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Verwalte sie jetzt nun, Tu neuer Rektor, die Wurde, Du erlauchter Prinz und Herzog, zum Segen. Hoch lebe Tu hehre Stätte der Musen!
Ter große Gott, der do wohnet in den Höhen, den lichten, Ter will ja so gerne erhalten sein Volk hier auf Erden, An seiner sicheren Hand zu großen Ehren es traulich stets führen. Es möge fürder bis in die weitesten Fernen
Tas Los unserer Prinzen sich herrlich gestalten,
Ter Glanz dieser Stätte der Musen aufs schönste erstrahlen, sich würdig erhalten!
Nun will ich noch kurz mein' Wunsch jetzt fassen zusammen: Es leben die Hochschul' und all' ihre Freunde;
Tie Neider, die Böses ersinnen, wird Gott bestrafen, verdammen!
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Böcklin nnd Goethes Pfalm an die Natur.
Von Hofrat Prof. Dr. I. Stzy g o ws k t*)
(Schluß.)
Das schroffste Gegenteil ist Michelangelo. Er glaubt die Natur im Menschen meistern zu können und ringt verzweifelt mit ihr. Seine titanischen Energien finden keinen natürlichen Halt. So bricht er schließlich ganz mit der Natur, erschafft sich eine Welt von Giganten und sieht nur Gebilde eigener Schöpfung. Die Landschaft ist für ihn, wie für keinen zweiten, abgestorben und tot. Böcklin dagegen findet für die zartesten Gemütsregungen seiner Seele, für traurigen Ernst und heitere Laune ebensogut wie für das furchtbarste Ringen Lösung; alles findet in der Landschaft und den von ihr geborenen Gestalten sein Echo. Eines aber scheint ihm ganz besonders nahe zu liegen, der Ausdruck für Empfindungen, die schon aus der Toteninsel und ihren fünf Wiederholungen sprechen: die Darstellung der Zeit, der ewig gleitenden Stunde.
Die Darstellung der Zeit, ihres Kommens und Gehens, ihrer Schrecken und ihres Friedens, im Wechsel von Sturm und Sonnenschein, zugleich das Zeitliche umrahmt vom Ewigen, nie nackt und wahr, das einzelne Ereignis an sich: das scheint ein Kernpunkt des Jnhaltproblems in der bildenden Kunst zu sein, ähnlich wie für das Raurn- vroblem eine Hauptsache das Wecken des Gefühles für den Zusammenhang des dargestellten Ausschnittes mit dem unendlichen Gesamtraum ist. Diese Raumwirkung kommt simultan zustande, die Zeitempfindung sukzessiv. Es gehört große Kunst dazu, das Vorher uud Nachher unaufdringlich, wie mitklingend, anzudeuten. Das uralte Mittel, noch von Paolo Veronese in seinem Raub der Europa und von Velasguez im Besuch des Antonius beim Eremiten Paulus verwendet, die Aufeinander, :lge verschiedener Vorgänge in derselben Landschaft, war und ist längst überwunden.
Böcklin versteht, „int Buche der Natur zu lesen", „an ihrem Busen zu liegen",, und was wir sonst an Phrasen für dieselbe Sache haben: in der Natur ein Echo zu finden für das Glauben, Lieben und Hoffen des einsamen Gemütes. Seine Darstellung bleibt, wenn das dem Inhalt entspricht, im Maßstabe des rein Menschlichen.
Böcklins Bilder sind Hymnen eines Sehers, der sich selbst in der unendlichen Natur, und diese mit ihrem unbegrenzten Reichtum in der Tiefe des eigenen Gemütes wiederfindet. Wenn er dem Liede des Lebens lauscht, hört und' sieht er immer zugleich sich selbst und das, was ihn umgibt. Aus dieser Einheit entwickeln sich dann feine fesselnden Bilder.
Ich kann von Böcklin und diesem Büchlein nicht scheiden, ohne die Künstler aufmerksam zu machen auf ein Fragment von Goethe, „Die Natur". In hohem Alter findet er diesen aphoristischen Aufsatz, in der brieflichen Verlassenschaft der Herzogin Anna Amalie, vor, von einer wohlbekannten Hand geschrieben, deren er sich in den achtziger Jahren, also am Ende seiner Sturm und Drangperiode, in seinen Geschäften 8U bedienen pflegte. Er schreibt darüber an Kanzler b- Müller: „Daß ich diese Betrachtungen verfaßt, kann tch mtch faktisch zwar nicht erinnern, allein sie stimmen mrt den Vorstellungen wohl überein, zu denen sich mein Gerst damals ausgebildet hatte" uff. Bon der Altershöhe herab, steht er in dieser Anschauungsweise die Neigung zu einer Art Pantheismus, indem den Welterscheinungen
ein unerforschliches, unbedingtes) humoristisches, sich selbst widersprechendes Wesen zum Grunde gedacht sei. Goethes Sprache in diesen Aphorismen ist die der Psalmen, wie sie auch Nietzsche wieder gebraucht hat. Ich kann mir nicht versagen, dieses fast unbekannte Fragment hier ab- zudrucken. Es nimmt sich aus wie ein Vermächtnis des jungen Goethe an die moderne Kunst. Jeder Satz bedeutet den Namen eines Bildes, so gemalt, daß der dargestellte Gegenstand sich völlig auflöst in dem Stimmungsgehalt der Wvrte Goethes, die darunter zu sehen wären, „ein Spiel, dem es bitterer Ernst ist", wie der Meister sagt. Möchten die modernen Maler nicht verschmähen, durch Böcklin und Goethe geleitet, einen Weg zu betreten, der sie wieder emporführt zur vollen Höhe der Kunst. Dann gewinnen sie, was ihnen so hart abgeht: einen Inhalt, und können ihren Schöpfungen wieder Gegenstände höherer Ordnung unterlegen; auch das Gewöhnlichste kann dazu erhoben werden. Es kommt ganz darauf an, wie ich es ansehe. Ob ich den Eigenwert, der aller Erscheinung innewohnt, achte und liebe und ihn als Teil eines Unendlichen sehe und darstelle, das seine tiefsten Abgründe und lichtesten Höhen in meinem eigenen Gemüte hat, oder den Gegenstand lediglich ztrm Spielball meiner Geschicklichkeit mache. Ob ich in allem den Ausdruck einer höheren, mich durch- glühenden Einsicht finde oder die Dinge in ihrer banal gesehenen Wirklichkeit gebe. Ich schließe mit Carpenter (Demokratie). „Und das Fallen eines Blattes durch die Luft und der Gruß des Vorübergehenden auf der Straße werden dir mehr sein, als die Weisheit aller Bücher je geschrieben — und auch dieses Buches."
Kinderfnrcht.
Ein Kind ist von Natur nicht furchtsam, es wird erst durch verkehrte Erziehung furchtsam gemacht. Es ist ein ebenso beliebtes als unheilvolles Erziehungsmittel, Kinder, die schreien, die unartig sind, durch Drohungen einzuschüchtern. Will ein Kind nicht zu Bett gehen, will es irgend ein Gericht nicht essen, oder sonst dies oder tenes nicht tun, wird nicht allein von ungebildeten Wärterinnen, sondern auch oft genug von gebildeten Müttern das Gespenst des schwarzen Mannes vor die Kinderstele gestellt. In neuerer Zeit ist es oft der Schutzmann oder der Schornsteinfeger, denen diese Ehrenposten zufallen und womit die kleinen Seelen geängstigt werden. Manche Frauen haben darin eine förmliche Virtuosität, sich umzusehen scheu in eine Ecke zu blicken, und dann aufgeregt zu flüstern: „Ta kommt schon der schwarze Mann!" 'Fängt bann das geängstigte Kind an zu schreien, so bekommt es in den meisten Fällen noch Schelte, und fürchtet es sich, nachdem öfters solche Gespenster Herbeigerufen worden find, allein int dunklen Zimmer zu schlafen, dann klagen die Eltern über Unart oder Nervosität ihres Kindes. Eine der größten Geschmacklosigkeiten aber ist, wenn Mütter die Väter als Schreckensmänner zitieren. „Ich sags dem Vater, ivenn du nicht ruhig bist." Wie oft ertönt dieser Rus, die Mutter macht es sich dabei gar nicht klajr, tote sehr sie die eigene Autorität herabfetzt, und in welch falsches Licht sie das Bild des!Vaters rückt und das Vertrauen der Kinder zum Vater zerstört. Auch die Erscheinung des Weihnachtsmannes' ist oft derartig, daß sie die Kinder in Furcht und Schrecken versetzt, jedenfalls ist 'das Christkind, oder das Weihnachtsengelchen, das' in der Nacht am Fenster vorbeifliegt, für die Nerven der Kinder viel unschädlicher, als der mit großem Gepolter auftretende Wcihitachtsmann. Auf alle Fälle aber sollten Mord- und Gespenstergeschichten ebenso wie der schwarze Mann aus den Kinderstuben verschwinden, nicht grchtsam sollen die Kinder gemacht werden, aber — vorsichtig.
o schön das kindliche Zutrauen zu jedem Menschen ist, so müssen doch leider besonders die Großst'adtkinder angehalten iver- den, nie mit einem Fremden zu sprechen oder sich durch Näschereien verlocken zu lassen, mit ihnt zu gehen. Jede Mutter muß bedacht fein, ihre Kinder darin zur Vorsicht zu erziehen.
Rätsel.
Gerad' zur Zeit, da sich zwei Monde scheiden, Hat einst mein Lieb das Licht der Welt erblickt, Und zur Erinnerung a» jene Beiden Ward ihr ein Name auserwählt geschickt.
Denn jene beiden Monde, sie vertraten
Zur Taufe just die Stelle eines Paten: Der Erste ganz, ein wenig nur vom Zweiten. Wer weiß nun Liebchens Namen abzuleiten? — W.
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung der Charade in voriger Nlimmerr Salz — ach, Salzach.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der BrÜbl'scheu Universitäts-Buch- uflb Steindruckerei. R. Lange. Gießen.


