Ausgabe 
26.10.1907
 
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Samstag den Z6. Aktoöer

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Auf der eigSNtu Spur.

Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) ^Fortsetzung.)

Die Aussagen des zweiten Zeugen gestalteten sich wesentlich einfacher; cs war ein an der Hildmbrand-Siraße wohncndenr Rentier, der um die britische Stunde auf dem Nachhausewege begriffen gewesen tvar. Schon aus der Ferne hatte er einen stark taumelnden Menschen wahrgenommen, der von einem Be­gleiter immer wieder in die Höhe und vorangezerrt worden war. Schließlich ' fei der Trunkene liegen geblieben und sein Begleiter habe sich mit raschen Schritten nach der Bellevuestraße zu entfernt. Er sei direkt an ihm vorbeigekommen, doch zu rasch gegangen und es sei auch zu dunkel in der Tiergartenstraße gewesen, als daß der Zeuge den anderen der Gestalt oder gar dem Gesicht nach hätte erkennen können. Immerhin wußte er an- zugeben, daß es sich um einen schlanken, elegant Gekleideten, der seines Erinnerns einen hellbraunen Sommerpaletot getragen, gehandelt habe.

Haben Sie beobachtet, was aus dem hilflos am Boden Liegenden weiter wurde?" fragte der Rat.

Der Zeuge nickte.Allerdings. Ich stand etwas in meiner Straße zurück, konnte aber die Tiergartenstraße hinaufsehen. Ich gebe mich nicht gern mit Leuten in solchem Zustand ab und wollte auf einen Nachtschutzmann warten, um ihn auf den Be­rauschten aufmerksam zu machen. Etwa nach drei Minuten kam in der gleichen Richtung, die der Trunkene zuvor befolgt, ein Mann, der gerade so aussah, wie dec zuvor an mir Borbeigeschrittene, er konnte es aber natürlich nicht sein, weil dieser sich doch in entgegengesetzter Richtung entfernt hatte. Der neue hatte es augenscheinlich eilig. Er stolperte über den am Boden Liegenden. Dann nahm ich wahr, wie er inne hielt, sich über den Menschen beugte und auf ihn fragend einsprach. Er bekam indessen keine Antwort, denn der Mensch am Boden war so ziemlich fertig, der konnte nicht einmal mehrLärchelchen" sagen."

Machte der Neuankommende auf Sie den Eindruck, als sei er mit dem Betrunkenen bekannt?" forschte der Rat.

Durchaus nicht. Er erging sich nur in allgemeinen Redens­arten über betrunkenes Gesindel undman könne den Menschen doch nicht hilflos liegen lassen." Unwillkürlich ging ich näher an die beiden Herren und sprach den Hilfreichen an. Der meinte, in der rauhen Oktobernacht den Betrunkenen nicht auf bcm Pflaster liegen lassen zu wollen; er wollte ihn bis zu dem Pots­damer Platz schleppen, falls er nicht zuvor einen Wagen auf­treiben könnte. Das tat er denn auch. Er packte den nur noch sirinlos Lallenden beim Arme und zog ihn mit sich. Dabei schrie er unablässig nach einer Droschke."

Fiel Ihnen an dem Manne etwas auf?"

Sie meinen, ob ich ihn mir genau angesehen habe? Dafür war es zu dunkel. So viel ich sehen konnte, befand sich der Herr, denn um einen solchen handelte es sich augenscheinlich, in Gesellschaftskleidung und trug einen ähnlichen Ueberrock, wie ich ihn selbst anhabe . ,. übrigens schien er ein Ausländer,

vielleicht ein Russe oder dergleichen zu sein, denn er schnarrte auffallend, obgleich er ganz geläufig sprach."

Weiter hörten und gewahrten Sie nichts?"

Nichts", versicherte der Zeuge.Erft heute früh, als ich beim Kaffe die Mordgeschichte in der Zeitung las, dachte ich, cs müßte sich wohl nm den von mir beobachteten Fall handeltt. Ich zog mich deshalb sofort an und kam hierher."

Als auch dieser zweite Zeuge seine Aussagen unterschrieben hatte und entlassen worden war, wendete sich Hansemann, von seinem Schreibtisch sich erhebend, an den Detektiv und trat hinter den völlig in seine Arbeit Vertieften.

Die Sache klärt und verwickelt sich zugleich", meinte er. Sie würden gut tun, sich einmal nach diesem merkwürdiges Doppelgänger von Ihnen umzuschauen."

Möchten Sie lieber nicht einen anderen Ihrer Beamten mit dieser Aufgabe betrauen?" gab Malden, ohne von seiner Schreiberei aufzuschauen, zurück.Da ich mir ohnehin schon halb und halb verdächtig vorkomme ... ich kann doch unmöglich auf, der eigentlichen Spur verwendet werden."

Sie kleiner Schäker!" drohte Hansemann im Scherz. Er beugte sich üblr die Arbeit des Detektivs.Was machen Sie denn da? Ah so, das betrifft Kollege Kneift?" Und als Walden nur zustimmend nickte, bemerkte der Rat:Heute werden Sie sich schon unserer Sache widmen müssen, denn bei aller schuldigen Kollegialität kann ich meinen tüchtigsten Mitarbeiter nicht missen."

Er unterbarch sich, denn an der Tür war geklopft worden und auf sein Herein trat Kommissar Thornmen ins Zimmer. Er stutzte, als er außer dem Rat auch Walden erblickte.

Nun, Ihrer Miene nach bringen Sie schon etwas Posi­tives!" fragte Hansemann, der ganz auf seine Zusicherung vom verflossenen Abend vergessen hatte; dann, als er den zwinkern­den Blick des Kommissars und zugleich vernahm, wie dieser ihm das Schmuckfragment verstohlen zeigte, begriff er, sagte aber gleichwohl:Reden Sic nur ruhig, ich habe vor Walden kein Geheimnis, zudem sind wir inzwischen wieder ein Stück weiter gekommen . . . Sie haben meinen Auftrag bereits ausgeführt und die T.'sche Juwelierfirma ausgesucht?"

Thornmen blieb nun nichts anderes übrig, als Bericht zu erstatten.

Hansemann hielt mit seiner Anerkennung zurück.Das nenne ich Glück!" meinte er, sich vor seinem Schreibtisch wieder niederlassend und dem Detektiv bedeutend, seine Arbeit zu unter­brechen und sich ihnen zuzugesellen.Wir haben somit den. Beweis zur Hand, daß John Baker wirklich seine letzte Gastrolle en der Selkenbach'schen Billa gespielt hat. Der Geheimrat ist also wirklich in der empfindlichsten Weise bestohlen worden . . und dabei dürfte dieses Halsband nicht den ganzen Raub dar- stellcn . . . wieviel hat cs gleich gekostet?" wendete er sich fragend an Thornmen.

Eine Viertelmillion", antwortete dieser.

Der Rat schlug die Hände zusammen und lehnte sich tiefer im Sessel zurück.Nun, das läßt tief blicken. Ein solcher Ver­lust trifft auch einen Börsenfürsten vom Schlage des Geheimrats Selkenbach empfindlich . . . und zugleich wirft die Affäre auch