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Aus den Hagen des Mngreichs Westfalen unter Jerome Wonaparte.
(3um 7. Dezember.)
(Original-Artikel der Gießener Familienblätter.)
Nachdruck verboten.
Der schmachvolle Tilsiter Friede sollte sür Norddcutsch- land eine vollständige Umgestaltung der staatlichen Ver- hültnisse bringen. Napoleons Machtspruch schuf aus der Altmark, der Wiege des preußische« Staates, aus Magdeburg, Halberstadt, Hannover, Ravensberg, Minden, Pader- Korn, aus Braunschweig und Kurhessen (außer der Grafschaft Hanau), das zusammengewürfelte Königreich Westfalen. Jßröme Bonaparte wurde durch die Gnade seines kaiserlichen Bruders Herrscher des ueugebildcten Staates.
Am 7. Dezember 1807 zog der 23 jährige neue König Suitei: großem Pompe in „Napoleonshöhe"*) eilt, in Lem stolzen hessischen Fürstensitz, in dem vormaliaen „Wil- Aelmshöhe". Der neue Herrscher, von seltenem Glücke begünstigt, das ihn vom Handlungsdiener zum Schiffsleut- itant, Kontreadmiral, französischen Prinzen, zum König em- porgetrageu hatte, sollte nun die Völker beglücken. Die Außere Erscheinung der neuen Majestät stellte sich freilich seinen Landeskindern wenig vorteilhaft vor. Der schleppende Gang, die blasse Gesichtsfarbe des Südländers, die Hohlen Wangen, das hervortretende Kinn zeigten eine Gestalt, die wenig Königliche Hoheit verriet. Nur der wvhl- jvolleude Blick und ein gutmütiges Lächeln entbehrten Nicht einer gewissen Mmut.
Mit Jöröme war auf Napoleoushöhe gleichzeitig ein- .tzezogen seine um ein Jahr ältere Gemahlin Katharina, eine deutsche Fürsteutochter. Jsrömes erste Ehe mit Elisabeth Patterson, einer reichen Großkaufmannstochter aus Baltimore, hatte 1805 sein kaiserlicher Bruder gewaltsam gelöst. Die neue Verbindung mit einer württembergischen grinzessin sollte die mangelnde fürstliche Ebenbürtigkeit setzen. Katharina hatte sich schnell in französische Sprache And Sitten eingewöhnt. Sie nahm kein Bittgesuch an, das picht französisch abgefaßt war, während der König selbst ihr versprochen hatte, deutsch zu lernen. Für ihre mangelnde Schönheit suchte sich ihr königlicher Gemahl anderweit zu entschädigen, wenn er es auch nicht an Aufmerksamkeiten -für sie fehlen ließ. Sie wußte ihre Stellung als Königin zu behaupten. Ihre wenig vorteilhafte äußere Erscheinung suchte sie zu decken durch einen geivissen Stolz und Hochmut, der um Augen und Mund spielte. Doch hatte sie auch >edle Herzenseigenschaften, die erst in den Tagen des Un- -glücks offenbar nmrden, als sie nach dem Sturze der kurzen Herrlichkeit ihrem Gemahl in die Verbannung folgte.
Den einziehenden französischen Majestäten war ein .Hause französischer Abenteurer gefolgt: Glücksjäger, Juden Aus dem Elsaß, verdorbene Advokaten, verarmte Händler, verunglückte Lieferanten, kurz „der Wschaum der kriegs- fbrodelnden Zeit". Kein Tag verging, au dein iiicht Söhne pnd Töchter der großen Nation in Kassel erschienen, um (ihr Glück zu versuchen uiid dem „halbwilden" Volk des neuen 'Königreichs die Feinheiten itiio Herrlichkeiten von Paris zu bringen.
Die zahlreichen, mit Königlich westfälischen Patenten iausgestatteten Kaufleute, Modehändler, Gewerbetreibende, Zahn- und Haarkünstler suchten den sonst ruhigen Erwerb! der Kasselaner Bürger zu durchkreuzen und drohten, Geschäft Und Handel immer mehr an sich zu reißen. In den belebten Straßen der hessischen Residenzstadt hörte man fast nur französisch sprechen, und in der ausländischen Kleidung, dem lebhaften Gang, den aufgeregten Mienen erkannte .man nur zu gut die Unzahl der Fremden, die dem fran- zösischen Hofe nachgezogen waren. Neue Läden mit französischen Ueberschriften waren entstanden: hier ein marchand de modes, marchand de comestibles et liqueurs, dort das Schild eines kraiteur eines tailleur brevete, eines maitre de la langue franeaise. Dazwischen wogte durch
*) Mm 8. Dez. 1807 schrieb Jerome 'an den Kaiser Napoleon: „Ich habe die Bezeichnung WilhelmDhöhe, die an den Namen des früheren Kurfürsten erinnert, umändern zu müssen geglaubt und ihn, den Namen: „Napoleoushöhe" gegeben, der bett Einwohnern zu gefallen scheint und daran erinnert, von wem ich mein Königreich habe? (M6moires et eörreepondance du Boi JerSme etc. Pariß 1862J
die Straßen ein ganzes Heer zerlumpter Franzosen und' Bettler.
Die sonst streng konservativen Kasseler Bürger suchten sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Ihr zäher Sinn für das Althergebrachte war bald vom Strome des neuen Luxus ergriffen. Da saßen die guten Bürger an einem' gewöhnlichen Sonntag in dem violettsamtnen, sogenannten Bratenrock, in der gelben Plüschweste und in den kurzen Beinkleidern, im besten Staat, den man sonst nur an Familienfesten aus dem Kleiderschrank hervorholte, in den überfüllten Gasthäusern. Neugierig lauschten sie auf die fremden Zugvögel, um ihre Unterhaltung dadurch zu erweitern. Da wurde gestritten über Grün oder Blau eines Frackes, ob gedruckter Rips oder Pique der geschmackvollste Stoff sei, ob mau zum Kaschmirbeinkteid Hell- oder Silber- grau wählen solle, ob der Filzhut mit schmalem Rand und! hohem Kopf den Vorzug verdiene.
Der neue sranzösische Hof suchte überall Glanz um sich zu verbreiten. Ein Fest jagte das andere, sei es als öffentliche Prunkstelluug im großen Stil, oder als Prunksest im engeren Zirkel. Zwischen den Maskeraden in den Woh-- nungen der Minister sanden Maskenbälle für das große Publikum im Theater statt. Jerome besuchte sie im Domino ohne Larve, um erkannt zu sein, überall leutselig und erkenntlich für die ihm gespendeten Aufmerksamkeiten. Das! französische Theater, die sranzösische Oper, das Ballett nnu-eH in Kassel ein gezogen und mit ihnen eine Schar berühmter, zum Teil berüchtigter Künstler und Künstlerinnen. Auch dem deutschen Theater zeigte Jerome seine fürstliche Gunst, Den von Preußen herübergekommenen Kapellmeister Reichard honorierte er mit 9000 Franken Jahresgehalt. Der König liebte öffentlichen Prunk, und die schaulustige Meng« der Beivohncr zeigte sich stets anteilnehmend. In mehreren! kostbaren Karossen, jede von sechs edlen Isabellen gezogen, er-l folgte die Auffahrt des Königs und seines Gefolges. Glatts zende Revuen wurden auf dem Bowlingreen am Autor vor dem Oraugerieschlosse abgehalten. Da standen Ul Gala-, uniformen die Garde du corps, Cheveaux-legers, Garde-t grenadiere und Gardejäger. Die Königin knüpfte an ditz Fahnen und Standarten die Binden, die der König verlieh.; An die Revue schloß sich eilt Gastmahl im Oraugerteschloss« mit 200 Gedecken, ivährend der König und die Königin! int besonderen Zimmer das Frühstück einnahmen. Am Ge-i bürtstage des Königs, am 15. November, wurde im Theater zur Verherrlichung seiner Taten ein Stück aufgeführt, das! die Befreiung französischer Gefangener aus Algier und ihr« Wegführunq nach Genua durch Jeromes Geschwader pries.
Am Sonntag, beit 2. Juli 1808, fand die feierliche Eröffnung des ersten Reichstags des neuen Königreichs! Westfalen statt. Schon um 6 Uhr morgens besetzte die Garde den Weg vor dem Autor nach dem Orangerteschloß. Dieses großartige Gebäude enthielt zwei große Säle, von denen der eine für die Feier besonders eingerichtet war. Aus erhöhtem Boden, auf einer Estrade standen der Dhronsitz für den König Und die Tribüne für die Königin und ihB Gefolge. Gegen 11 Uhr fanden sich die Mitglieder des neuen Reichstags im Kostüm ein. Sie trugen blaue, nur orangegewer Seide gestickte Kleider, eine weiß-seidenö Schärpe, darüber einen blau-seidenen Mantel und als Kops- bedeckung eine schwarz-samte, mit Straußsedcrn verzierte! Toque ä la §enri quatre. Die Staatsräte, ebenfalls M kostbaren Kostümen. Beim Eintritt eines jeden Abgeordneten präsentierten die Wachen, die Lakaien verneigten sich. 21 Kanonenschüsse verkündeten die Abfahrt Jsröincs aus dem Stadtschlosse. Vor dem Eingang zum Saale begrüßten der Präsident der Stände, Graf Schulenbürg, und eine Deputation von 8 Ständemitgliedern die Majestäten. IM Saale leisteten vor dem Throne des Königs dte Abgeordneten nacheinander den Eid der Treue in fraitzosischer und deutscher Sprache. Der König hielt eine Rede über bi« Lage des Reiches, empfahl eine Vereinbarung über di« von dem Seitherigen abweichenden Gesetze,. sagte die Er- haltung des Berechtigten zu und wünschte eine Ergänzung durch dasjenige, was aus dem Code Napoleon staminttz und mit der Verfassung des Königreichs Westfalen ub e re inst im mte. Ferner schlug er vor die Verschmelzuug der Schulden der einzelnen Provinzen zu eiltet: allgemeinen Nattonal- schuld. Er schloß seine Rede: „Nous y travartterons dtz eoneert, Mot en Roi et pöre, vous en Sujets frdöles ek affectiones." Wir wollen dabei zusammenarbeiten, IG Euer König und Vater und Ihr, meine treuen und geliebte»! Untertanen.) jSchluß folgt.]


