Ausgabe 
22.4.1907
 
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Nicht zu lügen und zu betrügen. Doktor Villatte kennt mich und weiß, wie ich geartet Lin. Er schreibt mir, daß er von mir nichts verlangt, als daß ich ihm ein wenig gut sei, und ich sagte dir schon, ich mag ihn sehr gern leiden. Laß uns doch Abwarten, ob er zufrieden ist."

Ernas Hände sanken schlaff hernieder, was konnte jte tun f Eine Abwehr gab es da nicht. Er verlangte ja nichts, als daß sie ihm ein wenig gut sei wie heiß quoll es ihr herauf ein wenig gut! Dieses winzige Teil, das Sylvia ihm bot und geben konnte, das sollte ihm genügen, dem Mann mit dem großen, weiten Herzen. Eine Binde lag vor seinen Augen, und er ging, glücklich vertrauend wie ein Kind, am Rand eines Abgrunds. War das Eifersucht, häßlicher Neid, der in ihr wogte? Sie wußte es nicht, sic hatte ihren festen Halt in sich verloren und suhlte nur den brennenden Schmerz, der sie fast betäubte.

Sylvia schien ihre Aufregung nicht zu gewahren oder ,ie wollte es nicht. Sie hatte so ungewöhnlich viel mit sich selber zu tun, es war nicht von ihr zu verlangen, daß sie sich noch um andere kümmern solle. Sie hatte die Feder beiseite gelegt und den Bogen einstweilen zurückgeschoben und plauderte nun in einer gewissen müden, aber doch ihrem früheren Wesen ähnlichen Weise weiter.

Was meinst du, weich ein Kleid soll ich anziehen heute mittag? Denn ich will ihm schreiben, er soll vor Tisch kommen, damit wir eine heitere Tischsitzung haben. Ich dachte an mein mattblaues Kaschmirkleid, oder ist das wohl zu hell? Vielleicht ist es passender, das dunkelgrüne Sammetkostüm zu wählen. !£n sagtest mir neulich, es stünde mir am besten."

Erna fuhr, wie aus einem Traum erwachend, aus. Sie hatte nicht recht gehört, was Sylvia gesagt. Sprach sic von Kleidern?

Vorerst mußt du wohl deinen Bries schreiben," meinte ne und ihre Stimme klang heiser,ihm wird wohl weniger an deinem Kleid als an deiner Gesinnung gelegen sein. Ich bin der Meinung, daß du in diesem Augenblick mehr denn je vor Gottes Augen stehst und die lauterste Wahrheit zu geben ver- pflichtet bist."

Sylvia sah überrascht und ein wenig scheu und verwirrt zu Erna hinüber.

Ach so ja :. du nimmst alles so schloer, und wenn du es wärst, schriebst du gewiß ein Aktenstück, das wie ein Glaubensartikel oder ein Rechtsdokument abgcfaßt wäre, aber ich weiß, Villatte erwartet das nicht öon mir, er _ ist selig, wenn ich ihm schreibe: Kvmmen Sie ich bin die Ihre!"

Gott gebe, daß du treu die Seine wirft und bleibst." Es wurde eine heitere Tischsitzung im Walldorfschen Hause. Der oberchlüchliche Beobachter wenigstens würde gemeint haben, ein reizendes Brautpaar, einen' gutmütig jovialen, mit_ der Partie sehr zufriedenen Pflegevater und zwei gerührte, glückliche Mütter an der Tafelrunde zu sehen.

Sylvia trag ihr dunkelgrünes Sammetkostüm, in bem sie so schlank und reizend aussah, und war die Verkörperung einer verschämten, sinnigen Braut. Aus des Bräutigams leuchtenden Augen strahlte das Glück.

Er war um ein Uhr gekommen und vom Kommerzienrat schon vorher feierlich zu Tisch geladen worden. Er hatte Sylvia nur ein paar Augenblicke allein gesehen, und war überwältigt gewesen von ihrem Liebreiz. Der ernste, schüchterne Ausdruck erhöhte ihre Schönheit, sie lächel-e nur und duldete seinen heißen Kuß, dann trat der Kommerzienrat ein und bald darauf die beiden Mütter. Die Szene wurde bewegt und stürmisch. In Sylvias süßen Augen blinkte mitunter eine Träne, und als die erste, verschämte Erregung gewichen war, erschienen ihre Wangen recht blaß. Die Erlebnisse des vergangenen Tages wirkten noch nach, es war unerhört, daß man sie so gequält hatte.

Aber Villatte, obgleich er mit gemischten Gefühlen und einem stlllen Ingrimm gegen seinen Vermittler gekommen war, der jedenfals seine Sache sehr rauh und pngeschickt gemacht hatte, vermochte doch heute unter dem Eindruck seines jungen Glückes dem alten Herrn nicht zu zürnen. Er schalt sich nur selbst einen Feigling und Dummkopf, weil er einen~ dritten vorgeschoben und Nicht selbst mit Sylvia geredet hatte. Er sehnte sich sehr nach einem traulichen Austausch mit ihr, es war nur einstwellen gar keine Aussicht dazu vorhanden. Die neugesundene Mutter, Frau Zernial, allein machte denselben unmöglich, wie sie überhaupt dem jungen Bräutigam den ersten und einzigen Schatten in seine herrliche Sonne warf.

Gestern, als der- Kvmmerzienrat ihn in umständlicher, ge­wissenhafter Erörterung über Sylvias Herkunft aufklärte, hatte ihn ein Schreck erfaßt. Die dunkle Ahnung, die er immer gerne Wieder von sich gewiesen, war also Wahrheit. Aber sein ver­

liebtes, sehnsüchtiges, ungeduldiges Herz überwand den Schrecken und hing nur an der Kunde über Sylvias Gefühle. Und so hatte er auch gestern in seiner Unruhe und Spannung wenig an den fatalen Umstand gedacht, daß gerade die Frau, welche ihm sy unsympathisch war und deren Einfluß aus Sylvia er schon ge-> fürchtet, ihre Mutter war. Auch heute mittag, in diesem ersten seligen Rausch, trübte ihre Gegenwart nur ans Momente sein Glück.

Sie war übrigens zurückhaltender und formeller gegen ihn als "er es bei ihrem Wesen erwartet hatte, ihm würbe seine Stellung ihr gegenüber recht schwer.

Erna hatte ihm herzlich gratuliert. Es war gewiß Ein- bilduug von seiner Seite, die vielleicht von früheren flüchtigen, . grenzenlos lächerlichen Nebengedanken herrührte, wenn er meinte, sie sei ein wenig steif und gezwungen und selbst Sylvia gegenüber nicht so warm wie sonst. Sic war erst im letzten Augenblick, ehe man zu Tisch ging, eingetreten, sie trag ein schwarzes Seidenkleid mit reichem Spitzenbesatz. Villatte hatte sonst kein Auge für solche Dinge, aber die Kostbarkeit der Garnitur fiel ihm unwill­kürlich auf. Sie sah sehr vornehm aus, so fein, einfach und

distinguiert, wie sie ihm noch nie erschienen war.

Tie Champagnerpfropfen knallten, der Kommerzienrat hielt in übermütiger Laune allerlei Tischreden, man gedachte auch des abwesenden Roderich, der es unendlich bedauern wurde» gerade heute nicht zugegen zu sein. Frau Zernial, mit buntem Schmuck überladen, in ihrem anständigen modernen Kostüm Erna behauptete, sie besitze nur dies eine, was bei allen vor­kommenden Gelegenheiten als Parade dienen mußte war schweig­sam bis zur Uebellaunigkeit.

Sylvia sei noch viel zii jung zum Heiraten, äußerte sic mehr­mals, und es sei schwer für eine Mutter, die ihr Kind so lauge entbehrt habe, es nun sofort wieder hergeben zu sollen eine Redensart, welche ibier Kommerzienrat sofort mit einem lauten, ominösen Räuspern begleitete.

Alles in allem war Villatte heilsfvsh, als die lang aus­gedehnte Tischsitzung endlich aufgehoben ward: er führte sein holdes Bräutchen in die Fensternische und hoffte da auf einen . stillen, vertraulichen Moment. Aber Sylvia sah wirklich sehr abgespannt aus und Frau Zernial rauschte heran, um zu er­klären, daß das Kind notwendig ein Stündchen ruhen müsse.

Sylvia, deren Hand in der ihres Verlobten ruhte, sah diesen! mit einem ihrer süßesten Blicke an und flüsterte:

Ich will mich da im Nebenzimmer auf die Chaiselongue legen, du glaubst nicht, wie müde ich bin. Du darfst die Tür offeu lassen, ich bin dann doch bei euch."

Er beugte sich tief über die kleine Hand und küßte sie in­brünstig. Wie entzückend war sie heut, ohne die übermütige Laune, welche sie sonst kennzeichnete. Er durste mit in das Neben­zimmer gehen, ihr die Kissen rücken. Sie meinte, er habe eine weiche, zärtliche Hand, die beruhige und den Schmerz lindere. Ihr weicher Kops sei heut gar zu wüst. _

Sylvia log nicht gerade in diesem Augenblick. ^-ic emppin» wirklich, seit er da mar, seine Nähe als eine Linderung und Beruhigung ihres schmerzvollen SeelenzustandeÄ Vorher es war gräßlich gewesen Erna hatte von Lügen und $e trügen! gesprochen Worte, welche doch ihr Innerstes getroffen W j wie sic Roderich liebte, würbe sie nie einen anderen Manu heben | können Seit gestern wußte sie bw§, aber Roderich hatte sie ver- lasseu und verschmäht, und auf ihn zu warten, ob er sich etwaj noch besann, wie es die Mutter verlangte dagegen empörte sich ihr Stolz. Gerade als Frau Cölestine dies wiederholt au- | gebeutet, war sie in ihrem Entschluß bestärkt worden. Eine alte Jungfer wollte sie nicht iverben, das war ein haarsträubender ! Gedanke, und wenn sie doch nach Vernunft heiraten mußte, dann lieber gleich jetzt. Roderich ersah daraus am besten, daß sie ihm

I nicht nachgetrauert hatte.

So war ihr jetzt der Verlobte nut seinem zarten, distreten Benehmen, seinem warmen, guten Gesicht und der innigen Für­sorge für sie ein wirklicher Schutz und Halt die anderen waren ihr ja alle fremd geworden. .

Erna stand am Kredenztisch und bereitete, wie gewöhnlich- I Pen Kaffee. Die Tassen von feinem Sovveporzettan mit den | kleinen goldenen Löffeln standm zierlich georbtet auf dem silbernen! | Brett, der glänzende Schwungkefsel summte über der Spiritus^ I flamme. Es wurde schon früh dunkel in diesen Oftobertagen, Erna klingelte, damit der Diener das Gas anzünde. Der Kommer­zienrat hatte sich zur Siesta zurückgezogen, die Lchwestern, Front | Walldorf und Frau Zernial, saßen auf denk Sofa und untev- | hielten sich halblaut.

I (Fortsetzung folgt.)

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