Ausgabe 
22.5.1907
 
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Sprechende Vasen.

Nachdruck verboten.

Bei einer Untersuchung über die Eigenschaften der Schallbewegung in Gebäuden mit ebenen Wänden, findet man, daß in großen Räumen der Nachhall von der Reflexion an den seitlichen Wänden und an der Decke her so stört, daß man ihn durch alle möglichen Mittel wie Teppiche, Vorhänge, Ornamente, und nicht zum weiiigsten durch die Zuhörer selbst zu besertigeii sucht. Dann wird nämlich der Jnteusitätsverlnst des Schalles beim Zu- rückpralleii au den Wänden so groß, daß man fast nur noch den direkten, ti. h. den mitten durch den Raum dringenden Ton ver­nimmt. In kleinen Räunien ist aber das Gegenteil der Fall, daß nämlich der Nachhall nicht mehr stört, sonderii gerade günstig wirkt, indem er die Fülle und L-tärkc der Worte und Töne ver­größert. In kleinen Zimmern wird maii daher alles störende Beiwerk der Ausstattung cntserneu und sie so einfach -vie möglich ciuzurichten haben, wenn man die Klangwirkungen nicht beein­trächtigen will.

Sind nun die Wände nicht einfache Ebenen, so trete» alle möglichen Komplikationen auf. Große Borsprünge ebenso wie

ein oftmals sehr störender Nachhall, der bisweilen die vollkommene Unmöglichkeit bewirkt, etwas zu verstehen. Die eben erwähnte Re­flexion wird aber nur dann ganz regelmäßig vor sich gehen, wenn die Wände vollkommen kahl sind. Häufig kann man nun den Nachklang einfach dadurch beseitigen, daß man Mittel auwendet, die die regel­mäßige Reflexion stören. Derartige Klangverbesserer sind z. B. Teppiche, Vorhänge, Ornamente aller Art, in Kirchen im besonderen Altäre, kleine Vorbauten, Grabmäler nstv., in Sälen etwa Säulen, Brüstungen, Möbel. Ohne weiteres ergibt sich daraus, daß katho­lische Kirchen ihrer reicheren inneren Ausschmückung wegen in der Regel eine bessere Akustik haben müssen als protestantische.

Eins der praktisch wichtigsten Mittel, die Reflexion des Schalles in einem geschlossenen Raume zu verändern, sind nun aber Menschen, die Zuhörer selbst. Musik in einem von dichten Menscheir- massen angefüllten Saale hört sich ganz anders an als in einem leeren Hause. In den meisten Fällen, nämlich in allen größeren Räumen, wirkt der Nachklang störend, recht viel Zuhörer also sind der Klangwirkung günstiger als eine geringe Anzahl von ihnen.

Anders aber ist die Sache in kleinen Räumen. Hier wirkt ein Nachklang nicht störend, sondern im Gegenteil nur vorteilhaft. Die Zeitdifferenz zwischen der Anknust des direkten Schalles und des reflektierten ist hier so gering, daß der Nachklang nicht mehr zu stören vermag, sondern die Tonfülle vergrößert. Die obigen Abhilfsmittel sind in kleinen Räumen also gerade von Nachteil. In dem Musikzimmer einer Privatwohnung sollen möglichst wenig Vor­hänge und Teppiche sich befinden, sollen die Wände möglichst kahl und die ganze Ausstattung überhaupt so einfach wie möglich sein.

Was die Wandform anbelangt, so wollen wir für heute von gewölbten Wänden absehen und unsere Betrachtung nur auf ebene Flächen beschränken. Dann darf vor allenr die Wand nirgends große Borbuchtungen haben, etwa große, fast freistehende Oefen oder Kamine. Diese würden selbst in Schwingung geraten und alle Klangwirkung stören. Auch kiese Nischen hätten die gleiche Wirkung. Die in ihnen befindliche Luft würde durch Resonanz in Mitschwingung versetzt werden und die regelmäßige Reflexion aufs empfindlichste verändern.

Ein gutes Musikzimmer darf daher keinen Ofen, keine Nischen, keine Teppiche, keine Gardinen, keine Polstermöbel und möglichst wenig Menschen enthalten. Bei Zutresfen aller dieser Voraus­setzung wird man leicht auch in einem noch so kleinen Raum eine Tonfülle und Klnngschönheit erreichen können, die selbst den verwöhntesten musikalischen Feinschmecker in Entzücken versetzen muß. Felix Jentzsch, Berlin.

Hinterländer Steinindustrie.

Seitdem der, als Hinterland bezeichnete Teil der Provinz Hessen-Nassau, der früher vom Verkehr fast voll­ständig abgeschlossen war, durch Eisenbahnen erschlossen worden ist, hat sich dort ein Industriezweig entwickelt, an welchen vor 20 Zähren kein Mensch gedacht hätte, nämlich die Ausbeutung der überall in der Erde lagernden Grün- peine. Auf den höchsten Höhen der Berge zu beiden Seiten der Lahn finden wir mächtige Blöcke dieses Gesteins. Vor der Eröffnung der Eisenbahn war allerdings nicht an die Gewinnnng und Verarbeitung dieses festen Gesteins zu denken, iveil die daraus hergestellten Produkte infolge der hohen Transportkosten zu teuer gekommen wären und iu- folgedessen keinen Absatz gefunden hätten. Heute finden wir Grünsteinbrüche in der Nähe von Breidenbach bei Ober- bieten und Klein-Gladenbach, bei Biedenkopf, Friedensdorf, Mornshausen, Buchenau, Steinperff und univeit Gladen­bach bei Rachelshausen.

Einer der ältesten Grünsteinbrüche im Hinterlande ist der dem Bahnhof Friedensdorf gegenüberliegende am Böt- tich, der heute durch Herrn I. Rech ans Dillenburg von der Gemeinde Friedensdorf gepachtet ist. Dort wurde am 24. Novbr. 1888 mit der Arbeit begonnen. Zurzeit finden da, wo die Steine guten Absatz haben, 3040 Arbeiter aus benachbarten Orten lohnende Beschäftigung. Das Gestein rft sehr fest, aber nur etwa zur Hälfte brauchbar, der andere Teil muß als Schutt abgesetzt und verfüllt werden. Durch die Steinbrecher werden die schweren Bölcke unter Ver­wendung von Schießpulver gelöst und zerkleinert und dann durch Rollwagen herausbefördert. Die Steinrichter oder Kipper" bearbeiten die rohen Meine und bereiten daraus Pflaster- und Mauersteine. Was sich hirzu nicht eignet, wird durch die Maschine, den Steinbrecher zermalmt ztr Kleinschlag, Grus und Sand. Obwohl dieser Steinbruch sehr nahe am Bahnhof Friedensdorf liegt, müssen die Steine nach der entfernteren Station Buchenau befördert iuerbeit. Bei Friedensdorf führt nämlich keine Fahrbrücke über die Lahn und die bei der nähergelegeneii Station Karlshütte errichtete ist polizeilich gesperrt. Die Pflaster­steine sind gutes Material zur Straßenpflasterung und sanden seither Absatz nach Kassel, Ems und a uderen Städten.

Ans der anderen Seite der Lahn in der Gemarkung Friedensdorf am Eckeberg befindet sich ein zweiter Grün­steinbruch. Derselbe wurde im Jahre 1897 begonnen und es arbeiten dort etwa 20 Personen aus den umliegenden Orten. Dieses Gestein ist vorzüglich, von dunkelgrüner Farbe, lagert aber meist in einer Menge von unbrauchbarem Schutt und Sand. Das Brechen und Verarbeiten der Steine geschieht wie in den anderen Steinbrüchen. Die Steine finden Verlvendung als Pflastersteine, zu Treppenstufen, Türgestellen und Denkmälern, der Wfall als Kleinschlag. Alljährlich werden aus diesem Bruch von Station Friedens­dorf aus 120130 Doppelwaggon Steine geliefert nach Frankfurt, Kassel, Düsseldorf, Mannheim und anderen Orten.

Bereits zwei Jahre früher 1895 wurde mt der andern Seite dieses Berges in der Gemeinde Mornshausen a. d. D. begonnen und dieser Bruch hat sich, da hier die Verhältnisse insofern günstiger liegen, iveil die Steine sehr gut sind und weniger unbrauchbarer Schutt vorhanden ist, überaus günstig entwickelt. Das Gestein liegt terrassenförmig über­einander und es arbeiten auf drei verschiedenen Terrassen 120140 Arbeiter aus den anliegenden Dörfern. Die Steine finden Verwendung wie aus den andern Brüchen. Auch hier ist eine Maschine mit Steinbrecher in Tätigkeit zur Herstellung von Gröbschlag, Kleinschlag, Grus und Sand. Wöchentlich iverden 3040 Waggon nach Station Friedens­dorf geliefert, die nach Frankfurt, Oberhausen, Düsseldorf, Mannheim, Siegen, Marburg, Kassel und anderen Orten versandt werden.

Der Transport per Achse nach der Station ist etwas schwierig und kostspielig und stellt sich auf etwa 10 Mk. für den Waggon. Dazu kommen dann noch die Wegabgaben von ungefähr 500 Mk. jährlich. Die beiden Brüche in Erke- b'erg gehören der Firma: Hessische Hartsteinwerke, Aktien­gesellschaft in Eiserfeld. Diese Gesellschaft besitzt außerdem noch mehrere Brüche in der Gemarkung Buchenau am Burg-, berg und Stössel. Die Steine in diesen Brüchen sind gut, aber es befindet sich dazwischen zu viel Schutt. Das Gebirgtz fällt von Westen nach Osten und das Gestein liegt in drei Terrassen, von welchen die erste etwa 11 Meter, die zweite 10 Meter und die dritte 13 Meter hoch ist. Die Abdecksohlej ist stellenweise 8 Meter hoch und liefert sehr viel Schutt und unbrauchbares Gestein. Zwischen den Söhlen festen Gesteins liegen Schichten und Nester von Gebröckel und! Sand. Die Steine finden weniger Verwendung als Pflaster­steine, sondern zumeist als Werksteine.

Derselben Gesellschaft gehören auch die Steinbrüche zu Rachelshausen, wo nur Werksteine gewonnen werden, und! der Steinbruch nm Gschenberg bei Medenkopf. Erwähnens- wert sind außerdem die Steinbrüche in der Nähe von Steinperfs.

Wenn auch die Arbeit in allen diesen Steinbrüchen nicht wenig gefahrlos ist, so sind doch bi£ heute llnglückss- fälle selten vorgekommen Beschäftigt werden zurzeit fast nur einheimische Arbeiter, die hier Erwerb und Brot für sich nnd ihre Familie finden. Leider haben diese Stein­brüche in ausländischen Betrieben, wie in Belgien und Schlveden, starke Kvukurreriteu, die die Preise in jeder Weise drücken und'ihnen die Existenz erschweren. Und doch wäre zu hoffen und zu wünschen, daß die Hinterländer Stein« iudustrte von Segen und Gedeihen begleitet sein möge zum Wohl der fleißigen und strebsamen Bevölkerung.

Stoll in Herborn.