Ausgabe 
29.6.1907
 
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Fredine sein Befremden über ihre zurückhaltende Miene puszu- sprechen.

Was jaegrierte Sie denn vorhin so sehr, Gräfin?"

Tie Angeredete schlug ihre mattblauen Augen studiert lang­sam zu ihm empor:

Ich wußte gar nicht, daß Sie ein so scharfer Beobachter sind," meinte sie mit dem unschuldigsten Gesicht.Ich ärgerte mich allerdings in dem Augenblick über einige" sie zögerte leichtAntworten, welche Baroneß Rolfsen Seiner Hoheit gab, die nach meiner Ansicht weit über das sonst iibliche Maß hinaus­gingen. Das war gelinde gesagt kokett."

Ei, ei, teure Fred«, dir scheint das Sprichwort nicht un­bekannt zu sein:Der Ton macht die Musik."

Schade, daß der Graf grade heute wieder mit seiner Schwer­hörigkeit äit kämpfen hat! Tenn warum legte er sonst die Hand an das Ohr und trompetete mit unheimlicher Deutlichkeit höchst Ungeniert:Pardon, Gräfin, ich verstehe nicht. Sie sind kokett?" und das just in dem Augenblick, wo Dagmar neben ihr steht, um sich von den hohen Herrschaften zu verabschieden.

Fredine Wurde vor Zorn und Schreck so rot, wie es trotz der reichlich angewandten Toilettenmittelchen irgend ging.

Aber Graf, das glauben Sie doch hoffentlich selber nicht!"

Nein," beteuerte der voll ehrlicher Ueberzeugung, aber er sah dabei zu Tjagmar hin, auf welche Ina lebhaft einsprach. Fragend blickte die Baroneß ihren Verlobten an.

Soll ich, Magnus?" '

Warum nicht, liebes Herz? Mer natürlich nur, wenn es dir nicht zu viel wird/"

Was soll Ihrem' Fräulein Braut zu viel werden?"" mischte sich Freda in die Unterhaltung, froh, von dem Grafen fort zu kommen.

Tas Reiten, Gräfin. Komtesse Rehnen bat sie, das nächstemal doch etwas früher in die Bjahn zu kommen, um vorher noch einige Touren durchzuüben.""

Eine reizende Idee von der Kvmtesse," erklärte die Hofdame begeistert.Hoffentlich kommen di« Herrschaften aber nicht allzu früh, Herr von Uchdorf wollte meine Maud auch vorher reiten,"" behauptete sie kecklich: ihr lauernder Blick fuhr dabei zu Dagmar hin, deren Gesicht das ruhige freundliche Lächeln beibehielt. Hätte Fredine gewußt, welche Anstrengung das die Verhaßte kostete ! So sah sie nur, wie Tjagmar leicht die Hand auf den Arm ihres Verlobten legte:

Wollen wir jetzt fahren, Magnus?""

Wie du wünschest, mein Herz,"" beeilte sich der Kammerherr zu versichern.

Ms er mit seiner Brant die Treppe hinabschritt, bildeten die Ulanen scherzend Spalier. Grüßend ging Dagmar am Arm ihres Verlobten hindurch. Als sie an der Stelle vorbeikam', wo Uchdorf stand, lachte sie grade leise auf. Sie sah Beltliugen freundlich an.Liebster Magnus . . .""

Weiter konnte der Rittmeister nichts verstehen. Ihm genügte auch völlig. Still, ohne sich von den Kameraden zu ver- abschieden, schlug er den Mantelkragen hoch und eilte nach Hause O, wie ihm das in den Ohren gellte:Liebster Magnus . . .""

4. Kapitel.

Seit geraumer Zeit erstrahlten bereits im hellen Schein der elektrische:: K'erzen die Räume, welche die Herzogin-Mutter be- I wohnte, die ganz gegen ihre Gewohnheit zu dem heutigen Tee- I abend eine verblüffend hohe Zahl von Einladungen gewünscht hatte. Während sonst zu diesen intimen Zirkeln höchstens vier bis sechs Personen besohlen wurden, waren diesmal mehr als die doppelte Anzahl von Gästen in den rühmlichst bekannten Ge­mächern versammelt.

Dagmar, welche heute Dienst tat, hatte anfänglich genug zu wrgen, die einzelnen Gruppen so zu plazieren, daß ein wenig Leben in die Gesellschaft kam. Umsomehr, als sich die Gräfin Lmdström auch nicht, die leiseste Mühe gab, die Gäste zu unter­halten, eine Arbeit, in der sich die Hofdamen sonst in stillschweigen­dem Einvernehmen gegenseitig unterstützten.

, ^Us ging sie die ganze Sache nichts an, so saß sie bequem' in

Msterstnhl zurückgelehnt, und ließ ihre Mattblauen Augen unauNallig^m das Spielzimmer schweifen, wo sich die Herzogin m:t tfyrem sohn, dem Kammerherren und dem neuen Kommandeur k etl. ®utt.1 WM niedergelassen hatte. Ter K'ammerherr hie Starten eer ehrfurchtsvollen Verbeugung Ihrer Hoheit ing über das Gjesicht dep Beobachtenden, u Dagmar hin. Ein sonderbares Paar i ! Veltlingeu, der allezeit geschniegelte I fünf grade sein ließ, galt es, damit |

Ein spöttisches Lächelst g TMn glitten ihre Augen z würdet: die beiden abgeben Hofmann, der seelenruhig

Seiner Hoheit einen Gefallen zu tun, und Täg'mär, die per- somflzierte, ruhigstolze Zurückhaltung, die sich trotz des jahre­langen Hoflebens einen erstaunlichen Idealismus! bewahrt hatte'

Unwillkürlich lachte Fredine leise auf. Nun, allzu lange tvürde der nicht mehr vorhalten, soviel glaubte sie Beltliugen auch zu kennen. Ein böser Zug glitt über ihr Gesicht. Pah ihr wars recht. Sie gönnte Dagmar die Enttänschung von ganzem Herzen. Die Enttänschung und den Aerger, den sie der lieben Kollegin noch zu bereiten gedachte.

Ob Beltliugen dadurch noch andern Sinnes wurde? Ueber- legend blickte sie zu ihm hin, der grade mit verstohlener Zärt­lichkeit zu Dagmar herübernickte. Aergerlich klappte die Gräfin den Fächer zusammen. Nun, wenn der Kammerherr durchaus nicht von seiner geliebten Tagistar lassen wollte, so sollte diese es wenigstens lernen, was es hieß, sich den Zorn ihrer Kollegin zu­zuziehen.

Fredine lächelte höhnisch. Noch war nicht aller Tage Abend und auf jeden Fall würde sie die Karten so zu mischen versuche::, wie, es für sie selber am Vorteilhastesten war. Wer nichts zu verlieren hat, kann beim Hazard nur gewinnen! Energisch rich­tete sie ihre zierliche Gestalt im Sessel empor und wandte sich an Frau von Fink. O, sie unterschätzte keineswegs den Vorzug neuer Freunde, obendrein war die Tpme die Gattinseines"" Komman­deurs !

Frau von Fink wär von der liebenswürdigen, entgegenkom­menden Art der Gräfin, die allerdings in kräftigstem Gegensatz zu Dagmars zurückhaltendem Wesen stand, bald völlig bezaubert.

Geschickt veranlaßte Fredine die Kvmnrandeuse, den Ritt­meister von Uchdorf herauzuwinken, der zu Fredas heimlichem Aerger bisher stets in Tagmlars Nähe gesessen hatte, freilich ohne mit ihr zu sprechen.

Ungeduldig glitt fein Blick jetzt in das Spielzimmer. Er­hoben sich die hohen Herrschaften denn noch immer nicht zu dem üblichen Imbiß, der dann zugleich das Zeichen für ein baldiges Aufbrechen war?

Herr des Himmels! Dieser Mend gehörte so ziemlich zu den verlorensten seines Lebens. Seit die Hoheiten sich im Spiel­zimmer niedergelassen hatten, saßen hier alle so fest und un­verrückbar auf ihren Plätzen, welche Dagmar ihnen mit ihrer! kühlhöflichen Freundlichkeit angewiesen hatte, als ob sie angeleimt wären. Natürlich mußte er auch da bleiben, wo er einmal saß, nämlich zwischen dem Grafen und der Gräfin Rehnen.

Ah, es war höchst erbaulich gewesen, mit welcher Ausdauer die Gräfin Dagmsars landwirtschaftliche Kenntnisse zn erweitern suchte!

Eigentlich hatte er die Baronesse bewundert, wie ruhig und aufmerksam sie anscheinend den Bemerkungen der Gräfin folgte. Daß sie trotzdem noch Zeit fand, ein verstohlenes Nicken des Kammerherrn ebenso heimlich zurückzugeben! Was die Liebe nicht alles fertig bringt!

Ein spöttisches Lächeln war über fein Gesicht gegangen, und doch fühlte er zu seiner Verwunderung nicht mehr jene leiden­schaftliche Empörung, die ihn sonst gepackt hatte, wenn er an Tagmars Vereinigung mit Veltlingen dachte. Hatte er endlich sein unruhiges Herz bezwungen? Gönnte er ihr nunmehr neidlos alles Glück der Erde an der Seite eines anderen?

Er hob mit befreitem Aufatmen den Kopf. Sicherlich! Wenn sie es nur da fand, wo sie es suchte! . . .

Tas totxr der Wunsch, den seine Freundschaft für sie hegte.

Da hatte Frau von Fink ihn gerufen und bald darauf traten die Herrschaften wieder zu den Gästen. Unauffällig hatte sich Fredine in die Nähe her; Tür, neben Uchdorf, zu stellen gewußt. Redete Seine Hoheit sie nicht au, so konute sie sich doch wenigstens! mit dem Rittmeister unterhalten.

Mit raschen Schritten ging der Herzog jetzt auf Tagmär zu.

Ich höre eben, Baroneß, daß Sie, den ungeduldigen Bitten Beltlingens nachgebend, schon in kurzer Zeit heiraten wollen?"

Allerdings, Eure Hoheit"", gab die Gefragte ruhig zurück,; aber sie konnte es nicht hindern, daß eine tiefe Röte sich dabei über ihr Gesicht breitete. Verlegen neigte sie ein wenig das Haupt. Ter Herzog sah sie mit unverhohlener Bewunderung an. Wie gut diese holde Verwirrung sie kleidete. Der Beltliugen war wirklich ein unglaublicher Glückspilz!

Ich freue mich recht über die Nachricht,"" fuhr der hohp Herr heiter fort, während seine klugen Augen über die gespannten! Gesichter der andern glitten,und zwar aus einem ganz be­sonders eigennützigen Grunde. Ich hoffe nun feine Fehlbitte zn tun, wenn ich im Mai Anfragen werde, ob ich in Veltlingen den mir schon so oft angebotenen Rehbock schießen kann. Sonst hätte ich das nämlich nicht gewagt, aus Furcht, die Flitterwochen zu stören,"" vollendete er mit leichtern Lächeln.