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„Stimmt auffallend. Sind Ihnen vielleicht auch noch einige Prozeßeinzelheiten geläufig? Die damals Angeklagten erklärten, daß sie das Opfer einer Verschwörung seien, und nur unglücklich gemacht werden sollten, weil sie einer geriebenen Gauncrclicque, an deren Spitze Geheimrat Selkenbach stände, die fernere Lelm- pflicht anfgesagt hätten."
„Ah, ich glaube zu verstehen. Liuergke und Krojanker dienten als Strohmänner; entweder lehnten sie sich auf oder wußten zu viel, jedenfalls sollten sie unschädlich gemacht werden."
„Was auch glänzend gelang. Sie sanden nur wenig Gelegenheit, ihre Rachedrohungen wider die Clicqne zur Ausführung zu bringen. In der Verhandlung mußte sie der Vorsitzende, weil ihr Vordringen nicht zur Sache gehörte, zum- Schweigen verweisen. Nun, eine ihrer Aussagen gab Stoff zuni weiteren Nachdenken. Sie behauptete nämlich, daß man ihnen mit der Strafanzeige schon feit Geraumen gedroht und ähnliches Material wie das gegen sie verwendete, für eine Menge sonniger Helfershelfer in Bereitschaft habe. Hier war cs, wo Walden einsetzte. Er ging von der Voraussetzung aus, daß ein solches Material sich nur in den Händen des eigentlichen Drähteziehcrs befinden könnte, und als solcher kam nach all unseren Ermittelungen nur Geheimrat Sclken- bach in Betracht.
Ander Hand unseres viele Baude füllenden Materials begann nun Walden seine Spürarbeit. Er verfuhr staunenswert geschickt dabei. Um das Resultat kurz zu melden: er erklärte mir, daß nach seinem ganz bestimmten Dafürhalten sich im Verwahr Sclken- bachs eine Anzahl Papiere befinden müßte, ivclche nicht nur den ganzen geheimen Geschäftsbetrieb bloßlcgtcn, sondern genugsam Material enthielten, uni uns zum Einschreiten zu berechtigen. Ja, er eröffnete mir auch mit felsenfester Bestimmtheit, das; Selkenbach dies Geheimmaterial in seiner Billa aufbewahre. Woher er solche Wissenschaft hatte, wollte oder konnte er mir nicht sagen, doch er verbürgte sich für die Richtigkeit seiner Angaben und suchte mich zu bestimmen, einen entscheidenden Coup zu wagen, auf' gründ allgemeiner Verdachtsmomente zur Verhaftung Selkenbachs und zur Vornahme einer Haussuchung bei ihm zu schreiten; eine derartige. Handlung würde das Beweis- material und somit die angestrebte strafrechtliche Verfolgung der von uns längst als Hauptschuldige Betrachteten sichern!"
„Ein verd . . . kühner Anschlag!" versetzte Hansemann widerwillig bewundernd. „Sie wagten sich aber nicht daran?"
Kneift nickte nachdenklich. „Doch, ich hätte es auf die eigene Kappe genommen . . . dieser Walden besitzt eine erstaunliche Ueberredungsgabe; er hätte mich richtig 'rumbekommen, wenn der Untersuchungsrichter nicht sein entschiedenes Beto eingelegt hätte. Der bekam ordentlich Zufälle bei dem Gedanken, auf bloße Vermutungen hin einen derartigen Schritt gegen Geheimrat Selkenbach, diesen Einflußreichsten unter den Einflußreichen, zu wagen. Na, er hatte ja recht — im Falle eines Mißlingens wäre es mit seiner Karriere entschieden zu Ende gewesen. Es hat ohnehin Mühe genug gekostet, ihn jetzt, wo wir das Beweis.uatcrial mit seiner niederschmetternden Wucht wider die Rädelsführer zur Hand hatten, zu sofortigem, schonungslosem Vorgehen zu bewegen."
„Und dieses Beweismaterial wurde Ihnen per Post zugeschickt?"
Rat Kneift nickte. „Ja, in einem Aktcnkuvert, das bis zum Bersten mit Papieren angefüllt war, von denen jedes einzelne hinreicht, eines Mannes Existenz und Ehre zu vernichten — die reine Gift-Apotheke der Lukrezia ins Papicrue übertragen."
„Den Umschlag möchte ich wirklich sehen. Walden sprach mir schon flüchtig von einem solchen, ich achtete indessen nur wenig darauf."
• ,Jhr Wissensdrang soll sofort befriedigt werden" entgegnete Küeist, indem er lächelnd in sei., r mitgeführtcn Aktentasche nachsuchte und gleich darauf dem Kollegen ein ziemlich beschmutzt und abgegriffen erscheinendes Brieskuvcrt größten Formats einhändigte.
„Walden hat recht, die Adresse ist linkshändig verfaßt, natürlich nur, um die Anonymität des Absenders zu wahren ■. . . auch der Aufgabestempel stimmt, zwischen 1—4 Uhr früh am 29. Oktober am Potsdamer Bahnhofspostamt . . . und hier ist zum Ucberfluß Ihr genauer Abteilungsvermerk, Kollege", setzte er überrascht hinzu. „Kriminalpolizei. Abt. M."
„Das hat mich auch kolossal überrascht; auch der nicht minder betroffene Walden wußte mir keine Deutung zu geben. Wer kann der Absender gewesen sein, daß er so genau mit dem hiesigen Geschäftsgang sich vertraut zeigt. . . offengestanden . . . darüber komme ich jetzt erst zum Nachdenken", fuhr er lebhaft fort. „Bisher drängte der geradezu verblüffende Inhalt der Sendung, *"*’* unsere kühnsten Erwartungen noch bei weitem übertraf, alles
eingehende Nachdenken über die Person des Absenders zurück . . . es ist wie im Märchen. Waldens Scharfsinn in Ehren, doch nie und nimmer hätte ich geglaubt, daß seine Vermutungen derart haarscharf zutreffen würden."
„Es ist wirklich ein Glücksfall!" pflichtete Hansemann nachdenklich bei. „Ohne diese so ungewöhnliche Zuschickung des im Selkenbachschen Kassenschraule wohlverwahrten Geheimmaterials ständen Sie noch am alten Flecke."
„Schlimmer als das! Die Untersuchung wäre im Sand verlausen, denn der Untersuchungsrichter wollte das Ermittlungsverfahren schon einshellen . . . Walden war in den letzten Tagen ganz verzweifelt. Der arme Junge konnte einem auch leid tun! Was hatte er sich gemüt und abgerackert — und nun sollte die Arbeit vieler Wochen ganz für die Katz' gewesen sein — und da, wo ich gleichfalls schon die Flinte ins Kvrn werfen wollte, langt wie ein anderer dens ex machina das Kuvert hier an und im Handumdrehen gewann unser Verfahren ein anderes Ansehen. Die Schuldfrage der heute Verhafteten steht fest, sonst hätte der Untersuchungsrichter ja auch keinen solchen weittragenden Schritt gewagt . . . Na, das ist wieder einmal Futter für unsere Sensationspresse. Es soll mich wundern, wenn nicht schon heute abend Extrablätter erscheinen."
Hansemann schleuderte die aufgcrauchte Zigarre durch das Wagenfenster. „Fiel Ihnen nicht die merkwürdige gereizte Auseinandersetzung zwischen Selkenbach und seiner Tochter auf?" erkundigte er sich wie beifällig.
„Wie kommen Sie darauf? Ja so, ich erinnere mich, Sie waren sogar in der Lage, den Anbeter dcS Fräuleins zu nennen."
„Ich erwähnte den Namen dieses Malers Andreas Witte auch nur, weil ich mich heute vormittag zu seiner Verhaftung veranlaßt gesehen habe."
Nun war die Reihe, erstaunt zu sein, au Kneift. „Wir leben in einer ziemlich geschäftigen Periode!" meinte er dann. „Um was handelt cs sich? Merkwürdig, Selkenbach und sein Schwiegersohn in spe gleichzeitig hinter schwedischen Gardinen . ."
„Ein eigentümliches Zusammentreffen. Zumal, wenn ich mir den seltsamen Dialog zwischen Baker und Tochter wieder vorhalte. Klang es nicht, als beschuldigte Selkenbach das Mädchen, den Einbruch indirekt veranlaßt zu haben?"
„Aehnlich klang es. Ich wußte nicht, was davon halten . . . Die Verhältnisse sind überhaupt so verworrene. Das Mädchen scheint sich in eine Liebschaft mit dem Maler eingelassen zu haben."
„So scheint es. Witte ist ein für Weiber gefährlicher Mann. Er hat eine Malschule für junge Mädchen geleitet; dort hat er Fräulein Selkenbach kennen gelernt. Auch meine Tochter gehörte zu den Schülerinnen."
„Was der Tausend, dann sind Sie ja gut orientiert, Kollege!"
Hansemann saß mit gerunzelter Stirn. „Es wäre mir lieber, ich wäre cs in diesem Fall weniger. Eine ganz verzwickte Situation, in die ich da gebracht worden bin. Gebern saß dieser Farbenklekser noch an meinem Tisch und trank Bier mit mir. . . und heute gebot mir die Amtspflicht, zu seiner Festnahme zu schreiten."
„Tolle Geschichte!" knurrte Kneift wieder dazwischen. (Foriiekung solgt.l
Ire (ftiipetsbutg/)
(Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.").
Bon Oberlehrer H e l m k e (Friedberg).
Während seines letzten Sommeraufenthaltes in Homburg hat der Kaiser auch der Kapersbnrg einen kurzen Besuch abgestattet, und sich von dem Erbauer der Saalburg, Geheimrat Prof. Jacobi, die Anlagen zeigen lassen. Dadurch ist der Name dieses Römerkastells auch der großen Allgemeinheit wieder ins Gedächtnis zurückgerufen worden, wenn auch festgehalten werden muß, daß die Archäologen dem Bauwerk schon längst ihr Interesse zuge- wandt hatten; ist doch die Kapersburg durch ihre Anlage und durch ihre verhältnismäßig gute Erhaltung eine derjenigen römischen Festungen, die der besonderen Beachtnng wert erscheinen. Gerade dem Umstand, daß sie stets von Wald bedeckt war, ist es zu danken, daß sie noch so gut
*) Wir empfehlen unseren Lesern die besondere Beachtung und Bewertung dieses von dem Leiter der Ausgrabungen der Kapersburg auf unseren Wunsch bereitwilligst verfaßten Aufsatzes, der als Führer bei einem Besuche der Kapersburg icdem vorzügliche Dienste leisten würde. D. Red.


