Ausgabe 
7.6.1907
 
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1907

Arerjag den 7. Juni

»KT

Aem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

f£er leise, zitternde Ruf macht Erna aufschauen, sie wendet ihr träueriüberströmtes Gesicht in die Richtung, und hätte bei­nahe laut aufgeschrieen.

Sylvia ist auf halbem Wege in die Kniee gesunken, sie kann nicht weiter; Erna eilt auf sie zu, und hebt sie empor.

Sylvia v, mein Gott! Sylvia!"

Sie hält die Schwester umschlungen und heiß« Tränen fallen ans deren kaltes Gesicht. Wie ist das blühende Kind verändert! In diesen: schrecklichen Moment, wo das schwerste Leid über sie hereinbricht, saht noch der Jammer uin die Verlorene ihre Seele.

Sylvia! Wie kommst du hierher, warst du bei ihm?" Sylvia streicht mit der Hand durch ihr wirres Haar sie sängt an, sich zu besinnen. I >

Er ist tot," sagt sie, wie vvr sich hin.

Villatte und Paul sind um den alten Herrn bemüht, sie führen ihn an die Leiche des Sohnes, und Paul stellt sich so, daß Sylvia dem unglücklichen, für alle anderen Dinge jetzt stumpfen Vater nicht auffällt. Villatte ist zusammengefahren bei ihrem Anblick, er zittert noch, unb seine Augen irren nach der Richtung, wo die beide» sich umschlungen halten.

Also Roderich hat sie geliebt, arme Sylvia!

Der Kommerzienrat steht stumnr, tränenlos, wie gelähmt an Leib und Seele beim Anblick seines Lieblings. Das ist das Ende! Alle die schwellenden Hoffnungen, die er immer noch auf ihn gebaut, da liegen sie zertrümmert. Sein Sohn, sein schöner, begabter Sohn, woran ist er zugrunde gegangen? Er, dem das Leben eine Fülle reichster Güter bot. Woran? Ihm fehlte ein gesunder Lebenszweck. Es ist dem Vater nicht gelungen, ihm den zu geben. Worin hat er es versehen? Wo liegt seine Schuld?

Schwere, trostlose, niederschmetternde Gedanken ziehen durch deu müden Geist des Greises. Er hat gearbeitet, treu und an­gestrengt sein Leben lang, um immer mehr Geld und Gut zu­sammen zu häufen für seinen Erben. Und an diesem Ueberfluß von Geld urid Gut ist der Erbe zugrunde gegangen. Er brauchte nun nichts mehr zu tun, er hatte keinen Sporn. Da warf er sich auf lauter eitle, törichte Dinge, die ihm nicht hielten, was er von ihnen erwartete. Ein Ziel inuß der Mensch haben, einen Lebenszweck. Hätte er geheiratet, so hätte er zu schaffen gehabt für Weib und Kind, und in den Kindern seine Hoff­nungen Roderich! Roderich! mein schöner, herrlicher Ro­derich !

Paul hat leise die Vorhänge aufgezogen, das freundliche Tageslicht fällt auf das Antlitz des Toten. Sind in der letzten Stunde seines Lebens Schlacken abgefallen von seiner Seele, diese Züge tragen einen andern Ausdruck, als je der Lebende sie hatte. Eine versöhnende, verklärende Ruhe liegt darüber ge­

breitet, man sieht, welch ein schöner Mann er war. Er sieht aus, als schliefe er und könne plötzlich, ein anderer, als der er war, erwachen.

Der alte Vater steht lange tief über ihn gebeugt, dann fängt ein leises Schluchzen an, den wuchtigen Körper zu erschütteret, die ganze Gestalt des greisen Mannes zittert. Erna ist heran­getreten, und schlingt sanft den Arni um den Vater. Sie sind allein bei dem Toten.

Paul hilft im andern Zimmer Sylvia ihren Hut und Schal anlegen, und redet beruhigend auf sie ein. Er hat kurze Rück­sprache mit Erna genommen, sie haben sich mit zwei Worten verständigt. Er darf Sylvia einstweilen in Ernas Zimnter im Hotel führen. Villatte steht neben ihnen. Er hat Sylvia herz­lich mitfühlend die Hand gedrückt, wie ein Bruder. Es gibt kaum einen Menschen, dessen Mienen wie die Armand Villattes, Wärme und Innigkeit auszudrücken vermögen. Paul wundert sich aber doch im Stillen über die Kühle des ehemaligen Lieb­habers diesem trostlosen Schicksal gegenüber. Er selbst em­pfindet aufs tiefste mit ihr.

Vater und Schwester werden sich eher trösten als sie, dieses schwache, hilflose Wesen, das den Toten still und heimlich geliebt hat von frühester Jugend an, und nun ihren Schmerz in ein trostlose Leben voll Untiefen und Gefahren tragen soll. Das ist erbarmenswert. Ihre Schultern sind zu schwach für solche Lasten. Selbst er, der sonst stets Rat weiß für alles, vermag hier noch keinen Ausweg zu finden, um sie zu retten vor sicherem Untergang.

Kommen Sie," sagt er jetzt sanft,ich führe Sie in Ihrer Schwester Zimmer, bei ihr sollen Sie sich erst erholen. Aber hier müssen wir fort."

Sylvia ist so erschöpft, daß sie sich ihm willenlos überläßt, sie ist nicht imstande zu denken, oder zu überlegen.

Das Hotel, wo Villatte Zimmer für Vater und Tochter be­stellt hat, ist ganz in der Nähe, sie schreiten nur über die Straße und ein Streckchen über den Platz. Ernas Gemach ist groß und luftig, mit elegantem Komfort eingerichtet. Frische Rosen in Basen verbreiten köstlichen Duft, ein Feuer prasselt im Kamin, eine behagliche Wärme durch strömt den Raum; Paul löst Sylvia Hut und Schal und bettet sie auf die Otto- m.aue. Er tut das rasch, umsichtig, geschickt, mit einer ernsten Ruhe, die nichts Aufregendes hat. Und sie ist so totmüde.

Allmählich erwärmen sich ihre erstarrten Glieder, ans dem Tisch steht Wein und etwas Backwerk. Er gießt ein Glas ein und reicht es ihr.

Trinken Sie, es ist notwendig, Sie haben Ihre Kräfte nötig." I ,

Ihr wird Wohler, solche Behaglichkeit hat sie lange nicht mehr gekannt. Er setzt sich neben sie. Sie saßt nach feiner Hand und hält sie fest, wie ein furchtsames Kind, das etwas Lebendiges fassen muß, um sich nicht zu grauen. Sie schluchzt jetzt leise, und dazwischen spricht sie zu ihm.

Sie sind so gut warum nur sind Sie es zu mir? Erna wie lieb und gut war Erna!"

Dann fährt sie schreckhaft empor und denkt nn die Muttert