Ausgabe 
8.6.1907
 
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sich die gnädige Mau etwas mehr Ruhe und Klarheit zwingen können die beiden Perspektiven, welche sich öffnen, beleuchten."

Frau Zernial warf sich in ihren Sessel, schob aber mit einer heftigen Bewegung denselben ein gutes Stück von dem seinen hinweg, und rückte an ihrer Perücke, aber in verkehrter Rich­tung, so daß sie jetzt schief saß. Ihr Äußerer Mensch ward jhr in dieser Stunde gleichgiltig.

Also auf der einen Seite ein gräflicher, katholischer Schwiegersohn, und die Vorteile, welche Ihnen aus einer Ver­bindung Ihrer Tochter mit ihm erwachsen würden."

Mauls Stimme klang so nervenauftegend ruhig.

Diese Vorteile ich bin in der Lage, gnädige Fran, Ihnen Beweise beibringen zu können, daß sie auf verhängnist- vollen Illusionen beruhen. Der Graf Boccaleonc ist ein finanziell fast ruinierter Mensch, dessen Sitten und Charakter keinerlei Gewähr für irgend ein Glück leisten. Seine Geliebte, die ballerina des Teatro Appollo, kostet ihn augenblicklich noch artige Sümmchen, und Fräulein Sylvia verabscheut ihn, ich habe den Ausspruch aus ihrem eigenen Munde."

Frau Zernial schüttelte so erregt ihr Haupt, daß das fatale Chignon sich unrettbar löste, stark ergraute Härchen kamen zum Vorschein. Sie achtete auch dps nicht.

Sie lügen, .Herr! Sie lügen! Wie können Sie sich er­dreisten"

Gemach, Signora, gemach. Wir halten ja einstweilen nur eine vertrauliche Zwiesprache," der sarkastische Humor, der aus Pauls Worten klang und auf seinen Mienen sich spiegelte, wäre für einen unbefangenen Beobachter amüsant gewesen also sehen wir - einmal von diesem gräflichen Schwiegersohn, den Ihre Tochter haßt, ab. Für Fräulein Sylvia bietet sich die Möglichkeit einer Rückkehr in die früheren Verhältnisse. Ihre Gesundheit ist sehr angegrifsen, sie beweint einen Toten, den sie geliebt hat, und ihre Llnhänglichkeit an die Stätte, wo sie ausgewachsen, an die Menschen, welche Elternstelle an ihr vertraten, ist nie erloschen. Sie trug mir auf, Ihnen das zu sagen. In Dresden kann sie vielleicht gesunden, hier ivar sie im Begriff, den Tod zu wählen anstatt des Lebens, welches Sie als eine glänzende Zukunft für sie sahen."

Frau Zernial erbleichte. Djas war ja unerhört, was sie da erfuhr. Sylvia wollte zu den Walldorfs zurück Sylvia Hatte sich den Tod geben wollen sie wußte, daß der Mann vor ihr nicht log, sie wußte, wie Sylvias Stimmung ge­wesen war, und einen Moment lang fühlte sie sich vernichtet. Me Wasser brausten über ihr zusammen.

Dann blitzte ein neuer Gedanke durch ihr Gehirn.

Professor Villatte ist in Rom," rief sie,will der sie zu sich zurück locken?"

O, nein!" Pauls Ton war beleidigend kühl.Professor Villatte hat sich lange über die ungetreue Braut getröstet. Wenn wir Männer solche Erfahrungen machen, wissen Sie, solch ein böswilliges Verlassen erleben, da sind wir meistens gründ­lich kuriert. Fräulein Sylvia sehnt sich auch einstweilen nicht in Hymens Fesseln, sie sehnt sich nach der Pflege­mütter, Frau Walldorf, welche ja als echte, liebevolle Mutter an ihr handelte, und alle guten Keime in ihr pflegte und groß zog."

Frau Cölestinens Augen wurden stechend.

Wer hat Sie eigentlich berufen, mir alle diese Dinge zu sagen?" fragte sie spitz.

Ihre Fräulein Tochter, auch Herr Kommerzienrat Walldorf. Die Herrschaften sind ja natürlich von dem Trauerfall und allem, was in seinem Gefolge ist, so ergriffen und in An- spvuch genommen, daß keinerlei Anforderungen weiter an fie gestellt werden können, und darum' wurde ich abgesaudt, um Sie von allem in Mnntnis zu setzen."

Ich danke Ihnen ich dank Ihnen, Mein Herr." .Frau Zernial pustete.Zu Meinen nächsten Verwandten steht mir zu allererst der Zutritt offen, ich werde meinen Schwager und Meine Nichte' auffuchen, und mit ihnen und Sylvia das Nähere besprechen."

Sie erhob sich, das abgefallene Chigiwn mit dem Fuße fortstoßend, und stand in der Haltung einer Medea, wie sie dem Jason gegenüber tritt, vor ihm, und loinkte ihm mit königlicher Handbewegung das Entlassungszeichen zu.

Aber der schreckliche Mensch ivar wie ein Steinbilde Er faß dg noch immer guf seinem Stuhl mit den klugen, unbe-- quenum Augen, welche bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken schienen. .

(Fortsetzung folgt.)

Jugend.

Novelle.

(Fortsetzung.)

Es war kein Wunder, daß sein ohnehin nicht starker Körper diesen jahrelangen seelischen Erschütterungen nicht gewachsen war. Das alte Leiden, das ihn schon einmal lange Zeit auf das Kranken­lager geworfen hatte, stellte sich wieder ein und trat so heftig auf, daß all seine Energie es nicht mehr zu bannen vermochte. Er mußte seine Praxis aufgeben und verbrachte seine Tage nur noch im Rollstuhl. Ging auch sein Körper dem Verfall entgegen, sein Geist ließ sich nicht in Fesseln schlagen, selbst den Verlust seiner Sehkraft ertrug er heldenmütig. Je mehr sein Körper abstarb, mit desto feineren Sinnen lauschte er auf die Stimmen in seinem Innern. Mehr als alle körperlichen Qualen quälte ihn die immer mehr zunehmende Abhängigkeit von jener Frau, die neben ihm lebte. Ihre Nähe, die er nicht abschütteln konnte, widerte ihn an und daß er sie brauchte, machte ihn vor sich selbst erröten.

Da trat Elisabeth in sein Leben, seine Jugend kam zu ihm. Das war ein seelisches Geben und Nehmen, von dem niemand wußte, wer der reiche Beschenkte war. Mit verschwenderischer Fülle fchüttete Friedrich seine Schütze über das junge Weib aus, geheim­nisvolle Fäden spannen sich hinüber und herüber, Frühling und Herbst reichten sich die Hände, eine verträumte Jugend drängte an's Licht und grüßte eine glückatmende Genossin.

Elisabeth ging so völlig auf in ihrem doppelten Glück, daß sie gar nicht die leise Schwermut gewahr wurde, welche sich über Friedrichs Antlitz verbreitete, wenn sie ihm von ihrem Heim sprach. Sie ahnte nicht, daß der Mann da neben ihr litt; daß mit dem, was ihm bisher nur Erfüllung seiner Lebenssehnsucht gewesen war, noch etwas anderes aus seinem Innern emporgestiegen war, das, was nur während der kurzen Dauer seiner Jugendliebe aufgeflammt und dann, wie er glaubte, in ewige Nacht versunken war: der heiße Wunsch, auch körpe.lich zu besitzen. Er liebte Elisabeth mit der verzehrenden Glut einer nie genossenen Sinncsfreude, wie Feuer raste ihm das Blut durch die Adern, das selbst sein siecher Körper nicht zu dämmen vermochte, mit übermenschlicher An­strengung verbarg er vor Elisabeth feine Gefühle, um ihre grenzen­loses Vertrauen nicht zu erschüttern. Doch vergeblich; die anfängliche Schwermut, aus einem schweigenden Entsagenwollen geboren, steigerte sich zur Raserei, die Leidenschaft riß ihn eines Tages fort und brach sich in einem glühenden Geständnis Bahn.

Entsetzt, wie aus märchenhaftem Traum ausschreckend, hörte sie die Worte leidenschaftlichen Begehrens. Wie gelähmt sanken ihr die Hände in den Schoß, dann entrang sich ein, einziger Schrei, ihren blntleerm Lippen:Friedrich" . und wie gehetzt eilte sie aus dem Zimmer.

Jugend", flüsterte er tonlos.

An diesem Abend kehrte Elisabeth spät zu , Erich zurück, der sie mit besorgter Miene empfing und auf sein ängstliches Fragen nur verworrene Auskunft erhielt. Der Uebergang von Glück zu Schuld war so jäh, daß auch das stundenlange Umherirren in den Straßen den Aufruhr in ihrem Innern nicht zu beschwichtigen vermocht hatte.

Schuldig, schuldig, tönte es unaufhörlich in ihrem Innern. Dem Menschen, dem sie den Himmel auf Erden bringen wollte, hatte sie auf das elendeste betrogen. Mußte er nicht in der Innigkeit ihres Wesens eine Erwiderung seiner Gefühle voraussetzen? Mußte er nicht annehmen, daß das Glück seiner Freundschaft schwerer wog als ihr Eheglück? Daß sie ahnungslos an einem Abgrund gewandelt war, konnte sie dies entschuldigen?

So irrte sie ziellos in der Dunkelheit, wie von Furien ge­peitscht.Erich, hilf mir", rief sie weinend. Doch nein, auch den Weg zu ihm hatte sie sich versperrt. Sie konnte ihm nicht ihre Schuld gestehen, seine Verachtung hätte sie nicht ertragen. Zwar würde er irre an ihr werden; denn als eine andre würde sie fern Haus betreten, aber verachten würde er sie nicht.Erich, ich bin unglücklich, habe Nachsicht mit mir", würde sie ihn bitten,aber frage mich nicht und zweifle nicht an meiner grenzenlosen Liebe." Das wollle sie ihm sagen und er mußte sie ja verstehen und ihr glauben. Mit noch größerer Hingabe wollte sie den Ihren leben und Friedrich Arndt zu vergessen suchen.

Pfui, unterbrach sie sich plötzlich laut in ihrem Gedanken- Sang, bin ich so schlecht geworden, daß ich ben, an dem ich so hwer gesündigt habe, hilflos in der Nacht zurückstoßen will, aus der ich ihn zu erlösen glaubte? Ist es nicht meine erste Pflicht, zu versuchen, wieder gut zu machen? Gibt es denn kein Zurück? War es nicht möglich, daß sie beide gereinigt und geläutert aus dieser Krisis hervorgehen konnten und sich das Band zwischen ihnen noch fester und reiner knüpfte? Wenn dies eintrat, dann war sie entsühnt, dann konnte sie wieder rein vor Erich hintreten.

So kehrte sie endlich erschöpft heim und begab sich sofort zur Ruhe.

Liebling, bist du krank?", fragte Erich am nächsten ^age, nachdem er sie eine Weile schweigend beobachtet hatte, von ihrer Totenblässe und ihre müden, schleppenden Bewegungen auf das Höchste beunruhigt. Liebevoll legte er den Arm um sie und sah ihr forschend in die tränenfeuchten Augen. Da schlang sie mito die Arme um seinen Nacken und ihr Haupt fest an seine Brust pressend, brach sie in fassungsloses Schluchzen aus und stammelte