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„Ich wollte da nicht stören." Er sah bezeichnend zu Velt- lingen hin, welcher sich noch immer angelegentlichst mit Dagmar unterhielt.
„Nanu, mm: nid)’ gleich beißen, mein Lieber. Wenn Sie die haben wollten, mußten Sie früher aufstehe::!" meinte der ahnungslose Rittmeister. „Ich hab' mich übrigens schon mit dem Gedanken ausgesöhnt. Wird eben ein nettes Haus mehr fein wo mau verkehrt."
„Ja, du!" dachte llchdorf ingrimmig, während er höchst energisch von. Sprenger durch das Gewühl zu Dagmar bugsiert wurde, die kühl und nachdenklich in den Saal blickte. Und dann trafen sich plötzlich ihre beiden Augenpaare — ein kurzer, schreckhafter Blick.
Wie jähes. Erkennen blitzte es in Dagmars Zügen auf, dann sah sie wieder still und ruhig aus.
Mit behaglichem Lachen näherte Sprenger sich.
„Hier, Baroneß, die neueste Aquisition unseres Regiments. Rittmeister von Uchdorf, weit gereister Herr, erst Afrika, dann China, jetzt die Zierde der dritten Schwadron. Bißchen mager, sonst ganz stattliche Erscheinung. Augen braun, Nase'schmal, Mund klein, kurzum Rassegesicht. Hier ist der Verbrecher!"
Mit komischer Feierlichkeit trat der Sprecher nach diesen Worteir zurück.
Dagmar niifte ihm freundlich zu. Dann reichte sie Uch- dvrf mit scheinbarer Gelassenheit die Hand, während sie mit leiser Stimme sagte:
, hat mich also doch nicht mein Auge getrogen, als ich vorhin in Ihnen einen alten Bekannter: wieder zu erkennen glaubte."
Uchdorf verbeugte sich schweigerrd. Ter Hals war ihm wie zugeschuürt. Wie kühl und rrrhig sie das sagte! Kein Tor: in
Stimme, der ihm audeutele, daß sie sich auch soi:st noch der Vergangenheit erinnere. Nicht ein Funke mehr von jenem feurigen Empfinden, das sie damals für ihn hegte. Narr der er gewesen war trotz alledem was die Lir:dsiröm ihm vorhin vor: ihr sagte, doch noch mit einer gewissen heimlichen Freude, einer frohen Erwartung ihrer Begrüßung entgegen gesehen zu haben. Tor, dreifacher Tor! Die heiße Liebe war erloschen, ausgebrannt, zu Asche gewordeu, bei ihr loeuigstens war kein Funke mehr Vorhände::, der da zündete! Fort also mit allem weichmütigen Empfinden. So gut wie sie solche Reguugeu mit Erfolg zu bekämpfen wlißte, konnte er das auch. Tenn daß i:e das verstand, zeigte sie ihn: ja nicht nur durch die kühle Gelassenheit eben, sondern wohl noch mehr durch die Art, wie sie sich die Huldigungen des Kämmerherr:: gefallen ließ. —
. Straff richtete Uchdorf sich empor und jetzt klang seine Stimme genau so kühl und unbewegt wie vorhin die ihre, als er langsam antwortete:
„Es ist mir eine unverhoffte Freude, Baroueß, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, eine ehrliche Ueberraschuug, denn da ich erst seit drei Tagen hier bin, hatte ich noch nichts von Ihrer Anwesenheit bei Hofe gehört."
Jäh war der Freudenschein in Dagmars Äugen bei feinen WEei: erloschen. Ein Schatten flog über ihre regelmäßigen Zuge. Fest krampfte sie die Hände um den Blumenstrauß. Wie geschickt Uchdorf seine Worte wählte! O, er konnte ruhig sein. Sie verstand ihren Sinn vollkommen.
Unbesorgt, mein Lieber, wenn dein Gefühl für sie erloschen ist, so ist Dagmar Rolfsen viel zu stolz, nun auch nur das Leiseste von ihrem Empfinden dir gegenüber zu verraten. Und ihre Züge hat sie gottlob gelernt zu beherrsche::. Fest liegt die Maske ruhiger Gleichgültigkeit vor ihrem Gesicht! —
So fest, daß selbst Uchdorf an sie glaubt. Uud als er nach kurzer Unterhaltung zurücktritt, um ehrfurchtsvoll dem Herzog Platz zu machen, da geht er mit innerlichem Erstaunen fort. Wie könnte aus der ehemals so lebensfrische::, herzensfrohen Dagmar eine so marmorkalte Weltdame werden?
In halber Bewußtlosigkeit hörte Dagmar, daß der Herzog sie anredete, ohne doch zu begreife::, was der hohe Herr sagte. Mühsam zwang sie ein Lächeln auf ihr totenblasses Gesicht.' während ihre Gedanken immer nur um den einen Punkt kreisten'.
„Da geht er hin, fremd und kalt, der Mann, nach dem du noch immer im tiefsten Winkel deines Herzens eine heimliche Sehnsucht empfandest, von den: du dachtest, daß er dich ebenso- penig vergessen habe wie du ihn!"
Aas also war das heißgewünschte Wiedersehen. —■
„Unb find' ich dich nach Jahren wieder,*)
So ist's eh: fremd Bo rüber gehn,
ßin kurzer Blick, ein flüchtig Grüßen,
. -• Als hätten wir uns nie gesehn."
■JÄ; Gma Rittet, Gedichte. •
Unbewußt sprachen chre Lippen die traurigen Worte des p,:edes vor s:ch hu: So, grade so wars auch bei ihr! Sie seufzte verswhlen, während sie mit großen Augen in das Gewühl der Tanzenden starrte.
Da der Herzog auf seiue scherzende Bemerkung keine Antwort erhielt, bog er sich näher zu ihr hin.
„Finden Sie nicht auch, Baroueß?"
Dagmar fuhr erschrockeu zusammen, mit einem Blick, als ob :hr Geist aus himinelweiter Ferne zurückkehre
„Gewiß, Hoheit!"
Unbewußt zog sie dabei die Stirn in Falten. Ter Herzog sah befremdet auf. Wie müde und abgespannt sie aussah'
„Fühlen Sie sich schlecht, Baroueß?" frug er besorgt, während ein teilnehmender Ausdruck in seine klugen Augen trat.
„Unsagbar, Hoheit. Ich hab- heftige Kopfschmerzen," entgegnete Dagmar matt und ziemlich am Ende ihrer Selbstbeherrschung.
„Dann ziehei: Sie sich schleunigst zurück!" entschied der Herzog kurz.
„Was würde Ihre Hoheit sagen," wandte Dagmar ein.
„Ich werde Sie bei meiner Mutter entschuldigen. Kommen Sie, Baroneß."
Er reichte Dagmar den Arm. Sie stützte sich schwer auf ihn.
Ehrfurchtsvoll bildeten die Paare eine Gasse. Schweigend schritt der hohe Herr hindurch, die totenblasse Hofdame am Arm. Neugierige Augen blickten ihnen nach. . .
Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, stand Tag- mar aufatmend still. Daun hob sie ihre schönen, von verhaltenen Tränen schimmernden Augen mit einen: Ausdruck u:v- endlicher Dankbarkeit zu dem Herzog empor.
„Ich danke Eurer Hoheit."
Statt aller Antwort winkte der Herzog eilig ihrem Lakaien: „Dettmaun, den Mantel." Sorgfältig legte er dann selber den feibenen Umhang über ihre schlanken Schultern. „Ich bringe Sie noch nach oben."
Ohne eine Entgegnung abzuwarten, nahm er von neuem! ihren Arm. Langsam folgten sie bem voraufeilenden Diener, der, nachdem er rasch die Krone in Dagmars Salon angezündet hatte, leise das Zimmer verließ.
Abschiednehmend reichte der Herzog Dagmar die Hand.
„Hoffentlich sind Sie morgen wieder hergestellt, Baroneß!"
„Das erwarte ich zuversichtlich. Eure Hoheit."
,-,Dann leben Sie wohl für jetzt, und — ein schalkhafter Zug flog über sein Gesicht — „soll ich vielleicht einen Gruß be-: stellen?"
Einen Augenblick zögerte die Gefragte mit der Antwort —- kaum einen Atemzug lang — bann klang es rrrhig und gefaßt von ihrer: Lippen:
„Ich wäre Eurer Hoheit dankbar."
„Sehr wohl, Fräulein Diplomat, und gute Besserung!"
Geräuschlos fielen die dunklen Türvorhänge hinter der hohen Gestalt des Herzogs zusammen.
Nachdenklich schritt der Fürst die Treppe hinab. Achtlos glitt sein Blick an den wartenden Lakaien vorüber, die bei seinem plötzlichen Erscheinen verlegen schwiege::. Sonderbar, was mochte die sonst so kühle Dagmar so erregt haben, daß sie derartig aus ihrer gleichmäßigen Ruhe gebracht war, dieser stillen Gelassenheit, die ihm stets als etwas besonders Anziehendes an dem schönen Mädchen erschienen war?
„Frappierter Sekt."
So unrecht hatten die Spottdrosseln mit dieser Bezeichnung nicht. Es lag ein leiser, kaum zu beschreibender, prickelnder! Reiz in der hoheitsvollen Gelassenheit ihres ganzen Auftretens. Ter Vergleich paßte wirklich, nur hätte der Herzog noch das Wort gut hinzügefügt wissen mögen, dem: schlecht frappierter Sekt schäumt über. . .
Sichtlich geschmeichelt nahm Veltliugen kurz vor den: Souper durch den Herzog den Gruß Dagmars entgegen, von welchem kein 28ort den scharfen Ohren Uchdorfs entging.
„Demnach scheint die böse Welt doch recht zu bekommen mit ihren Voraussagungen," lächelnd sah die neben ihm stehende Frediue ihn au.
. „W!as Kittinert uns das, Gräfin? Darf ich die Ehve haben. Sie zur Quadrille zu führen?"
Tie Hofdame strahlte. Stolz reckte sie ihr zierliches Figürchen empor. Ah, der heutige Ball verlief glänzend!
(Fortsetzung folgt.)


