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Ihn überkam etwas Beklemmendes, das Gefühl, ein großes Glück unwiderruflich verloren zu haben, ein ungeheurer Schmerz, das; er sie heut' von sich ließ, ohne vorher das Recht erworben zu haben, sie in absehbarer Zeit aus dem einsamen traben Leben, irr das sie zurückkehrte, an sein Herz, zu retten.
Er wollte sprechen, jetzt aus der Stelle noch sagen: „Ich hab dich lieb, werde mein Weib", aber da trat Hanna Gerhardt lebhaft heran, der Landrat kam liebenswürdig wie stets mit Billett und Gepäckschein — dann schlenderte der Freiherr nachlässig herbei, brachte der Schwester eine Bonbonniere und widmete sich ihr auffallend herzlich. Es tat ihm jetzt leid, ost so schroff zu ihr gewesen zu sein. .
„Verlier nur deine roten Backen nicht wieder in Loßwitz! meinte er mit durchbrechender Wärme.
So sah Poseck jede Verständigung mit dem geliebten Mädchen zur Unmöglichkeit werden. Er mußte sich begnügen, ihr ausdrucksvoll, sehr innig zum Abschied die 6anb zu küssen und sie verstand die stumme Sprache. Ein zitterndes beseligendes Gefühl durchströmte sie. .
Am Coupsfenster stehend blickte sie nach ihm hin, durch Tränen lächelnd. Nur der Landrat las das verräterische Geständnis in dem Blick und schmunzelte freudig. Hanna, die mit Tressenberg etwas zurückstand, hatte diesem im selben Moment ebenfalls verständnisinnig zugelächelt, und Beide hatten vergessen, warum sie hier standen. Der junge Offizier flüsterte ein paar bittende Worte und ihr reizendes Köpfchen nickte Gewähr. Dann erst wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Abreisenden zu.
Soeben setzte der Zug sich in Bewegung. Marga winkte mit dem Taschentuch. Ihre nassen Augen .nahmen wie durch einen Schleier nur ein einziges Bild in sich auf, den schlanken zierlichen Offizier in der dunklen Artillericunisorm, einen flatternden weißblonden Schnurrbart in einem gebräunten Gesicht, ein paar treue zärtliche Augen — und der junge Hauptmann stand und starrte der davongleitenden Wagenreihe nach, bis der blonde Mädchenkopf mit dem kleinen dunklen Pelzmützchen, das grüßende weiße Tuch seinen Blicken entschwand.
III.
Als Walter von Poseck, das Herz voll freudiger Zuversicht, mit Gerhardts rtnd dem Freiherrn den Bahnhof verließ, war er fest entschlossen, sobald als möglich seiner Mutter sein H^S auszuschütten und dann, von ihrem Segen begleitet, sofort um das geliebte Mädchen zu werben. Seiner Absicht stellten sich doch Abhaltungen dringlichster Art entgegen und es verstrichen mehrere Tage, ehe er sich endlich aus dem wohlbekannten Wege fand.
Die Schleier des Novemberneüels und der Dämmerung umfingen ihn dicht. Ein scharfer Nordostwind riß unbarmherzig die letzten Blätter von den sich stöhnend neigenden Bäumen. Jur Herzen des Mannes aber sproßte ein Liebesfrühling, den er nie mehr für sich erhofft. Ein großes Glücksgefühl weitete seine Brust. Wie würde die alte Frau sich freuen über die Tochter, die er nun doch noch in ihre mütterlichen Arme führen wollte.
Frau von Poseck saß schon bei der Lampe an dem runden Sofatisch. Beim Eintritt des Sohnes erhellte ihr gütiges Gesicht sich zu strahlender Freude, aber dem scharfen Auge Walters entging cs nicht, daß sie leidend aussah. Eine unklare bange Sorge bemächtigte sich seiner. Zärtlich forschte er nach ihrem Ergehen. Sie wollte zuerst nicht recht mit der Sprache heraus, aber da er sehr erlist die volle Wahrheit zu wissen begehrte, gestand sie endlich, daß ihr altes Magenleiden, das ihr vor Jahren schon einmal arg zu schaffen gemacht, sich neuerdings wieder einge- sunden habe.
„Aber", beruhigte sie ihn lächelnd, „Lina wird mich mit ihren Kräutlein schon wieder auskurieren. Auch habe ich ncir heute von ihr Salzsäure besorgen lassen, die hat mir vor Jahren gute Dienste geleistet und wird's sicher jetzt auch tun."
Aber der Sohn ließ sich nicht beschwichtigen.
„Gleich morgen schicke ich dir den Sanitätsrat, Mutter, du darfst die Sache keinesfalls verschleppen, gerade so eine Magen- geschichie bringt einen Menschen höllisch herunter."
„Wegen ein bißchen Magenschmerzens Junge, ich bitt' dich, er lacht mich ja aus."
„Er wird nicht lachen, Mutter!"
Sie waren noch in zärtlichem Streiten, als draußen hell und scharf die Entreeglocke anschlug.
„Sicher Besuch!" meinte Walter sichtlich unangenehm berührt, denn ein beklemmendes Gefühl erwachte in ihm, bei der Erwägung, daß er auf diese Weise doch noch verhindert werden könnte, sich der Mutter zu ofsenbaren. Aber sein aufsteigender Groll verschwand, wie der Schnee vor der Sonne schmilzt.
Es war Hanna Gerhardt, welche nach kurzem Anklopfen in der Tür erfchien, strahlend schön mit einem heiteren:
„Ich darf doch? Oder störe ich Mutter Und Sohn?" auf den Lippen.
Walter ging ihr rasch entgegen und küßte ihre Hand.
„Sie stören nie, Frau Hanna."
Es kam ihm von Herzen. Jede Andere hätte er verwünscht in dem Augenblick, aber die Frau seiner ersten Liebe nahnl eine Ausnahmestellung bei ihm ein.
Frau von Poseck hatte sich ebenfalls erhoben, um dm willkommenen Gast zu begrüßen, aber die Landrätin eilte aus sie zu und drückte sie ans ihren Sosavlatz zurück.
„Das wäre gar schön. Immer still sitzen bleiben, liebste Frau von Poseck, ich bin doch kein fremder Besuch, den man förmlich empfängt."
Die junge Frau hatte schnell einen Lehnstuhl dicht neben den Platz der Greisin geschoben und saß nun neben ihr wie ein liebendes besorgtes Töchterchen. Ihre junge Stimme schmolz in Weichheit, da sie die Erkrankung der alten Frau bedauerte. Die streichelte dankbar ihre seinen Finger. Daun bat sie scherzhaft darum, doch nicht länger als Gesprächsstoff dienen zu müssen und ihre blassen Wangen röteten sich freudig, während sic nun dem Geplauder der jungen Leute zuhörte.
Hanna sprühte heute vor glücklichem Uebermut. Ein schwüler, sinnverwirrender Hauch lag über ihrer Erscheinung. Ihr rotes Haar stahl sich etwas zerzaust unter dem schwarzen slittcrüber- säeten Hut hervor und umgab in feiner- reizvollen Unordnung doppelt verführerisch ihr weißes Gesicht, dessen Wangen in einer seltenen Glut brannten. Sie sah aus, als habe sie sich soeben an schwerem Wein berauscht.
In den zarten Dust von white rose, der ihre Gestalt stets umschwebte, mischte sich für die feine Nase des Hauptmanns plötzlich ein leichter Zigarettengeruch. Da er selbst nie Zigaretten rauchte, mußte er von der jungen Frau ausgehen.
„Seit wann rauchen Sie, Frau Hanna?" fragte er ganz unvermittelt in der neckenden Vertraulichkeit, welche nur er sich ihr gegenüber gestatten durfte.
Ihre Augenlider zuckten ein wenig, als wollte sie dieselben senken, doch statt dessen hob sie den offenen Blick und sagte mit der verschämten, ängstlichen Osfenheit eines ertappten Kindes:
„Riecht man's? O weh, verraten Sie mich nicht, bester Herr von Poseck, ich käme nicht gern in den Ruf einer Emanzipierten. Ich til's nur manchmal heimlich."
Des Mannes Blick war fast zärtlich.
„Eine unschuldige Heimlichkeit, und Sie haben ganz recht, nicht öffentlich zu rauchen. Es würbe so schlecht zn Ihrem — Bilde passen."
Er verschluckte die schmeichelhaften Worte,welche er hatte einfügen wollen, aber Hanna ersetzte sich dieselben im Geiste ganz richtig, -hr eitles Herz triumphierte.
Sie sah ^-^rgas Stern sinken. Ihr Scharfblick hatte ihr sofort verraten oas den Hauptmann heute zu seiner Mutter geführt hatte und auch, daß es zu einem Geständnis seinerseits noch nicht gekommen war. Das wollte sie auch heute noch verhindern.
Sie filie'- lange und als sie endlich ging, hätte der galante Ofsizier au. ohne ihre Aufsorderung cs für selbstverständlich erachtet, sie . ach Hause zu begleiten. So konnte es geschehen, daß er sich an dem Abend abermals zur Ruhe legte, ohne daß seine Werbung um Marga auf dem Wege nach Loßwitz war. —
Der nächstfolgende Tag brachte ihm die Hiobspost, daß seine Mutter früh beim Aufstehen einen Ohnmachtsanfall gehabt hatte und der herbeigerufene Arzt strenge Bettruhe und sorgfältigste Pflege verordnet habe. Er ließ sich vom Dienst dispensieren und eilte zu ihr. Sie lag schwach und teilnahmlos in ihren Kissen, fieberte etwas und hatte arge Schmerzen.
Ter alte Arzt, den Walter gerade bei ihr antraf, hielt in seinem Urteil sehr zurück. Der junge Offizier fühlte, daß er ein schlimmeres Leiden befürchtete, als nur einen fieberhaften Magenkatarrh.
Er war außer sich vor Schmerz und Angst. Sein ganzes Sorgen galt jetzt nur der armen Leidenden. Jede Minute seiner dienstfreien Zeit widmete er ihr. Wohl dachte et oft und sehnsüchtig an das einsame Mädchen, dem er so viel freudiges Hoffen mit auf den Heimweg gegeben und das er nun ohne Nachricht ließ, aber die Verehrung stir die, deren ganzes Leben eine Kette von Liebesbeweisen für ihn gewesen, verdrängte alle mit dem Schicksal hadernden Gedanken.
Marga konnte ja semer Liebe sicher sein und war die ihre eckst, so würde sie cm.ich diese Prüfungszeit des Hangens und Bangens siegreich überdauern.
Hanna Gerhardt, der er sich in einer mutlosen Stunde an- verrraitt hatte, bot ihm zwar an, Marga in seinem Namen die


