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seine vornehme Gesinnung hatte er ihr schon erschüttert, würde mit dein Vertrauen auf seine Treue das gleiche geschehen? Was sollte dann ans ihrer Ehe werden? Sv weit durfte es doch nicht komme:!! Es Mr ja ihre Pflicht, ihre heilige Pflicht, ihm beizustehen, wenn sie merkte, daß er schwankte ans dem Weg der Treue.
Ihre Pflicht! Aas war das Wort, nach den: sie fortan leben wollte. Nicht weltabgewandt, in zelotischem Hochmut, sondern ehrlich und tapfer wollte sie ihm helfen. Sie mußten doch versuchen, auch ferner miteinander auszuwmnien.
Schwer, bitter schwer war ihr das in letzter Zeit manchmal geworden, und es würde ihr vielleicht noch schwerer werden. Mer was schadete das? Sie hatte ihm am Altar Treue geschworen das Wort würde sie halten. — Und darum wollte sie von jetzt an versuchen freundlicher, geduldiger gegen ihn zu sein, mehr auf seine Eigenheiten eingehen, seine Fehler geringer, seine Vorzüge höher bewerten. —
Infolge dieses Entschlusses wär Dagmar am andern Tag liebenswürdiger, entgegenkommender zu Veltlingen als bisher. Das gefiel ihm ausnehmend. Mit besonderer Freude nahnr er natürlich die Nachricht von dem in Aussicht gestellten Besuch der Herzogin entgegen.
„Wenn die Lindstrom dabei den Ausschlag zu geben hat, wird sie wohl kominen," meinte er selbstzufrieden. „Das werde ich >vohl durch gelegentliche Courmachereien durchsetzen."
„Magnus," warnte Dagmar.
Er sah sie seelenruhig an.
„Was willst du, mein Herz? Ich finde, das ist grade die richtige Arbeitseinteilung. Tu — den Herzog, ich — die schöne Hofdame, natürlich in aller Harmlosigkeit," setzte er von ihren blitzenden Augen bedrängt, klüglich hinzu.
D a hob Dagmar mit einer energischen Bewegung das Haupt.
„Daß ich dir trauen kann, weiß ich, Magnus. Bleib aber auch in den Augen der andern in den Grenzen, die deine Frau von dir verlangen kann!"
„Zweifelst du an mir?"
„Ich nicht," gab sie sehr ernst zurück. „Ich will aber auch nicht, daß die andern es tun."
„Was gehen uns die andern an!" meinte er unwirsch.
Sie lächelte fein, als sie seiner Worte gedachte, daß die Form allezeit gewahrt werden solle — freilich — von ihr. — — Und doch streckte sie ihm einlenkend die Hand hin.
Er ergriff sie zufrieden.. Schrieb er doch heimlich seiner Erziehungskunst das veränderte Wesen Dagmars zu. Was wußte er von der tiefen, sittlichen Kraft ihres starken Herzens?
Sehr befriedigt kam er nach ettva acht Tagen mit seiner Gattin aus der Residenz zurück. Es war auch schon die höchste Zeit, denn selbst in einem so tadellosen und auf so großem Fuß geführten Haushalt mußte für Fürstenbesuch noch manches hergerichtet werden.
t So hatte Dagmar alle Hande voll zu tun. Es blieb ihr keine Zeit zum Grübeln und Sinnen. Statt dessen kam ihr mehr und mehr bei allen Vorbereitungen die Freude über den Besuch. Es machte ihr förmlich Vergnügen alles so schön wie irgend möglich Herrichten zu lassen. Tas gefiel Veltlingen und brachte sie einander wieder näher. Dagmar merkte es mit stiller Freude.
Tas Schloß war ein sonderbarer Bau. Wenn man durch die hohe, spitzbogige Haustür trat, deren schwere, eichene Bohlen wertvolle, alte Schmiedearbeit zierte, so befand man sich in einem geräumigen Vorflur, auf den rechts die Türen der zahlreichen Frenidenzimmer, links die Schlaf- und Toilettengemächer der Schloßherrschast mündeten.
Eine ungemein breite, massive Steintreppe führte direkt bis unter das Dach, im ersten und zweiten Stock einen breiten Absatz bildend. Es machte einen sonderbaren Eindruck, wenn man von: Erdgeschoß aus diese Treppe heraussah, die oben unter den alten, mit reichem Schnitzwer? versehenen Dachsparren in geheimnis- voller Dämmerung endete.
lieber den Schlafzimmern des Ehepaares befanden sich im ersten Stock die Wohn- und Gesellschaftsräume. Im zweiten Stockwerk die Räume für die Dienerschaft, während auf der rechten Seite noch einige Frenidenzimmer waren, obgleich der Bankettsaal und die daneben liegende Bibliothek, durch zwei Etagen gehend, den größten Teil des rechten Flügels eilt- nahmen. ।
Ter Bankettsaal bildete berechtigter Maßen den Stolz des Kammerherrn. Nicht nur wegen der zahlreichen Bilder, die getreulich mit Namen, Geburts- und Sterbetag versehen, eine eigenartige Familienchronik darstellten, nein auch wegen der kost- haren alten Eicheninöbel, die dem Kenner ebenso wertvoll er-
schieuen wie die u palten Silber gerate auf den Kredenzen und! Borden.
Rings um den Saal lief eine hölzerne Galerie, die ihren Eingang vom Flur des zweiten Stockwerkes hatte. Sie war wohl früher für das Gesinde zun: Zuschauen gewesen. Seit laugen Jahren nicht benutzt, knarrte das altersgraue Türchen vernehnilich, als Dagmar es öffnete, um nachzusehen, ob die Leute auch hier genügend gesäubert Weit.
Sie konnte zufrieden sein. Nirgends entdeckte ihr Auge ein Staubkörnchen. Und wo sie auch prüfend mit den Fingern an dem Schnitzwerk der getäfelten Wände entlang fuhr — Staub sand sie nicht.
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Studsntenzeri.
Erinnerungen eines alten Gießeners.
(Fortfetzung.)
III.
Die Germania. Die Pulvermühle. Die Mensuren.
Ich war also nun wohlbestallter Studiosus der Jurisprudenz. Ich trug das schw arz-ro t-qrüne Band und glaubte, die ganze Welt sei mein. Das stellte sich allerdings bald als em Irrtum heraus. Denn mein Vater hatte ganz eigentümliche Ansichten über die Geldmittel, die ein Bruder Studio nötig habe, um anständig existieren zu können. Er meinte, ich habe ja alles frei, auch feie Berbindungsbeiträge, da seien 30 Kreuzer in der Woche ein sehr anständiges Taschengeld. Daß mem Vater ans seiner Ansicht beharrte, war nicht klug von thnr, aber auch nicht gut für mich, wie die Erfahrung lehrte.
Wir kneipten auf der Pu l v ernt ü hll e. Es war eine geradezu ideale Kneipe. Das Lokal konnte bequem fünfzig Kneipgenossen aufnehmen. Es war hoch genug, um sogar darin fechten zu können. Schattiger Hof, gedeckte Kegelbahn, direkt an der Lahn, iitt dieser gerade vor uns eine Insel, die inan mittels ernes großen Brettes, wenn es sein mußte auch ohne ein solches erreichen konnte, und die in gar mancher Sommernacht eine fröhliche Tafelrunde gesehen hat.
Die Kneipe war trotz der Kürze ihres Bestehens aufs Schönste geschmückt. Das große Wappen, das ein vor einigen Jahren als Landgertchtsrat verstorbenes Mitglied gemalt, war in seiner, Art ein Kunstwerk. Es bildete wie üblich bett Mittelpunkt des Fahnenarrangements, die Trinkhörner waren unübertroffen, die Wände mit guten Bildern und den Silhouetten der Mitglieder, und Freunde der Verbindung geziert. (Phoiographieen gab's noch Nicht.) Dazu eine Schar lebensfroher Jünger der Ludoviciana, was Wunder, daß manche derselben lieber auf die Kneipe als m's Kolleg gingen.
Unsere Germania war zwar erst drei Semester alt. Sie zählte aber im Soinmersemester 1853 über 40 Leute. Sie war im August 1851 als ein notwendiges Ergebnis der politisches Lage entstanden, soweit solche für die studierende Jugend in Betracht kommen konnte, als ein lebendiger Protest gegen die in voller Blüte stehende Reaktion. Der Ruf nach Einheit des! deutschen Vaterlandes auf freiheitlicher Grundlage hatte die Gründer zusammengesührt und wir folgten ihren Spuren.
Tie Germania nahm für sich in Anspruch, die alte deutsche Burschenschaft auf der Ludoviciana fortzusetzen. Sie nahm ihren, Wahlspruch an und jeder von uns wußte, daß er Mitglied einer Burschenschaft sei. Aber s a g e n d u r f t e n wir e s n i ch t! Wir mußten uns Verbindung nennen. Wir dursten auch die alten Farben Schwarz-rot-gold nicht für die unseren erklären. Wir wären sonst bei den: damaligen Stand der Dinge sofort als staatsgefährlicher Verein aufgelöst worden. Wir nahmen daher anstatt des verpönten Gold das Grün der Hoffnung, schmuggelten aber das Gold doch ein. Ich hatte die erste gestickte Eervismütze in der Verbindung: Schwarz/ Rot mit grünem Eichenlaub aber goldenen Eicheln. Die nach mir kirmen, nahmen Schwarz-rot-grün mit goldenen Epheublättern. Meine Eervismütze existiert noch heute, allerdings verblichen und von 50 Kommersstichen durchbohrt, abep die goldenen Eicheln sind noch sichtbar.
Die Behörde beargwöhnte nicht mit Unrecht die Verbindung als Po li t isch er Tende nzen verdä chti g. Tenn wer sich nicht frank und frei mit deren Zielen einverstanden erklärte, nämlich dem Streben nach ’ber Einigung Deutschlands auf freiheitlicher Grundlage, der konnte nicht die innere Verbindung ausgenommen werden. Verbindungen mit derartigen Tendenzen waren aber nach den im Jahre 1834 ausgegebenen Universitätsstatuten absolut verboten., Ter Universitätsrichter, obwohl selbst ein alter Burschenschafter» gab sich auch redliche Mühe, für seinen Argwohn eilte positive Basis zu schaffen. Da aber die Statuten farblos waren und diverse Haussuchungen bei dem Sprecher ohne Erfolg blieben, so konnte er nichts machen. Die kompromitlierenden Papiere,- namentlich die bezüglich der Kartellbestrebungen mit anderes


