sein eigenes Wesen und der Einfluß des Lehrers bindet die Persönlichkeit. Eine kühle objektive Sachlichkeit, die nichts verrät von jener warmen versonnenen seelischen Mitempfindung der Naturstimmung, die später dem Schaffen Leistikows jenen zarten Duft poetischen Er­lebens aufprägt, wirkte in diesen ersten Bildern. Roch scheint ihn die Landschaft nicht ausreichend, allerlei kleine genrehafte Akzente tauchen auf, Menschengruppen beleben die Natur, Kinder tummeln sich und am Meeresstrande schreiten geschäftig Fischer ihrer Arbeit nach. Erst allmäh­lich befreit sich der junge Künstler von den Fesseln der Tradition. Von Frankreich dringt die Kunde herüber von der Neuentdeckung des Lichts und im flimmernden Spiel des Atmosphärischen, und auch bei Leistikow findet das neue Evangelium in jener maßvollen Innigkeit, die stets sein Schaffen begleitet hat, ihren harmonisch gedämpften Widerhall. Die dunklen Ateliertöne verschwinden auf seinen Bildern, immer mehr Hellen sich seine Farben aus, durch-- messen jenes Stadium der Graumalerei, mit der die JUgend damals gegen die alten Atelierfarben zu Felde zog, und die .Umwandlung mündet schließlich zu jenen warmen und sonoren Farbenklängen, die erst spater, in seinen letzten Jahren, zu zarter Weichheit sich dämpfen. Gerade jene Teile der verschlossenen stillen Marklandschaft, die bis dahin als unmalerisch galten, sind es, die den jungen Künstler anziehen; auf abgelegenen kleinen Dörfern, in Landsberg an der Warthe, in der Neumark und drunten in Posen verbringt er in einsamer rastloser Sommerarbeit seine Mo­nate und nun verschwindet auch jene kühle Objektivität, die feinen Erstlingsarbeiten ihre unpersönliche Kühle gab, und sie läutert sich zu jenem reizvollen persönlichen Zauber, der in der Technik niemals den Endzweck der Malerei sieht, sondern nur das Mittel, um das subjektive Erleben der Natur in vollkommener Form geadelt wiederzuspiegeln.

Als im Jahre 1891 die Vereinigung der XI. gegründet wird, zählt Leistikow zu den ersten Vorkämpfern des neuen Gedankens, nach dem, wie er selbst einmal schrieb,ein jeder frei und ungeniert, ohne Rücksicht auf die Wünsche und Liebhabereien des kaufenden Publikums, ohne ängst­liches Schielen auf Paragraphen der Ausstellungs-Pro­gramme, sich geben konnte." Auch er muß einen Teil der Anfeindungen über sich ergehen lassen, die damals über Liebermann und die anderenRevolutionäre" niederprassel­ten, aber seine ruhige, immer gemessene Kunstart, die allen verlockenden Bravourstücken kühner Technik ausweicht und alle Verstiegenheiten ängstlich meidet, wird immerhin milder beurteilt und er erntet seine ersten bescheidenen Erfolge. Rastlos schreitet er auf der eingeschlagenen Bahn voran. Immer stärker betont sich in seinen feinen Naturausschnit- ten jeneStimmung", die längst als eine persönliche Note des Farbenpoeten der Mark anerkannt ist, sein Stoffgebiet erweitert sich, seine tieswurzelnde Liebe für die düstere Innerlichkeit nordischer Landschaft vertieft und erweitert sich und seine Reisen nach Dänemark, nach Skandinavien und nach den lärmfreien Ostsee-Inseln lassen immer köst­lichere Früchte reifen. In jene Zeit fällt auch dieEnt­deckung des Grünewalds", den man seitdem sich gewöhnt hat, als die malerische Domäne Leistikows zu betrachten. Bon der poetisch verklärten Realistik seiner Naturwider­gabe greift er in rastlosem Schaffen sich fortentwickelnd hinaus zu einer Stilisierung der Landschaft, die in kurzer, prägnanter und darum doppelt wuchtiger und eindrucks­voller Form gewissermaßen stenographisch den Linien und Farbeninhalt der Landschaft auf eine kurze knappe Formel bringt. Schon die Komposition jener Grunewald-Bilder, in deren summarischer, leuchtender Farbenpracht die Anregung Ludwig von Hofmanns wiederzuklingen scheint, zeigen in ihrer Komposition das Ausnehmen japanischer Formen- «lemente und nicht lange darauf sieht mau den Künstler auch teilt dekorativen Aufgaben sich zuwenden. JU seinen nor­dischen Landschaften klangen in phantastischer Dunkelheit bereits verworren jene Töne auf, die danu in den kunst­gewerblichen Arbeiten und in manchen dekorativen Ge­mälden fortwirken. Wie verzauberte, qualvoll sich windende Rieselt wachsen mächtige Baumstämme aus dem Boden, vor dunklem Waldesrand schwellen sich gespenstisch riesige Segel, düster aufragende Klippen türmen sich und darüber hin gleiten in schwerem Fluge wunderliche Vögel.

Aber diese Periode derNaturstilisierung" bildet im Grunde nur ein Uebergangsstadium zu der letzten reifsten Periode, die uns die zarte Versonnenheit der märkischen

Landschaft, das Träumen stiller Waldseen, das Verdäm> mern abendlich erschauernden Kiefern in silberblauem Dunste in rastlos wechselnder Variierung nachsühlen machen. Seine Palette, die vordem, in der Periode des Stils, zu leuch­tenden lauten Farbenakkorden und kraftvoller Intensität zu drängen schien, schlägt nun den Weg zu einer subtilen Verfeinerung ein, die die zartesten Stimmungsnüancen zu erfassen weiß. Ueber silbernem See ragen dunkel einsame Kiefern, feine durchsichtige Nebel steigen; oder die Sonne liegt aus den Stämmen und erweckt sie zu flimmerndem rötlichem Leben. Zwischen deut satten vollen Grün lau­schiger Kastanien leuchtet, wie der Anfang zu einem Mär­chen, eine kleine weiße Gartenpforte auf, oder eine kleine schweigsame Insel zieht ftöstelnd den duftig zarten Filigran­schleier zitternden Nebels um ihre Formen. Es schien, als wollte Leistikow in diesem, seinem ureigensten Stoffgebiet, sich ansiedeln und neue Eroberungszüge in fremde Lande- den Jüngeren überlassen. Aber gerade in den letzten Jahren konnte man bei seinen Werken ein Ausgreifen zu neuen Zielen beobachten, neue lichte Farbenakkorde klangen du auf, freudvolle heitere Töne von lichtem Gelb, leuchtendem Rots in blaurosigem Dunst gebadet, und alles schien, als schicke der Maler sich an, entschlossenen Schrittes neue Er­oberungen zu wagen. Aber die heiteren Farbenmelodien, die so frisch von einer fröhlichen Zukunft sangen, waren nur eine bittere Ironie des Schicksals, das mit dem Tode grausam allen Möglichkeiten ab schnitt und diesem Künstler­leben ein Ende setzte, als es hoffnungsvoll und unermüdlich von neuen Anfängen träumte^ H. W.

Am 29. Juli beging man die Totenfeier zu Ehren Walter Leistikows. Iw Hause der Sezession zu Berlin hatten sich die Familie des Verstorbenen und seine Freunde, viele Künstler und Kunstfreunde, versammelt. Die Feier begann mit einer kurzen Trauerrede des Pfarrers. Nach einem weihevollen Gesänge trat Max Liebermann, das Haupt der Sezession, an den Sarg und sprach ergreifende Worte der Erinnerung an den toten Freund, den sieghaften jungen Meister, der instinktiv den Weg zu seinem eigenen Stil und zur Originalität fand, der als halber Jüngling schon populär wurde und seine Landsleute die melancholische Schönheit der Mark Brandenburg sehen lehrte. Er sei ein Künstler voll Harmonie gewesen, wie er als Mensch von seltener Reinheit war, mit einem herrlichen Kinderglauben blieb er bei dem, was er für recht erkannt hatte, von keiner Rück- sicht auf äußere Ehren irre gemacht. Er war der wahr­hafte Führer der Sezession, ohne ihn wäre sie minder groß geworden. An ihm hat die Jugend ihren energischsten Freund verloren. Vor vier Wochen noch schien er rüstiger bei der Arbeit zu sein als seit langem; seine künstlerische Kraft war nicht gebrochen, als er starb. Zu beklagen, so schloß Liebermann, sei Leistikow nicht, ihm ward das Pelidenlos.

Dann trat Gerhart Hauptmann vor, um dem toten Freunde herzliche Worte zum Abschied zu widmen. Solange Berlin, die gefährliche Riesenstadt, sich nicht selbst vergißt, wird sie, so sagte Hauptmann, auch dieses Mannes nicht vergessen. Die Kunst Leistikows war phrasenlos. Di? inneren Kämpfe, die inneren Leidenschaften und Leiden des Meisters und Menschen drangen in ihr Gehege nicht, diesen stillen und weltfernen Garten, das ursprüngliche Gebiet aller großen Kunst, das auch ihr Boden gewesen ist.Unö nun, du lieber, durchgeprüster Mensch, Künstler, Kamerad und Freund, lebe wohl. Unsere Gedanken, unsere Herzen, unser Lieben, unsere Dankbarkeit folgen dir auch in diesen. weltfernen Garten der Stille nach."

Dem dahingeschiedenen Künstler widmet Alfred Kerp imTag" die schönen Verse:

Dunkler See und Kiefernstämme, Ernst und ehrlich anzuschaun, Sacht umbuschte Höhenkämme.

Wipfeldächer, grün und braun. ....

Das Gestirn zu Mstieg neigend Am geklärten Horizont.

Und der Grünewald wie schweigend

Von dem kargen Schein besonnt. . .;

Fest und still im Schmucklos-Schlichten,

Auch der dürftigen Schönheit froh. Fein und innig im Verzichten. . .

Das war Walter Leistikow.