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'„Warte! Ich kann Tret warte bis elf Uhr!"
„Warte! Ich kann net warte! Alle Aageblick kann ä ftnrime'- — Dann Hot ä 'midj Widder in der Gewalt- Un ich darf aach net Mit'm Rache fahre, sunsch wääß er gleich, daß ich ennwwer bin-"
Georg Hessemer richtete sich entschlossen auf-
. „Wart', Greta, ich Mäüß alleweil, was mer mache! Ich bring dich enüwlver- Ich muß jo ohnehin noch Nudeshem. Ich bring bä Rache ganz owe hin, so weit enuff, als es geht- Tu kemmscht mit dei'm Bubche am Rhein enuff, es merkt kääner, was de vorhorscht- Owe steigschte in de Rache — un ich fahr dich enüwwer. Ich fercht mich net vor'm Wodringer, un was er will, do soll er nur komme- Ich werd em mei Meinung sage, was des fier' ä Ker! is, der sei Fraa so maldrädiert- —. Ae soll sich's net hinnern'n Spiegel flecke!"
Sie atmete tief auf-
„Ja, Georg, fahr du mich enüwwer'. — Ich hawwe gewußt, daß du mer helfe wirscht- — Och Georg, warum Hot mei Mudder uns vuneanner gerisse!"
„Greta!"
Ta lag sie in seinen Armen-
„Georg, was Lin ich & arm T-Uet, ä (tritt, arm Ftaa!"
Gr drückte sie fest an sich- —-
„Greta, Lis still! Ich beschütz dich! Ich hab dich lieb, arg lieb! — Awwer, wann's aach ä fchrooer Kerl is, du bist sei Fraa! — Ae soll net sage kenne, mir hätte was Unrechts gedhvn- — KvmM, li-Ä> Greta — du muscht gehe. — Geh owe die Gaß her! — Nimm dich zesamme, deß Näner was merkt« Guck, dei Hoor is dorchenanner- — Richt dich ä bißche zesamme! Komm, es is Zeit- — Ich nemm dei Bünde! mit unnen crum!
Wart, ich stech's in mei Sack!"
Er nahm den großen Plüschsack, in dem die Schiffer ihre Habseligkeiten transportieren- — „Guck, do stech ich's uei! Un jetzt mußt du gehe! — Gut, daß mei Bas uff'n Markt is! — Un kä Mensch uff der Gaß- — Greta, geh, sunscht wird's zu spät, sunscht verwischt er uns-"
Sie nickte schon ein ein wenig getröstet- — IHV armes, geängstigtes Herz schlug ruhiger- Sie nahm den Jungen und ging hinaus, die Straße hinauf- Er sah ihr nach. Was sollte daraus werden? In ihm kochte eine Wut gegen den Mann, der die Frau soweit gebracht, und die alte Liebe wachte heiß wieder auf- ■— Sie hatte nur geschlafen, er fühlte cs- Sie war wieder da, stärker und heißer als früher- — Er schüttelte sich.
„Aeänerlä! Ersch bring ich se eniwwer- — Ich Helf er, un wann's Küoche un Leine kost-"
Er verschloß das Haus und ging den Rhein hinauf. Ein paar Schiffer lungerten herunr, keiner tnerkte auf ihn- Er fuhr ja fast täglich nach Rüdesheim hinüber, um Güter zu holen für eine große Weinhandlung, die dann in Bingen aufs Schiff verladen wurden. — Er mußte Worringerns Nachen nehinen, sein eigener war in Reparatur, das hielten sie -als Nachbarn schon seit Jähren so- — Am Kranen lag das kleine Boot. Er machte es los und stakte es aufwärts- Ganz weit oben sah er Greta mit dem Kind gehen auf dem -einsamen Fußweg- Weithin keine Seele- Er sah nach der Bahnhofsuhr. Halb zehn! — In zehn Minuten kam der Worringer an mit dem Zug rheinaufwärts- —-
Er mußte sich beeilen- Waren sie einmal mitten auf dem Rhein, dann war alles gut- Er erkannte sie dann nicht mehr. Bis er überhaupt ihr Fortsein bemerkte, saß sie längst im Zug, war für die erste Zeit geborgen- Und dann mußte man weiter sehen-
Wahrend er eifrig stakte, gingen seine Gedanken weiter- — Arme Greta- Es war ihr gegangen wie ihm. 'Die Liebe war auch wieder in ihm erwacht, in der Furcht vor dem- Mann, in dem Schauder über das Geschehene- Ta Hatte sie sich zu ihm geflüchtet, als sie alles im Stich ließ- Wie ein verflogener M>gel war sie an seine Brust gefallen, hilflos und halb besinnungslos. Und ihr Vertrauen sollte nicht zuschanden werden- Er wollte gar nicht weiter denken vorerst, nur sie sortbring-en, aus dem Bereich des Mannes-
Was das doch für ein Mensch war- In dem Abscheu, den Georg $iefferner empfand, mischte sich doch eine Art von Mitleid- Schon neulich hatte er darüber nachg-edacht, nach der Fahrt zu der Insel, ob wohl in dem Wvrringer trotz allem- nicht auch ganz heimlich — all seiner Rauheit zum Trotz, eine heftige Liebe sich eingefressen habe zu der Frau- Man konnte doch gar nicht kalt bleiben, der Greta gegenüber- Und daß der Mann in eine so rasende Wut geraten war, das konnte nicht allein an dein Zorn über Greta liegen, das mußte einen anderen Grund haben- Er war ihm damals vorgekommen wie ein Verdurstender, der angefesselt ist zwei Schritte von der Quelle- Er konnte sie mit bett Händen beinah fassen, aber die Lippen erreichten sie nicht- —i
Und deck leichtherzigen Menschen beschlich eine Ahnung von den Qualen, die der Mann vielleicht heimlich erduldete- „?le der-! kehrte 'Wett," murmelte -er- — All sein leichter Mut verflog, — „Ae verkehrte Welt-"
Jetzt hatte er Greta erreicht- — Er hob zuerst den Jungen; in das kleine Boot, dann die Frau- — Sie war blaß und still und sah ihn nicht an- Er merkte, daß sie zitterte.
„Hab kää Aengscht, Greta, -eh er do is, sin mer schnnn halb driwwe-"
Sie nickte- Ihre Augen hingen an dem' Schienenstrang, der dicht am Ufer aufglanzte. — „Fahr zu, Georg, fahr zu! Ich steuere! Nur fort, nur weg!"
Mit einem kräftigen Ruck stieß Georg Hessemer das Boot vom Ufer- •— Ter Rhein lag ganz still. Das leichte Fahrzeug flog hinaus, von kräftigen Ruderschlägen getrieben-
(Fortsetzung folgt.) •
Kme Sonderfahrt zur Wasserkante.
Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Der Montagmorgen war der Werftbesichtigung gewidmet. Unter fachmännischer Führung ivurde der neue Panzer E und das Liirienschiff Pommern in Augenschein genommen. Ter Panzer E wurde 1906 begonnen und 'wird 1909 in Dienst gestellt; er besitzt 15 000 Tonnen, 22.5 Knoten und 790 Mann Besatzung, Pommern dagegen wird noch dieses Jahr in die Flotte eingereiht, und zwar soll sie die „Branden-t bürg" ersetzen, Pommern besitzt 13 200 Tonnen, 18 Knoten und 730 Mann Besatzung. Unsere Aufmerksamkeit erregten dann die gemauerten Trockendocks, die mächtigen Schleusen und links davon die schräg zur Wasserfläche geneigten Hellings. Weiterwandernd kamen wir zur Schmiede- und Schlosserwerkstatt, zur Panzerplatten- und Etsenbearbei- tungswerkstatt, zu den Maschinen- und Kesselschmieden, Ge- fchützmagazinen, Lafettenschuppen, zu den Schiffskammern,- in denen alle Teile eines Schiffes aufbewahrt werden usw. In den Docks lagen mehrere Schiffe in Reparatur, z. B. der große Kreuzer Prinz Heinrich, Barbarossa u. a. Tas Tor- pedoboot S 126, das seinerzeit von der „Undine" durchschnitten wurde und in der Föhrde mit seiner Besatzung untere ging, wird zurzeit wieder aufgebaut. Gerade als wir im Begriff waren, die Werft zu verlassen, konnten wir noch einer interessanten Uebung der Taucherabteilung zusehen, die aus dem Boden der Föhrde einen Wasserspaziergang aussührte. Nach kurzer Rast in dem Wersterholungsheim erfolgte die Abfahrt auf zwei festlich geschmückten Dampfern mit Musik hinaus nach Friedrichsort. Hier wurde uns eine Ueberraschung zuteil, wir konnten nämlich dem Ab- feuern mehrerer Torpedos beiwohnen. Aus dem etwa li/2 Meter über Wasser liegenden Lanzierrohr sprang plötzlich das abgeschossene 11 Meter lange Ungetüm hervor und ver- 'schwand unter dem Wasserspiegel. In gerader Linie schoß die unheimliche Waffe dahin gegen das aufgesteckte Ziel. Zum Glück waren es nur Uebungstorpedos. Bon flinken Tampfpinassen wurden sie verfolgt, jenseits des Zieles wieder aufgefischt und nach dem Schießhause zurückgebracht. Als wir aus der Weiterfahrt nach Möltenort und Altheiken- dorf waren, sauste ein Unterseeboot der Germaniawerft an uns vorbei, und so konnten wir auch diesen neuesten Typ in unserer Kriegsflotte kennen lernen. In dem Badeort Möltenort wurde das Mittagessen eingenommen, dann fuhren die beiden Dampfer nach Laboe, wo den staunenden Landratten der Lebensrettungsapparat vorgeführt wurde. Mit lautem Zischen führte die 8 Ztm. Rettungsrakete die 500 Meter lange Leine nach dem draußen verankerten Jischerkutter. Mit stürmischem Jubel wurde die Seilfahrt in der Hosenboje vom Mast des Kutters bis zum Strande begrüßt. — Eigentlich ivar nun unsere Lehrfahrt im Kieler Hafen beendet, doch wir wollten auch einmal hinaus aufs Meer. Gern willigte unser Führer ein. Links und rechts gewahrten wir ausgedehnte Forts, sowie einen Panzerturm zur Verteidigung der Hafeneinfahrt. Interessant war das Treiben in den kleinen Seebadeorten am Strande. Nach Verlassen der Föhrde sahen wir am Bülker Leuchtturm die Strander Bucht, in der mehrere Kriegsschiffe Hebungen abhielten. Mehr und mehr entschwand die Küste unseren, Blicken und schon tauchten vor uns die dunklen Umrisse der Inseln Alsen und Arö aus — wir waren in der Ostsee — da machte unser Schiff zu unserem lebhaften Bedauern kehrt, denn es begann Abend zu werden. Den Abschluß der Herr-


