Ausgabe 
7.6.1907
 
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Er drückt sie sanft auf ihr Lager zurück und redet ihr be­ruhigend zu. Die Mutter soll benachrichtigt werden, sie wird «in Einsehen haben, ihre beiden Naturen passen nicht zusammen.

Dieses Reiseleben ist nichts für Ihre zarte Konstitution, Fraulein Sylvia, und jetzt, da Walldorfs da sind und der gemeinsame Schmerz Sie wieder verbindet die Mama Wall­dorf wird sich auch nach ihrem Pflegekiude sehnen, der ein­zige Sohn ist ihr genommen"

Mama Walldorf!" schluchzt Sylvia auf.O, bn gute, liebe Mama Walldorf! Aber nein sagen Sie mir das nicht für mich gibt cs kein Leben mehr, für mich gibt cs keinen Ausweg als Tod."

Paul schweigt. Er, der nüchtern Reflektierende, erwägt auch jetzt aus seiner besonderen Lebeusanschauuug heraus, ob nicht Wahrheit liegt in dem Gefühl, welches dieses arme Wesen da ersaßt. Ihr wäre vielleicht am wohlsten, sie schliefe den ewigen Schlaf. Aber der Tod kommt nicht zu denen, die ihn wünschen, er läßt sich nicht rufen und nicht abweisen. Und was es be­deutet, ihn vermessen sich zu gebeu, das hat er in diesen Tagen erfahren. Es ist Feigheit, Frevel, Verbrechen. Mag niau denken über die dunklen Welträtsel, wie man will, wehe dem, der vorzeitig mit kecker Hand den Vorhang hebt, der uns das Unfaßbare verbirgt. Und etwas Fremdes, nie Ge­kanntes regt sich bei diesem Denken in Paulas Seele, eine ungewohnte Wärme kreist durch sein Blut, ein großes, ge­waltige Mitleid erfaßt ihn. Sie ist noch so jung, ihre Seele ist noch nicht verdorben ihre Heimat ist das Walldorfsche Haus, wo sie ausgewachsen ' ist wenn sie dahin zurückkehren kann, ist sie gerettet.

Fassen Sie Mut," sagte er plötzlich,ich bin stark und in mancher Trübsal erfahren, ich helfe Ihnen zum Lebeu."

Sie sieht ihn verstört an, als spräche er eine fremde Sprache. Dann sinkt sie zurück und schließt die Augen, wie ein müdes Kind, dem die Mutter ein Wiegenlied gesungen.

Villatte ist bei Vater und Tochter geblieben. Als der Kom­merzienrat sich ein wenig ermannt hat, besprechen sie die nötigen Anordnungen. VUlatte ist ihnen Trost, Stab und Halt, was hätten sie wohl beginnen sollen hier im fremden Lande ohne ihn. Als sie durch freigebige Geldspenden die Wirtin ge­wonnen und das Erforderliche eingeleitet, führt Villatte den Kvmmerzienrat hinüber ins Hotel, der alte Herr stützt sich schwer auf seinen Arm. Erna sagt dem Vater unterwegs, daß Sylvia in ihrem Zimmer ist.

Du hast sie nicht bemerkt, Papa, und das war gut," erklärt Erna;sie hat unfern Roderich noch lebend gesunden und seine letzten Grüße empfangen, ©ie hat ihn sehr geliebt. Hier diesen Brief fand ich auf dem Tische neben Roderichs Lager, er ist an Sylvia"

Sie schweigt, der Vater starrt so zusammengesunken vor sich hin, sie weiß nicht einmal, ob er sie hört. Wer er hört sie wohl. Seine Gedanken irren noch immer umher um das Leben des Sohnes, das nun entflohen. Sylvia hat ihn geliebt, Nnd- eine Ahnung hat es ihm ost gesagt Roderich liebte auch sie. Er strebte baistals Sylvia zu verheiraten, gegen ihre Meinung und trieb den Sohn selbst aus dem Hause. Er Meinte sehr weise und vernünftig zu handeln o, wir weisen, vernünftigen Menschen! Hätte Roderich Weib und Kind ge­habt, er lebte noch.

Sie sind ins Hotel getreten und Erna bittet den Vater, sich niederzulegen und ein wenig zu ruhtzu, ob sie, ob Villatte bei ihm bleiben solle. Er schüttelt den Köpf.

, »Laßt mich allein und du geh zu Sylvia sie soll Mrt uns nach Hause gehen wenn sie will."

Erna ist starr vor Verwunderung. So hat der Vater sie doch gehört vorhin; dies ist aber mehr, als sie erwartet hat.

Ehe sie in ihr Zimmer geht, steht sie noch einen Augenblick mit Villatte auf dem Flur, ihre Hand in der seinen.

Villatte! Ich danke Ihnen und wegen Sylvia, des Vaters Ausspruch eben wälzt mit einen Stein vom Herzen."

Er nickt.

»Ja, gottlob! So wird sie gerettet. Wie nur wird die Mutter sich dazu stellen nun Paul Hendrichs muß mit rhr unterhandeln, der ist der geeignete Mann dazu."

. »Meinen Sie ach! Das wäre ein Trost." Sie drücken die Hände. In Ernas Seele ist in dieser Stunde kein Gedanke, daß Villatte noch für sich Sylvias Rückkehr wünsche. Ihr tir, gls gehöre er jetzt fest zu ihr ist ihrem großen Leid.

v (Fortsetzung folgt.) - » .....«-

Jugend.

Novelle.

Elisabeth", tönte es sreudig und erregt einer jnugen schlanken Fraucugestalt entgegen. Leichten Schrittes eilte sie den Kies­pfad entlang, der grünumraukten Laube zu, aus der die Stimme kam. Auf den sonst bleichen Wangen schimmerte eine sanfte Röte/ als sich Elisabeth bei ihrem Namen rufen hörte, und mit aus­gestreckten Händen eilte sie auf ihren Freund Friedrich Arndt zu.

Wie haben Sie mich nur schon von fern erkannt?" fragte sie, indem sie neben dem Rollstuhl Platz nahm.

Ich fühlte deine Nähe und heute mußtest du ja kommen/ nachdem du mich fast 8 Tage vergeblich warten ließest", er­widerte der bleiche Mann, indem seine toten Augen auf Elisabeth ruhten.

Ich ... es war mir nicht eher uröglich mein Mann und die Kinder brauchten mich", kam es stockend von ihren Lippen. Doch plötzlich brach sie ab und drückte einen warmen Kuß auf seine Hand.

Es war ein seltsames Paar, das nun im Schein der Abend­sonne beieinander saß. Sie ein jugcndschönes vollerblühtes Weib, mit edlen Gesichtszügcn, aus denen die dunklen Augen mit leiser Schwermut blickten. Die Stirn umrahmte gewelltes goldblondes Haar, das das schmale Gesichtchen wie ein Glorieuschleier umgab.

Ihr zur Seite saß ein Mann, der trotz seines Leidens nicht älter als Mitte der 40 schien. Ein jahrelanges Siechtum, das seinen Körper bis zur Hälfte gelähmt hatte und ihm nur noch den Gebrauch feilt et Arme und Hände gestattete, fesselte ihn gänzlich an den Rollstuhl und hatte ihn seit kurzem auch des, Augenlichts beraubt. Das Gesicht trug noch Spuren großer Schönheit und die energischen Züge gaben Zeugnis davon, daß in diesem siechen Körper ein unbesiegbarer Geist und eine eiserene Willenskraft wohnten. Wenn man in die dunklen Augen sah, schien es fast unmöglich, daß darin alles Leben erloschen sein sollte. Denn sie konnten in wunderbarem Glanz erstrahlen, wenn sie sich wie eben jetzt auf Elisabeth richteten. Eine junge, schöne Seele, der die Vergänglichkeit nichts anhaben konnte, blickte unter den, Lidern hervor, lieber der ganzen Erscheinung lag etwas Durchgeistigtes, die auch ohne Mitleid Beachtung fand.

Elisabeth lebte mit ihrem Manne, mit dem sie die glücklichste Ehe verband, und ihren beiden Kindern im Älter von 2 und 3 Jahren erst seit kurzer Zeit in der Stadt, in der Friedrich Arndt/ nachdem sein zunehmendes Leiden ihn zur Aufgabe seiner Praxis gezwungen hatte, schon viele Jahre weilte. Ein Lufall hatte sie beide bald zusammengeführt und die warme Sympathie in eine innige Freundschaft verwandelt.

Elisabeth, die ihren Gatten über alles liebte und keinen Gedanken vor ihm verbarg, ließ ihn an allem, was sie bei dieser Freundschaft Ernstes und Frohes bewegte, teilnehmen, bis sie zu bemerken glaubte, daß Erich darüber leicht verstimmt wurde. Da schwieg sie, um ihm nicht wehe zu tun und um den Schatten der etwa aussteigenden Eifersucht, der für beide kränkend gewesen wäre, int Entstehen zu vernichten. Sie machte zwar kein Geheimnis aus ihren Besuchen, sprach aber nicht mehr über ihre Erlebnisse während diesen.

Obgleich Elisabeth im Besitz ihres Gatten und ihrer Kinder vollkommen glücklich war und den Reichtum ihrer Liebe ganz auf sie ausschüttete, war ihre Seele doch so groß, daß sie nicht auch darüber hinaus zu geben vermocht Hütte und sic schalt sich ost eine Egoistin, daß sie so viel Liebe für sich behielt.

Da begegnete sie Friedrich Arndt und vom ersten Moment an fühlte sie:Dieser Mensch braucht mich, ihm will ich von meinem Ucberfluß geben."

Mit Elisabeth trat eine Wandlung in Friedrichs leidvollcs trostloses Leben ein; das, was nur einmal vor langer Zeit in ihm gelebt hatte, wachte wieder auf, sein Frühling kehrte noch einmal zurück. . .

Elisabeth war so erfüllt von ihrer Mission, diesen Unglücklichen noch einmal glücklich lächeln zu machen, daß sie es anfangs gar nicht beinckrkte, welche Stürmtz sie in dem Innern ihres Freundes heraufbeschwor.

Wenn sie so den ganzen Inhalt ihrer schönen Seele über ihren Freund ergoß u-nd ein warmer Strahl aus den toten Augen sie traf und das Gesicht ein mildes Lächeln verklärte, dann fühlte sie sich so überreich, als w'b sie es wäre, die beschenkt wurde.

Die Besuche bei Friedrich Arndt wurden ihr immer mehr Bedürfnis und es fehlte ihr etwas, wenn einige Tage vergingen, ohne daß sie ihn sah.

Es war, als ob ihre Seele sich immer mehr weitete, sie umfaßte die Ihren mit noch größerer Innigkeit, sie fühlte ihre Liebe zu Erich, die sie bisher gar nicht mehr steigern zu könnest meinte, wachsen, sie wurde ihren Kindern eine verständnisvollere Mutter und alles, was sie begann, verwandelte sich in Segen.

Sie war unerschöpflich im Erfinden kleiner Freuden für Friedrich uni) nie kam sie mit leeren Händen.

Im Juni, als die Rosen in voller Pracht standen, machte es ihr besondere Freude, einen ganzen Regen von Rosen über ihn zu ergießen, bis er ihr lachend die Hände festhielt und sie mein Rosenwunder" nannte. Oft, wemt sie ihm vorlas, nahm er ihr das Buch aus der Hand und bat:Erzählen Sie mir etwas,