Ausgabe 
12.10.1907
 
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.Drama umzuwandeln beschloß. Leider ist es nur Fragment geblieben. Friedrich Spielhagen aber sollte ohne die Pro­tektion dieses und anderer Großen seinen Weg machen. Mit seinem folgenden Buche erregte er ein Aufsehen, wie es nur selten vorkommt und wie es vielleicht nur Goethe durch seinen Wertherroman hervorgerufen hatte. Durch die Problematischen Naturen" .(1860) wurde das sozialpolitische Gebiet für den Roman erobert und zum erstenmal die Poesie der Ostsee enthüllt. Großartig ist die Entwicklung, die Spielhagen seit dem Erscheinen dieses seines Erstlingswerkes durchgemacht hat und die wir an der Hand seiner zahlreichen Romane, Novellen, Dramen, Gedichte, ästhetischen Studien, Uebersetzungen usw. zu erkennen vermögen.

Nur einmal hat sich Spielhagen dem Gebiet des histo­rischen genähert, als er-inNoblesse oblige das gewaltige Ringen zu schildern unternahm, womit unsere Großväter und Urgroßväter Napoleons ehernes Joch abgeschüttelt haben. Sonst spielen seine Romane und Novellen fast aus­nahmslos in der Zeit, der er selbst angehört, und heute muß Spielhageu, der dem historischen Roman nicht viel Gutes nachsagt, zugeben, daß seine bekanntesten Zeitromane, die uns die Revolution von 1848, die Bewegung um Lasalle, den moralischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch von 1873, die Entwicklung der Sozialdemokratie erzählen, ge­radezu als historische Romane angesehen werden müssen. Wie klingen aus den leidenschaftlichen oder satirischen Ge­sprächen seiner Personen die Stimme des Tages, die De­batten des Parlaments, der stürmische Ton bewegter und erregter Versammlungen jener Tage denr Leser ins O'hr! Was beim Erscheinen, der RomaneProblematische Na-, tuten",Sturmflut",Was will das werden" aktuellstes Leben war, das sind jetzt-Dokumente der Geschichte.

Neben den großen Zeitromanen, in denen das Pathos der politischen Lyrik zu epischer Ruhe und Gestaltung ab-, geklärt ist, und neben seinen Novellen hat Spielhagen haupt­sächlich noch die psychologische Problemdichtung bevorzugt, bei der der Schiverpuukt aus die innere Entwicklung des Helden oder. der Heldin gelegt ist, wie imSonntagskind", Stumme des Himmels",Selbstgerecht",Faustulus", Herrin" oderFreigeboren". . -

Wein es versagt ist, den ganzen Spielhagen auf einmal zu bewältigen, dem hat, jetzt die Berlagshandlung*) in einer preiswerten, vornehm ausgestatteten Auswahl von Spielhagens besten Romanen eine Gelegenheit geboten, sich ein gutes Bild von Spielhagens Schaffen zu machen. Vier Zeitromane (Problematische Naturen, Sturmflut, Was will das werden?, Opfer) und drei psychologische Problembich­tungen (Sonntagskind, Stumme des Himmels, Freigeboren), also die erste und die letzte Roniandichtung des Meisters, sowie den Sturmfltttroman, der als Höhepunkt des Spiel- hagenschen Schaffens bezeichnet wird, enthält diese Samm­lung. Was wir auch an Spielhagens Werken auszusetzen haben, sie sind nationale Taten, die die Liebe zur Heimat und das Interesse am Modernen Leben lebendig erhalten haben und den Menschen aus der Enge des Banausentums in die Höhe des freien Gedankens erheben.

Die menschliche Tüchtigkeit Spielhagens ist sein Rechts­titel im Reichs, der Geister und die edle und hinreißende Leidenschaft, mit der er namentlich die Frauen und die Jugend so-sehr ungezogen hatte, als seine Romane zum erstenmal erschienen. Die Briefe des jungen Friedrich Nietzsche, der einst stolz darauf war derselben Bonner Burschenschaft Frankonia anzugehören, die Spielhagen unter ihre asten Herren zählte, und der eine persönliche Annäherung an Spielhagen ersehnte, sind ein wertvolles Dokument dafür, wie die besten Jünglinge Deutschlands für Spielhagen geschwärmt haben. An seinen Freund von Gersdorff schrieb er am 25.. Mai 1865:Einige Kapitel in den Problematischen Naturen habe ich bewundert. Sie haben wirklich Goethesche Kraft und Anschaulichkeit. Ich hoffe, Spielhagen diesen Sommer kennen zu lernen." Am

*) Friedrich Spielhagens ausgewählte Romane, Leipzig, L. Ataackmann. 5 Bde. Mk. 18..

1. Dezember 1867 schreibt er an Gersdorff:Der Roman, von dem ich nun reden will, ist das beste Erzeugnis einer Dichtung in jenem tragischen, fast asketischen Sinne Schopenhauers, eine Dichtung voll des höchsten Kunst-, wertes, einer großartigen Fülle von Gedanken und im schönsten liebenswürdigsten Stile geschrieben. Das ist der letzte Roman SpielhagensIn Reih und Glied" betitelt- von dem man wenig liest, weil sein Verfasser zu stolz ist, einer Klique sich anzuschließen, wie sie z. B. Freytag besitzt. Mein Lehrer Ritschl urteilt, daß dieser letzte Roman zehnmal soviel wert sei, wie der ganze Freytag." Im Jahre 1868 (am 16. Februar) schreibt Nietzsche:Uebrigens gehört Spielhagen zu denen, mit welchen ich ein persönliches Ver­hältnis wünsche; vielleicht gibt sich in Berlin einmal eine Annäherung. Ich wundere mich, daß Du nicht einmal dem^ ausgezeichneten Manne einen Besuch abstattest. Wir müssen uns unsere philosophischen Freunde etwas zu-, sammensuchen."

Nachdem Spielhagen länger als ein Bierteljahrhundert als ein Führer unserer Literatur gefeiert worden war, rich­teten die Stürmer und Dränger der achtziger und neun­ziger Jahre manchen Pfeil gegen ihn, was der Popularität des Dichters Abbruch tat. Statt den. Neuerern zu zürnen, versuchte Spielhagen ihre Forderungen und ihre Leistungen ehrlich zu verstehen, gewann es über sich, für die neue Kunst manche Lanze zu brechen und vermochte so die Oppo­sition zu überwinden.

Laudwirtschaftttchs Erzeugnisse vor Jahren,

(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)

Einschließlich der wenigen Dorfhandwerker waren vor 200 Jahren alle übrigen Landbewohner mit Landwirtschaft beschäftigt. Selbst die Pfarrer und Schullehrer waren darauf angewiesen, ihre als Besoldung überwiesenen Pfarr- nnd Schulgärten zu bebauen. Darum findet man auch heute twch bei alten Pfarr- und Schulhäusern die zugehörigen Oekonomiegebäude. Der Ackerbau war also für alle Land­bewohner die Hauptnahrungsquelle. Unsere heute noch angebauten Körnerfrüchte, wie Korn, Weizen, Gerste und Hafer waren von altersher bekannt. Auch Erbsen, Linsen, Flachs und Rüben wurden fleißig gezogen. Unter den Gemüsen wird, außer Kohlrüben, Weißkraut und Möhren am meisten genannt. Der Kartoffelbau war noch unbekannt. Die e r st e K a r t o f f e l in Deutschland hat der im Jahre 1621 verstorbene Professor der Arzneikunde Johannes Matthäus in Herborn als Zierpflanze im Blumentopf gezogen, und die erste Kartoffel-Blüte hat einer Herborner Bürgerstochter als Brautschmuck bei der Trauung gedient. Wenn man auch den Nährwert und Wohlgeschmack der Kartoffel erkannte, zum regelrechten Anbau kam es noch nicht; dazu waren die schlimmen Zeiten des 30 jährigen Krieges und die späteren Franzosen­kriege nicht angetan. Im ganzen 17. Jahrhundert wurde für die Anpflanzung der Kartoffel höchstens ein Stück Gartenland eingeräumt. Erst nach, dem Hungerjahr 1771/72 wurde der Kartoffelbau in Oberhessen, Nassau und Kur­hessen allgemein. Als einige Jahre später als Futtern pflanze auch noch der rote Klee eingeführt wurde, schwand die Brachfeldwirtschaft immer mehr und an Stelle des Weideganges für das Rindvieh schritt man allmählich zur Sommer-Stallfütterung.

Mit dem Obstbau waren auf dem platten Lande nur geringe Anfänge gemacht. Wenn auch schon 1734 als ein gutes Obstjahr bezeichnet wird, wie ein Joh. Magnus aus Gr.-Lind en in seinem Tagebuch berichtet, so sind damit doch nur geringwertige, Sorten gemeint, deren Früchte meist zu Obstwein und-Essig Verwendung fanden. Eine Ausnahme davon Mächten die herrschaftlichen Gärt­nereien und Klostergärten.

Eine große Förderung des Obstbaues in der Wetterau und dem Lahntal geschah in den letzten Dezennien des 18.