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Tas war natürlich vielsagend für Maitlaicd, und inan konnte leicht sehen, daß in ihm Godins Besuch durchaus keine ange- nehmen Gefühle erregte. Er war aber nicht der einzige, der an dein Abend Grund zur Unzufriedenheit zu haben glaubte. Mein Versprechen rücksichtsloser Offenheit nötigt mich, von meiner eigenen Torheit Zeugnis nbzulegen. Denn als Maitland Jeanette ins Hinterzimmer nahm und dort mit ihr in ernsthafter Unter­redung eine Stiinde und zwölf Minuten verweilte zufällig achtete ich genau auf die Zeitdauer ihres Beisammenseins, da schien es mir, daß er unangenehm vertraulich ivürde, und das peinigte Mich. Wenn cs auch nicht geradezu Eifersucht war, tvas mich plagte, so war es Aerger oder Neid. Es tvurmte mich, daß Mait­land mir nichts dir nichts fertig brachte, was ich schon seit ver­schiedenen Tagen vorgehabt nnd immer wieder aufgegeben hatte. Warum konnte ich nicht unbefangen zu ihr sagen:Fräulein Jeanette, bitte, aus ein Wort," sie dann ins Besnchzimmer nehmen und lang und breit mit ihr reden? Oh, cs war Neid, nichts weiter.

Am nächsten Morgen wurde die Verhandlung wieder aus­genommen, und Maitland rief aufs neue Godin als Zeugen auf. Wir Zuhörer zerbrachen uns den Kopf über den Zweck dieser nochmaligen Befragung, der Vorsitzende schien mir aber völlig einverstanden damit zu sein. Maitland tvies dem Richter und dm Geschworenen zunächst ein Glasnegativ und einen Brief und bat sie, beides, während er es ihnen hinhielt, genan zu prüfen. Tann reichte er das Negativ Godin und sagte:Bitte, fassen Sie dies am unteren Rande mit Ihrem Tanmen und Mittelfinger, um das Bild nicht zu berühren, halten Sie es gegen daS Licht und sagen Sie mir, ob Sie das Gesicht erkennen." Godin tat wie geheißen und erwiderte ohne Zaudern:Es ist ein Bild von Herrn Latour."Gut," versetzte Maitland, nahm das Negativ zurück unt) gab ihm dm Brief:nun sagen Sie mir, Sie diese Unterschrift erkennen." Godin sah scharf auf den Brief, hielt ihn offen zwischen Damnen und Mittelfinger beider Hände nnd las die UnterschriftCharles Cazenove".Es scheint mir Herrn Latours Hand," fügte er hinzu.

Ebenfalls gut," versetzte Maitland und nahm das Papier wieder an sich, schien aber etwas bestürzt, als er darauf blickte. Sie haben die Unterschrift verwischt jedoch es macht nidM" sagte er und zeigte das Papier dem Richter nnd den Geschworenen. Tas Negativ muß fettig gewesen fein ja, daher wird's kommen," und er untersuchte es ruhig mit dem Vergrößernngs- glas zu unserer aller Verwunderung.Tas ist alles, Herr- Godin, ich danke Ihnen."

Als der berühmte Detektiv den Zengenstand verließ, zer­marterten wir uns alle das Gehirn, nm einen Zusammenhang zwischen dem, was wir soeben gehört hatten, und Latours Ge­ständnis herzustellen. Godin schien jetzt auch einigermaßen an dem Gauge -der Verhandlung irre zu werden, wenigstens war dies aus den tiefen Furcht zu schließen, die sich zwischen seinen Augen zusammenzogen.

Jetzt hielt Maitland feine Ansprache au den Gerichtshof, in der er die Ergebnisse der Verhandlung zusammenfaßte. Ich gebe hier die Rede unter Weglassung einiger uutvesentlicher Zutaten ihrem Hauptinhalt nach wieder/ ,

Euer Ehren und meine Herren Geschworenen: John Darrow ist ermordet worden, und der Gefangene, Herr Gustave Latour, hat seine Täterschaft eingcstandm. Wenn jemand ein Verbrechen leugnet, so messen wir seiner Aussage keinen sonderlichen Wert bei; wenn aber andererseits einer auf die Anklage eines so schändlichen Verbrechens antwortet:Ich bin schuldig," so fühlen wir ung unwillkürlich gedrungen, seinem Worte zu glauben. Warum ist dem so? Warum bezweifeln wir feine Aussage, wenn er seine Unschuld behauptet, und nehmen sie als wahr an, wenn er sich schuldig bekennt? Ich will es Ihnen sagen: Das Motiv ist das Entscheidende. Würden wir ein ebenso zwingendes Motiv für die Behauptung feiner Schuld wie für die Beteuerung feiner Unschuld bei einem Angeklagten finden, so tonnten wir das eine nicht höher anschlagen als das andere. Nun will ich Ihnen beweisen, daß Herr Latour vom stärksten Motive, das es für ihn gibt, zum Geständnis jenes Mordes getrieben worden ist. Gelingt mir dies, so daß Sie davon über­zeugt sind, so ist damit Herrn Latours Aussage so gut wie aus- getilgt, und es bleibt nichts Wesentliches mehr bestehen, als die .Erklärungen des Hauptzengen für die Anklage, des Herrn Godin."

Hoch stieg im Zufchauerraume die Woge der Aufregung bei diesen Worten.Wie?" sagte sich jeder.Ist es denn möglich, daß dieser Anwalt den Beweis erbringen will, daß Latour trotz seines umständlichen Geständnisses schließlich den Mord gar nicht ausgeführt hat?" Dieser Gedanke schien uns nicht faßbar: wie sollte man aber sonst Maitlands Bemerkungen verstehen? Es

ist daher kein Wunder, daß wir alle atemlos an feinem Munde hingen. Godin blickte finster uird unheilvoll drein, wie ein drohendes Gewitter. Offenbar war er nicht gesinnt, seinen Rus als geschickter Detektiv und zugleich die Darrowsche Belohnung ohne Kampf preiszugeben. Alles war still wie das Grab, als Maitland sortfnhr:

Ich werde nun zeigen, daß Herrn Godins Aussage völlig unzuverlässig und mehr noch, daß sie dies mit Vorsatz ist."

Das war eine unzweideutige Anklage, bei der Godins Züge aschfahl wurden. Ich sah, welche Anstrengung es ihn kostete, seinen Zorn zu bemeistern, und wie er auf Maitland einen dolch^ scharfen Blick warf, der mir für meinen Freund bange machte. Tiefer schien aber nichts davon zu bemerken und fuhr unbeirrt fort:Ich werde Ihnen sonder Zweifel beweisen, daß nur eine einzige Person an der Ausführung der Mordtat au John Dar­row beteiligt war, das heißt, daß nur eine einzige Person sich am östlichen Fenster befand, als ihn der Tod erreichte. Ich werde auch zeigen, daß Herr Latour diese Person nicht war und es unmöglich sein konnte."

Bei dieser Wendung erhob sich Brown und ging auf die Tür zu. Ich dachte, er wolle den Saal verlassen, aber er setzte sich wieder im Hintergründe nahe der Tür.

Ich werde den Beweis liefern, daß Herrn Latours Schil­derung der Mordtat falsch ist," fuhr mein Freund fort, worauf sich aller Augen Herrn Latour zuwandten, der aber weder ein Zeichen der Zustimmung, noch der Verneinung machte. Die Augen schließend und die Hände regungslos haltend, saß er wie gebrochen und versteinert da. Godin fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin und her, als könne er nicht länger an sich halten. Mit ruhigem, überlegenem Tone fuhr Maitland fort:

Herr Clinton Brown"

Aber beim Nennen dieses Namens unterbrach ihn eine plötz­liche Bewegung im Hintern Teile des Saales, woraus ein schwerer Fall das ganze Gebälk erzittern ließ. Alle schauten nach der Tür. Dort lag jemand auf dem Boden ausgestreckt, und ein anderer spritzte ihm Wasser ins Gesicht. Jetzt erholte er sich ein wenig, und sie trugen ihn in den Flur, wo es kühler war. Es war Clinton Brown. Die große Spannung infolge der Ver­handlung, seine eigene Gemütserregung und die Schtmile im Zim­mer waren offenbar zu viel für ihn gewefen. Doch wunderte ich mich darüber. Hier ioaren zarte Frauen, dem Anschein nach von geringerer Widerstandskraft, und dieser Athlet mit der Ge­stalt eines Mars und den Muskeln eines Herkules mußte zuerst erliegen! Wahrhaftig, auch wir Aerzte müssen uns manchmal wundern!

lFortsetzung folgt.)

Walter Leistikow.

Still und qualvoll, in stolzer Einsamkeit sein Leiden hinter einem liebenswürdigen Lächeln bergend, so hat er lange gegen den schleichenden Tod gerungen, der Schritt um Schritt näher kam pnd ihm nun in der Blüte seiner Jahre, einen Dreiundvierziger, dahingerafft hat. In einer. Zeit, wo die Schasfenssehnsucht in dieser stillen Künstler­seele so heiß glühte Ivie nur je, und an der Pforte einer neuen Entwicklungsphase, die gerade in den letzten Werken des Verstorbenen licht und hoffnungsfroh sich ankündete.

Eine einzige, in stetem Wachsen sich klärende und ver­tiefende Harmonie begleitet den Entwicklungsgang dieses Künstlers. Als der junge Bromberger nach Berlin kommt, ist es kein Zufall, sondern das unbewußte Wirken seines ihm selbst noch fremden Wesens, das ihn gerade den stillen Ende an der Akademie zum Lehrer wählen läßt. Erst kurz zuvor war der Norweger von Karlsruhe zur Reichshaupt- stadt übergesiedelt, wo seine die Düsseldorfer Tradition eines Achenbach und Schirmer fortsetzende, schlichte, von ruhigem Wirklichkeitssinn getränkte Kunst viele Freunde gefunden hat. Von ihm empfing Leistikow die ersten entscheidenden Hinweise auf die verschwiegene, ernste Schönheit der nieder­deutschen und der nordischen Landschaft, und von ihm lernte er auch das treue und liebevolle Studium der Wirklichkeit als den Anbeginn aller Kunst erkennen. Die Strömung der Zeit, die von der heroischen Landschaft und ihrer theatra­lischen Großartigkeit sich abwandte und es lernte, auch ist den stillsten und verschwiegensten Winkeln der Natur der; Ewigkeitsmusik zu lauschen, trug den jungen Leistikow von Anfang an in jene Bahn, die für seine Entwicklung ent­scheidend werden sollte. Er durchstreift die Umgegend vost Berlin, mit Zeichenstift oder Palette sitzt er am Strande der Ostsee to der auf den stillen meerumspielten Inseln und sucht noch tastend die Reize der Landschaft zu erfassest.