Samstag deu 15. Juni
1807 — Mr. 87
TTxWh «Li - '*■
W
|*]
L
■
Yr. 26.
Eine Heiratsgeschichte, der Wirklichkeit nächerzählt von Harro Köhncke, Hamburg.
Nachdruck verbotet.
Er war Lehrer und fachwissenschaftlicher Schriftsteller in N., 38 Jahre alt und seit zwei Jahren kinderloser Witwer.
Jetzt stand er ganz allein auf der Welt, gehegt und gepflegt von seiner alten Babette, einem Jnventarienstück, das er noch von seiner Frau Mutter geerbt hatte. Schrecklich langweilig und ungemütlich war es bei i hm zu Hause, so daß er die meisten Abende in seiner Stammkneipe verbrachte; eine Gelegenheit, mit Freunden und Bekannten eine Partie Billard oder Skat zu spielen, fand sich dort jeden Abend.
Tast ihm dies Leben behagte, konnte er wirklich nicht behaupten; aber was sollte er machen? Heiraten? Gern! aber welche? Seine alte, 50 jährige Babette konnte er doch nicht heiraten, und andere weibliche Individuen kannte er eigentlich nicht.
Eines Abends in der Dämmerung saß er in seinem Zimmer und gab seinen Gedanken Audienz. Woran er dachte? Das wußte er wohl selber nicht; seine Laune war aber nicht gerade die beste. Da klingelts. Babette öffnet.
„Guten Abend, mein liebes Bettchen."
„Guten Abend, Herr Doktor."
„Nun, Sie sehen ja so griesgrLmlich aus; wo fehlts denn?"
„Mir fehlt, Gott sei Dank! nichts; aber er, Herr Doktor — es ist schrecklich — heute hat er wieder fast gar nichts gegessen, und ich hatte doch eine so schöne Suppe gekocht, und der Braten war ganz besonders gut. Sehen Sie doch einmal nach ihm und reden Sie ihm zu, daß er sich besser pflegt. So--"
„Ja, liebes Bab.ettchen, das will ich tun, das Zoll anders werden, so kann das nicht mehr fortgehen."
Nur schwach, aber doch ziemlich verständlich klang dieses Gespräch vom Korridor in das Zimmer.
„Herein!"
„Guten Abend, Hans."
„Guten Abend, Fritz. Hast du deine Piatienten schon besorgt und aufgehoben?"
„Ich komme eben zum letzten und schwersten, Hans. Was machst du mir für Sachen? Tu verschmähst mir die kräftige Suppe und den saftigen Bvaten deiner guten alten Babette! Willst du eine Hungerkur durchmachen?"
„Unsinn, Fritz. Aber es ist fpohl richtig: ich werde der alten Babette von Tag zu Tag unerträglicher."
„Sei nicht ungerecht, Hans! Tie Alte meint es gut mit dir; sie ginge für dich durchs Feuer. Es muß anders mit dir werden. So verkommst du an Leib und Seele."
„Tanke für das Prognostikon! Hast du sonst noch Schmerzen?"
„Nein, alter Junge, nur das alte Lied: du mußt heiraten! Meine Frau hat mich heute nur zu dem Zweck hergeschickt, dir dies alte Lied in allen möglichen Variationen vorzusingen. Sie hat noch immer die Hoffnung, daß dir doch irgend eine gefallen werde."
„Was? Eine Frau oder eine Variation des alten Liedes?"
„Beides, Hans, beides! Uebrigens, wenn du witzig wirst, kannst du ja nicht allzuschlechter Laune sein."
„Schieße nur los: Ich flehe es schon, du hast wieder eine in petto."
„Leider nein. Nach den schlechten Erfahrungen, die ich M dir mit meinen Vorschlägen bere'its gemacht habe, wage ich es nicht, dir noch einige Schönen zur Wahl zu präsentieren. Uebrigens wüßte ich auch keine; du mußt selbst 'suchen. Besuche doch einmal einen anständigen Ball und halte Rundschan. Es müßte doch mit d.cm Teufel zugehen, wenn für dich keine Frau zu
finden wäre."
„Lache mich aus, Fritz: ich habe das bereits' getan. Vorgestern bin ich auf dem Ball des Bürgervereins gewesen."
„9?a, und?"
„Ja, Fritz, es wird wohl an mir liegen, aber keine hat mtv gefallen. Ich habe — und du darfst mich wirklich auslachen —■ ich habe sogpr getanzt. Einige waren wirklich nicht übel; aber wenn sie den Mund austaten, dann hatte ich genug. Fade, Fritze trivial zum Davonlaufen." *
„Hör' mal, Hans, wie soll die denn eigentlich sein, die dir gefallen soll? Ich bin doch neugierig."
„Ach, laß das. Ich weiß es nicht; nur so viel weiß ich, daß sie anders sein muß, als diejenigen sind, die ich kenne."
„Also ein verschwommenes Ideal. Ja, alter Freund, da ist Vichts zu machen. Doch laß mal sehen, ob ich nicht auf chatechetische Manier das Bild etwas Gestalt gewinnen lassen kann."
„Jung?"
„Bin ich denn schon so ein alter Knabe, daß ich zufrieden sein muß, wenn eine alte Schachtel nicht „nein" sagt?"
„So zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre?"
„Mir schon recht."
„Hübsch?"
„Eine Vogelscheuche mag ich nicht, dst heirate ich lieber! meine alte Babette."
„Reich?"
„Unsinn, Fritz! We'nN sie zu wirtschaften versteht, baß wir mit meinen 5000 Mark anständig auskommen, dann bedarf es keines Geldes. Hat sie was, nun, da lebt sichs vielleicht ein bißchen angenehmer, zumal ich zum Pfennigfuchser nicht das geringste Talent habe."
„Hans, erschrick nicht, —. tpas meinst 'du 'zu einem Heiratsk gesuch?"
„Nein, alter Junge, das wollen wir doch lieber lassen. Die Damen, die sich da melden würden, dürften nicht nach meinenl Geschmacke sein."
„Sage das nicht. Ich kenne ein Ehepaar, das sich auf diesem! „nicht mehr ungewöhnlichen Wege" gefunden hat. Es sind hochachtbare und liebe Leute, und die Ehe ist 'die glücklichste, die. man sich denken kann."
„Ja, das große Los wird alljährlich auch ein- oder zweimal gewonnen. Wer aber in Hoffnung auf einen wichen Glücksfall in der Lotterie spielen wollte, wäre ein Narr.'
„Wie wäre es Hans, wenn du eilte gebildete Dame als Haushälterin suchtest? Gefallt ihr euch, Hann könnt ihr ja jeden Tag heiraten." ,, ., , . „„
„Eine anständige Dame, wenn sie nicht bereits tut Mittel- alter steht, zieht nicht pls Hausdame zii einem einzelnen fremden Herrn."
„Tas wollen wir doch Nicht so schroff dahin stellen. — Bitte, gib mir einmal dein Schreibzeug."
„Mas solls, Fritz? Mach keine Dummheiten!"
„Laß mich doch erst schreiben. Du kannst 'ja nachher urteile«! und dich entscheiden."


