Ausgabe 
1.2.1908
 
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dokumentiert wird, lind es zeugt von einer großen Meisterschaft - in der Losung baulich-architektonischer Fragen, sowohl vom Schöpfer des Turmes, dem es gelungen ist, ihn den Ans- stellungsbauten einzuordnen, ohne seine Charakteristik zu, ge- fährden, als noch mehr von Pros. Albin Müller,' der seine vorübergehenden Ausstellungsgebäude den ständigen anzupassen hatte, so daß die gesamten Bauten sich zu einem imponierenden harmonischen Ganzen vereinen. Auch das städtische Anssiel- lungsgebäude ist schon zum größten Teile gerüstfrei und präsent crt sich in einem ganz eigenartigen Gewände, das der dunkel-; graufarbene Verputz der weiten glatten Flächen den Bauten ver­leiht Den nach englischer Art mit glatten schrägen Rasenflächen angelegten Hügel, auf dem d.iS Haus steht, sowie den massigen gemauerten Sockel selbst, umziehen schon die weißen Holzgerüste der Pergolen, an denen Kletterrosen sich später heraufranken und blühende Laubengänge Silben werden. Im Innern wird nun intensiv gearbeitet und außen an den Portalen und wo sonst noch feinerer künstlerischer Schmuck angebracht wird, haben bte Bildhauer ihre Ateliers dichte heizbare Bretterbuden ^ auf- geschlagen und vollenden ihre Kunstwerke, während^ der Armut ungestört durch müßige. Zuschauer, die fast täglich zur Ma- thildcnhöhe pilgern, um die erstehenden Werke zu sehen.

Vom übrigen Teil der Ausstellung bilden die weitaus um­fangreichste und wichtigste Hälfte die provisorischen Ausstellimgs- gebäude Professor Albin Müllers, ein ganzer Komplex von Bau­werken, die sämtlich unter Dach sind und nunmehr, was bet dem Chaos der aussprießenden Umfassungsmauern nicht möglich war, eine Uebersicht und einen Schluß auf das Gesamtbild ge­statten Die konstruktive Durcharbeitung des durch Prof. Aloni Müller gefertigten Bauentwurfs, die Kostenveranschlagung, sowie die Bauleitung über die besagten provisorischen AnS- stellungsbanten liegen in den Händen der Architcktenfirnia Mahr und Markwort. Der Umsicht dieser Herren au die ihnen ge­stellte, in Anbetracht der räumlichen Uiizusammengehörigkeit der einzelnen Bauteile oft recht schwierige Aufgabe, ist es in erster Linie zu verdanken, daß die, ea. 3600 Quadratmeter umfass enden, - zuni größten Teil zweistöckigen, teils . aus Holz mit Putz, teils aus Backsteinen massiv hergestellten Ausstelluiigsbauten in der unglaublich kurzen Zeit von drei Monaten erstellt, und noch vor Einbruch des Winters unter Dach gebracht werden konnten.

DaS Müllersche Hauptausstellungsgebäude nimmt sich mit seinen hellen weißen Fassaden und den roten Ziegeldächern freund­lich aus und verbreitet im Gegensatz zu dem etwas ernst-düstereii Aeußeren der Olbrichschen Bauten heitere Farbenfröhlichkeit. Einen herrlichen Uebersichtsblick über Die Ausstellung hat der Beschauer bon" der hinteren Terrasse des städtischen Ausstellungs- Hauses, in "bereit Achse der Keramische Hof . liegt, den man, von genannter Terrasse durch den charakteristischen doppel­seitigen Anfgäng herabschreitend zuerst betritt und der geeignet sein dürfte, einen vorteilhaften Eindruck dessen, was des Be­schauers itc6) harrt,. zu vermitteln, wird er doch sicher einen Schmuckhof der ganzeil Ausstellung bilden. Auch im Innern dieser Gebäude ist allerdings noch nicht viel zu sehen, bewundern nur muß man immer wieder die Art, wie bet Mchitekt feine Aufgabe gelöst, bereit Größe und Schwierigkeit darin bestand, eine Anzahl Räume der verschiedensten Art, Gestaltung und Raumverhaltmsse in "einem Bau zu vereinen, dabei jedes Winkelchen auszunutzen und das Ganze doch übersichtlich und harmonisch zu gestalten. Da sind neben den zierlichen Räumen der B ad-Nauh ei.iner Anlagen eine Anzahl kahler, glattwandiger Schul,ale, neben hohen Schwurgerichts- und Strafkammersälen, des Zustizpalostes zu Mainz kleinere vornehme Empfangs- und Direktorialdtenst- zimmer, prunkvolle Fürstenbäder und Blumenhöfe neben Kuiist- ausstellungsräumen und einer genauen Nachbildung des Le;e- zimmers im Offenbacher Schlosse, mit seinen Nischen, Ecken und Wölbungen. Alle Räumlichkeiten entsprechen genau den Masten und der Gestaltung der Wirklichkeit, werden doch die Jmten- eintichtungen genau so unter gebracht, wie sie später Verwendung finden sollen. Auf die interessanten Einzelheiten zurückzukommen, dürfte sich bald Gelegenheit bieten.

Auch die Arbeiterhäuschen, die, 5 an der Zahl, eine Kolonie bilden, die al§' Arbeiterdorf gedacht ist, sind bis auf eins fertiggestellt und harren nur noch des Innenausbaues und der Anlage der Gärten. Die kleinen Häuser, 3 Ein- und 2 Zweifamilienhäuser, machen einen sehr netten und freundlichen Eindruck und enthalten trotz ihrer geringen Dimensionen Raume von 12 und noch mehr Quadratmeter. Neben dem Arbetterdorf ist Herr Fuchs mit der Anlage seines künstlerischen Gartens beschäftigt, von dem interessant ist, daß er einen neuen Versuch, das System des Tiefliegend zu lösen, darzustellen scheint, er ist halb versenkt",

Alles in allem ist, wie schon gesagt, der Fortschritt der Arbeiten sehr erfreulich und mit Gewißheit läßt sich sagen, daß die Ausstellung im Rahmen einerLandesausstellung" außer­ordentlich reichhaltig werden wird und wohl geeignet scheint, die Blicke und Reiseziele Vieler wieder nach Darmstadt zu lenken.

Zugenderinnerungen des Maiers Paul Meyerheim veröffentlicht das erste Heft (Januar) des neuen Jahr- ganges derMeistet der Farbe" (E. A. Seemann, Leipzig. Jährlich 12 Hefte zu 2 Mk.). Als Kostprobe davon möchtest wir unseren Lesern die reizende Einleitung mitteilen:

Die frühesten Erinnerungen an mein Elternhaus! reichen bis an die Märztage des Jahres 18 4 8. Wir bewohnten in Berlin das Haus am Leipziger Platz Nr. 4, dessen Fenster nach der Köuiggrätzer Straße, damals Hirschelstraße genannt, hinausgingen. Das Lager für uns Kinder war auf der Erde bereitet, die Schüsse krachten entsetzlich von der Straße her und die Eltern mit der Köchin schoben zwei dicht voll­gestopfte Kleiderschränke zum Schutz vor die Fenster. Es wurde damals eine Bürgerwehr eingerichtet und mein Vater und seine ebenso friedfertigen Freunde mußten zu den Waffen greifen, den Zylinderhut schmückte eine große Kokarde, ein Seitengewehr, eine Patronentasche umgürteten die kampfesmutigen Leiber und eine wirkliche Flinte wurde mit herumgeschleppt. Alle diese Helden, deren Röcke enge, lange Aermel und faltige Schöße hatten, trugen Vater­mörder und das moderne, große, schwarzseidene Hals­tuch, das sehr hoch hinaufreichte. Wenn die meisten von ihnen schöne Erscheinungen waren, denen man den Geist und das Künstlertum vom Gesicht ablesen konnte, so gaben meinem Vater seine stattliche Figur, sein üppiger, dunkel­rötlicher Haarwuchs und rötlicher Schnurrbart ein mili­tärisches Aussehen. Ein geschichtsforschender Freund will denn auch in den Danziger Annalen entdeckt haben, daß unser Urahne unter Gustav Adolf eilt schwedischer Zahl­meister gewesen sei, der sich Mejerjelm nannte und der an der Stelle gewohnt haben soll, an der unser großväterliches Haus in Danzig stand. Tie Haager Friedenskonferenz würde ihre Freude an diesen Helden gehabt haben, denen Tatenlust und -Durst nach kriegerischem Ruhm nicht an­zumerken waren. Ich sehe sie noch alle vor mir, wie sie zwischen dem Potsdamer und dem Anhalter Tor -n wir Kinder immer hinterher auf- und abpatronillierten, außer meinem Vater der Bildhauer Fritz Drake, der schüch­terne Baumeister Strack, der Dichter Scherenberg und noch einige blutdürstige Freunde. Die heutige Königgrätzcrstraße war durch die alte Stadtmauer der Länge nach geteilt, außen lief die Hirschelstraße und innen die sehr ländliche und meist schmutzige Potsdamer Kommunikation, in der viele Seiler ihr Handwerk trieben. Ab und zu stand eine sogenannte Feuertiene, ein großer Bottich auf einem schwe­ren, schlittenartigen Unterbau. Da das Wasser aus Mangel an Feuersbrünsten ewig in diesen Holzgefäßen stehen blieb, so wurden sie zu Aquarien für die niedere Tierwelt, und ich begann an ihnen meine frü­hesten zoologischen Beobachtungen, ebenso wie bei der Durchwühlung der großen, -alten Laubhaufen, welche die Feuertienen flankierten. Hier war eine wahre Fundgruppe für schöne Käfer, vom Mistkäfer bis zum dicken Nashornkäfer, und all dies kleine Ungeziefer war viel blutgieriger und stichbereiter, als die Heldenschar, die an ihm vorübermarschierte. Zu den Mahlzeiten versammelten sich die tapferen Männer in dem einen der von Schinkel erbauten Potsdamer Torgebäude, das mit dem gegenüber­liegenden durch ein großes, schweres Gitter verbunden war. Hierher kamen die Frauen mit dem .Mittagessen; und meine Mutter, die stets eine Birtuosin in der Zubereitung von Königsberger Klopsen war, wurde mit Jubel begrüßt, wenn sie mit einem enormen Topf dieser ihrer Handarbeit bei den Kriegern erschien. Da mein Vater sich in seinem ganzen Leben nie um Politik und Weltgeschichte gekümmert hat, so teilte er uns auch nicht mit, was diese militärischen Uebnngen eigentlich zu bedeuten hatten. Damals war ich beinahe sechs Jahre alt; mein Brüder Franz, ein Rotkopf, war zehn ünd mein jüngerer Bruder, ein goldener Blond­kopf, Richard, etwa vier Jahre. Wir drei repräsentiertes also das Schwarz-Rot-Gold jener denkwürdigen Zeit,