Ausgabe 
12.8.1907
 
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Montag den 12. August

Wr. 118

1807

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Jun Ken unter der Asche, Roman von M. Proßnitz (M. Nörenberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

Schluß.

Herbst wars! Zum zweitenmal Herbst seit dem Tode des Hofmarschalls. . _ v

Es war vieles anders geworden in Veltlingen, seit die Ba­ronin in den Besitz der großen Herrschaft gekommen war. Tenn als Dagmar endlich völlig genesen war, begann sie sich mit wahrem Feuereifer an all die Verbesserungen zu machen, welche sie in den Langen, einsamen Stunden auf ihrem Kranien- lager ersonnen hatte.

Freilich, Wochen und Monate toareit vergangen, ehe sie zum erstenmal aufstehen durfte. Und dann fühlte sie sich ängstlich noch so matt und elend, so verzagt und lebensunlustig, daß ea lediglich dem nimmermüden Zuspruch des Pastors .Nnller zu danken war, daß der Lebenswille langsam, v Wie langsam in tbr crft-nr tte. ,

Oder trug der Brief von Uchdors auch ein wenig dazu bei? Der Brief, den sie ebenso wie die Kudern Beileidsschreiben erst lange nach dem Eintreffen ausgehändigt erhielt, weil der Arzt es vorher nicht gestattete. Trug der Brief auch dazu bet ? . . .

Sie dankte es Uchdors von Herzensgrund- daß er ihr nur fein Beileid zu dem Tode des Kindes aussprach, diesem herben Ver­lust, an dem er mit treuem Frenndesherzen aufrichtigen Anteil

Mit der Bitte, sich allezeit vertrauensvoll an seinen Freun­desrat zn wenden, wann immer er ihr in ihrem großen Pflichtew- kreis damit dienen könne, schloß das herzliche Schreiben.

Wehmütig lächelnd hatte Dagmar den Brief sortgelegt. Wie wohl diese stille Verehrung tat, die ihr so deutlich zwischen den Zeilen entgegen leuchtete. Eine Verehrung, die hostentlich irei war und frei blieb von persönlichen Wünschen seinerseits.

Ein trüber Zug huschte über ihr Gesicht. Nie hätte sie ge­glaubt, daß ein Menschenherz so bar aller Siebe tu dem Sinne sein könne, so gänzlich teer wie jetzt das ihre, -ja, dessen einst so heißes Feuer war ausgebrannt zu Asche gewor­den ...

Sie las von neuem Uchdorfs Worte. Ah, sie wollte tapfer und treu ihre Pflicht tun, arbeiten zum Wohl derer, die ihr unterstellt waren, für deren Ergehen sie sich jetzt mehr denn te verantwortlich fühlte.

In dem Sinne schrieb sie auch an Uchdors, gleichzeitig mit herzlichem Dank sein Anerbieten treuer Freundschaft annehmend.

Sie sollte bald genug in die Sage kommen, diese nötig zu haben. Ihr alter, seit Jahren in Veltlingen bediensteter Ver­walter starb schnell und unerwartet an den Folgen einer Lungen- entzündnng. Uchdorfs Vermittlung hatte sie den jungen, wie es schien sehr tüchtigen Nachfolger zu danken.

Seit jener Zeit begann zwischen Mergenthal und Veltlmgen ein regelmäßiger Briefwechsel. Anfänglich nur streng geschäftlich, berührten die Schreibenden später ab und an auch persönliche An- gelegenheiten.

Mehr iind nie'fyr wurden ihre Mitteilungen ein Austausch von ' seelischen Erlebnissen, nicht nur von streng geschäftlichen Angelegenheiten, bei deren wichtigsten Entscheidungen Dagmar sich' unbedingt Uchdorfs klugen Ratschlägen unterordnete. . .

So waren nach dem bangen und trüben Winter -rrnyling und Sommer ins Naud gezogen. Sie hatten Dagmar viel frohe Stunden gebracht, wenn auch oft genug die Erinnerung an da^ schwere Unrecht, welches Veltlingen ihr zugefügt hatte, vor ihr aufgestiegen war. Aber je weiter die Zeit ins Sand ging, w mehr itterfte die Wahrheit ifi- ctpiQ.

Ein mildes Verzeihen begcint; allmählich- in ihr Sbcxj Ennzu- ziehen und damit leise, ganz leise ein Vergessen . . . em Ver­geben dessen, was Veltlingen ihr getan, über das ihr feder ver­flossene Tag eilten neuen, sanften Schleier zu breiten schien.

Sie merkte gar nicht, wie ihr Herz gesundete, spurte auch nicht das Seife, Zarte, was da so heimlich in ihr wuchs und er- starkte. Sie freute sich nur harmlos ihres Lebensmutes

Ten Habe ich Dank Gottes und Ihrer treuen Freundeshilfe wiedergewounen," schrieb sie, unter Anderem im, Herbst an Uch- dorf, und ahnte doch nicht, welche tiefe Sehnsucht durch ihre Zeilen klang. , , ,. ., ,

Umgehend hatte sie die Antwort in Händen, die ihr Uch­dorfs Freude über ihren Lebensmut laussprach. Es lag mn eigener Ton in dem glanzen Brief. Mehr denn ionfi erzählte Uchdors darin von sich nnd seinem Mergenthal.

Als ob ich nicht schon längst gern davon gehört hatte. Schön muß es da sein," zog es ihr durch den Sinn, während sie mit srohen Augen weiter las. Und dann erbleichte sie plötzlich bis in die Lippen. Also deshalb schrieb er ihr so ge­nau von Mergenthal!

, Es sehnt sich mach einer Herrin. Finden etc das begreiflich, teuerste Freundin? Ich warte mit Sehnsucht auf Ihre Antwort.

Begreiflich?" wiederholte Tjagmar leife. Em weher Zug glitt' über ihr Gesicht. Begreiflich? Nur zu sehr. Für ilm lWr Tmurig ' senkte sie den Kopf. Sie verstand auf einmal gar nicht ihren einfältigen Glauben, es Würde für alle Zeiten zwischen ihnen so bfeiben wie bisher. Immer, immer...

Sie seufzte. Nicht einmal den Namen seiner Auserwrenen teilte er ihr in seiner Herzensfreude mit!

Wenn sie nur erst den Brief beantwortet hatte. Ochwer^ bitter schwer würde ihr d'as werden. Aber was half das? Antworten mußte sie ihm doch daraus und je ^Her dns geschah, je besser war es. Aber es währte doch lange,. bis sie dieser Brief fertig hatte. Diesen Brief, in dem sie Uchdors so steif und hölzern alles gute zu feinem Vorhaben wünschte, in jedem Wort dem aufmerksamen Leser die Pein der «chreiberm t) erriet

Als sie sich, nachdem das Schreiben kuverttert und ge- fieaelt war, erhob, tag ein eigenartig stiller, gefaßter Ausdruck auf ihren Zügen. Ja, auch das mußte durchgekämpft wer- i*01' Mi/^ diesem festen Entschluß ging sie ihren täglichen Be­schäftigungen nach. Aber ihre Gedanken kamen trotzdem nicht