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„Süßes Kind, frage nicht, ach, frage nicht! Dn bist von hoher Abkunft — hoch in gewissem Sinne, und bei deiner Geburt standen die Sterwe günstig. Dein Los muß strahlend werden, strahlend, hörst du, und glücklich! Ein großer, gewaltiger Flug nach der Sonne!"
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Jugendzeit,
Erinnerungen eines alten Gießeners.
Nachdruck verboten.
VI.
Ich muß nun mit einigen Worten erzählen, wie es kam, daß ich bei Direktor Geist schon als Sekundaner einen Stein im
Ich war von Haus aus musikalisch, hatte vom 10. Jahre an im Alt des akademischen Gesangvereins mitgesungen und war eine wesentliche Stütze des alten Musikdirektors Hofmann in der Gesangstunde als Altist. Meine Stimme brach sich schon mit U1/2 Jahren und aus dem Mtus Ostern 1850 m ußte ich, gänzlich ungeschult, aber mit kräftiger Baßstimme (horribile dictu) die große Baßarie mit vvrausgehendem Rezitativ aus der Schöpfung von» Haydn singen, 1851 ebenfalls noch in Sekunda die Sarastro-Arie
der Zauberflöte.
Diese Mißhandlung meiner Stimme, durch zu frühe An- strengung hatte nicht nur die nachteiligsten Folgen für die Stimme selbst und die Stimmbänder, sondern sie entwickelte auch einen chronischen Katarrh der Rachenschleimhäutc, mit welchem ich mein ganzes Leben zu tun gehabt habe. Die Folgen traten natürlich erst nach und nach ein, aber sie sind auf den Mißbrauch der werdenden, Stimme zurückzuführen.
Herr Direktor Geist hatte offenbar keine Ahnung davon, daß man einen fünfzehnjährigen Menschen nicht SchöpfungK- nud Sarastro-Arien fingen lassen darf, meine Eltern gaben nicht Acht darauf und ich selbst war eitel aus mehren frühen Baß und ließ gerne mit ihin renommieren und renommierte selbst damit. Direktor Geist hatte aber eine gewisse Vorliebe für meine frühzeitige umsi- kalische Befähigung, und da ich auch körperlich meinem Alter voraus war, so übertrug er mir bereits' in der Obersekunda das Amt eines Gesangstundsaufsehers, der dem alten Musikdirektorches; bei Erhaltung der Disziplin, Sorge für den richtigen Besuch nsw. Leistehen sollte. Ich muß die mir übertragene Polizeiaufsicht taktvoll ausgeführt haben, denn ich wurde von meinen Milsangern darob nicht nur angesehen, sondern vielmehr durch Rücksichttmhme auf das alte Männchen unterstützt.
Die Gesaugstünde war äußerlich tadellos iu der Reihe. Die Leistungen konnten allerdings bei der Insuffizienz des durch Alter nitb Kränklichkeit reduzierten Lehrers keine hervorragende fein, wir hatten aber damals ein prächtiges Stimmaterial und der Vortrag der üblichen AktuA-Gesäuge >vie der Wickinger Balk u. a. war tadellos.
Es schien mir, als ob Direktor Geist einen kleinen Teil dieses Erfolges mir beimesse. Ich genoß wenigstens sein Wohlwollen schon iu der Sekunda, und er hat mir dies auch in der Prima erhalten, vielleicht auch deshalb, weil ich einer seiner besten Lateiner war.
lieber diesen Mann ist viel gespottet worden. Karl Bogt begann einen Artikel in der „Gartenlaube": „In Gießen hatten wir einen Direktor, der hieß Geist, wahrscheinlich weil er keinen hatte", und mit dem Dr. Samuel Heinzerling in Ecksteins „Besuch im Karzer" ist er gemeint. Spott ist billig. Das aber Turnt ich behaupten, daß ich (und dies gilt auch von vielen meiner Mitschüler) keinem Lehrer so viel an Kenntnissen und Urteil verdanke, ioie ihm.
Er führte uns tu den Horaz ein. Seine Erklärungen ließen Uns Geschmack an dessen Oden finden. Die Metrik lernten wir dabei spielend. Er lehrte uns das elegante Latein Ciceros >vür- digen und in den freien schriftlichen Arbeiten nachahnten. Was ich von alter und neuer Literaturgeschichte kannte, — ttttb das war bezüglich der letzteren nicht wenig —, verdankte ich seinem Vortrag und seiner Anregung zur Lektüre. Die Lektüre des Oedipu.s ThrannoA war uns ein Genuß. Seine Stimme war ja zum Vortrag nicht sehr geeignet (und sein Spitznanre Pater Deididi wurde aus ihr hergeleitet), allein wem» er uns einen Chorgesang aus, der, Sophokleischen Tragödie vorlas, wurdest wir von der Schönheit der griechischen Sprache durchdrungen. Die Lektüre des Kriton gestaltete sich für mich zu entern Glaubensbekenntnis.
Wie sehr fiel dagegen die Lektüre der Ilias bei Dr. Rumpf ab, der sich nie von der „Idee trennen konnte, daß die Lektüre des Schriststellers der Prüfstein sei für die genügende Kenntnis der, Grammatik, der Mnitdarten und der Partikel; ivenn wir nicht unseren alten Boß als Hilfsmittel gehabt hätten, wir würden nie von der Schönheit der Ilias den richttgen Begriff erhalten habest. (Dr. Rumpf war eilt auerkatmt tüchtiger Gelehrter und erhielt später einen Ruf an ein Frankfurter Gymnasium.) Direktor Geist war der einzige Lehrer, welcher mit seinem Pensum rechtzeitig fertig Ivurde. Er war wohlwollend und streng gerecht und wir wenigstens hatten allen Respekt vor ihm. Später soll es allerdings anders gelvvrden sein. Zn meuter Zeit Hand er in der vollen Manneskraft, und wenn eS gilt, seine
Leistungen zu würdigen, so ist es unbillig, die Zeit des Verfalls zum Maßstab zu nehmen.
Er und Professor Sold an waren mit Rumps die einzigen tüchtigen Lehrer am Gymnasiunt, die ich seit Sexta gehabt habe.
Ich habe noch mttzuteilen, daß wir eine Klassen Verbindung hatten, in die ich schon als Obersektindaner aufgencunmat wurde. Im Gegensatz ztt den sogeuanutett Klassett-Hessen ver- fvlglett lvir ideale Zwecke: Lektüre und Kritik alter und neuer Literaturerscheiitungen, besoitders poetischer, Einführung iu die Würdigttng alter und neuer Kunst, Genttß der freien Natur, daztt Turttett und Fechten.
Wir hatten keine Kneipe, habcit aber int Sommer manchmal ein Fäßthen Bier, im Freien lagernd, an einem schönen Paukte getrttnken, stets in dett Gvettzeu der Mäßigkeit.
Wir trugen keine Bänder, aber wir nannten uns Germania, weil von jeden; Mitglied vor allem ,Strebest nach Freiheit tsnd Einheit Deutschlands verlangt wurde, uitd hatten die Farben schwarz-rot-grün in unserem Wappen.
Einige Mitglieder gründeten nach ihrem Abgang im Herbst 1851 die Burschenschaft Germania auf der Hochschule Gießen und nahmen die Farben und die Benennung von unserer Klassen-Germania herüber. Es ist verständlich, daß wir, die !vir zuruckblieben, uns schon auf dem Gymnasium an die nenbegründete Burschenschaft anlehnten. In Oberprima haben wir auch manchmal eine Kneipe mitgemacht. Es ivar gut, daß die Lehrer von unserer Verbindung keine Kenntnis erhielten. Eine derartige Schülervcrbindung konnte für die Seteitigten keine Nachteile haben. Aber bei der rückläufigen Bewegung, die jene Zeit beherrschte, wärest mir schon wegen des apolitischen Bei- geschmacks, welcher dem Wort Germania auhastete, bei der Entdeckung unbedingt aus dem Gymnasium geflogen.
Als ich im Frühjahr 1853 in die Maturitätsprüfung ging, war ich ein ausgewachsener, schwarzbärtiger, leider ein wenig zu kurz geratener Mensch und reif für die Hochschule.
Ich heintste meinen Zweier ein, obwohl ich im deutschen Aufsatz eine schändliche Unkenntuis der Weltlage zur Zeit Karls des Fünftest verriet ssstd obwohl mir int Französischen seitens des Dr. H., meines früheren Klasseuführers von Sexta, die Note „ungenügend" zuteil ivurde.
Dr. H. konnte sich zum Abschied eine kleine Bosheit nicht verksteifen. Er sagte ztt mir: „Na, Kraft, Sie habest den besten Aufsatz geschrieben (Ksmstpause), dem Inhalt nach, sonst war er der schlechteste." Meist (Sott, ich konnte gerade so viel oder so wenig Französisch wie die Gettügenden und hätte mir luic sie eine Portion Phrasen aus deut Hirzel, der uns zu Gebot stastd, zusammeMeistern, oder wie einige, mir einen netten Aufsatz auf der Leibschen Kegelbahn, die an die Gymnasialmauer anschlvß, schreiben lassest Können. Ich stahnt von den übrigen Lehrern, auch von meinem guten Dr. K., dankerfüllten Abschied. Dem Dr. H. glaubte ich feinen Dank^fchuldig zu sein.,
Unter Beztig auf diese allgemein lebhaft diskutierte Artikelserie ging uns folgende Zuschrift zu:
Der Gießener Anzeiger brachte auch in der Nr. 51 seiner Famk- lienblätter „Erinnerungen eines altest Gießeners". In ihrem letzten Teile sisid dieselben ungenau und sollest deshalb von den die Tatsachen heute tsoch Wifsessden richtiggestellt luerben.
In der damals bewegten Zeit war Besitzer des Gasthofs zunt Hirsch Heinrich Becker, der vordem seinem Schwiegervater Herrn Magnus Schwan gehörte. Im Herbst 1849 wurde» 18 Mann und 24 Pferde Mecklenburger Dragoner daselbst ein- auartiert und zwar mit Verpflegung. Den Besitzern fiel sofort das aufgeregte Wesen der Soldaten auf, und niemand konnte es ihnen recht machest. Nachdem den Pferden eine gute Streu gemacht war, verlangtest die Soldaten immer stoch mehr. Die Frau des Besitzers ging deshalb zu dem Hasiptmassst der Schwadron, der die Soldaten mit folgenden Worten zurechtwies: „Ihr Rüpels, woztt verlangt ihr noch mehr? Die Pferde stehen ja bis zum. Bauch int Stroh." Nachdem sich nun die Mannschaft an dem Mittagessen um hs3 Uhr, bestehend aus guter bürgerlicher Kost und Bier, dem zum Schluß noch Zigarrest folgten, gütlich getan, betrachtete sie die in dem Saale anfgehäugteit Bilder (das Rumpfparlament sind auf 6eiben Seiten desselben Robert Blum und Karl Bogt). Sofort sagtest mehrere: „Ha, da hängest ja auch solche Demo- kratenhuude. Wenn wir die hätten, die würdest wir spießen. Der Wirt erwiderte: „Was haben Ihnen denn die Leute getan? Lassest Sie sie doch in' Frieden," worauf die Soldaten ihn an- fsthrett: „Sie sind wohl auch ein solcher Demokratenhund? Wir kommen aus Feindesland, wo wir verschiedene Ihrer Sorte ausgespießt haben, und da kommt es uns auch heute auf ein vdey zwei Dutzend mehr oder weniger nicht an." Wie bereits erwähnt, trotz bester Verpflegung stichtett sie unter stetem Murrest Händel an- zufastgen, sodaß der Wirt sehr an sich halten mußte, das; es nicht zum Aeußerstett tot. Seine Ruhe war ja auch ivohl gegen solche Ucbermacht das Richtigste. Am nächsten Morgen nach dem zweites; Frühstück, welches aus Bsttter und Käse bestand und auf Zinnschüsseln und Tellers; serviert wurde, wiesen sie dasselbe zurück und hieben mit dem Pallasch auf Schüssel und Teller los, bis sie flach geschlagen waren; sodam; verlangten sie Schinken oder Speck, wovon kein Vorrat bei der damaligen teuren Zeit (ein


