Ausgabe 
9.12.1907
 
Einzelbild herunterladen

?2 6

hin will ich dich schicken. Dort bewahre dich oder gehe unter. Du wirst außer dir nur deinem Schöpfer Rechenschaft darüber zn geben haben."

Unsere Wege scheiden sich in Zukunft. Was dn getan hast, kann man wohl vergeben, aber niemals Vergessen. Beträgst du dich aber ordentlich, zunächst jetzt in der .Haft, und später drüben iin neuen Land, so lasse ich dich nicht fallen. Jin Übrigen Gott befohlen!"

Mit einem! tiefen Atemzug trat Eilenburg von dem Miß- ratenen, eZ dem Rat überlassend, ihn nun seinerseits ins Gebet zu nehmen. Ter erfahrene Kriminalist Ivar indessen mit der Ausbeute weit weniger zufrieden. Mit Hand und Fuß wehrte sich der jugendliche Gefangene gegen die Annahme, daß er an dem Kbcti Nachtdrvschke verübten Verbrechest irgendwie persönlich er indirekt beteiligt gewesen sei. Hoch und teuer verschwor eh sich vielmehr, daß er in jener Nacht nur eine der gewohnten Nachtfuhren unternommen habe. Rein durch Zufall habe man seine Troschke für den Betrunkenen und dessen Begleiter in Anspruch genommen.

Ich dachte nicht anders, als ich sollte wirklich nach der Turmstraße fahren", meinte der durch die spitzen Querfragen jdes Rats initiier mehr in die Enge getriebene Bursche fast heulend. >,Wie ich aber an die Bismarck-Straße komme, drückte eener von Irinnen den Gummiball, damit ich anhalten soll. Tas tu' sch auch. Darauf sagt der Mann, wo zu den« Besoff Besäusel­ten injestiejen war, feinem Freunde wäre furchtbar schlecht jewordcn und darum wollten wir ihn lieber aussetzen. . . von ,wegen sanitärische Rücksichten uf die Wagenpolster. Na, dct Ivar mir lange recht, zumal ich 'n harten Tahler in die Hand gedrückt kriegte. Wie ich nun aber zupacke und den Mann anfühle, da kommt er mir jerade wie tot vor und in der Troschke war so'n komischer Jestank, jerade wie beim Zahndoktor. Ich trage aber jottesfürchtig und frech mit, jerade in die Me von Bismarck- und Roon'-Straße is es jewcsen. Ta setzten Wir den Mann in einen Hausflur, janz kommode hinter dct Disengitter . . . und da kippt er auch schon uni1. Wahrhaftigen pott, er schlägt uf's Pflaster. Na ja, da kriegte ich es uadierlich mit die Angst zu tun. Haste nich jesehen, ich ruf uP den Bock und uf den Braunen losjeknallt, dal er nich anders dachte, als Ostern und Pfingsten fielen uf eenen Tag. Der Mann, tvv mir den Tahler jejeben hat, schrie hinter mir her, ick sollte schleunigst anhalteN. Ja, Kucheir . . . ich' uf den Gaul kostobackt, daß cs mau so flutschte. Ich fuhr, daß es rauchte, sage M'JlMN. Bei's Jeiieralstabsjcbäude brüllte mirn Bauer nach, sch ließ mich aber uf seine freundliche Einladung nich ein, denn bis Zeije wollte ich nich jehen ... da hatte ick meine jewissen lJrlinde zu, die leider Ihnen gleichfalls bekannt jeworden sind. Na, det läßt sich nu mal nich ändern. Dunnemals hatte ich vollständig den Kops verloren. Ick hatte keenen anderen Jedan- $en, als so rasch wie möglich hier nf'n Hof zu fahrest und die Troschke, wo der Tote drinnen! gewesen, loszuwerden. Die' Biester Waben nich wie sonst, Sie hatten wohl nicht richtig gefressen. Na, is gut, ich konnte sie ja wieder ruhig kriejen, penn sie waren noch halb im Traum und jappten bloß. Ick Lischt wie'n Ali ist den Stall, die Troschke ließ ich ufn Hof stehen, flutschte wieder über'n Zaun und fort war ich, ei MV aber auch höchster Omnibus."

Recht schön erzählt", unterbrach ihst der Rat.Wollen Kiö aber Glauben fiudeie, so müssen Sie nicht auf halbem Wege Mhaltcu, sondern alles berichten. Räumen Sie darum nur vtchig ein, was wir doch schon wissen: nicht wahr, sowvhl xev Betrunkene als sein Begleiter gehörten zu Ihren Bekannten und Ihr hattet cs untereinander verabredet, euch am> Pots­damer Platz zu treffen, nachdem der Coup gelungen war nicht wahr, so ist's doch?" versetzte er mit verschmitztem Augenzwinkern Wnzu.

Ach Jotie, nee!" platzte der junge Mensch heraus,da weiß ifl) wirklich nischt von uff Ehrenwort, det kann ick bemein- eidigen!"

Wenn ich Ihnen aber den Namen nenne und Ihnen sage, paß der in der Droschke zu Tode Grkoulmene bei Lebzeiten Gustav .Schuhmacher hieß?"

Das dachte ick mir schon. Ick las cs in die Zeitung. Tel Bild drin habe ick voch jesehen."

Und sein Begleiter war Ihr guter Freund Kundt", fuhr heb Rat eindringlich fort.

>,Ach nee, so'n Menschen kenne ick ja gär nich."

Lii^cn Sie doch nicht. Erst ist letztverwichener Nacht waren sie mit ihm in dest Aurorasälen zusammen und trak- ilierten CH'ampagner/<

>,D,ct Zs ja der Bächn MnW, W .jW Perlndoster W

piekfeiner Kunde. Nee, da irren Sie, lieber Herr. Ter war nicht in die Droschke, dem habe ick nur den Zimmt jcbracht." Erschrocken hielt er wieder inne, als er zu seiner Bestürzung wahrnahm, daß er sich verplappert hatte. Doch nun war cs zu einer Verheimlichung zu spät.

Rat Hansemann setzte ihm derart mit Fragen zn und trieb ihn so hoffnungslos in die Enge, bis der völlig Ratlose endlich cingestand, er habe nnlerwegs in der Droschke nachgefehen und zu seinem Erstaunen eine Anzahl blitzender Wertsachen auf der Fußmatte liegen sehen. Die habe er an sich genommen, und wie er sie am nächsten Tage seinem Freunde, eben dem Baron Menken, gezeigt, da habe dieser gemeint, cs ließen sich wohl ein paar hundert Mark durch den Verkauf der Sachen herans- schlagen. Gern hatte der Unerfahrene die Fundstücke dem ge­fälligen Freunde anvertrant und dieser hatte ihm tags darauf als Erlös bare 2000 Mk. eingehändigt. Dieses Geld hatte der Leichtsinnige noch am selben Abend bis zum letzten Pfennig in den Aurorasälen! dranfgehen lassen.

Rat Hausemann war sehr ernst geworden. Seine letzte Hoffnung war geschwunden; das Schnldbewcisgesüge war gc- schlosfen und in dessen Maschen war nur einer verstrickt: August Walden, der vergeblich versucht, den Verdacht von der eigenen Spur abzulenken.

Werden Sie den Mann wiedererkenuc», der den Trunkenen begleitet und Sie später unter Verabreichung eines Talers ans- gefvrdert hat, den leblosen Körper mit aus der Droschke tragest zn helfen?"

Aber selbstverständlich", lautete die Antwort.Das Ge-^ sicht Von dem Mann werde ich nie Vergessen. Ich wunderte mich gleich über seine Frechheit, Wie er sich für den ersten Be­gleiter ausgegeben hat. Denn um das auf den ersten Blick zn erkennest, daß die beiden nicht zusammenstimmten, da müßte man schon ein großer Dussel sein."

Hanscmann erhob sich.Der Gefangene bleibt über Nacht int Polizeigewahrsam", befahl cr seinen Begleitern!. Einen raschen Handdruck tauschte er noch mit dem Fuhrherrn, der cs augen­scheinlich nicht erwarten konnte, das Kontor zu schließen und sich wieder zu seiner jungen! Fran hinaufzubcgeben. Dann winkte er den Beamtest zn, den Gefangenen nach der vor dem Hause wartenden Droschke zu führen.

Gelassen ließ der Bursche sich in die Mitte nehmen, wohl schielte er nach seinem- Vater, wie nm sich zu vergewisserst, ob er ihm wohl Adieu sagen dürfte. Doch als er den ehernen Zügen begegnete, bereit Blick völlig seine Gegenwart v-er«- gessen zu haben schien, da setzte er seine trotzigste Miene aus und schritt leise pfeifend zwischen feinen Begleitern in die Dunkelheit hinaus . , . der wohlverdienten Strafe entgegen, beit düsteren Mauern zn, bic ihm int Laufe eines langen, ver- sehlten Lebens häufig genug noch unfreiwillige Herberge geben mochten.

Nach schlecht berbrachter Nacht brach Rat Hansemänst gar früh-i zeitig nach seinem.Amtsburean auf; er wollte es vermeidest, vorläufig mit Hermine zusammcnzutreffest. In ihren Blicken lag bei all der erkünstelt von ihr zur Schau getragenen Heiterkeit etwas, das ihm wehe tat tzr wußte -es, sein Kind litt und erkannte kein Heilmittel gegen die Herzenswunde. Am Abend war Her­mine schon zu Bett gewesen!, als er lange nach Mitternacht die Wohnung erreicht; nun schlief sie noch und draußen herrschte noch völliges Halbdunkel, als der Rat sich auf dest Zehenspitzen wieder die Treppen hinunter auf die Straße schlich.

Heute ging er den Weg stach dem Polizeipaläst zu Fuß. _ Tie etwa halbstündige Wanderung tat ihm!-wohl; in eines der Cafes aist Alexanderplatz trat er ein und verzehrte ein frugales Früh­stück, die Minuten zahlend, bis er schicklich sich nach seinem! Amtszimmer begeben ldnstte.

Als er endlich eintraf, wär er initiier iiioch lange der erste/ und das nach und nach. eintreffende Be-amtenpersonal machte per-, blitzte Gesichter, als es beit Chef schon anwesend vvrfand.

Durch den Fernsprecher hätte sich Hansemänn bereits nach Waldens Befindest erkundigt. Das war nicht sonderlich zu­friedenstellend ; das hohe Fieber hielt.ast und die Wunde erschien aller Behandlung zum Trotz bösartig; immerhin war der Patient aber bei Vvll-eist Bewußtsein und vernehmungsfähig.

Aist liebsten wäre Hansemänn allein nach der Charite ge­eilt und hätte sich mit dem Mauste, an dem sein Herz auch heute noch mit ungeminderter Herzlichkeit hing, ausgesprochen. Doch das verbot ihm die heilige Pflicht. Die Herzensstimme mußte schweigen, wo es sich darum handelte, dest wirklich SchM digest bei einem Kapitalverbrechen festznstellen. 1

(Fortsetzung folgt.)