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John Darrows Tod.

Ko man von Melvin L. Sever y.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 2. Kdpitel.

Der Ausdruck schmerzlicher Ueberraschung in meinem Ge­sichte sagte Florence deutlich genug, was geschehen war. Sprechen konnte ich nicht. Steint Anblick ihres großen Schmerzes standen wir alle schweigend mit gesenktem Haupte da. Ich war der Mei­nung gewesen, Darrow sei die Beute einer Wahnvorstellung, die sich sehr bald wieder verlieren würde, und ich hatte daher bestimmt darauf gerechnet, der Einfluß der Tochter werde ihn sofort ins Gleichgewicht zurückbringen. Als ich nun seinen Tod feststellte, ohne irgend eine Erklärung dafür zu habet:, tvar ich im ersten Augenblick zu verwirrt, nm zu denken, geschweige denn zll handeln, und ich glaube, die anderen Herren waren ebenso unfähig dazu wie ich. Als ich mich wieder so weit erholt hatte, daß ich klar denken konnte, tvar mein erster Gedanke an Florence. Ich fürchtete, ihr Geist tvürde dein Ansturm nicht gewachsen sein, und ich wollte zu ihr treten, mit sie zu unterstützen, falls sie umsinken sollte, unterließ es aber, als ich bemerkte, daß Mait­land sich ihr geräuschlos genähert hatte. Auch kam es mir vor, als könnte ich mich selbst nicht vom Fleck bewegen. Es ist in solchen Augenblicken, als ließe ein so plötzlicher Nebergang von warmer Lebensfülle zu kaltem, sühllosem Tode den Strom der Daseinskväfte zu Eis erstarren. Kann auch nichts Irdisches dem unerbittlichen Tode entrinnen, so vermögen doch auch wir Acrzte nicht, eine tiefgreifende Erregung zu meistern, wenn die Seele so jäh den Körper verläßt, ohne durch eine Krankheit ihren Ab­schied anzukündigen. Gegen meine Erwartung fiel Florence nicht in Ohnmacht. Eine geraume Zeit es waren vielleicht nicht mehr als zwanzig Minuten, die aber unter diesen Umständen eine Stunde zu dauern schienen verharrte sie völlig teilnahm- los. Weder ein Wechsel der Farbe, noch sonst ein Zeichen der Erregung war an ihr bemerkbar. Sie stand regungslos da und schaute ruhig auf den Körper ihres Vaters, als schliefe er, und wartete sie auf ein Zeichen, daß er wieder erwachte. Dann zog ein rätselhafter Ausdruck über ihr Gesicht. Keine Spur von Kummer zeigte sich darin, sondern einzig ein sonderbarer Ausdruck von Beklommenheit. Ich hatte die Absicht, das gräßliche Schweigen zu brechen, aber der Gedanke daran, wie meine eigene Stimme in dieser entsetzensvollen Stille klingen würde, schreckte mich zurück. Florence selbst ergriff zuerst das Wort. Sie schaute mit der gleichen Tciluahmlosigkeit in ihrem Gesicht, aus dem jetzt auch der Ausdruck der Beklommenheit gewichen war,, empor und fragte einfach:Meine Herren, was ist zu tun?" Ihre Stimme war fest und kräftig; daß sie tiefer klang und etwas Fremdes an sich hatte, war unter den Umständen nur natürlich. Ich dachte, ihr Verlust sei ihr noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, und sagte:Er ist auf immer von uns geschieden.">;a," ver­setzte sie,ich weiß, aber sollten wir nicht die Polizei davon ver­ständigen?"Die Polizei?" rief ichIst es möglich Sie hegen einen Zweifel, daß Ihr Vater eines natürlichen -codcs

gestorben ist?" Sic blickte mich scharf an und sagte mit Nach- druck:Mein Vater ist ermordet worden!" Dieser Gedanke war für mich so überraschend und schmerzlich, daß ich im ersten Moment keine Antwort fand, und auch von den anderen ver^ suchte keiner das Schweigen zn brechen.

Als hätte jedoch Florences letzte Bemerkung einen plötzlichen Entschluß in ihm geweckt, trat Maitland schnell und geväuschlosi zu dem Leichnam. Er untersuchte die Kehle, hob die rechte^Hand auf und betrachtete die Finger: dann trat er einen Schritt zurück und schrieb ein paar Zeilen in ein Notizbuch. Hieran? prüfte er die Rolltür und fand sie geschlossen, sodann die beiden Fenster an der Südwand, die ebenfalls, wie sich ergab, fest zugemacht waren. Er öffnete die nach dem Hausflur führende Tür ein wenig, und sie knarrte laut in den Angeln. Nachdem er dies alles notiert hatte, zog er einen kleinen Maßstab aus der Tasche, ging zu dem östlichen Fenster, maß die Oeffnung, sodann auch die Entfernung zwischen diesem Fenster und dem Stuhl, auf dem der Tote iwch saß, und verzeichnete die Er­gebnisse wie zuvor in seinem Buche. Sein nächster Schritt setzte mich nicht wenig in Erstaunen und bewirkte, daß ich wieder Herr aller meiner Geisteskräfte wurde. Mit seinem Federmesser schnitt er einen Kreis in den Teppich um jedes Bein des Stuhles herum, auf dem Darrows Leichnam ruhte. So fuhr er geräuschlos und gründlich in seiner Untersuchuitg fort, aber ich folgte ihm jetzt nicht mehr so genau, denn ich hatte das lebhafte Gefühl, ich müßte Florence von ihrem Irrtum abbringen, und überlegte, wie ich dies am besten tun könnte.

Liebes Fräulein Darrow," sagte ich schließlich,Sie legen zu viel Gewicht auf die letzten Worte Ihres Vaters, dessen Geist offenbar nicht in normalem Zustande war. Sie müssen wissen, er hat schon seit Monaten Perioden zeitweiser Geistesabwesend heit gehabt, und alle seine Vorstellungen trugen einen blutigen Charakter. Ueberlegen Sie doch einmal in Ruhe," sagte ich) als ich an ihrem Gefichtsausdruck erkannte, daß ich sie in ihrer Uebcrzcngung nicht im geringsten wankend gemacht hatte.Ihr Vater sagte, er sei gestochen worden. Sie müssen aber cinsehen, daß dies physisch ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wären auch alle Türen und Fenster offen gewesen, so hätte ein Mensch un­möglich das Zimmer betreten oder verlassen können, ohne daß wir ihn bemerkt hätten. Nun waren aber die Fenster scst ge­schlossen außer dem einen, das, wie Sie selbst sehen können, etwa fünfzehn Zentimeter offen und in dieser Lage durch die; Sperrvorrichtung festgehalten ist. Sehen Sie nicht, wie unhalt­bar Ihr Gedanke ist? Ware Ihr Vater gestochen worden, so hätte er geblutet, aber ich bin so gewiß, als hätte ich ihn gründlich untersucht, daß nicht einmal eine Schramme an seinem ganzen Körper zu finden ist." Florence ließ mich ruhig ausreden und sagte dann mit müdem Tone, dem jetzt jede Kraft und Geschmeidig-, leit fehlte:Ich verkenne gar nicht, daß meine Ansicht allem Anscheine nach nnfinittg ist: dennoch weiß ich, daß man meinen Vater ermordet hat. Die Wunde, die ihm den Tod- gab, i]t Ihnen entgangen, aber"Mein liebes Fräulein Darrow," siel ich ihr' ins Wort,es ist gar keine Wunde da, verlassen Sie sich darauf!"