Ausgabe 
26.1.1907
 
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Jede große Böhne besitzt Hausgesetze. Wer sie bricht, erleidet schweren Schaden an der Gage. Die Hausgesetze erscheinen in 17 Bändelt und 3 Supplementsbändeu, sind von den Mitgliedern gegen günstige Zahlungsbedingnisse (ärmere gratis) z« beziehen und ailswendig zu lernen. Sie enthalten die verschiedenen Grade der Strafen, in die das Mitglied verfallen kann, von der kleinsteil Geldbuße (200 Kronen) bis zur gänzlichen Entziehung der Ge­bühre» verbunden mit Ehrverlust sowie schwerer Einzelhaft in einer, längere Zeit benützten Statistengar'derobe.

Noch wäre der Theateearzt zu erwähnen, ein Vertrauensmann her Direktion. Er möge jede Krankheit der erregten Mitglieder mit seiner Diplomatie, Purgen oder Brompulver behandeln. Die Wirkung zeigt sich alsbald. Elltweder schläft der renitente Simu­lant durch 72 Stunden und erwacht gebessert, oder er stirbt. Berübt er dies letztere vor Ablauf seines Vertrages, so klage man unverzüglich die Erben wegen Kontraktbruches.

Hat inan auf diese Weise das Gebäude und sein Shsteni auf- gestellt, so schreite man allsogleich zur Eröffnung des Tempels. Ich bemerke hier nur noch, daß dies ohne Prolog nicht möglich ist.

Eilt SchMerbearSeitcr.

Mir entnehmen dem 1. Januarheft derS chaubühne" (Herausgeber Siegfried Jacobsen) folgende voll Felix Heilbut her­stammende Notiz: Anton Dinspel ist Pfarrer in Kirit a. d. Nahe. Nebenbei aber ist er Dichter: Dramatiker. Keilt Geringerer als er ist z. B. der Verfasser der dramatischen Dichtung:Der Geschäftsführer" oderUnentwegt auf rechtem Pfade", Schauspiel in drei Auszügen mit acht, nur männlichen, Rolleii. Nun kenne ich zwar dieses ebenso wie die andern Werke Anton Dinspels nur dem Namen nach. Aber ich möchte, ehe ich mich weiter mit dem Autor befasse, ans das allen seinen Arbeiten Gemeinschaft­liche Hinweisen: das Fehlen der weiblichen Rollen. Das mag mm feilten Grund darin haben, daß in Kirn (a. i>. Nahe) die Schauspielerinnen nicht ganz aus der Höhe ihrer männlichen Kol­legen stehen. Oder auch in der Abneigung des katholischen Geistlichen gegen das Weib an sich. Gleichviel jedoch ich glaube, Dinspel geht darin etwas zu weit. Den Eindruck hatte ich wenigstens, als ich eine Arbeit Dinspels kennen lernte. Aller­dings handelt es' sich in diesem Falle nicht um ein Originalwerk von ihm, sondern um die Bearbeitung einer wenigstens mir schon bekannten Dichtung von Friedrich Schiller. Hierbei ist es Anton Dinspel nicht nur gelungen, die Handlung zu vereinfachen, smt- dcrn auch, wie er schon in der Einleitung hervorhebt, die Frauenrollen zu beseitigen. Der Name dieser Arbeit ist: Wilhelm Teil. In diesem Stück wird beispielsweise eine Dame Namens Berta von Bruncck durch einen alten Diener, Bernard genannt, ersetzt. Und auf die glücklichste Weise ersetzt. Dieser Bernard erzählt nämlich (in Dinspelscher Sprache), was seine Herrin sagen 'würde (in Schillerscher Sprache), wenn sie nicht gerade abwesend wäre. Ueberhaupt die Dinspelsche Sprache! Wie schön sind diese Jamben! Man muß die Leichtigkeit bewundern, mit der er für jede fehlende Silbe ein erquickend kräftigesHa!" findet. Ich bin sicher, diese Sprache würde selbst ünserm gestrengen Pro­fessor h. c. Adolf Bartels genügen. Alle überflüssigen Szenen weiß Anton Dinspel zu vermeiden. Mit Recht. Es hieße doch Eulen nach Athen tragen, würde er eine Selbstverständlichkeit, wie z. B. die, daß ein lächelnder See zum Bade ladet, noch besonders erwähnen. Und was gehen die von Schiller erzählten Familienangelegenheiten die OefsentlichEeit an? Die sind doch Mehr als überflüssig. Ja, die sind ost nm es gerade heraus­zusagen direkt indiskret. Trotz seiner nicht genug anzuerkennen­den Selbständigkeit zeigt Anwn Dinspel zuweilen doch eine ge­sunde Anpassungsfähigkeit. Er ehrt schon den verstorbenen Kol­legen Schiller, indem er sich dessen Wünschen nicht immer wider­setzt. Da ist gleich das Arrangement der Rütli-Szene:Wald- und Wiesen-Kulissen. Wenn sich die von Schiller gewünschten Eisgebirge resp. der See im Hintergründe darstellen ließen, wäre sehr zu empfehlen. Es genügt aber auch eine hübsche Darstellung ver Wald- und Wiesengegend."

Vermischtes.

* Was gibt das deutsche Volk für Alkohol aus? Das Reichsarbeitsblatt 1906 hat in Deutschland die Ausgabe für alkoholische Getränke auf 2826 Miktionen Mark berechnet, indem es bei einem Konsum von 5,82 Liter Wein, 123,4 Liter Vier und 8,52 Liter Branntwein jährlich im Durchschnitt der Jahre 18991903 einen Preis von 1 Mk. für den Liter Wein, von 0,30 Mk. für den Liter Bier und 0,50 Mk. für den Liter Branntwein zugrunde legte. Was nun den letzteren be­trifft, so ist der Ansatz schon viel zu gering. Denn bei der Zahl von 8,52 Liter Branntwein handelt es sich um einen Branntwein von 50 Prvz. (der Konsum in absolutem Alkohol betrug 4,26

Liter). Nun enthält aber der Trinkbrantttwein, für deck ein Preis von 50 Pfg. pro Liter sehr gering ist, nicht 50 Proz., sondern im Durchschnitt höchstens 30 Proz. Alkohol, sodaß 14,2 Liter Trinkbranntwein von 30 Proz. resultieren. Es sind also 5,68 Liter Trinkbranntwein pro Kopf mehr zu berechnen, die bet einem Preise von 50 Pfg, und einer Bevölkerung von rund 60 Millionen 170 400 000 Mk. ausmachen. Darnach würden 2996,4 Millionen Mark, also fast genau 3 Milliarden Mark resul­tieren. Dabei ist aber zu bedenken, daß ein Liter Trinkbrannt­wein für 50 Pfg. im Detailausschank wohl nirgends zu haben ist*), daß 30 Pfg. für einen Liter Bier ungefähr den Preisen! in Süddentschland (Bayern) entspricht, in Norddeutschland aber, das ungefähr % des deutschen Bierverbrauchs hat» im Ausschank mindestens 40 Pfg. kostet. Ein Durchschnitt von 35. Pfg. pro Liter dürfte also sicher nicht zu hoch gerechnet fein. Es würde dann am Bier allein noch 370 Millionen Mark mehr resultieren. Auch der Durchschnittspreis von 1 Mk. für 1 Liter Wein ist ungewöhnlich gering angesetzt. Es dürfte also alles in allem 3i/ä Milliarden Mark ungefähr in Wirklichkeit die TrinkauSgabe des deutschen Volkes fein. pp. ;

*) Kognak, Rum, Arrak, Liköre, die ja auch zu den Brannh-, weinen gehören, sind ja unendlich viel teurer.

Wir jungen Männer! Das sexuelle Problem des gebildeten jungen Mannes vor der Ehe von Hans Wegener. Düsseldorf, Verlag von Karl Robert Langewiesche. Kartoniert 1,80 Mk. Der Verleger teilt uns mit, daß von diesem Buche (8 Monate nach der Erst-Ausgabe) das sechzigste Tausend erscheint- Die Tatsache dieser außerordentlich raschen und ungewöhnlich weiten Verbreitung verdient Erwähnung, läßt sie doch Schlüsse auf die innere Haltung der Jungmännerwelt zu- Möge das Buch, das sich durch Jugendlichkeit, Offenheit und Natürlichkeit auszeichnet, weiterchin seinen Weg nehmen.

Lied der deutschen Krieger.

Mel,: Wohlauf, Kameraden, auss Pferd, auls Pferd! re. Ein einziges, großes, gewaltiges Heer, So stehen wir freudig zusammen, Vom Fuße der Alpen zum Mitteruachismeer Entzündet in heiligen Flammen.

So harren wir mutig, in Treue bereit.

Die Heimat zu schirmen in blutigem Streit,

Wir üben das Auge, wir stählen den Leib,

Wir stürzen Gefahren entgegen,

Und tst es mir fröylicher Zeitvertreib, Die Glieder so hurtig zu regen.

In Regen und Stürmen, in Frost und in Glut Entsinkt uns doch niemals der fröhliche Mut-

So üben wir rastlos mit freudigem Sinn, Die Waste im nervigen Arme, Bald wogend in wuchtigen Masten dahin. Bald plänkelnd in hurtigem Schwarme, Bald schwimmend im Strome, bald spürend im Tanth, Bald ringend im Sturme die Höhen hinam

Laßt kommen, ihr Brüder, was kommen mag. Wir wollen nicht bangen und zagen!

Wir »vollen mit wuchtigem Schwerterschlag Tie Horden der Fenide zerschlagen, Mit Jauchzen stürzen hinein in den Streit: Hoch Kaiser und Reich in Ewigkeit!

Gießen. A l be r t Kl ein sch mibt,*s

*) AusHeil dem Kaiser!" Gesänge und Deklamationen znr Feier des Geburtstages Sr. M. des deutschen Kaisers Wilhelm 11» Für Schule!», und Vereine verfaßt. Leipzig, Friedrich Brandstetter.

Logogriph.

Machdruck verboten.

Zur Jugendzeit war scharf mein Augenlicht, Gleich wie ein Tier mitk" vermag zu schauen. Jetzt bin ich alt, mitt" hat's int Gesicht Mir Chronos' Meißel reichlich eingehaue». Die greisen Augen werden schwächer täglich ; So komm' ich oft zu dem mitl" gar kläglich, n.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rösselsprungs aus voriger Nummert

Gute Schulen am rechten Platz

Sind für die Gemeinden ein großer Schatz;

Ader zu Hause gute Zucht, Die bringe erst die rechte Frucht.

Alter Spruch,

Redaktion; Ernst Heß« Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversttätS-Buch» und Sleindruckeretz R. Lange, Gießen,