Ausgabe 
26.10.1907
 
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ein merkwürdiges Licht auf die Natur der "timt ihm zugleich tier- mitzten Geschäftspapiere. Um diese zurückzuerlangen, wollte er nicht nur auf die Zurückerstattung der entwendeten Wertsachen verzichten, sondern er bot mir für das Znstandebringen einer güt­lichen Vermittlung zwischen ihm und dem Einbrecher die Er­weisung eines Freundschaftsdienstes nannte er es! eine Beloh­nung timt vielen Tausenden an, deren Höhe festzusehen mir von seiner Großmut überlassen war. Ich wäre in der Tat neugierig, den Inhalt dieser Dokumente kennen zu lernen!

Ich kenne den Inhalt!"

Der Rat fuhr herum und starrte betroffen Walden an, als begriffe er nicht, daß dieser eben in ruhigem, sachlicheti Tone zu ihm gesprochen haben konnte.

Sie kennen den Inhalt Sie?" hastete er. Aber Men- fchenskind, woher kommt Ihnen eine solch überraschende Kennt­nis?"

Walden schien weder das Erstaunen seines Vorgesetzten, noch den witternden Fuchsblick des Kommissars zu gewahren.Sic werden sich um Auskunft fchon an Herrn Rat Kneift wenden müssen," meinte er gelassen,zumal mir dienstlich strenges Schweig­gebot gegen jedweden auferlegt worden ist. Immerhin fühle ich mich zn der Mitteilung berechtigt, daß offenbar dieselben Geschäfts­papiere, welche Geheimrat Selkenbach entwendet w-urden und deren Verlust dieser eine solch weittragende Bedeutung beimißt, gestern mit_ der ersten Morgenpost unter Deckkutiert, jedoch ohne jegliche sonstige Mitteilung, hier im Polizeipräsidium eingetrosscit sind . . . mehr noch, der Inhalt dieser Papiere ist ein für Selkenbach der­artig kompromittierender, daß Rat Kneift Wohl gerade eben mit dem Untersuchungsrichter beim Landgericht I wegen Verhaftung des Bankiers und seiner Mitschuldigen sich ins Einvernehmen setzt."

Heiliger Brahma!" Hansemann war aufgesprungen und stand nun in starrer Verwunderung vor dem keine Miene ver­ziehenden Detektiv.Sie sprechen in lauter Rätseln! Was liegt da vor?"

Aktienschwindeleien, bei denen es sich um Millionen handelt, so viel darf ich wohl andeuten, Herr Rat. Es handelt sich nm Machenschaften bei der sogenannten Brandenburgischen Bürger­bank. Die Angelegenheit ist umso vorsichtigerer und diskreterer Behandlung, als die beteiligteren Bankiers Mißbrauch mit allerhöchsten Persönlichkeiten getrieben und es verstanden haben, unter feiern Deckmantel des Protektorats einer ungemein hochstehenden Frau ebenso kühne wie beispiellos dastehende Schwin- deleien zu inszenieren, deren Betrag, wie fchon gesagt, hoch in die Millionen geht. Wie schon jetzt feststeht, ist das ganze Aktien­kapital der unlängst gegründeten Bürgerbank, zu welchem die weitesten Bevölkerungskreise eben im Vertrauen auf das Hochmögcrtde Protektorat beigetragen, in die Taschen gewissenloser Finanz- hyänen gewandert . . . unb Geheimrat Selkenbach trifft in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Aufsichtsrats die Hauptschuld. Die ihm entwendeten und anonym uns eingereichten Dokumente umfassen die gesamte Korrespondenz unter den Schuldigen, sowie den Verteilungsplan der Beute."

Hansemann schien langsam aus seiner Erstarrung wieder zu erwachen.Na, das gibt ja einen recht niedlichen Skandal!" äußerte er.

Die Sache ist sonnenklar!" rief er, wieder vor den beiden Beamten stehen bleibend.Der Einbrecher, welcher die Schmuck­stücke raubte, bemächtigte sich auch der Geschäftspapiere. Diesen Mann kennen wir, er liegt tot, ermordet von seinem Helfers­helfer, im Leichenhaus. Folglich kann nur dieser letztere die Papiere in ein Kuvert geschlossen und ans Polizeipräsidium ge­schickt haben."

Zweifellos," bestätigte Walden mit dem vorigen Gleichmut.

Wenn ich dieses Kuvert nur sehen könnte. . . Rat Kneift hat es verwahrt?"

So ist es, er hat's mit den Papieren zur Konferenz ge- nomtnen. Ich kann Ihnen jedoch Auskunft erteilen. Es handelt sich um ein gewöhnliches Kuvert ohne Merkmale, wie man es in jeder Schre.ibwarenhandlung zu kaufen bekommt. Die Adresse ist offenbar mit der linken Hand gefertigt, bietet also auch keinerlei Handhabe. Der Aufgabestempel ist der des Bahnhofspostamts am Potsdamer! Platz und weist als Zeitbestimmung 14 Uhr früh auf!"

Ich meine, man müßte Selkenbach sofort auf die Bude Mcken," warf Thommen dazwischen.

Hansemann nickte.Der Meinung bin ich auch."

Walden widersprach in seiner kühlen, zurückhaltenden Weise. >,Darf ich mir einen Rat erlauben, so wäre es der, die Zurück- kunft von Rat Küeist abzuwarten; er dürfte ohnedies nicht mehr lange ausbleiben. Da zweifellos zur Verhaftung des Bankiers geschritten werden pnd an diese eine umfassende Haussuchung

! sich anschließen dürfte, so ließen sich wohl und mit besserer! ? Aussicht auf Erfolg beide Vorhaben vereinigen."

Da haben Sie wieder Recht", entschied Hansemann. Kopf-, schüttelnd betrachtete er den Detektiv.Mann, wo Sie nur Ihr Fischblut hernehmen mögen!" ereiferte er sich von neuem.Sie tun, als berühre Sie die Geschichte gar nicht . . . und mir kribbelts in allen Fingerspitzen. Ich bin doch auch ein alter Praktikus. Doch um diese himmlische Ruhe beneide ich Sic!"

Ein mattes Lächeln stahl sich um Waldens Lippen, um! indessen sofort wieder unterzutauchen.Ich glaube, ich bin abgespannt ... es war die Tage über viel für mich zu tun das ist alles", meinte er, sich erhebend. Dr. Schulz und der! Gehilfe aus der Askauischeu Apotheke sollen bereits draußen sein ich werde einmal nachsehen", lenkte er ab.

Er kam indessen nicht bis zur Ausgangstür, denn eben tourfee diese durch den Nuntius geöffnet und dieser trat mit der Meldung ein, daß sich draußen ein Kunstmaler Andreas Witte! befinde, der in dringlicher Angelegenheit Rat Hansemann unver­züglich äu sprechen verlange.

Nun wird's Tag!" platzte der Rat heraus.Der wagt; sich in die Höhle des Löwen? . . . Herein mit ihm, aber sofort!" Er winkte den beiden anderen, die sich entfernen wollten, zn< Nichts da, nut hiergeblieben, meine Herren", entschied er. Sie können ruhig mit anhören, was mein Besucher mir mit» zuteilen hat!"

Elftes Kapitel.

Die Minute daraus betrat Witte das Zimmer. Heute befand er sich in kurzem Sakkoanzug, über welchem er jedoch seinen modefarbenen Herbstpaletot trug. Et hielt eine aufgeschlagene Zeitung in der Hand und befand sich augenscheinlich in der­artig hochgradiger Erregung, daß er kaum Zeit fand, den Rat zu begrüßen, geschweige den sonst im Zimmer Befindlichen einen mehr als flüchtigen Blick zuzuwerfen.

Nun, Sie scheinen ja Feuer und Flamme!" begrüßte ihn Hansemann in seiner gewohnten jovialen Weise.Wo brennt's denn?" Er deutete lachend auf einen Stuhl.Setzen Sie sich und kommen Sie erst wieder zu Atem."

Doch Witte, in dessen männlich schönen Zagen eine ge­waltige Erregung nachzitterte, hörte gar nicht auf die Einladung. Herr Rat, Sie sehen mich in furchtbarer Bestürzung!" begann er atemlos, zugleich auf die Zeitung in seiner Hand deutend. Soeben habe ich das Blatt hier zur Hand bekommen. Es enthält die Schilderung eines in verwichener Nacht in einer Droschke verübten Verbrechens."

Ganz richtig, ein solches beschäftigt uns gegenwärtig t: aber nehmen Sie doch Platz!"

(Fortsetzung folgt.)

Zum 150. Geburtstage des Areißerrn von Sinn. (26. Oktober 1907.)

Wer das geheime Walten der Natur in ihren Formen und Gestalten beobachtet, wird erkennen, daß auch dieser Allmeisterin gewaltige Hervorbringungen ihres ewigen Zeugungsdranges nicht immer auf den ersten Wurf gelin­gen. Sie scheint sich zuerst in Ansätzen in großzügigen Versuchen zu entladen, bis dann das vollkommeile Werk in ganzer Kraft und Größe hervortritt. Für das geistige Phänomen einer reichsten Menschenentfaltung, wie es sich in Goethe darbot, hat man auf solche Vorläufergestalten hingewiesen, einen Günther, einen Lenz, in denen der gleiche Trieb eines dichterischen Weltumfassens sich chaotisch regte, aber es waren zwar auserwählte, doch nicht reif befundene und darum verworfene Formen, dunkle Regungen eines nicht zur Vollendung gelangten Triebes in der deutschen KNltur. Wo aber das Sehnen und Trachten eines ganzen Volkes machtvoll zum Lichte ringt, ivo die tiesen Seelen­strömungen der Nation mit fortreißender Gewalt zusammen­schließen wollen, da mag auch die Gestalt des Vorläufers schon etwas von der Majestät des späteren Erfüllers um­glänzen, da gibt die Persönlichkeit dessen, der da kommen soll, von der weiterwirkenden Kraft des Volkswillens, der in ihm zuerst Gestalt wurde.

In einem solchen Zusammenhänge mögen uns wohl heute die beiden leuchtendsten Verkörperungen des deut­schen Einheitsgedankens, mögen uns Stein und Bis­marck erscheinen, der eine, auferweckt in seines Landes schwerster Zeit wie der alten Propheten einer, die.Stimme.