Ausgabe 
12.4.1907
 
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kamen nur Äiese tollen Gedanken in seinen sonst doch ver­günstigen Kopf.

Ernas Freundschaft war ihm von hohem Wert, als ein bedeutendes, herrliches Mädchen stand sie vor seinem Geist, der dereinst ein recht Würdiger beschieden sein mochte, aber zum Weibe begehrte er sich die andere, das kleine, fremde Vögelchen im warmen Nest. Morgen kein Tag sollte länger vergehen morgen wollte er dem Kommerzienrat seine Wünsche Vor­trägen und dann, wenn Sylvia vorbereitet war, mit ihr sprechen.

Auf die Sturmnacht war ein klarer, aber kalter Tag ge­folgt, cs war zn Ende des Oktober. Sylvia fas; heute aus­nahmsweise sinnig und ausdauernd vor ihrer Staffelei und malte an dem kleinen Blnmcnstück, das sic schon im Frühling begonnen hatte. Ihr rosiges Gesichtchen war ein wenig blasser, als gewöhnlich, sie sah beinahe ernst ans.

Fran Cöleftine Zernial saß neben ihr, oben in dem rei­zenden Mädchenstübchen, welches Erna mit allerlei Zieraten von ihrer fleißigen Hand geschmückt, und wo sie sich redlich be­mühte, die Ordnung, die dazu gehörte, zu erhalten.

Heute war Erna unten in den Wirtschaftsräumen beschäftigt, wobei sie, wie gewöhnlich Sylvias, des unruhigen Quirls ange- botenc Hilfe abgelehnt hatte, und es blieb ihr erspart, sich über das geniale Durcheinander zu ärgern, welches bei der Tante Anwesenheit unvermeidlich war. - Alle Stühle und Tische und sonstige, irgend belehnbare Möbel waren mit Garderobenstüaen, .Photographien, Briefen, Bändern und Blumen bedeckt, welche teils Sylvia auf der Tante Geheiß, oder diese selbst ans Schränken, Kisten und Kasten zusammengetragen. Tante Cölc- stinens unruhige Phantasie war stets mit Ideen für neue Toiletten oder der Auffrischung älterer beschäftigt, und dazwischen kräu­selten sich ld'ann Reminiszenzen aller Art, welche ein Durch­stöbern sämtlicher Schiebfächer veranlaßten.

. Sylvia war aber heute nachdenklicher als sonst, und nicht so zn den verschiedenen Spielereien aufgelegt. Sie malte, als vb das Bildchen um jeden Preis vollendet werden müsse, hielt ihre Palette sehr graziös in der Linken, hatte eine riesige Schürze über ihr blaues Tuchkleid mit dem reichen Sammetbesatz ge­tan, und mischte die Farben mit schwerer Miene.

Roderich wird es einmal ganz anders verstehen als sein philisterhafter Vater, von dem vielen Gelde, das zusammenge­scharrt worden, etwas zu haben," sagte Fran Zernial in Fort­setzung eines Themas, das sie schon eine geraume Weile des laugen und breiten behandelt.Roderich hat Geist, Geschmack und Temperament. O, mein Himmel, wie hasse ich diese tem­peramentlosen Menschen!" rief sie und schlug ihre Hände über den Kopf, daß alle die Ketten und Armspangen zusammenklirrten. Sie brüsten sich so sehr mit ihrer Ehrbarkeit und Solidität, und sie könnten beim besten Willen nicht anders sein. Ro­derich hat den Wunsch, nach Paris zu gehen und ich glaube der Alte ist weich gemacht und willigt ein, es ist ja eine wahre Schande, daß der, der einzige Sohn eines Millionärs, noch so wenig von der Welt gesehen hat aber es kostet ein paar Kröten, chud der Alte ist ein Filz ivar es von jeher. Herzchen! Liebling! Wenn dn mit ihm reisen könntest!"

Sylvia errötete dunkel.

Aber Tante!" rief sie beinahe ärgerlich,wie sollte ich mit Roderich auf .Reisen gehen können! Ihre Schwestern nehmen die Herren nicht mit, und Roderich erst recht nicht."

Ach! Du bist ja gar nicht seine Schwester, und du kleines, dummes Schätzchen, bist dir deiner Macht über ihn gar nicht bewußt. Er ginge schließlich für dich durchs Feuer."

Roderich geht für keinen durchs Feuer," meinte Sylvia lachend.

Für andere allerdings nicht, einzig für die Frau, die er 'liebt, und die ihn zu nehmen wüßte. Ha, ha! Du ahnst es ja noch nicht, was cs heißt, wenn ein Mann verliebt ist."

Tante! Tante Cölestine!"

Ach, dummes Zeug, Kleine, wir sind hier'ganz unter uns, und vor mir brauchst du dich wahrhaftig nicht zu verstellen. Daß der Roderich cs auch dir angetan hat, wußte ich vom ersten Tage an, und weshalb wolltest du dich dessen schämen. Du darfst es ihm nur nicht zu sehr zeigen, die Männer müssen immer in der Werbestimmung erhalten werden. O, das ist die Aufgabe von uns Frauen, daß wir ihnen stets eine neue Seite unseres Wesens, stets eine begehrenswertere enthüllen. Du hast übrigens eine ganz pikante Art, Liebling."

Sylvia antwortete nicht. Solche Sprache war ihr zn nnge- wohnt, als daß sie nicht ihre feineren Gefühle verletzt hätte. Da­neben waren schon alle eiteln, unvernünftigen, begehrlichen Re­gungen in ihr geweckt, sie wurden von Tag zu Tag durch solche Reden genährt und faßten mehr und mehr Wurzel. Es Ivar ja

Unsinn, was die Tante da schwatzte, aber entzückend, zum närrisch werden köstlich war der Gedanke, mit Roderich nach Paris zu gehen. Er hatte gestern abend Andeutungen gemacht, als ob er bald reisen würde, auch mit Hendrichs von Paris gesprochen und seinem Zusammentreffen dort mit ihm sie hatte cs wähl gehört. Und traurig hatten seine Worte geklungenarme Kleine, was wird dann ans dir upd unseren Hebungen?" Und später hatte er sie geküßt, heimlich, und ganz anders als früher, da sie noch Bruder und Schwester waren. Es dünkte sie oft, als sei eine rätselhafte Kluft zwischen jenen Tagen und heute, wo süße Flüsterreden zwischen ihnen getauscht wurden, und Tante Cölestine immer davon redete, daß sie einander heiraten könnten.

Wenn Roderich sie heiratete und sie ginge als seine Frau mit ihm nach Paris eilte jähe Blutwelle schoß ihr ins Gesicht nein, das war ein zu wunderlicher Gedanke. Aber lieb hatte er sie, sehr lieb, er hatte es sie in letzter Zeit öfter versichert, und kürzlich sogar Ausgesprochen, daß er sie am liebsten weit forttrüge, an einen Ort, wo sie ganz allein wären. Sie bückte sich tief über ihre Palette, um die Glut ihrer Wangen zu verbergen, welche ihr bei diesen Gedankenspielen heraufstieg. Hier wurde es jedenfalls schrecklich langweilig und öde, ivcnn Roderich fortging, es war eigentlich gar nicht auszudenken und da liefen wahrhaftig schon ein paar Tränen die Wange hinunter, sie schneuzte sich hastig, damit die Tante nichts merke.

Ei sieh, der Herr Doktor Villatte!" sagte jetzt Fran Zer­nial, welche seit einer kleinen Weile angelegentlichst aus dem Fenster schaute, um dem Kinde Zeit zu lassen, sich zu. besinnen, Erna hat ihn wohl allein unten empfangen und dich gar nicht rufen lassen, Herzchen. Ha, ha, ob sie ihm wohl einen Gefallen damit getan hat."

Sylvia warf ihre Palette fort und blickte ebenfalls hinaus.

Was mag das bedeuten?" meinte sie,es ist Werktag und er kommt dann nie in den Morgenstunden, weil er in der Schule beschäftigt ist. Erna ist übrigens in der Wäschekammer, er wird beim Papa gewesen sein."

Dieser Doktor Villatte ist ein furchtbar selbstbewußter Mensch," bemerkte 'Frau Zernial,er hat eine Miene, als ob er zu uns allen sagen wollte: ,O, ihr kleinen, erbärmlichen Geister!'"

Tante, ich glaube, Roderich ist viel selbstbewußter!" Roderich ist genial, und die genialen Menschen wissen, daß sie sich mit den anderen Sterblichen überhaupt nicht zu messen haben. Das ist eine ganze andere Sache. Solch eilt trockener Tugendheld aber, wie dieser Doktor Villatte, meint, daß er die Verpflichtung habe, die ganze Welt zu feiner erhabenen Größe heraufzuziehen. Er versuchte auch gern an dir feine pädagogischen Künste. Er würde dir znin Anfang dein süßes, krauses Haar glatt streichen, dich auf einen Stuhl an seiner Seite festsetzen, damit du seine Weisheit anhörst und in logischer Reihenfolge so weiter. Er sollte doch um Erna werben, die paßt ja, wie für ihn geschaffen. Ihr Geld könnte er auch gebrauchen." , . r

Wir wissen ja auch nicht, ob das nicht seine Absicht^ist, Tante," meinte Sylvia, aber mit einem halb ironischen Tonfall. Warum nur bist du so gallig auf ihn?" Sie lächelte schalkhaft zu der Tante herüber. ,

Gallig, pah! Ich ärgere mich nur, weil ich sehe, daß er höher hinaus trachtet, und gar zu gern mein süßes Bögelchen auch für sich nähme. Du und er ein grausiger Gedanke!"

Tante Cölestine! Wie kannst du nur den Ausdruck ge­brauchen, ,höher hinaus'; Erna ist ein reiches Mädchen und so herzensgut und vortrefflich während ich" über ihr Kinder- gesicht flog ein tiefer Schatten;der Vater sagte mir neulich, ich sei arm wie eine Kirchenmaus."

Das sagte er dir? Abscheulich, in Wahrheit, barbarisch, aber das sicht ihm ähnlich!" Frau Zernial brach ganz unvermittelt in Tränen aus, und diese liefen dann gleich stromweise über ihre gelblichen Wangen.Du, du nein, es ist schändlich, dir so etwas zu sagen von dein Erbteil, das dir in die Wiege gelegt wurde, hat er freilich keine Ahnung er" ,

Sie stockte, Schluchzen erstickte ihre Stimme, es war wie em Paroxismus. Sylvia stand sehr erschrocken vor ihr, sie begriff diesen Ausbruch nicht. .

Aber, liebe Tante, was ist dir nur plötzlich der Papa meint es ja gut mit mir, und ich bin ihm und der lieben Mama sehr viel Dank schuldig. Weißt du etwa o, ich bitte dich, sage es mir, weißt dn etwas über meine Eltern?" ,

Frau Zernial trocknete ihre Tränen. Sie pflegen bei ihr eben so plötzlich zu versiegen, wie sie gekommen waren. Sie richtete sich ans, umschlang Sylvia und küßte sie leidenschaftlich.