Ausgabe 
14.10.1907
 
Einzelbild herunterladen

612

das Wort erst durch die darstellende Kraft des Schauspielers; ttforin diese besteht, ist 'bereits gesagt.

Um über das Wesen derNaumphaniasie", soweit die Szene, der dekorative Apparat dabei- in Frage kommt, keinem Mißver­ständnis zu begegnen, sei noch besonders darauf hingewiesen gewiß auch im Sinne Rothenburgs, daß die dekorative Kunst sich dem Schauspieler unterzuordnen hat, ihm nur zum darstellerischen Mittel dienen darf, nichts für sich soll gelten wollen; je diskreter und einfacher diese Außendinge, ein desto wirksameres Mittel werden sie dem Schauspieler.

Die Schauspielkunst muß auf Grundlage ihrer Ursprünglichkeit erneut imb vertieft werden, ohne in Einseitigkeit und Zersplitte­rung ihrer Mittel zu verfallen. In den Händen einer nach solchen Grundsätzen sich heranbildenden Schauspielergeneration liegt einzig und allein die Reform der Bühne sie wird kommen, wenn wir dazu reif sind.

* Das Neueste von den Moden. Aus Paris wird uns geschrieben: Tie volle Pracht der eleganten Toiletten, die den Pariser Straßenbildern ihren höchsten Reiz verleiht, be­ginnt sich allmählich wieder zu entfalten. Tas mondäne Publi­kum ist vom Landaufenthalte zurückgekehrt, zahlreiche Fremde stellen sich ein und so wogt denn, umrahmt von dem letzten starkfarbigen Leuchten des herbstlichen Laubes, eine vielgestal­tige Buntheit durch die breiten Avenuen. Sommerlich helle Töne mischen sich schon mit der dunkleren Ernsthaftigkeit der nahenden Winterkleidung; zwischen den lichten, duftig garnierten Sommerhüten tauchen die Herbsthüte aus mit ihren schweren Samtdrapierungen und den vollen Farben des Filzes. Die Hüte geben überhaupt dem neuesten Modebild einen besonderen und originellen Akzent. Strohhüte sind ganz verschwunden, und die Formen derDemi-saison" präsentieren sich in Filz und Samt, mit stolzen Federn und kühnen Aigretten. In diesen ersten Kreationen der neuen Hutmode lassen die Pariser Putzmache­rinnen ihrer Phantasie gern freien Lauf; sie versuchen, bizarre und geschmackvolle Eigenheiten durchzusetzen, die sie dann wieder verschwinden lassen, wenn die allgemeine Mode ihnen nicht folgt. So ist jetzt eine entschiedene Wneigung gegen die Clocheform zu konstatieren, die man sich während des langen Sommers recht übergetragen und übergesehen hat. Man sieht Hüte mit ganz schmalem Rand und sehr hohem Kops, ganz umsponnen von leuchtendem Samtband, und durch eine an der Seite getragene Aigrette abgeschlossen. Tann treten barettartige Hüte aus mit sehr breiten Rändern, einem Gewoge nickender Federn und einer blitzenden Schnalle an der Seite mehr vorn. Andere Formen zeigen als Garnierung Girlanden von großen Samtrosen in purpurnen und braunrötlicheu Tönen; große Aigretten scheinen sich überall durchsetzen zu wollen. Tas Violett, das die Lieb­lingsfarbe des Sommers war, verklingt allmählich; statt dessen erscheint das freundliche Nattier-Blau in einer etwas gedämpften Nuanee, ein volles Rosa, ein stumpfes Grün. Ueberhaupt kann man als Hauptfarben der neuen Mode Abtönungen in Blau, Grün, Ocker- und Bernsteingelb bezeichnen. Sehr viel sieht man Schleier von schwarzen Chantilly-Spitzen mit schmalem Rand und dann von Tüll mit großen Tupfen, die in Seide gestickt find und mit der Farbe des Hutes harmonieren. Pelze wagen sich hie ünd da schon hervor und man sieht in den Wagen elegante Colliers von weichem feinen Fuchspelz. Ueberhaupt werden weiche schmiegsame Pelze bevorzugt, uud den Höhepunkt des Schicken erreichen die stollenartigen Krawatten aus Zobel und Hermelin, ganz gleich auf beiden Seiten gearbeitet, die sich eng um den Hals schmiegen und mit ihren beiden langen Enden nach vorn und nach hinten herunterfallen. In den Automobilen, die in ihrer vornehmen Einrichtung wie entzückende Spiegelzimmer aus­sehen und einer schönen Toilette die herrlichste Umrahmung bieten, sieht man auch schon kostbare Gesellschaftstoiletten. Worth bringt eine neue Form des Prinzeßkleides, die ziemlich lose gearbeitet ist und die Taille etwas höher markiert. Mit ihm wetteifert Redfern, der sich diesmal die stolze Aufgabe gestellt hat, eine noch losere Form, die den drapierten Gewandungen der griechischen Kleidung angenähert ist, in die Salons ein­zuführen. Andere exotische Erfindungen bleiben nicht zurück. Die lockeren, losen Linien, die man anstrebt, führen auf die ka­priziös geschürztenPanniers" der Rokokozeit, und man bringt unterhalb der Hüften eine Bauschrmg des Rockes ein, die sehr kokett wirkt, aber wahrscheinlich erst im nächsten Sommer von den Modedamen aufgenommen werden wird. Großer Luxus wird mit kostbaren Besätzen, besonders mit dem Schmuck von Perlen und Edelsteinen getrieben und eine reiche Amerikanerin hat sich drei kostbare Toiletten anfertigen lassen, die nur den Fonds für einen überreichen Schmuck von Juwelen darbieten. Es sind das eine Perlen-, eine Smaragden- und eine Rubincn-Robe.

*®er Roman eines Kindes. Aus Moskau wird uns berichtet: Wie ein Roman klingt die Geschichte der selt­samen Schicksale, die die kleine Tochter eines Offiziers während des Krieges im Osten von der Seite der Eltern riß, die sie Mn, nach Jahren, dank einem glücklichen Zufall toieberfanbett.;

Während des Krieges war der Offizier zeitweilig in Laio-Yang stationiert und hier besuchte ihn seine Frau mit dem kleinen Töchterchen. Sie gerieten in den Strudel unerwarteter Ereig­nisse, es kam der Rückzug der russischen Armee und unmittelbar darnach überfielen raubende Tschuntschusen das Haus, in das Mutter und Kind sich geflüchtet hatten. In der Panik wurde das Kind von den Angehörigen getrennt und fiel den Räubern in die Hände. Ein Zufall fügte es, daß dieselbe Tschuntschusen-' bände kurze Zeit darauf von einem Detachement russischer Truppen aufgerieben wurde und lumter den Gefangenen sand man auch das kleine Mädchen. Man nahm sich des hilflosen Wesens an. Besonders (einer der Soldaten, ein gutmütiger Geselle, namens Gritzko, beschäftigte sich mit der Kleinen, beschützte sie mit säst mütterlicher Liebe, und als er kurze Zeit darauf verwundet wurde, nahm er seinen kleinen Pflegling mit heim nach Moskau/ Nachdem der Verwundete genesen war, bemühte er sich, seinen Broterwerb zu finden. Umsonst, nirgends bot sich ihm eine Anstellung und bald geriet er in bitterste Not. Trotzdem kam ihm nie der Gedanke, sich von seinem kleinen Pflegling zu trennen, und was er durch Betteln und kleine Gelegenheitsdienste erwarb, teilte er ehrlich mit seinem Schützling. Aber die Entbehrungen wie der Mangel an Nahrung uud Kälte warfen den ehemaligen Soldaten bald nieder und vor kurzem erlöste ihn der Tod von feilten Qualen. Hilflos blieb das kleine Geschöpf zurück. Die Eltern der Kleinen hatten indessen überall nach ihrem verlorenen' Kinde forschen lassen; aber nirgends fand sich eine Spur und sie mußten zu der Ueberzeugung gelangen, daß das Kind ein Opfer des Tschuntschusenüberfalles geworden und gemordet worden sei. Vor einigen Tagen ereignete sich nun vor dem fashionablenj Cafö Philpoff, das jeder Moskauer kennt, eine rührende Szene. Vor der Tür hält eine elegante Equipage, ein Offizier springt heraus und ist einer vornehmen Dame beim Aussteigen behilflich. Ein kleines Bettlerkind drängt sich ihnen entgegen und streckt flehend die kleine Hand hin. Tie Dame öffnet ihr Portemonnaie/ um dem armseligen Geschöpf ein Almosen zu reichen. Dabei erweckt ein unbestimmtes Etwas ein dem Kinde ihre Aufmerk­samkeit. Sie beugt sich nieder, schaut der Kleinen nahe ins Gesicht, nur einen Augenblick dann aber hörte man einen lauten Freudenschrei und die Mutter schloß ihr Kind in die Arme

*DerBriefeinesDien st Mädchens. Von einem Dienstmädchen ans der Pfalz ist dieser Tage der nachfolgende wörtlich abgeschriebene Brief bei einem württembergischefi Stadtschultheißenamt eingelaufen:

Hochgeehrter Herr Oberstatzanwald.

Ersuche gefälligst rechte meiner Glagsache, die gegen Wilhelm M. Angestrebt ist.

Ich übe küine Rache sondern suche Gottes Ehre und mein Rech ich bin eine tüchtige Ehrenhafte Person habe auch sonst ein gut Talend u bin ein Mädchen ohne Tadel

Meine Herrschaften ivaren imer zufriden ich war imer Golderlich es ist noch nihi über mich zu seiftzen u zu Glucken gewesen ich bin stetz ein Muster der Dienstboten.

Das ich eine Martirin war Sind beweise von je 2 uebest Vulern bei St Sowie bei M.

HochactUngvol L. St.

Sehe dankent einer erqwickeuten Nachricht engegen Euere kumervol Leidente L. St."

Goldene Worte.

Mit Wahrheit ist man überall der Welt, Sowohl den Bösen, als den Frommen, Beim ersten Augenblick nicht sehr willkommen. Denn niemand will, daß ihm die Kappe schellt.

Seume.

Lieben uns die Frauen, so verzeihen sie uns alles, selbst unsere Vergehen; lieben sie uns nicht, so verzeihen sie uns nichts, selbst unsere Tugenden nicht. Balzac.

Citatenrätsel.

Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich em neues Citnt ergibt:

1. Wohltätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt bewacht.

2. Den Menschen adelt, den tiesgesunkcnen, das letzte Schicksal.

8. Der Wille lockt die Taten nicht herbei.

4. Das hat die Freude mit dem Schmerz gemein, daß sie die Menschen der Verminst beraubt.

6. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.

6. Nie kommt ein Unglück ohne sein Gefolge.

7. Das Glück ist eiiie leichte Dirne.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer.

Freier.

RedaktionW Schtatiorlsdruck und Vertag der