Ausgabe 
9.2.1907
 
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nötigen Aufklärungen über sein Schweigen zu gebe», aber das lehme er ab. So gut sie es meinen mochte, es sollte kein Drittes zwischen ihn und das geliebte Mädchen treten.

Was hätte er gesagt, hätte er erfahren, daß die uneigennützige, wohlmeinende Freundin an Marga schrieb, von Frau von Posecks Krankheit flüchtig Erwähnung tat und hinzufügte, daß der Hanpt- mann nach wie vor täglicher Gast im Landratshause sei? Er würde beit Brief eher für eine Fälschung gehalten, als an Hannas edlem Charakter gezweifelt haben. War es doch geradezu rührend, Ivie sie für das Leben seiner Mutter zitterte, bei der sich doch ein schweres, in Kürze eine Operation bedingendes Magenleiden entwickelt hatte.

Fast täglich schlüpfte die reizende Frau gegen Abend in das dämmerige Krankenzimmer und saß still, wie eingeschüchtert von der Majestät des drohenden Todes, an dem Bett der Leiden­den. In Wahrheit dachte sie sehr wenig an die arme Kranke, sondern nur an Joachim, aus dessen Armen sie meist kam.

In der Stille und Dunkelheit neben der ruhig liegenden Greisin durchkostete sie noch ein zweites Mal alle Wonnen des Zusammenseins mit dem Geliebten.

Zuweilen holte der Landrat sie abends ab. Oft aber schickte er ihr, wenn er viel zu arbeiten hatte, nur den Wagen.

Tann gestattete Hanna nie, daß der Hauptmann sie bis herunter geleitete, er sollte sich die Stunden, welche er bei feiner Mutter -zubringen durfte, nicht ihretwegen verkürzen.

Kam sie dann allein diel Treppe hinunter, so wartete schon Joachim in dem matt erhellten Flur und sie tauschten noch einen glühenden Abschiedskuß. Das bildete einen Pikanten Gegensatz zu der Komödie- der barmherzigen Schwester, welche sie oben ausführte.

Dies Doppelspiel war die prickelnde Erregung, welche ihre Nerven brauchten. Aber auch ohne das hätten die heimlichen Besuche bei dem Geliebten einen stets neuen, bestrickenden Reiz für sie gehabt. Von dem Augenblick, da sie die nur angelehnte Tür öffnete, war es ihr, als beträte sie eine fremde, geheimnisvolle Welt.

lind doch war es stets dasselbe. Das behaglich erwärmte, elegante Zimmer, an dessen rosiges Halbdunkel das Auge sich erst langsam gewöhnen mußte, in der Luft ein Gemisch von seinem Zigarettengeruch und dem Duft eines Veilchenparfüms, eine schwüle Atmosphäre, die durchtränkt zu sein schien von Leidenschaft, Poesie und Schwermut, eine Atmosphäre, die den Atem beklemmte und das' Blut schneller durch die Adern trieb. Und immer ein lichtes Zögern ihrerseits an der Tür, bis seine schlanke Gestalt nut elaitischen Schritten, deren Schall der weiche Teppich völlig dämpie, auf sie zukam und sie mit stürmischer Leidenschaft in seine Arme schloß. Kaum, daß er ihr Zeit ließ, Hut und Jacke abzulegen. In einen der Lehnstühle zog er sie auf seine Knie. Die flauen, weichen Männerlippen, deren Kuß sie mit halb offenem Munde m sich einsog' wie ein süßes Gift, sagten ihr tausend Lleoesworte, während der vorsichtig herabgetönte Laut seiner Stimme an und für sich schon wie eine Liebkosung klang.

(Fortsetzung folgt.'

Ire Intessigenj der WkuM"N.

Unter diesem Titel veröffentlicht Maurice Maeterlinck einen längeren, glänzend geschriebenen Essay in der Januarnummer der bei S. Fischer (Berlin) erscheinendenNeuen Rundschau". Maeterlinck berichtet darin über eine reiche Fülle fesselnder Einzel- beobachtungen, und kommt vor allem eingehend auf eine der interessantesten botanischen Gattungen, die Orchideen, zu sprechen. Aus dem Schlußwort des Essays, das das philosophische Resultat der Abhandlung übersichtlich herauszuarbeiten sucht, zitieren wir die folgenden Abschnitte:

Alas aber beobachten wir nun, indem wir die Natur in Käulchen, die allgemeine Intelligenz oder den universellen Geist (der Name tut nichts zur Sache) in der Orchideen- n und um nur das Eine zu streifen, denn der

Gegenstand wurde eine Spezialstudie erfordern, zunächst dieses, "U' ^ceal von Schönheit und Heiterkeit, ihre Bersührungs- knnste, ihre ästhetischen Geschmacksrichtungen den unseren sehr nahe stehen. Oder, um uns korrekter auszudrücken, die unseren sind den ihren angepaßt. Es ist in der Tat sehr unsicher, daß wir eine uns allem gehörende Schönheit erfunden hätten. Alle untere architektonischen und musikalischen Motive, alle unsere Farben- und Llchtharmonien usw. sind unmittelbar der Natur entlehnt. Ich will nicht erst von Meer, Gebirge, Himmel, ptacht und Dämmerung reden, um unseren Gegenstand nicht zu verlassen: aber was könnte man z. B. über die Schönheit der Bäume sagen? Ich spreche nicht nur vom Baume im " Walde, der eine der Möchte der Erde ist, ja vielleiM die Hauptquelle' unserer Instinkte, unseres Weltgesühls, sondern von dem Baume an sich, deut einzelnen Baume, dessen, grünes Alter von tausend

Jahreszeiten bedeckt ist. Unter den Eindrücken, die tntfet ganzes Dasein ohne unser Wissen mit einer durchsichtigen Glocke umgeben, ja vielleicht feinen unterirdischen Reichtum an Glück und Ruhe ausmachen, hat jeder von uns die Erinnerung an ein paar schöne Bäume. Wenn man die Mitte des Lebens hinter sich fühlt, und das Ende der Periode des Staunens erreicht, wenn man ungefähr alle Eindrücke, empfangen hat, die Kunst, Genius und Luxus der Zeiten und Menschen einem geben können, wenn man vieles empfunden und miteinander verglichen hat, so kommt man zu sehr einfachen Erinnerungen zurück. Sie lassen zwei oder drei unschuldige Bilder am geläuterten Horizonte entstehen, so unveränderlich und frisch, daß man sie in den letzten Schlaf mit hinübernehmen möchte, wenn anders es wahr ist, daß ein Bild die Schwelle überschreite» kann, die beide Welten trennt. Ich für meinen Teil glaube nicht an ein Paradies, an ein Leben nach dem Tode, so prächtig es auch werden mag, wo nickst eine herr­liche Eiche aus Sainte-Beaume*), eine Zypresse oder Pinie aus Florenz oder der schlichten Einsiedelei in der Nähe meines Hauses stünde, die dem Wanderer ein Vorbild aller großen Taten des notweiidigen Widerstandes, des friedlichen Mutes, des Auf­schwunges, des Ernstes und des schweigendeii Sieges der Be­harrlichkeit geben.

Doch ich komme zu weit ab. Ich wollte nur anläßlich der Blumen bemerken, daß die Natur, wenn sie sich schmücken und gefallen will, wenn sie erfreuen und beglücken will, ungefähr das Gleiche tut, was wir taten, wenn wir über ihre Schätze verfügten. Ich weiß wohl, ich spreche hier etwas wie jener Bischof, der die Güte der Vorsehung bewunderte., weil sie die großen Flüsse immer an . großen Städten vorbeisiießen ließe, aber es ist schwer, diese Dinge mit anderen als menschlichen Augen zu betrachten. Unter diesem Gesichtspunkte aber müssen wir zugeben, daß toir nur wenige Zeichen für den Ausdruck des Glückes hätten, wenn wir die Blumen nicht kennten. Um die Macht ihrer Heiter­keit und Schönheit recht zu beurteilen, muß man in einem Lande wohnen, wo sie ungeteilt herrschen, wie in meinem Provence! ischen Weltwinkel zwischen Siague und Lonp, wo ich diese Zeilen schreibe. Hier ist Flora in der Tat die einzige Beherrscherin von Tal und Hügel. Die Bauern haben die Ge- wohnheit verloren, Getreide zu bauen, als ob sie nur noch den Bedürfnissen' einer veredelten Menschheit zu genügen hätten, die sich von Ambrosia und süßen Düften nährt. Die Felder bilden nur noch einen unaufhörlich sich erneuernden Strauß, und der Reigen ihrer Düfte scheint sich durch das ganze azurene Jahr zu schlingen. Anenwuen, Levkojen, Mimosen, Veilchen, Nelken, Nar- zissen, Hyazinthen, Reseda und Jasmin erfüllen die Tage und Nächte, die Winter-, Sommer-, Lenz- und Herbsttage mit ihrem Dufte. Mer die Stunde der größten Pracht ist die Rosenblüte cm Mai. Din» ergießt sich von den BerglelMen bis zu den Hohl­wegen der Ebenen, zwischen den Terrassen der Bignen und Oel- betge ein wahrer Strom von Rosen, aus dem die Häuser und Bäume hervortauchen, ein Strom in den Farben, die wir der Jugend, der Gesundheit und Freude geben. Dieser warme und doch so frische Dust, der die Luft zu weiten, der den Himmel zu öffnen scheint, strömt, so meinen wir, aus den Quellen der Glückseligkeit selbst. Die Straßen und Fußpfade sind in das Mark der Blume, in den Stofs des Paradieses selbst geschnitten. Zum erstenmal im Leben scheint man einen befriedigenden An­blick des Glückes zu haben.

Stets von unserem menschlichen Gesichtspunkte ausgehend, und um in der so nötigen Illusion zu verharren, möge zu der ersten Bemerkung noch eine zweite treten, die etwas höher, etwas weniger gewagt und vielleicht folgenschwer ist: daß der Genius der Erde, der wahrscheinlich der des Weltalls ist, im Lebenskämpfe genau ebenso verfährt, wie ein Mensch handeln, würde. Er benutzt die gleichen Methoden, die gleiche Logik. Er kommt mit den gleichen Mitteln zum Ziel, die auch wir anwenden würde». Er tastet, zaudert, kommt auf Altes zurück, fügt hinzu, merzt aus, erkennt und berichtigt feine Irrtümer, lote wir es an seiner Statt tun würden. Er nimmt alle Kraft zusammen, erfindet mühsam und Schritt für Schritt, ganz wie die Arbeiter und Ingenieure unserer Werkstätten. Er kampck gleich uns gegen die schwere, riesige und dunkle Masse seines Wesens. Er weiß ebensowenig wie wir, wohin er geht: er sucht sich und entdeckt sich nach und nach. Er hat ein ost verworrenes Ideal, in dem man gleichwohl eine Anzahl großer Linien ent­deckt, die sich zu einem glühenderen, komplizierteren, nervöseren, geistigeren Leben erheben. In materieller Hinsicht verfügt er über unerhörte Hülssquellen; er kennt das Geheimnis der wunder­baren, uns unbekannten Kräfte; aber in geistiger Hinsicht scheint er genau unsere Sphäre innezuhalten; wir können bis jetzt nicht seststellen, daß er seine Grenzen überschreitet, und wenn er jenseits davon nichts schöpst heißt das nicht soviel, als daß es jenseits dieser Sphäre nichts gibt? Heißt das nicht, daß die Methoden des Menschengeistes die einzig möglichen sind, daß der Mensch sich nicht getäuscht hat, daß er weder eine Ausnahme noch ein Un­geheuer ist, sondern das Wesen, durch das die großen Willens­strebungen und Wünsche der Welt am intensivsten hindurchgehen und sich am intensivsten kundgeben?

*) Grotte und uralter Wald in der Gegend von Marseille, wo nach der Legende die. U. Magdalene ihre Tage beschloß. D Ueberj.