Ausgabe 
10.6.1907
 
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möglich, er wußte, daß es sie tief schmerzen würde, daß Friedrich Arndt tot sei.

Entsetzt starrte sie ihn an.

Tot", s chrie sie auf,tot", wiederholte sie, ihn krampfhaft schüttelnd. Dann brach sie in ein wahnsinniges Lachen aus.

.Erschüttert stand Erich vor ihr.

Tot, tot", murmelte Elisabeth fortwährend vor sich hin. Elisabeth, du liebst Friedrich Arndt, du hast mich betrogen.

Von nun ab sollst du nicht mehr mit Fragen belästigt werden." Dann verließ er müden Schrittes das Zimmer, die Tür fest in's Schloß drückend, hinter der sein Glück zerschellt war, an einer Lüge.

Er begab sich in sein Zimmer, schob den Riegel vor und ließ sich wie betäubt in seinen Sessel vor dem Schreibtisch fallen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Frohes Kinderlachen scholl aus dem abseits gelegenen Kinder­zimmer.

Stunde um Stunde verrann.

Als es ganz dämmerig geworden war, erhob sich Elisabeth. Tie Melancholie, die ihren Augen sonst etwas Verhaltenes ge­geben hatte, war verschwunden und ein fester Entschluß, lag in den jetzt ganz klaren Blicken.

Es schien wie eine Erleichterung über sie gekommen zu sein nach der entsetzlichen Spannung der letzten Wochen und den noch qualvolleren letzten Stunden.

Nun galt es noch das Letzte zu tun.

Sie tastete nach Streichhölzern, zündete die Lampe an, setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb an Erich.

All die Qualen der letzten Monate zogen, während sie schrieb, mit unheimlicher Klarheit an ihrer Seele vorüber, wie in einem Spiegel sah sie die ganze Größe ihrer Schuld, ihrer Liebe und dann das Letzte, Furchtbare, Erichs Zweifel an ihrer Treue.

Was unausgesprochen auf dem Grund ihrer Seele getobt hatte, machte sich jetzt in einer großen Beichte Luft.

Jetzt würde Erich ihren Worten Glauben schenken. Schon fühlte sie sich wie eine Erlöste.

Vergib mir, Geliebter", schloß sie ihre Zeilen,ich bin so ganz dein, wie ich es zu jeder Stunde unsres gemeinsamen Lebens gewesen bin. Dies schwöre ich dir."

Ohne ihn noch einmal durchzulcsen, schloß sie den Brief und legte ihn adressiert auf die Platte des Schreibtischs.

Dann löschte sie die Lampe, band ein Tuch um die Schultern, trat leise an die Betten der schlafenden Kleinen, beugte sich betend über sie, stahl sich aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, aus dem Hause.

Das schlechte Wetter-.und die trübe Straßenbeleuchtung er­leichterten es ihr, von den Menschen unbeachtet zu bleiben.

Gesenkten Kopfes, unaufhaltsam hastete sie vorwärts; doch vor dem Hause Friedrich Arndts machte sie Halt, verweilte kurze Zeit unter dem Fenster, hinter dem das lag, was von soviel Glück und Qual noch übrig war, und woran sie kein Anrecht mehr hatte, hob die Hand zum letzten Gruß, murmelte:Jetzt wirst du entsühnt, Friedrich Arndt" und stahl sich wie eine Ver­brecherin davon.

Weiter und weiter eilte sie, hinaus aus dem Leben, in die Nacht hinein. Unbekanntem entgegen.

München Vera Elisa.

Tas merkwürdigste Buch der Welt.

Nachdruck verboten.

Eine ganz besonders merkwürdige Erscheinung bildet das monumentale Werk, das den stolzen NamenTalmud"- Lehre trägt, in der Weltliteratur. Wer kennt es nicht? wer aber kennt es wohl? Von der einen Seite verehrt, geheiligt und zur göttlichen Offenbarung gestempelt, von der anderen hingegen verfolgt, verachtet, geschmäht und als das Buch des Teufels gekennzeichnet. Von den einen zum Born der Tugend und zum Kompendium des ge­samten Wissens erhoben, von den anderen als Quell alles Lasters und als Sammelstelle alberner Spitzfindigkeiten herabgewürdigt. Kaum gibt es ein theologisches Werk, in dem der Talmud nicht Erwägung fand, und doch ist es gerade ein gelehrter Theologe (der Kapuziner Henricsu Sey- nensis), der von einem Rabbiner, namens Talmud, spricht, also nicht einmal weiß, daß der Talmud ein Buch ist.

Und auch jetzt noch, in unserem Jahrhundert, wo die assyrisch-babylonischen Keilschriften und die Hieroglyphen Aegyptens für uns keine Mysterien mehr bergen, ist der Talmud immer noch eine terra incvgnita für den gebildeten Laien.

Und doch, obgleich niemand von seinen Gegnern in seine Tiefen drang!, obgleich keiner seiner Bekämpfer seinen Inhalt kannte, wurde er verfolgt und geächtet wie kein anderes literarisches Erzeugnis auf der ganzen Erdfläche. Bereits im Jahre 553, also kurz nach seinem Abschluß, wurde er vom Kaiser Justinian durch eine besondere Novelle verboten, und so. fuhren Kerrscher der Kirche und, des Staats in einer

Reihe von tausend Jahren fort, dieses Buch zu Verfolgen und seine Existenz zu vernichten. Allein, gleich seinen Ver­fassern^ und seinen Anhängern legte auch der Talmud ein« gewaltige Zähigkeit und eine ungeheure Widerstandsfähige keit an den Dag, obgleich Kaiser un& Päpste sich gegen ihn vereinigt und ihn unzählige Male konfisziert hatten, ob- gleich Scheiterhaufen für ihn errichtet wurden, es gelang dennoch nicht, ihn zu vertilgen, nicht einmal einen einzigen Buchstaben verschwinden zu lassen.

Den Talmud als das unschätzbare, über alles erhabene, alle Schütze der Wissenschaft und Moral umfassende Werk darstellen, ä la Em. Deutsch, ist nicht nur Schönfärberei, sondern eine direkte Täuschung sittlich anfechtbare Stellen rechtfertigen ist eine Mohrenwäsche, in alberne Erzäh­lungen und Ammenmärchen einen tiefen Sinn hinein­bringen eine Sisyp-hosarbeit. Diejenigen aber, die ein­zelne anfechtbare Steilen aus diesem gewaltigen Riesenwerk heraussuchen, die harmlose Stellen aus ihrem Zu­sammenhang reißen und ihnen eine falsche Deutung geben, wodurch sie es zum Zerrbild, zur Karikatur, zur Ziel­scheibe des Hohns und der Verachtung niachen, sind ganz erbärmliche Wichte und ehrlose Betrüger.

Der Talmud ist eine Sammlung von Debatten, Lehren', Sentenzen, Erzählungen, Anekdoten re., von denen viele,i wohl der größere Teil sehr sinnig und lehrreich, viele' aber, nach unseren Begriffen, albern und banal sind, das' ganze aber bildet ein schätzbares, sogar fast unschätzbares Werk von höchstem literarischen und kulturhistorischen In­teresse. Dieses Buch ist eine Fundgrube von weitesten Di­mensionen, in dem jeder das findet, was er zu finden wünscht. Vornehmlich ist es ein Gesetzbuch, welches das, synagogale unb das bürgerliche Recht der Juden behandelt, also der Theologie und der Jurisprudenz gewidmet, jedoch findet auch jede andere Wissenschaft, ob Medizin oder Ge- Ste, ob Philologie oder Agrikultur, in ihm einen Beitrag.

igle doch ein schlesischer Gelehrter gerade für dies« Tage einen VortragFaust des Talmuds" an. lieber me Ethik und Moral des Talmuds sind ganze Bücher geschrieben worden, manche Anthologien seiner Sprüche und Sentenzen machen ihn zum Ideal menschlicher Vollkommenheit, aber auch jenes verächtliche, verabscheuenswürdige Zerrbild, das andere von ihni geben, hat, wenn auch nur teilweise, seine Stützpunkte. Manche Verteidiger des Talmudsj z. B. M. L. Rodkinson, Professor B. Kraatz behaupten, die sittlich an­fechtbaren Stellen im Talmud wären nicht echt, sondern spätere Einschiebungen seiner Gegner, um ihn in den Augen Andersgläubiger verächtlich zu machen, lieber die Unwahr­heit dieser Rechtfertigung verlohnt es sich kaum ein Wort zN verlieren, der Talmud wurde so niedergeschrieben, wie er uns vorliegt, spätere Einschiebungen, abgesehen von den halachischen Zusätzen der Saburäer, sind in ihm nicht ent­halten. Wer aber kann es ihm zur Last legen, wenn sein« Redaktoren, die das Werk in Eile und Ueberstürzung nieder­geschrieben haben, auch manches ausgenommen haben, was lieber fortgelassen werden sollte? Uebrigens dürfen diese orientalischen Literaturprodukte aus den ersten Jahrhun- derten durchaus nicht nach unseren heutigen Begriffen be­urteilt werden; eine ähnliche Lese würde sich auch sogar aus den Kirchenvätern zusammenstellen lassen. Und was! die moralisch anfechtbaren Stellen betrifft, so sind sie meist Privatansichten, ihnen lassen sich leicht entgegengesetzte gegenüb erstellen. Die Wissenschaft aber will weder die Licht­seiten, noch die Schattenseiten dieses Riesenwerks hervor­heben, für sie ist es in seinem ganzen Umfang ein Monu­mentalwerk von höchstem literar- und kulturhistorischen In­teresse.

Vielleicht tragen diese Ausführungen dazu bei, Ueber- schätzung und Verdammung dieses merkwürdigsten Buches der Jahrtausende in gleicher gerechter Würdigung auszu-- schließen. Aethiopicus quidam.

Gutes im Stille».

Arm und krank von dcr Bedeutung dieser beiden Worte können sich wohl die Allerwenigsten von denen, die diese Zeilen lesen, eine der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung machen,- beim, soweit wir auch gekommen sein mögen in sozialer Für­sorge es fällt dem, der mit den Verhältnissen vertraut ist/ doch immer wieder auf, daß eine noch nicht überbrückte Kluft die Welt der in guten Verhältnissen lebenden Fran von der Welt des Armen trennt, des Armen, der nichts besitzt als die Kraft feiner Hände, und über den die bittere Not hereinbricht, sobald, diese Krast durch Krankheit oder durch das. Alter gelähmt wird»