Samstag den 22- Juni
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Jun Ken unter der Asche-
Roman von M. Proßnitz (M. Mircnberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. (Fortsetzung.)
Es war ein farbenprächtiges, lebensprühendes Bild, welches sich dem aufmerksamen Beschauer darbot. Glänzende, ordenge- schmückte Offiziers- und Hosuniformen, brillantenblitzende Frauen- gestaltcu, jugendfrische Modchenerscheinungen — und über dem allen der strahlende Glanz der elektrischen Kronen, bereit gelbliches Licht weithin seinen verklärenden Schimmer spendet^
Tagmar sah sich bald von einer Schar von Bekannten umringt, unter denen Hans von Schmieden, dieser bei allen Kameraden beliebte und von den meisten gründlich verwöhnte Leutnant, wie gewöhnlich das Wort führte.
Seine glühendste Fähnrichsliebe war übrigens die „himmlische" Tagmar gewesen, was diese auch sehr wohl wußte.
Daß er neuerdings auf dem besten Wege war, sich wieder einmal zu verlieben, ging aus den zahlreichen Neckereien der Kameraden unschwer hervor. Rittmeister von Sprenger schien besonders viel Vergnügen daran zu finden, Schmieden scherzend die Aussichtslosigkeit seiner Liebe, vorzuhalten. Doch der ließ sich nicht verblüffen. Und als ihm die Sache gar zu bunt wurde, erklärte er euergisch: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf," machte der lachenden Dagmar eine Verbeugung und trat mit ihr zum Tanz an, just in dem Augenblick, als Veltlingen, welcher die letzte Aeußerung des Leutnants mit Erstaunen und leisem Unbehagen gehört hatte, sich ihr nähern wollte.
Prüfend blickte er den beiden nach. Doch bald glättete sein Gesicht sich wieder. Welch wunderschöne Figur Dagmar doch beim Tanzen machte, mit welcher Leichtigkeit und. Anmut sie dahin zu schweben schien. Stolz, als ob sie schon sein eigen fei, sah er sich um. Wie ihr die Herren bewundernd nachsahen! So mußte es auch sein für die zukünftige Baronin Veltlingen. Er blickte von ihr zu der Gräfin Lindstrom herüber. Seine Hoheit hatte wirklich recht. Tie war gar nicht mit Dagmar, diesem königlichen jungen Weibe zu vergleichen! —
Eifrigst sprach die Gräfin Lindström währenddessen auf ihren Kavalier ein, der sich ihr mit den Worten genähert hatte:
„Darf ein völlig Fremder wohl an Ihre Güte die Bitte richten, ihn ein wenig in der Gesellschaft zu orientieren, Gräfin?"
Ah, wie gern sie das tat! Mit Witz, Geschick und ein klein wenig Uebertreibung zeichnete sie, oft in kürzen Worten, ein treffendes Bild der Besprochenen, sodaß Uchdorf mehr als einmal ihre Bemerkungen mit leisem Lachen begleitete. Ta war er wahrhaftig an eine höchst amüsante Erzählerin gekommen! Und wie brillant die Gräfin dabei aussah. Ihre Augen leuchteten in innerem Feuer, ihr Antlitz war lebhaft und angeregt. Tie vollen roten Lippen zeigten beim Sprechen zwei Reihen blendend-weißer kleiner Zähne — !vie Perlenschnüre dachte Uchdorf, und dabei schweifte sein Blick unbewußt Von neuem zu Schmiedens Partnerin. Wie die ihn an jene unvergeßlich schöne
Zeit in Blanstedt erinnerte! Merkwürdige Achulichkeit! Et wandte sich wieder zu der Gräfin.
„Wer ist eigentlich jene stattliche Blondine, die dort neben Schmieden steht? Veltlingen nähert sich ihr soeben."
Tie Angeredete streifte mit prüfendem Blick sein Gesicht. Wie unbewegt das war. Irrte sie sich, wenn sie eben einen besonders herzlichen Ton in seiner Stimme zu hören glaubte? Scheinbar unbefangen sah sie aus.
„Aber Herr von Uchdorf! Wenn das die schöne Fischeritt hörte!" Und als sie sein verdutztes Gesicht bemerkte, fuhr sie mit klingendem Lachen fort: „Um Gotteswillen, verratet Sie mich nicht Ihren Kameraden. Ich erlauschte," log sie kecklich weiter, „neulich zufällig diese Bemerkung von ihnen über Baroneß Rolfsen. Ich glaube übrigens nicht, daß sie so sehr nach einer guten Partie angelt. Das scheint mir wirklich arge Uebertreibung zu sein."
„Gewiß, Gräfin, das scheint mir auch so!" war seine spöttische Entgegnung, während seine Augen unverwandt auf Dagmar ruhten, die eben voll gewinnender Freundlichkeit Veltlingen für die Rosen dankte. Lächelnd hob sie darauf die herrlichen! Blumen empor, um ihren köstlichen Duft einzuatmen.
Uchdorf preßte zornig die Lippen zusammen und wandte sich brüsk um. Also das war im Laufe der Jahre aus Tagmar, seiner Dagmlar geworden, deren Bild er so treu im tiefsten Winkel seines Herzens aufbewährt hatte. Wie getreu, das fühlte er jetzt nur zu deutlich an der Enttäuschung, die ihn bei den Worten der Gräfin ergriffen hatte. Was nutzte es, daß sein Verstand ihm zuraunte: „Ueberzeuge dich doch erst, ob das, was dir da gesagt wird, auch auf Wahrheit beruht!"
Ach, die Hoffnung durfte er ja nur wenige kurze Minuten, hegen. Tann siah er es nur zu deutlich, das sinnbetörende Lächeln der schönen — Fischerin, deren höchster Wunsch eine reiche Heirat sein sollte! Nun, das Ziel schien sie ja beinah erreicht zu haben. „Immer zu, Baroneß, meinen Segen haben Sie!" Höhnisch und ingrimmig flüsterte er die Worte vor sich hin. Ein bitteres Lächeln ging über sein Gesicht. ZuM zweitenmal narrte ihn das Glück! Jetzt, wo er nach Jahren die Jugendgeliebte wiedcrsah, wo er in der Lage war ihr eine gesicherte, ja glänzende Zukunft bieten zu können, jetzt war es zu spät...
Ein unsinniger Zorn quoll in ihm empor. O, daß doch sein Herz auch so ein elender Aschenhaufen wäre, wie das ihre zu sein schien. Tenn lieben konnte sie diesen alten, ivenit gleich noch leidlich konservierten Höfling doch unmöglich. Eine Verstandes- Heirat also — ohne einen Funken von Liebe. Wer ihm dasvon der heißblütigen, warmherzigen Tagmar gesagt haben würde, wie hätte er den ausgelacht!
„Nanu, Uchdorf, so ernst?" Gemütlich ergriff ihn der dicke Sprenger am Arm. „Haben Sie denn eigentlich schon, die schöne Dagmar begrüßt?"
„Nein." Hart und schroff klang es zurück.
„Nicht?" vertvunderte sich der andere. „Na denn kommet Sie mal schlettttigst ran, Verehrtester. So grobe Vernachlässigungen ist die durchaus nicht von uns gewöhnt!"


