Ausgabe 
1.4.1908
 
Einzelbild herunterladen

tlr.52

M8

TOäTÜ

Q_®.

[WOISW |Äm ''MkMOl BHfiT

t n

Kelmutß von Lovlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Meder klang leises Pochen an ihrer Tür und fragend« Stirn- men murmelten iritb gedämpfte Schritte entfernten sich: Luise ist gar nicht da! sagte Frieda.

Luise ist gar nicht da!- Ja, wie nun, wenn Luise wirl- lich gar nicht da wäre? Das Wort fiel ihr wie ein scharf bren­nender Funke in die Seele. Sie kehrte sich um, sah nach der Tiir und ihre «lugen weiteten sich, als sähe sie dort etwas Entsetzliches. Den starren Blick auf dies unsichtbare Etwas geheftet, ging sie ihm gleichsam nach, langsam, griff plötzlich mit beiden Händen haschend in die Luft und fiel dabei auf die Küiee. Sv blieb sie liegen, die Stirn gegen den Bettpfosten gepreßt, die Hände über dein Kvpf verschlungen. Was sie jetzt empfand, das empfand sce gleichsam körperlos. Sie wußte nicht mehr, wo sie war und hatte alle Gewalt tibcr ihre Glieder verloren. Ihre Seele schien sich losgelöst zu haben, um einer nahenden, feindliche» Gewalt ebenbürtig , entgegentreten zu können. Es war ein Zustand, wie er nur bei höchster Nervenüberreizung eintritt aber als sie daraus erwachte, war alle Verzweiflung und alle Aufregung von ihr gewichen, sie erhob sich, strich sich mit der Hand über die Stirn und sprach halblaut, in müdem, ruhigem Ton, als spräche sie zu jemand, der ihr zu hörte:Es ist ja alles Unterhandeln umsonst. Dreh' es, wend' es, Ivie du willst, sieh es so an oder so, es konmit nichts anderes dabei heraus, nichts- nichts nichts' Es gibt nur diesen Weg. Was sagst du, Gotthard? Die'Last tragen helfen? Ja, wenn du aber selber die Last bist? Wie soll das dann zugehen? Du bist so gescheit und doch so dumm .... Dn predigst halbe, Maßregel,:. Ein rettender Gedanke romnrt dir aber nicht. Mir aber kommt er und nun will ich dir danken, daß du mir die Augen geöffnet hast. Lohs, er sprach Unrecht, er sagte, ich liebte nur mich. Ich liebe dich mehr als mich du wirst's nie glauben, denn du wirst es nie erfahren, aber es ist so."

Nun ging sie, obwohl ihr die Kniee zitterten und die Zähne wie im Frost zusammenschlugen, durchs Ziurmer bis an den Spiegel, brachte Haar und Anzug in Ordnung, betrachtete sich, lächelte ironisch und legte etwas Rot auf. Dann zog sie ihre Jacke au, letzte den Hut aus und nahm all ihre Kunst zu Hilfe, um die letzten Spuren des durchsvchteuen Kampfes zu beseitigen. Endlich mit gelte, sie. Das nahm ihr hier niemand übel. Julchen kam denn auch alsbald heraufgeeilt. Sie mußte nun meinen, daß ore Schwester soeben von einem Gang zurückgekehrt sei, denn a.urfe nahnr langsam den Hut wieder ab, während sie fragte:

Schläft der Vater noch?"

liegt sehr ruhig und spricht nicht, aber schlafen tut er nm)t. Ich, wirr schon zweimal oben, aber du bist wohl fortge- wejen^. Der Doktor war da und will abends wiederkommen."

So. Diese Nacht ivünsche ich beim Vater zu wachen." "§7 Werden Bruder und Frieda nicht zugeben!" Zch denke doch. Bitte Gotthard, er möge auf einen Augen­

blick zu ntir heraufkommen, willst du? Sage, ich ließe ihn herz­lich bitten, herzlich!" und als die Kleine. bereitwillig. fort­eilen wollte, strich, sie ihr mit dem Finger .an der schnmlen Kinder- Wange herab:Dir tat ich nichts nein, dir nichts!" sagte sie. Halb ängstlich, halb verwundert sah das Kind sie an und lief daun aus der Stube.

Allein geblieben, gestattete sie sich nicht ntehr, ihre Miene zu veränderir, vor den» Spiegel stehend, zwang sie ihrem Gesicht den ruhigen, traucrvolleu Ausdruck auf, den die Gelegenheit for­derte. All ihre Schauspielkunst wäre umsonst gelernt gewesen, wenn ihr diese jetzt nicht beistand. Als sie zufrieden mit sich war, setzte sie sich, ans Fenster und wartete. Ihr Bruder kam. Sein Schritt knirschte über die Hölzdiele draußen, fast ruckweise trat er ein, ajls koste es ihm einige moralische Püffe, sah sich flüchtig in dein von Modeparfüms durchdufteten, mit Flittertand auf­geputzten Zimmer um und fragte hart:Was willst du?" Dabei sah er sie an und wunderte sich über den Ausdruck sanfter Ergebung in ihrem Gesicht.

Ich wollte dir nur sagen, Gotthard, daß ich alle deine Anklagen erwogen^ habe und eingesehen, daß ich dir von Herzen zu danken habe. Ich bin in mich gegangen und habe, mein hartes Herz und meine Selbstsucht erkannt. Was ich noch gut machen kann, soll geschehen, das glaube mir. Mein Mann soll nie darüber zu klagen haben, daß ich ihn nicht ganz verstünde und nrcht vor allein sein Wohl im Auge hätte. Nochmals danke ich dir, Gotthard!"

Er wurde nun doch fast verlegen.

Bist du so schnell bereit, dein Unrecht ciitzuseheil und gut zu machen, so tut mirs leid, daß ich so hart"

Nicht hart genug, mein Lieber. Was ich da hören mußte, war bittere Wahrheit, das habe ich eingesehen."

Er trat näher, lieber sein unschönes Charaktcrgeficht glitt eine weiche Regung. Sie erkannte den Blick ivieder, den er als Knabe für sie gehabt hatte, die düsteren Augen unter den buschigen Brauen schimnrerten sie wußte, daß sie dem so wild erstrebten Ziel nahe gerückt war, aber in ihrer Seele ivar kein Raum mehr firr triumphierendes Glück. Es ivar wieder so seltsam bezeichnend für ihr «ganzes Lebeir und ihr ganzes krankhaftes Sein, das auch hier Erfolg befitzentwertend wirkte. Eben hatte sie nur das eiiie Streben, daß auch, dieser hier nie ahnen möge und deshalb nie verraten könne, daß sie freiivillig gehen wollte.

Gotthard hatte unwillkürlich die. Hand ausgestreckt und sie legte die ihre hinein.

Laß uns beide diese Nacht beim Vater wachen," sagte sie, er wird sich freuen, so oft er uns ansieht."

Er nickte nur, denn unten rollte ein Wagen, und aus dem Fenster blickend, sah er den Doktor ins Haus gehen.

Weshalb rieft ihr nicht beit alten Doktor Meier?" fragte sie plötzlich,der kennt doch den Vater seit so lange."

Der ist gestorben. Sein Nachfolger ist aber auch gut. . . ich muß gehen."

Sie ließ ihn gehen und folgte erst, als er außer Hörweite lvar. Dann gstng sie ans Treppengeländer und lauschte. Der Arzt blieb lange im Krankenzimmer, doch endlich hörte sic ge-