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muß beiden meine Erzählung wiederholen, und sie bitten mich inständig, doch in Eisenach zu dem Herrn General von Plötz zu gehen und ihm das, was ich gesehen und gehört habe, zu erzählen. Ich verspreche es und ziehe meines Weges. Darauf begegnet mir ein Mann. „Woher Landsmann?" frage ich. „Von Eisenach," gab er litt Antwort. „Was gibts da Neues?" „O, da liegt alles voller Preußen." Da es schon anfängt, dunkel zu werden, so spreche ich zur Vorsicht mit meinem Führer recht laut, damit die Vorposten uns nicht *eittoa für Spione halten, und gelange glücklich in Groß-Lugwitz an. Am Eingang des Ortes werden wir von der Wache sakugerufen. Man läßt mich ein, und da ich verlange, vor den kommandierenden Offizier gebracht zu werden, so führt mich der wachhabende Unteroffizier zu dem Adjutanten, einen Herrn von Manteufel, hier im Wirtshaus logiert. Er empfängt mich äußerst höflich. Ich erzähle ihm, was mir begegnet tft und erwähne des Auftrags, den mir die beiden Offiziere gegeben haben und bitte daher, mir doch zur geschwinden Beförderung behilflich zu sein. „O, sie müssen erst mit zu dem Herrn Oberst gehen u nd auch dem erzählen, was sie gesehen haben, dann sollen sie nicht länger aufgehalten werden," erwiderte er mir, „ich gebe Ihnen eine Ordonanz mit, welche zu Ihrem Fortkommen sehr dienlich sein wird." Mit Vergnügen nahm ich dies an, nnd er führte mich zum Obersten, der in demselben Hause logierte, aber schon zu Bette lag. Auch dieser ist sehr artig gegen mich; ich erzähle ihm, und wir geben wieder in die Stube des Adjutanten. Er offeriert mir hier ein Glas Rum und etwas zu essen und bittet mich, vorlieb zu nehmen, da man im Felde nichts Besseres habe. Unterdessen kommen mehrere Offiziere. Unter anderen treffe ich einen preußischen Artillerie- leutnänt von Bok, der vergangenen Winter beim Durchmarsch der Preußen in Schlitz lag und den dasigen Bürgermeister übel behandelt hatte. Er erwähnte dies, doch war er, wie alle übrigen, sehr artig gegen mich. Unterdessen bringen 2 Unteroffiziere, wovon der eine eine goldene, der andere eine silberne Medaille hatte, einen Arrestanten. Der Auditeur wird gerufen und man nimmt denselben zu Protokoll. Anfänglich gab er an, sein Regiment sei bei Weimar gesprengt Nwrden und er habe sich durch die Flucht gerettet. Als man weiter in ihn drang — und das geschah auf eine barbarische Art — so gestand er, daß er desertiert sei. Der Adjutant ging mit dem Protokoll weg, wahrscheinlich zum Obersten. Nach seiner Zurückkunst wurde der Arrestant abgeführt; er aber sprach mit beit anderen Offizieren heimlich. Darauf kommt der oben erwähnte Leutnant von Bok zu mir, bittet um nochmalige Vorzeigung meines Passes ünd entschuldigt sich, daß in der gegenwärtigen Lage die größte Vorsicht angewandt werden muffe. Unbesorgt gebe ich meine Papiere hin. Man durchsucht sie und siudet allerlei an meinem Paß auszusetzen, worauf der Auditeur mich zu Protokoll nimmt. Ich bitte abermals, mich doch abreisen zu lassen. Der Adjutant verspricht auch dieses und setzt hinzu, daß ich mit einer Fuhre, die soeben nach Eisenach abgehen werde, abreisen könne. Ich erwiderte, daß ich ein Pferd habe, das ich verkaufen wolle, da ich jetzt keins brauchen könne. Die Offiziere gingen in den Stall, besehen das Pferd und bezahlten die verlangte Summe an mich aus, die üs mich gekostet hatte. Nicht lange darauf kommt ein Soldat und benachrichtigt den Adjutanten, daß die Fuhre bereit sei. Die Offiziere begleiten mich daher bis vor den Hof, helfen mir auf den Wagen und nehmen sehr höflich Abschied. Da saß nun der ■ Kurier auf einem elenden Karren neben dem oben erwähnten Deserteur, von 2 Soldaten, die ebenfalls auf dem Karren saßen, bewacht. Soweit waren mir alle bisher begegneten Ereignisse ziemlich gleichgültig, und nur der Gedanke, den Zweck meiner Reise nicht erreicht zu haben, machte mich miß- mutig. Aber nunmehr erst fing mein Elend an. Wir waren kaum zum Dorf Hinaus, so rief der hinten aufsitzende Soldat dem vorderen zu: „Kamerad, den Hahn gespannt!" Indem fällt mir mein Sattel ein; ich frage darnach und erhalte von den Soldaten zur Antwort: „Glaubst du dann, daß unsere Offiziere Spitzbuben sind? Da liegt der Sattel!" Ich wende mich um, zu sehen, ob es auch der meinige ist. Der Kerl aber gibt mir einen Stoß und setzt mir das Bajonnet auf die Brust, mich ruhig zu verhalten, sonst sollte mich der Teufel holen. Das war eine unerwartete Sprache, die mit dem höflichen Benehmen der Offiziere gewaltig, kontrastierte. Die Furcht, dem Kerl möchte in der Dunkelheit der Nacht das Gewehr losgehen, veranlaßte mich, .still zu schweigen, und so kamen wir in dem Dorfe Stockhausen an. Vor dem Wachthause wird still gehalten; der Unteroffizier kommt heraus und empfängt uns. „Nun, Kameraden, was habt ihr dekin für 2 Kerls da?" war seine erste Frage. Einer von den Soldaten, die uns bewachen, gibt ihm die Antwort: „Der Eine ist ein Deserteur, der Andere ein Spion, der für einen Kurier sich ausgibt." „Ach," erwiderte der erstere, „das ist gut, daß tvir einmal einen Kurier haben, das sind die rechten Spitzbuben, die uns immer ins Unglück hineinführen." Wir mußten absteigen und in die Stube gehen. Der Deserteur warf sich sogleich auf die Streu, ich aber setzte mich bei den Tisch, und zwei Soldaten mit blanken Säbeln hielten bei mir Wache. Kurz darauf wurde einer gewahr, daß ich meinen Hirschfänger noch Umhängen hatte. Er riß ihn mir sogleich von der Seite, mit der Bemerkung, daß ein Arrestant keine Waffe brauche, ^ch mußte «lles geschehen lassen und hoffte, daß sich in Eisenach mein Schick
sal schon ändern werde. Einige Zeit darauf kommt der Unteroffizier hereingesprungen und ruft: „Wo sind die Kerls?" „Da sind die Herren!' gab ich ihm zur Antwort. „Ja, schöne Herren, die man an den ersten besten Baum aufhängen müßte," gab er zurück. „Jetzt marsch hinaus!" Da hielt ein Karren mit 2 Kühen bespannt. Ich war so steif, daß ich kaum darauf klettern konnte. Die beiden Soldaten, die mich in der Stube bewacht hatten, nahmen ebenfalls Platz, und so ging es im Trabe fort, auf die Kühe wurde unbarmherzig losgepeitscht.
Als totr in die Nähe von Eisenach kamen, begegneten uns so viele Bagage- und Munitionswagen, Kanonen und Reiter, daß ich jeden Augenblick glaubte, unser Karren würde in den Chausseegraben geworfen. Wir kamen aber glücklich durch die Vorsicht unseres Fuhrmanns in Eisenach an. Auf dem Markt hielt ein Regiment. Wir fuhren durch die Reihen nach der Hauptwache zu. Als ich dies bemerkte, sagte ich: „Zur Wache will ich nicht, ich will zum General!" „Halts Maul, hierzu ist keine Zeit!" erhielt ich zur Antwort, und fort ging es zur Wache. Hier fand ich noch 6 andere Arrestanten, die bereits schon im Aufbruch waren. Schon unterwegs in den Straßen hörte ich davon reden, daß die Franzosen in der Nähe wären und 8000 Mann bereits in Gotha eingerückt seien. Daher auch die Verwirrung und Eile des W- marsches. Aus der Wachtstube wurden wir auf die Straße getrieben. Das Kommando erscholl: „Die Arrestanten hinter die Leibkompagnie!" Ich verlange vor den General geführt zu werden, an den ich mehrere Aufträge habe. Der Unteroffizier aber stieß mich, schimpfte und tobte, daß mir der Geduldsfaden brach. Ich war im Begriff, ihm mit der Kurierpeitsche ins Gesicht zu schlagen, aber ein guter Genius hielt mich davon ab. Ein Offizier rief ihm zu, mich doch menschlicher zu behandeln, man wisse ja noch gar nicht, wer ich wäre und was ich verbrochen habe. Er wurde darauf stiller, und wir schlossen uns den abmarschierenden Truppen an. Nun gings im Eilmarsch den nämlichen Weg wieder zurück, den ich gekommen war in Gesellschaft von Deserteurs und anderen Verbrechern, wie ein Missetäter behandelt, bei der Entkräftung und Ermüdung kaum mehr im stände, zu Fuß fortzukommen.
Wenn ich mir bei dem uns führenden Unteroffizier menschlichere Behandlung sichern wollte, so mußte ich ein Opfer bringen. Ich reichte demselben also eine Handvoll 24er, die er ohne Widerstand einsteckte. Und siehe da, die 24er hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Er redete nun in einem ganz anderen Ton und ver- Wntir sicher zu helfen, nur mußte ich noch Geduld haben, :r General schon weit vorwärts sei und jetzt keine Zeit vorhanden, denn man glaubte, die Franzosen auf den Fersen zu hoben. Der Marsch wurde immer geschwinder, daß ich fast nicht mitkonnte. Die Kolbeiistöße der hinter uns marschierenden Truppen brachten mich aber vorwärts. Endlich kommt ein Offizier vorbei der der Adjutant des Generals war,. Er redet mich au, ob ich beim wirklich der Herr sei, ber ihm in Berka die Pferde überlassen habe? Ich bat ihn dringend, mir doch zn helfen, und er versprach es mir bei | einer Ehre. Wir mochten iitbeffen 3 Stunden marschiert fein, als plötzlich Halt gemacht wurde. Die Infanterie formierte sich und die Kanonen werdest in einem Augenblick quer über die Straße gestellt, während die Kanoniere mit brennender Lunte in Bereitschaft standen. Der Tag des 16. Oktober bricht an. Zuweilen kommen Husaren bis vor die Mündungen der Kanonen gejagt, schwenken aber ab und treten wieder zurück. Uns gegenüber stehen ebenfalls Kanonen in Schlachtordnung. Welch eine Entdeckung! Wir stehen mitten im Treffen. An eine Kanone gelehnt, sehe ich dem Treiben zu und erwarte den Tod. Da auf einmal, als es heller wird, erkennt man, daß die jenseits aufmarschierten Truppen ebenfalls Preußen sind. Alles wird wieder ruhiger, und der Marsch beginnt wieder. Dicht bei dem Dorfe Großbehrung wird abermals Halt gemacht, und die Truppen formieren sich.
Der General hält auf einem freien Platze, und aus ein gegebenes Kommando sprengen die Offiziere zu ihm heran und empfangen Ordre. Als sie wieder davonreiten, redet ihn der Adjutant ait und gibt mir zugleich einen Wink. Sogleich suche ich meine Papiere, eile hinzu und überreiche sie dem General. Nachdem er dieselben durchsucht hat, wendet er sich zu mir und sagt, daß es ihm sehr leid tue. weil ich unverschuldet in die mißliche Sage gekommen sei, doch müsse ich mit ber jetzigen Zeit rechnen. Weiter versicherte er mir, dafür zu sorgen, daß ich zu meinem Herrn Grafen von Görtz komme. Der Adjutant machte nun dem Unteroffizier die Mitteilung, daß ich frei sei. Ich wende mich nun um und sehe nicht weit von mir em Husarenregiment halten. Ich gehe daraus los und erkundige mich, ob die Eskadron von Protzmann, die im vorigen Winter in Schlitz lag, dabei fei. Ich bekomme zur Antwort: „Dort hält sie." Kaum war ich einige Schritte gegangen, so stößt mir der Rittmeister selbst auf. Indem er mir um den Hals fällt, ruft er mir zu: „Um Gotteswillen, Herr Oberförster, wie kommen Sie denn aus Schlitz hierher?" „Als ein Spitzbube," gab ich ihm zur Antwort und erzähle ihm meine Fata. Noch war ich im Erzählen, als es hieß: „Husarenoffiziere heraus!" Im Augenblick sitzen alle aus, und fort gings, um Ordre zu empfangen. Unterdessen suchte ich noch einige Bekannte in der Eskadron auf. und als ich mit b'em Wachtmeister Radetzky sprach, ruft ein nicht weit bavonstehender Husar mir zu: „Ich weiß, warum der Herr


