— 298 —
ifrtrt zu sagen, daß Sylvia iit Rom fei. Wenn er ihr da plötzlich begegnete, und erfuhr spater, daß sie uni ihr Dvrtsein wußte, tnufite er es ihr nicht verargen, daß sie ihn nicht vorbereitet hatte.
Es war da ein Brief vvn Roderich, vor vierzehn Tagen etwa eingetwffen, in dem er Sylvias/ erwähnte, in einer Weise, die damals Erna unbegreiflich war. Roderich war ja aber jedenfalls sehr verändert. Sie war jetzt zu dein Entschluß gekommen, Ps sei ernt besten, wenn sie Billatte diesen Brief zur Einsicht gab.
Ihr ward eS schwer, über diesen Gegenstand mit ihm zu sprechen. Er erfuhr ja daraus deutlich genug Sylvias Lage.
„Hier ist ein Brief meines Bruders aus Rom, der für Sie manches enthalten dürfte, was Sie interessiert," fügte sie hinzu. „Lesen Sie." Sie reichte ihm daS Schreiben.
Er sah sie verwundert an und entfaltete den Bogen. WaS konnte Roderich schreiben, ttoS für ihn von Interesse war.
Er las langsam. Roderich schien noch ganz derselbe prahlerische, Vvn Eigendünkel aufgeblähte Fant geblieben zu sein. Er bewegte sich unter der höchsten Aristokratie der Geburt und des Geistes, unter lauter bedeutenden Menscher: in der ewigen Stadt — dann folgten einige Anekdötcher: und Skan-- dalgeschichtchen aus der dortigen bunt zusammengewürfelten F-remdeukolonie und zuletzt stand da: „Apropos! Ehe ich es Vergesse, ich traf hier auch Sylvia und ihre Mutter,- Tante Cölestine. Sie scheinen ein bißchen herabgekomüten zu sein. Sylvia, das arme Ding, ist kein Stern erster Größe ge/ Worden; ein alter, verlebter Italiener, ein eonte vor: zweifelhaftem Ruf, der noch einige Besitzungen haben soll, ist ihr Unzertrennlicher Begleiter. Ob Tante Cölestirre die Tochter jetzt den verkaufen will?"
Billattes Hände, welche das Blatt hielten, zitterten plötzlich. Er ließ den Brief sinken und sah entsetzt zu Erna hinüber.
„In Rom ist sie?" stammelte er. „Sollte es inöglich sein, daß sie sich so verkaufen ließe, entsetzlich!"
Man sah es1, wie ihn das Grausen überlief, er war sehr bleich gAvvrden.
Erna Vermied seinen Blick. Sie beugte sich gerade über den Kessel und löschte die FlamUie.
„Mich hat es auch erschüttert," sagte sie dann, „aber als sie — und wie sie von hier ging, da mußte man das Schlimmste fürchten. Sie gehen jetzt nach Rom, Sie werden Sylvia dort treffen, vielleicht — ziehen Sie sie noch zu sich zurück."
Billatte erhob sich jäh, er brachte den Tisch mit den Tassen in Gefahr, alles Blut ipar ihm in das Gesicht gestiegen.
„Fräulein Erna! Ich glaubte, Sie kennten mich etwas besser, so — also so haben Sie mich geschätzt?" Er erstickte tot seinen eigenen Worten.
Erna saß bleich und zitteritd ihm! gegenüber, auf diesen Msbruch war sie nicht gefaßt.
' „Billatrto — Sie liebten doch Sylvia fo heiß."
Billatte faßte sich und erlangte die Herrschaft über sich zurück.
„Jä, ich liebte Sylvia heiß." widerholte er mit einer iiauhen, fremd Ktitgenben Stimme, „die Sylvia, welche ich Pein und unschuldig und keiner Lüge, keines Verrats fähig glaubte. Ich habe schwer genug gelitten, alS ich meinen Irrtum! erkannte, und nicht ihr gezürnt — denn sie handelte Uuy ihrer Natur geimäß — nur mir, weil ich fo blind sein tonnte. Verzeihen Sie meine Hesigtkeit vörhin — es machte mir Schmerz, daß Sie — Erna — die Sylvia von heute noch zu »Nir gehörend betitelt konnten."
Es entstand eine peinliche Stille im Zimmer, Billattes Stimme war immer leiser geworden, bis er zuletzt schwieg.
Erna saß und blickte vvr sich hin.
„Ich habe keine Erfahrung inbezug auf Männerherzen," fogtb sie dann langsam!; „Ihnen traute ich zu, daß Sie ewig Treue hielten. Sylvia liebte Sie nie, — mir tvar es damals unbegreiflich, daß Sie tzas nicht fühlten. Wäre sie ihre Frau geworden — und wenn jene Erbschaft nicht dazwischen trat, <pard sie es wahrscheinlich — so hätten Sie fort und fort ihre Fehler getragen und entschuldigt, und sich an ihrer Schöne heit und ihrem Liebreiz erfreut. Ich glaube, bei beit Männert: liebt immer nur das Auge,"
Billatte schwieg. In ihm! bebts jede Fiber. Die Worts trafen ihn wie Keulenschläge, sie hatte jal eist Recht, so zu sprechen, — nur fein Auge hatte Sylvia geliebt. Erna, die MnetN Geiste Ebenbürtige, ftcntbi daneben, und er sah sie nicht.
„Sie haben in dieser Stunde der Buße für mtzin« schwer« Berirr -to hie letzte Geißelung hitizugefügt," sagte er dann «Mexzltch lächelnd, „fortan fühle ich mich befreit. Und in
RotN — werde ich Sylvia zU sehen trachten, und werde für sie tun, was in meinen Kräften steht. Ich fürchte, es wird wenig sein könneit. Vielleicht ist mein Anblick ihr verhaßt/ und ich bin der Letzte, dein sie ein Recht zu ihrer Rettung entrönnet."
Erna war wieder schlecht zu Mut. Sie hatte sich zu recht unedlem Tun fortreißen lassen.
„Ich wollte Sie nicht verletzen, Billatte," sagte sie leise, „ich glaubte wirklich, Sie liebten Sylvia noch. Und — zürnen Sie mir nicht — aber ich bin noch nicht sicher, wie es Wer! Sie kontmen mag, wenn 'Sie Sylvia Wiedersehen. Sie war eilte gar gefährliche Zauberin."
Sie standen sich gegenüber und einen Moment tauchten ihre Äuget: tief ineinander. Was lasen sie darin? Sie verrieten es beide nicht. Durch Billattes Deel« zog schneidendes Weh, und darunter gärte es so wunderlich. Wenn er heimj- kehrte von seiner Romfahrt, und Sylvia wiedergesehen hatte, ob sie ihm dann glauben würde?
16. Kapitel. i 1
Es ist Februar und Rom rüstet sich zum' Karneval. Fran Cölestine Zernial vollendet ihre Morgentoilette, es sieht bunt aus in den beiden von ihr und Sylvia bewohnten Räumen in der Via Gregoriana. Der sogenannte salone ist nicht allzu groß, und muß als Frühstücks-, auch Ankleidezimmer dienen. Frau Cölestine brennt augenblicklich ihre Haare vor dem großen Spiegel, und Sylvia, welche bereits angekleidet am Fenster sitzt und gedankenlos auf die stille Straße blickt, wird durch ein bedenkliches Knacken, das wie das Zerspringen eines Glases klingt, aufgeschreckt.
Dem Ton folgt auch ein Schrei der Mutter. Sie hat das Licht, das sie zum Erhitzen der Vrennschere gebraucht, dem Spiegelglas zu nahe gebracht, und dort ist ein Sprung enta standen. Frau Cölestine ergeht sich in großen Lamentationen.- „Felice Falcoui, der Wirt, wird Schadenersatz fordern, r-i diese Italiener sind unverschämt —"
„Aber Mama, das ist ja ganz in der Ordnung, natürlich müssen wir siir den beschädigten Spiegel Ersatz leisten. Sv rege dich doch nicht darüber auf, es ist eine kleine Unannehmlichkeit," meint Sylvia in i hrer apathischen Weise. Ihr lebhaftes Temperament hat sich unter dem Druck der Jahve zu dieser gleichgültigen Ruhe abgedcnnpft.
„Kleine Unannehmlichkeit! Dio mio!" Fvau Cölestine verwebt hier beständig italienische Ausrufe und Redensarten itt iHv Deutsch. „Ja du hast keine Ahnung, wie es in unserer Kasse aussieht. Du kümmerst dich um nichts, du bist von einen: unzerstörbaren Gleichmut, alle Sorgen liegen auf Meinen Schultern allein."
Sylvia zuckt die Achseln. Die Mama führt ja öfter solche Reden, daS ist ja Unsinn. „Wir haben doch unsere festen- Einkünfte," sagt sie verdrießlich. Sie kümmert sich nicht um die Geldangelegenheiten, sie ist ja ganz unerfahren auf dem! Gebiet; die Mama hat damals, als sie aus Dresden fortgingen, gleich die Kasse übernommen.
Fmu Zernial sieht ihre Tochter mit einem eigentümlichen! Blick an, und Macht allerlei Experimente, um den Riß ich Glase Möglichst zu verdecken. „Diese Italiener sind viel zu oberflächlich, das werden sie gar nicht gewahr," murmelt sie/ und vollendet ihre künstliche Frisur.
„Wir müssen hier aufräumen," sagt sie dann hastig, „der Mate Lueei hat seinen Besuch angemeldet. Wie freue ich mich auf seine geisterquickende Unterhaltung, er spendet mir ewige:: Trost für Meine weltmüde Seele. Filomenal Filo- mena!"
Frau Zernials scharfe Stimme tönt durch das Haus.
Ein schwarzer Krauskopf mit glänzenden rttnben Augen lugt zur Tür herein. „Che eomManda, Signora?"
Tann steht das kleine Persönchen, ein Mädchen vvn etwa fünfzehn Jahren in abgetragenem, mit Falbeln besetztem Röckchen, das eine frühere Mieterin ihr Wohl zurückgelassen, im Zimmer, und greift mit südlicher Lebhaftigkeit und rücksichtsloser Energie auf Befehl der Signora zu, den Wirrwarr der durcheinander liegende:: Sachen zu lichten. Mit' Ungestüm!, in keineswegs Wählerischer Weise wird alles in die Schlafkammer expediert/ der Frühstückstisch abgeräumt, und Filomenas allezeit redebereitt Zunge ergeht sich dabei ohne Zwang.
Heute mittag- beginnt der Karneval, da steht ganz RoM auf dem Kopf. Ob die Signorina auch tanzen werde, Eccelenza der Ernte werde sie gewiß zu einem Ball« führen, ä was für M Kostüm depp die Hella signorina wählen werd».
(Fortsetzung folgt.)


