Ausgabe 
11.2.1907
 
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Sie sah ihm mit eiltet Art staunender Zärtlichkeit in das momentan fast gutmütige, etwas befangene Gesicht. Eine dunkle Ahnung kam ihr, wie viel edle Keime das Schicksal wohl in diesem Mannesherzen erstickt haben mochte, wie schwer die Seinen sich an ihm versündigt hatten. Einer impulsiven Aufwallung folgend beugte sie sich zu dem vor Frost zitternden Knaben nieder und fuhr ihm leicht über die hageren roten Wangen.

Zu essen habt Ihr wohl auch nicht viel, Kind!" sagte sie mitleidig und dann zu dem Diener gewandt:Geben Sie mir das Paket mit den beiden Würsten, Franz. Die anderen Sachen nehmen Sie in den Schlitten und Bertens soll uns langsam nach- sahren. Ich gehe ein Stückchen mit dem Herrn Baron."

Joachim nahm ihr schweigend das Paket aus der Hand. Das Herz war ihm übervoll. So wie sie es meinte, verstand er eS. Was sie dem armen Jungen Gutes tat, galt eigentlich ihm. Sie sclmitten neben einander weiter. Unter ihren Tritten knirschte der Schnee, die Futterseide ihres weiten Rockes rauschte letfe. Vor ihnen her klapperten die Holzpantoffeln ihres Schützlings. Bei jedem Schritt sah man seine rotgefrorenen, nackten Füße, der Wind blies das dünne Röckchen an die dürftige Knabengestalt.

Wie kann man so arm sein?" meinte die schöne Frau fröstelnd. Sie hatte immer reichlich gegeben bei allen Gelegen- heilen, da die Wohltätigkeit es erheischte, wie erschreckend aber die Armut nnssah, die sie gedankenlos lindern half, hatte ne nie gewusst. . ...

Wer hätte auch von der gefeierten, verwohnten Wettdame verlangt, daß sie ihre seidenrauschenden, parfümierten Gewän­der durch die schmutzigen Störten des Elends schleppen ioltte ? Der junge Offizier belächelte ihren naiven Ausruf. .

So viel Armut lästt auch mich schaudern, aber premd ist sie mir nicht", meinte er ruhig,ich hatte immer Augen da­für und hätte wohl auch ein Herz bewiesen, wenn mein Geld­beutel mir das Wohltun gestattet hätte. Es mag ein verwandter Zug fein, der mich Armer zu den Aermsten der Armen führt.

Im Dunkel der engen, winkligen Gasse, die sie durchschritten, drückte sich Hanna leicht an ihn.

Arm? Und hast doch mich?" flüsterte sie leidenschaftlich. Er konnte nicht antworten, denn der Knabe war vor einem hohen, schmalen Mietshanse stehen geblieben und sagte treu-

Ich dank' auch schön für das Mitkommen, Herr Leutnant hier wohne ich im Hinterhause, drei Treppen."

Auf Hannas Wunsch notierte sich Tressenberg beim Schein eines trüben, schwelenden Peiroleumlämpchens im Flur die Adresse. Glückselig sprang der Kleine mit seinen Schätzen davon.

Oben in dem ärmlichen, kalten Stübchen hielt bald darauf daS verkrüppelte Mariele überirdisch lächelnd ihre Puppe in den Armen und auf der einzigen, elenden Bettstelle lag eme blaue, fiebernde Frau mit gefaltenen Händen und hauchte mühsam:

(Sin Offizier, sagst du, uns eine schöne, vornehme Dame! Gott" segne sie beide, Gatt segne sie."

Als Hanna Gerhardt nach Hanse kam, berichtete sie sofort

und predigte mit dem feierlichen Schweigen ihrer schlafenden Natur ein:Friede auf Erden".

Durch die froststarre Stille aber hasteten die Menschen in geschäftiger Festeile, mit Paketen beladen, um den Mund meist das geheimnisvolle beglückte Lächeln derjenigen, die Geben seliger macht, denn Nehmen.

Der Dust harziger Tannennadeln umwehte, ichge Erinnerung und freudiges Hoffen in die Herzen schmeichelnd, die Dahm- eieliiden. An den großen Schaufenstern der Spielwarenhaiidlungen drängte sich eine bunt gemischte, erregte Kinderschar, hie Augen großiu nd glänzend vor Entzücken, die roten Näschen blatt an Die Säieiben gedrückt, damit ja keine Einzelheit der aufgebaiittu Herrlichkeiten ihnen entgehen sollte. ,

.Die Puppe dort möcht' ich!" sagte vor dem Schaufenster eines Basars im Zentrum der Stadt ein vielleicht siebenjähriger blonder Junge, dessen Füße ohne Strümpfe nur in Holzpantoffeln steckten,nicht für mich, nur, weil das Mariele sich akkunn so eine wünscht. Sie macht, sich immer eine ansnem Stück Holz,, dem tut sienen alten Lappen um undne Kartoffel ist der Kopv '. er­klärte er einem kleinen, besser gekleideten Mädchen neben sich. Er hatte nicht bemerkt, daß bei seinen Worten dicht.hinter ihm ein junger Husarenoffizier stehen geblieben war, der ihm fetzt eine schmale Hand auf die abgetragene Mütze legte und freundlich sagte :

Komm mal mit, Kleiner, du sollst die Puppe für das Mariele haben." rr .. ,

Das Kind stand wie versteinert, blutübergossen, tue anderen stießen und pufften ihn ermunternd.

Geh ok mit, sei froh, daß du was kriegst."

Er wand sich langsam durch die Schar und schlich wre ein geprügelter Hund dem vornehmen Offizier nach in den Laden. Wenn man ihn nur nicht rauswarf.

Einer der jungen Leute machte wirklich Anstalten dazu, zog sich aber verlegen dienernd zurück, als der Freiherr von Tressenberg ihm nun wieder hochmütig wie stets bedeutete, datz der Kleine zu ihm gehöre. , o

Dann forderte er die bewußte Puppe, em blondlockiges, blau­äugiges Ding im rosa Kleidchen.

Nachdem er dem gänzlich eingeschüchterten Knaben noch müh­sam einen Wunsch abgefragt und ihn in Gestalt eines kleinen Handwerkskastens befriedigt hatte, trat das seltsame Paar wieder ins Freie. In begehrlicher Neugier drängten die Kinder heran.

Der junge Offizier mochte wohl für die Schätze des schwäch­lichen Jungen fürchten, denn er hieß ihn mitzugehen und ihm die Wohnung seiner Eltern zu zeigen. Unterwegs fragte er den Kleinen nach den Verhältnissen der Seinen. Es war das alte Lied, eine kranke Mutter, ein Vater, der trank, und Frau und Kinder mißhandelte, sechs Kinder, von denen das eine, eben das Mariele, ein Krüppel und an den Füßen gelähmt war. Der junge Offizier schauderte vor dem Elend, das die schlichten Worte des Kindes ihm enthüllten. Wie gerne hätte er geholfen, wenn ihm die Mittel dazu gegeben worden wären.

Der Kleine neben ihm war förmlich betäubt vor Seligkeit, sein blasses, verhungertes Gesicht leuchtete. Und dies Leuchten lag wie ein Abglanz auf Tressenbergs stolzen Zügen.

Guten Abend, Baron!" tönte plötzlich eine Stimme an seiner Seite, die alles Blut nach seinem Herzen triebwen haben Sie : denn da aufgegabelt?"

Hanna Gerhardt war es, die dicht vor ihm aus einem grogen Delilateßgeschäst trat und ebenso wie der junge Offizier ihre freudige Üeberraschnng kaum verbergen konnte. Ein paar Vorüber­gehende blieben stehen und starrten sie an.

Gott ist die schön!" sagte eine flüsternde Mädchen,timrae.

Die Landrätin lächelte und trat einen Schritt zur Seite, damit das volle Licht der großen Kugellampe über der Ladentür sie traf. Sie hatte ein schwarzes Tuchkostüm an mit knapp sitzender, kurzer Jacke, der man sofort ansah, daß sie die Hand eines Schnei­ders gefertigt hatte und einen großen, schwarzen Hut auf, et­was phantastisch mit gleichfarbigen Straußfedern garniert. Ihr schönes Gesicht unter dem gepunkteu Schleier war von der Kälte mit leichter Röte überhaucht.

Franz, bei, eine Menne $citete itcigettb, hinier feiltet Herrin ans dem Laden getreten war, stand zögernd etwaiger Befehle gewärtig und jetzt bemerkte Tressenberg auch die landrötlichen Rappen, welche mit dem Schlitten auf der Straße drüben hielten.

Er beugte sich über Hannas weißbekleidete Hand.

Ich habe den Jungen da vor einem Laden in der Ernst­straße aufgegriffen und ihm eine Kleinigkeit gekauft" erklärte er sehr förmlich.Es rührte mich, daß er nichts für sich wollte, nur eine Puppe für sein gelähmtes SclIvesterchen. Und weil ich etwaige Angriffe beutegieriger Gesährten für ihn fürchtete, ging ich mit ihm. Ich hatte so wie jo nur einen Bummel vor."

ihrem Manne ihr Erlebnis. ~ r

Denke dir, dieser hoäMütige, kalte Tressenberg! Hat plötz­lich ' humane Anwandlungen, schenkt einem Bettelkinde Spiel­sachen und scheut sich nicht, mit ihm durch die Straßen zu gehen. Zuletzt hat ers noch fertig gebracht, mich für seinen Schützling zu interessieren, ich will mich der Familie annehmen, mal selbst ^"'^Der Landrat liebkoste ihre süßen Wangen und der freudige Stolz, der beim Anblick seiner Frau stets sein brünettes Gesicht verschönte, verstärkte sich noch.

Der Freiherr steigt in meiner Achtung, da er dich auf den Weg" der Wohltätigkeit führte, Lieb!" sagte er ernst,ich hätte cd schon lange gern gesehen, wärst du in dieser Weise den Armen zu Hülfe gekommen. Doch ich wollte keinen Zwang auSuben uus "dich bu warst so nervös in letzter Zeit und zu solchen Besuchen gehören starke Nerven.

Sie schmeichelte sich an ihn.

Du wirst mich doch begleiten, Männchen?" fragte sie bittend.

Er küßte sie auf die Stirn.

So oft ich kann, selbstverständlich, Schatz sonst geht wohl' auch Walter mal gern mit fair." .

' Ihr schönes Gesicht verzog sich in schmerzliche Linien.

Der arme Poseck! Dem darf man mit solchen Ansprüchen jetzt nicht kommen. Frau von Poseck wird doch gleich nach Weihnachten operiert, es mag doch wohl Magenkrebs sein.

Ja, ja, die Aerrnste!"

Der Landrat, welcher die schmerzliche Erregung für Hanna fürchtete, nahm das Thema nicht weiter auf. sondern sagte raicy.