— 482 -?
fein Fortsein benutzen, uni nach dem „Kerb" zu gehen, mit dem Kind auf der Reitschul zu fahren und an den Glücksbuden sich herumzudrücken. — Freilich, der Hessemer würde heute nicht da sein. Ter hatte am ersten Pfingsttag alle Hände voll zu tun. — Ta stand er gerade reck und lustig mit den Fremden, die sie gestern abend gefahren hatten. Er ging lMgsamcr, vielleicht hörte er noch, wie sie ihn zu einer Kahnpartie bestellten. —. Aber der lachte und schüttelte den Kopf.
„Ree, ufs'n erschte Pingschdag net! — To will ich aach Mei Pläsier hawwe! Do is Kerb! Do nehme Se sich mute, da kei Pläsier braucht. Do — do is jo grad dü Worringer."
Steuermann Worringer empfand das wie eilten Schlag ins Gesicht! Einen Augenblick lang sah er rote Flammen vor den Äugen. Es zuckte ihm in den Fäusten. Er trat einen Schritt nach dem Spötter hin. — MeV er besann sich. — Er ging weiter. — Tas Schiff war schon in Sicht, die Pflicht rief, und der — der da lief ihm nicht fort. Ten konnte er immer fassen, der war ja Wand an Wand mit ihm. Er ballte die Faust! — Wand an Wand, ja, — und sein Pläsier wollte er haben — der! .Ach, was! Ib|er sein Pläsier nannte. — Mit der Greta herum- scharmuzieren, sie mit seinen kecken Augen feurig ansehen, sie zu trösten über den Mann, den Tyrannen, der sie im Zaum Hält, ihr nichts gönnt, ihr nichts zuliebe tut. — Er sah die zwei zusammen, er hörte sie flüstern, sah sie tanzen. — Ja, tanzen würde sie auch, er wußte es. — Und sich an ihr schmiegend int Kütschchen auf dem Karussell — bei der rasenden Rundfahrt immer rund, während die Lichter funkelten, die roten, goldgestickten Verzierungen glänzten, die Musik spielte. — Er wußte es genau, wie das war. — Weit lag die Zeit freilich hinter ihm, wo er das alles fühlte, aber die Erinnerung war doch wie eut Stachel, sie bohrte und bohrte und machte ihn halb rasend. —
Und da legte das Schiff an, er mußte hinauf auf den Ruder- sinhl und dasitzen, aufmerksam, gespannt mit jeder Fiber, das Schiff mit den vielen Hunderten von -Leben durch das gefährliche Fahrwasser im Gebirg bringen. — Der Rhein war klein, der Wasserstand niedrig — ein Abweichen von einigen Fußbreiten war Gefahr und vielleicht Tod. Ttzr kalte Schweiß stand auf seiner Stirn, mit eiserner Kinft zwang er sich. Nein! Keiner sollte sagen, daß der Worringer seine Pflicht um Haaresbreite vernachlässigte, — Das war keine Frau auf der Welt wert — die Greta schon gar nicht. —
Die Greta! Wie ein scharfer Stich ging es ihm durch und durch. Nicht, daß er sie lieb hatte! Nein, er hatte sie genommen in einer späten Aufwallung lang überwundener Gefühle. — Ein Wilder war er gewesen in seiner Jugend. — Tas war lang vorbei. Das war nur noch einmal ausgewacht. — .Es hatte ihn gekitzelt, daß er noch immer jede haben konnte, die er wollte. Und daß die Greta einen anderen Schatz hatte, das reizte ihn gerade. Er wußte doch noch, wie man die Weiber kirre machte. — Und er wollte die schönste Frau in Bingen haben, wollte zeigen, daß er vor den Jüngsten nicht zurückzu- stehen brauchte. Aber er konnte es Heute nicht mehr begreifen, wie ev dazu gekommen war, wie er so dumm sein konnte — so dumm. Sie hatte sich vor ihm gefürchtet bvm ersten Tag an, sie war wie ein geprügelter Hund, der vor seinem Herrn kriecht, weil er in seiner Gewalt ist — und der ihn doch haßt. —.Und aus Furcht und Haß war das Kind. geboren, das' Kind, das ihm nicht glich — nur seiner Mutter, das sein war und doch nicht jein. Nein, er liebte sie nicht —. gewiß nicht. —
y Und immer die Furcht vor dem Georg Hessemer, vor Gretas Schatz. Schlimm genug wars schon von Anfang an, aber un- erttäglich wurde es erst, als er das Häuschen neben Worringer: drbte. — Als Tag für Tag sein lachendes Gesicht an der niedrigen Grenzmauer auftauchte. Als Worringer nicht mehr aus dem Haus gehen Tonnte, ohne den Gedanken, daß ein einziger Sprung genügte, um den Verhaßten in den kleinen Hof zu bringen, wo Gretas Stuhl zwischen den Oleanderbäumen stand. Freilich, unbeobachtet wäre das nicht gegangen. Tie Häuser der nächsten Gasse guckten mit einem Dutzend Hinterfenster in die Höfe hinein, immer war da Leben, Menschen, Nachbarinnen, die wuschen und scheuerten, Männer, die umherbastelten, spielende Kinder. — .Aber doch! Eine stille Stunde konnte kommen, ein einziger 'günstiger Augenblick. — Unter Höllenqualen hatte er sich ge- ‘ krümmt bei der Borstellung. Er wußte, wies tat, wies tut, wenn ’ das heiße Blut schäumt, ev kannte die Weiber, er war selbst iplcher manchmal über Zäune und Mauern geklettert. —
Veine Hand riß am Steuerruder, daß es ordentlich einen Ruck kai- -—Ter Kapitän sah phlegmatisch nach ihm hin.
„Na, Worringer! —Schlecht aufgestanden heut? Hat Euch hie Frau geärgert?"
Der dumme Spaß M ihn wie ein glühendes Eisen'. <St,
spürte, wie ihm das Blut nach dem Herzen schoß. Er murmelte etwas Unverständliches. Sier Kapitän lachte.
„Schwerer Tag heute. Tas Bergschiff wird wohl Verspätung haben. Da kommt Ihr erst am Nachmittag heim zur Frau und zur Kirchweih!" —
Er blinzelte ihm zu. Er kannte die schöne Frau Worringer.-
Ser Steuermann versuchte zu lachen. — Er kam wohl heute überhaupt nicht heim. — Wenn das Bergschisf Verspätung hatte, da war gerade noch Zeit, um nachher in Bingen wieder auf das Extraschiff zu steigen und die zweite Fahrt zu machen. — Er sah auf die' schwatzenden, lachenden, trinkenden Fahrgäste. Ah, die Hattens gut! Tie amüsierten sich. Männer und Frauen zusammen, die Kinder dazwischen. Sie stießen an, lärmten, sangen.
Tie Sonne brannte schon, es ivurde heiß. Er spürte seinen Hals, seine Kehle vertrocknen. Er wollte auch trinken. Trinken bis zum Uebermaß, vergessen, lustig sein. — Aber er durfte ja nicht! Nur einen Schluck, einen einzigen tiefen Zug schweren starken Wein! Das würde ihm gut tun. Ah, wie er sich danach sehnte. Das Wasser, das er sich reichen ließ, war schal, abgestanden, lau. Es ekelte ihn an. — Ah, wenn er von der weiten Fahrt heimkam, dann wollte er sich schadlos halten — heute abend. Er war kein Trinker, der Wein kriegte ihn nicht unter, aber er tat ihm auch wicht gut. Er machte ihn höchstens noch starrer, unbeugsamer, finsterer. Und seine Frau fürchtete ihn noch mehr, wenn er vom Schoppen kam. — Pah, mochte sie, es ging in einem hin. —
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Geschichte der cLudovrc'ranlr.
Nachdruck verboten.
I. Die juristische Fakultät.
Wenn auch in den ersten Zeiten der Universität die theologische Fakultät int Vordergründe steht, so hat sich doch auch von Anfang an die juristische Fakultät der besonderen Fürsorge der Regierung zu erfreuen gehabt. Sie hat eine große Zahl tüchtiger Juristen ausgebildet und' kann im Laufe dreier Jahrhunderte auf eine stattliche Reihe berühmter Namen stolz sein, die zu den Ihren gezählt haben. Von Anfang an wurden mit nur seltenen Ausnahmen aus ihrer Mitte die beiden neben dem Rektor stehenden akademischen Beamten gewählt, der Kanzler, d. h. der offizielle Vermittler zwischen Regierung und Universität, wozu besonders auch die Erlaubnis zur Vornahme der Promotionen gehörte, einst der einflußreichste Mann an der Hochschule, und der Syndikus, der Vertreter der Universität in Gerichts- und Streitsachen. Der Kanzlerposten bestand als selbständiges Amt bis zum 1. April 1888, seitdem versieht der Rektor die Funktionen desselben mit Ausnahme der Vertretung der Universität in der ersten Kammer der Landstände, wofür ein besonderer Vertreter gewählt ist. Tas Syndikat wurde am 26. September 1821 eingezogen, aber nochmals in der Zeit vom 27. Januar 1835 bis 13. Dezember 1847 neu besetzt. In diesem Zeitraum war der Syndikus eigentlich Vertreter des meist von Gießen abwesenden Kanzlers.
Freilich dürfen wir für die Beurteilung der Leistungen der Fakultät in der älteren Zeit nicht denselben Maßstab anlegen wie heute. Zunächst bestand ihre Aufgabe weniger darin, die Studenten zu selbständigen wissenschaftlichen Leistungen anzuleiten und anzuregen, sondern darin, ihnen einfach ein bestimmtes eng begrenztes Quantum von Wissen nach hergebrachtem System beizubringen. Daneben kosteten Promotionen, Disputationen und andere For-! malitäten viele Zeit, bei denen es der Sitte der Zeit entsprechend in der Hauptsache auf dialektische Gewandtheit und Routine in hergebrachten Formeln ankam. Die Dissertation verfaßte in der älteren Zeit mit wenig Ausnahmen der Professor; den Promovenden fiel nur ihre Verteidigung in der Promotionsdisputation zu. Des weiteren wurden die Professoren gern von ihren Fürsten zu diplomatischen Geschäften, Gesandtschaften, Vertretungen bei Reichstagen, Ausarbeitungen von rechts- und staatsivissenschaftlichen Gutachten in Anspruch genommen — oft waren sie deshalb! längere Zeit von Meßen abwesend, —- und auch von Gemeinden und Privaten nicht selten um ihren Rat angegangen. Aber auch als Ganzes funktionierte die Fakultät als beratende und rechtsprechende Körperschaft. Sie versah nämlich offiziell unter dem Titel Spruchkollegium den Dienst als Sprucksinstanz in anhängigen Rechtsstreitigkeiten, fälfte


