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Plätzen gut gehört haben. Tatsächlich kann es keinen Streit darüber geben, daß sie schlecht ist, wenn man ohne Voreinge- nommenheit urteilt. Zum Beweise genügt die eine Erfah- rung, daß zahlreiche Sänger, die anderwärts die größten Erfolge erzielen, hier unterliegen, weil ihre Stimmen nicht ausreichen. Der Raum verschlingt, wie man sagt, die Stimmen. Und das merken die Künstler auch selbst, sie hören sich nicht oder können sich nicht kontrollieren, bevor sie sich mit den Eigenheiten des Opernhauses genau vertraut gemacht haben. Anders der Konzertsaal der Hochschule für Musik in Charlottenburg, in bent es sehr gut klingt, wenn er ganz gefüllt ist, in dem aber alles verschwimmt, wenn die Zufchauerbänke Lücken aufweisen. Hier spüren die Künstler nichts, sie selbst hören alles mit größter Deutlichkeit.
' Es fällt offenbar, wo eine Bühne oder ein Podinm vorhanden ist, schwer ins Gewicht, wie sich diese zu dem Zuschauerraum verhalten. Im alten Krollschen Etablissement in Berlin mit seiner kleinen Bühne klang es prachtvoll, den Sängern wurde es so leicht, zu singen, wie kaum irgendwo anders. Nach dem Umbau, der eine bedeutende Vergrößerung der Bühne brachte, ist die schöne Akustik verschwunden. Daß jedoch die Größenverhältnisse allein auch nicht maßgebend sind, dafür sei als ein Beispiel das Theater des Westens genannt, das trotz seines großen Bühnenraumes sich einer guten Akustik erfreut. Andererseits hat man den Konzertsaal irrt neuen Leipziger Gewandhaus genau in den Maßen des alten, sogar auch in demselben Material und in derselben Einkapselung durch andere-Räume erbaut, und doch ist ein absolut vollendetes Ergebnis nicht erzielt worden. Zwar, wer das Haus heute besucht und darin ein Konzert hört, wird sich nicht einen Augenblick besinnen, die Akustik stanz vortrefflich zu nennen; aber Künstler, namentlich Sänger, die das alte auch gekannt haben, werden ihn eines besseren belehren. Sie werden ihm sagen, daß es, wenn auch alles klar und rein klingt, nicht so leicht ist, einen großen Ton hervorzubringen. Hingegen hat dem Saale der Singakademie in Berlin der vor einer längeren Reihe von Jahren vorgenommene Umbau nichts geschadet; obwohl der Raum vergrößert wurde, hat die Akustik absolut nicht gelitten. Woran liegt das? Wir wissen es nicht. Das Geheimnis der Akustik ist uns noch gerade so ein Buch mit sieben Siegeln wie das Geheimnis des Geigenbaus, von dem gerade in neuerer Zeit besonders viel die Rede gewesen ist,'weil verschiedene Instrumentenbauer und — Lackfabrikanten es entschleiert haben wollen.
Aber wenn auch die Architekten noch nicht in der Lage sind, eine Garantie für gute Akustik in ihren Bauten zu übernehmen, gewisse akustische Probleme können sie wohl lösen und deshalb gewisse akustische Kunststücke nachahmen. Bekannt ist die Flüstergalerie in der Paulskirche in London; was dort an einer bestimmten Stelle gesprochen wird, hört und versteht inan an einer anderen bestimmten Stelle, sonst aber nirgends. Der Raum ist ellipsoidisch gebaut urtd die Brennpunkte des Ellipsoids, die in der Gegend der bedeutendsten Krümmung des Gewölbes liegen, find hie akustisch korrespondierenden Punkte. Eine ähnliche Erscheinung findet sich in dem sogenannten Karyatidensaal des Louvre zu Paris, dessen Decke ihrer ganzen Länge nach zylindrisch gewölbt ist. An den Leiden Enden des Saales stehen Basen; spricht man in die eine hinein, so hat die vor der anderen stehende Person die Empfindung, als kämen die Worte aus dieser heraus. Tie von der ersten Base schräg aufwärts nach der Mitte des Gewölbes geworfenen Schallstrahlen werden alle in die zweite zurückgeworfen. Die Ursachen dieser Phänomene sind begründet, allein alle akustischen Gesetze find, wie eingangs erwähnt, offenbar noch nicht festgestellt, und deshalb können nicht alle Erscheinungen nachgeahmt und, was noch schlimmer ist, auch nicht vermieden werden. Auf der Schule schon lernt man in der Physikstunde, wie ein Echo entsteht, im allgemeinen. Aber die Lehrer würden wahrscheinlich arg in Verlegenheit gesetzt werden, wenn sie erklären sollten, warum in der Berliner Philharmonie in der auf der rechten Seite des Saales gelegenen Direktionsloge nach einem Platze Orchestermusik aus einer Ecke der Decke zurückgeworfen wird. Tie Lehre von den Obertönen ist sehr sein ausgebaut. Wer sie gibt doch keine Auskunft auf die Frage, warum im Kvnvent-Gartensaal in Hamburg auf der rechten Seite, wenn der C-dur-Treiklang gespielt wird, die kleine Septime B deutlich vernehmbar mitklingt.
Nein, das Geheimnis der Akustik ist noch nicht gelüftet. Sonst wären sicherlich die Sitzungssäle im deutschen Reichs
tag und im preußischen Abgeordnetenhaufe nicht so erbaut worden, tote sie erbaut worden sind. Wenn man aber beiden eine absolut schlechte Akustik nachsagt, so geschieht es mit. Recht wohl nur vom Abgeordnetenhaus. Die Verhältnisse im Reichstag sind tatsächlich, zumal seit man die Tribünenwände mit Stoff bekleidet hat, so übel nicht. .Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß die Mängel der Akustik häufig nicht bei den Räumen allem, sondern auch bei den Rednern und bei den Hörern zu suchen sind. Einer von denen, die unter der angeblich schlechten Akustik am meisten zu leiden hatten, war der frühere Staatssekretär des R;ichs- schatzamts Freiherr v. Thielmann; aber merkwürdig, toentt ihm etwas daran lag, besiegte er die akustischen Widerstände mit Leichtigkeit und war trotz seines sehr schwachen Organs ausgezeichnet zu verstehen. Dann kommt es aber euch wesentlich darauf an, ob der Hörer mit der Materie, über die gesprochen wird, vertraut ist oder nicht. Im Berliner Abgeordnetenhause hingegen nützt die Kenntnis der zur Verhandlung stehenden Gegenstände nichts; hier gehen vielfach die Worte auch solcher Parlamentarier verloren, denen im Reichstage große Deutlichkeit nachgerühmt wird. Freilich vermögen einzelne Redner sich auch hier verständlich zu machen, aber sie erzählen, daß es ungeheuer anstrengend ist, auch nur eine Stunde lang verständlich zu bleiben. Sollte der Erbauer etwa in Vorahnung kommender Obstruktionen haben Vorbeugen wollen?
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Die Eisenbahn-Lektüre, so schreibt der Kunft- wart, möchte ich ausrotten können. Man versteht, leichte Lesestoffe darunter, „leicht" sowohl nach der sittlichen Seite hin, also das eben noch von der Polizei Zugelassene, leicht namentlich aber auch uach Gehalt und Wert; flott geschriebenes Zeug, das uns vor der Langeweile schützt und unseren innersten Menschen ganz unbehelligt läßt. Man hat den Deutschen lange nachgesagt, daß sie keine Bücher kaufen: als Eisenbahn-Reisende sind sie arge Verschwender im Bücherkaufen. Tas wäre nicht so schlimm, wenn sie nicht gerade Eisenbahn-Lektüre kauften. Ich lese bei jeder Eisenbahnfahrt, und mir scheint es nach meiner Erfahrung, daß man gerade schwierigere und gehaltvollere Werke unterwegs lesen kann und soll. Zuweilen stören uns die Mitreisenden durch ihr Gespräch, aber viel öfter herrscht vollkommene Ruhe; oft sind wir allein int Abteil. Besser noch als zu Hauses ind wir hier mit uns selbst allein, denn wenn daheim die Familie oder die Bekannten Nicht aus uns drücken, so tun es die Pflichten, die Mahnungen zur Arbeit. Geben wir uns daheim die Wendstunden frei, so heißt das: die müden Sutnden, und ich gestehe, daß mir dann die Orts- zeitung ost lieber ist als Goethes Pandora. Aber auf der Bahn fahren wir auch vormittags und nachmittags, mit frischen Gehirnen und auf das schönste abgeschlossen von der Welt und den Pflichten: bessere Stunden zum Denken und Dichten und zum Versenken in große Dichterwerke gibt es gar-nicht! Ich habe bei langen und kurzen Fahrten die Gedichte von Goethe, Schiller, Keller, Grillparzer, Fontane, Tennyson und anderen bei mir gehabt, oft auch den Faust, zuweilen Hefte von Plato oder Cicero, und ich versichere: wer nicht überhaupt zum Umgang mit hohen Geistern zu erbärmlich ist, wird am besten mit ihnen verkehren können bei diesem ruhigen Dahingleiten über der Arbeitserde unter uns. Aber alles hat seinen Grund; auch der herrschende Begriff der Eisenbahn-Lektüre hat Vater und Mutter. Die Mutter ist eine sehr verbreitete menschliche Eigenschaft, die ich höflich Bequemlichkeit neunen will; der Vater ist ein kluger Geschäftsgeist. Unsere Bahnhofsbuchhandlungen sind unter allen Buchhandlungen, die wir haben, die schlechtesten; sie sind das, obwohl sie Anhängsel einer Staatseinrichtung sind. Jeder andere Buchhändler hält alle guten Bücher, iveitn sie „gehen", entweder weil er von seinem Berufe und sich hoch zu denken das Bedürfnis hat, oder weil der Kunde sonst zum Söntorenten geht. Der Bahnhofsbuch- händler hat leider ein Monopol, und der währe Besitzes oder Unternehmer dieser Buchhandlungen tritt nie feinen Künden gegenüber, sondern ist ein weit ab wohnender Geschäftsmann. Ihm fällt es nicht ein, billige Hefte von Reclam, Hendel oder Cotta zu führen; er fragt bei den Büchern in erster Linie: wie viel verdiene ich dabei? Die billigen Ausgaben bringen ihm nur Pfennige. Und die Verleger teurer guter Bücher gewähren nur mäßigen Rabatt,


