Ausgabe 
11.2.1907
 
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1807

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im.

Menschenteöen, die lügen.

Roman von H, Ehrhardt, Verfasserin vonWlittellose Mädchen" Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

In all diesem Taumel glühender Leidenschaft hatte ihr Ver­hältnis auch Stunden reinen ernsten Glückes. Tas war an Tagen, da Joachim seelisch tief verstimmt war, sei es, daß er Aerger im Dienst gehabt oder sonst ein Vorkommnis in seinem Leben ihn verletzt hatte.

Tann lag er ihr zu Füßen, den dunklen, schmalen Kopf in den Falten ihres Kleides und sprach sich alle Bitterkeit von der Seele herunter.

Ihr verhehlte er nichts. Sie verstand ihn. Sie fühlte auch, was er selbst nicht wußte, daß seine geistige Begabung mit der kalten Berechnung ihrer Natur vereint, alles hätte erreichen können, daß aber sein sensitives, leidenschaftliches Temperament seinem Vorwärtskommen immer ein Hemmschuh sein würde.

Und als er eines Tages davon erzählte, daß er seine russischen Stunden aufgeben wolle, weil er außer ihr kein Interesse mehr habe, sprach sie energisch dagegen.

Du sollst es nicht tun, du sollst weiter streben es macht dich zufriedener, glücklicher"

Er kniete wieder vor ihr und küßte abwechselnd die beiden schmalen, weißen Hände in ihrem Schoß.

Glücklicher?" wiederholte er,mir kommt kein anderes Glück mehr als von dir."

Ihre Märchenaugen hingen an seinen bewegten Zügen.

Sage das nicht, Süßer, ich glaub's nicht, die Liebe füllt keines Mannes Leben aus, für ihn ist's immer nur eine Episode."

Er sprang auf und zog sie stürmisch an sich. Seine Küsse überströmten ihr schönes Gesicht.

Wie kannst du so reden, Geliebte? Du quälst mich da­mit. Zu denken, daß unser Glück kurz sein sollte daß ich dich je verlöre wieder Nacht würde um mich und Kälte"

Sie lehnte sich fest an seine Brust und ihre roten, heißen Lippen lächelten zu ihm auf.

Kein Glück dauert! Weißt du das nicht? Alles vergeht und ersteht von neuem. Uebrtgens", sie verfiel in einen halb neckenden, halb eifersüchtigen Ton,hast du neulich schon einer anderen toll die Kur gemacht?"

Ec lachte beinahe vergnügt.

Der kleinen Magda Willmers, diesem Pensionsmädel? Sag mal, mein Süßling, du bist wohl gar nicht eitel?"

Doch, doch!" versicherte sie ernsthaft,immer gewesen, und jetzt noch ganz besonders. Ich bin mir nie schön genug, wenn es gilt, meinem Herzallerliebsten zu gefallen."

Er küßte sie hinter das kleine Ohr in das Gewirr der rot­goldenen, duftenden Haare Hinern.

Für mich bist dir ja viel, viel zu schön, Liebling!" sagte er fast bitter,sag, was gefällt dir eigentlich an mir häßlichem Kerl?"

Sie trat von ihm weg und musterte ihn aufmerksam. In der Litewka, die er stets trug, wenn sie bei ihm war, weil sich

ihr Haar einmal an den Schnüren seines Attilas verfangen hatte/ sah seine Gestalt noch geschmeidiger aus, als sonst. Sein aristo­kratischer, schmaler Kopf mit den vornehm geschnittenen Gesichts­zügen paßte gut zu der schlichten dunkelblauen Tuchiacke. Aus seinen braunen Singen strahlte das zärtliche Licht, um dessent- willen sie ihr eigenes Ich verleugnet hatte.

Sie warf sich wieder an seine Brust.

WaS ich an dir liebe, Joachim? Alles! Für mich bist du der schönste, der beste Mensch auf der ganzen Welt, selbst wenn du einem kleinen Mädchen etwas zu sehr den Hof machst."

Weißt du, daß du entzückend bist in deiner Eifersucht!" sagte er ganz bezaubert von ihrer Hingabe,aber wie kannst du nur im Ernst daran denken, ich könnte dir das dnmme Mädel vor- zichen? Sie schielt ja und hat den Mund voller Plomben. Ich widme mich ihr, weil sie so deutlich zeigt, wie sehr sie sich darüber freut und weil es ausfallen würde, wollte ich plötzlich keiner Dame mehr huldigen. Wir müssen vorsichtig sein, es ist ganz gut, die bösen Zungen auf falsche Fährte zu lenken."

Aber, daß du sie ja nicht so ansiehst, Geliebter ja so, wie du mich eben ansiehst das dulde ich, nicht, du sollst keine Frau mehr so ansehen, ich gönne es keiner."

Ihre Augen funkelten, ihr Atem flog.

Du gehörst mir, mir allein. Ich bin dein Weib, ich liebe dich, du, du weißt du überhaupt, wie sehr?"

Sie zitterte in seinen Armen. Sie war lote von Sinnen. Was sie in ihren kühl vernünftigen Tagen nie gekatmt sie be­kam Nerven. Nerven, die zuckten bei jeder Berührung, jedem Wort, Nerven, die ihr glühende Angstpfeile in das Herz bohrten und es zugleich in bebender Wonne Pochen ließen.

Sie konnten sich gar nicht trennen an diesem Tage be­sonders Joachim war ganz unvernünftig.

Hanna mußte zuletzt bitten, flehen und drohen, bis er sie endlich fortließ. Seine Leidenschaft kannte keine Grenzen mehr, seit sie ihm die ihre so rückhaltlos geoffenbart hatte. Bis jetzt war sie zeitweilig in einen gewiß spöttischen, leichten Ton ver­fallen, der ihn verletzt und Zweifel in ihm erweckt hatte, ob ihre Liebe auch an Allgewalt der fernen gleichkant. Die Glut, welche ihr ganzes Wesen heut atmete, hatte alle Bedenken in ihm ge­tilgt. Ihrer Liebe war er nun sicher.

Mitten in seinen Glücksrausch schlich sich ein häßliches, mah­nendes Gefühl, wie eine ekle Raupe, die über eine in Schönheit prangende Blüte kriecht.

Eine Stimme in ihm schrie ganz laut:Schuft, Ehrloser", Er konnte ihr nicht Schweigen gebieten, sie hatte ja Recht. Lange saß er regungslos in .cm Stuhl, der noch den Duft von Hannas Gestalt ausströmte, und geißelte sein heißes Herz mit selbst« quälerischen Gedanken. Um zuletzt den Kopf in die weichen, duf­tenden Polster zu drücken und wie eine Bitte nm Verzeihung zu stammeln:

Hanna, Hanna, ich liebe dich, ich bin dein trotz allem, was uns scheidet."

IV.

Weihnachten, das Fest der Liebe und Freude nahte heran, Die Erde hatte sich in ein fleckenlos weißes Gewand geworfetz