Strenge. Seine Offiziere fürchteten ihn int Dienst wie keinen zweiten Vorgesetzten.
Gesellschaftlich war er beinahe unmöglich. Die Mütter hielten ihm ängstlich ihre Töchter fern, denn er berührte in seiner Unterhaltung die gewagtesten Dinge auf eine Art, die einen verderblichen Einfluß aus ein junges Gemüt üben mußte. Selbst die jungen Frauen (und es waren welche darunter, die recht stark gewürzte Unterhaltungskost vertrugen) brachten seiner Person keine Sympathien entgegen, da sie in seinem Benehmen die Achtung vermißten, welche selbst sehr leichtsinnige Frauen höherer Kreise nicht ohne qualvolle Bitterkeit entbehren lernen.
Zwischen ihm und dem weiblichen Geschlecht hatte von jeher ein Kampf bestanden, der von seiner Seite mit immer neuem Vergnügen geführt wurde. Ob seine Erfolge bei den Frauen seiner Sphäre groß gewesen, davon trmßte man nichts genaues, aber die Zahl seiner sonstigen Liebesaffären war nach und nach ins unendliche gewachsen und hatte ihre scharfen Zeichen in sein häßliches, rotes Gesicht gegraben. Sein dunkles weiß gesprenkeltes Haupthaar war bereits so dünn geworden, daß die rote Kopfhaut bedenklich hindurch schimmerte und der Hinterkopf einen kahlen, wie poliert glänzenden Fleck zeigte. Daß dieser Kopf auf einem kolossalen Körper saß, dessen Fülle die knappe, blaue Attila zu sprengen drohte, trug nicht dazu bei, seine Erscheinung zu verschönen. (Fortsetzung folgt.)
.Ludwig Krk.
(Zu seinem 100 jähr. Geburtstag.) (Original-Artikel der Gießener Familienblätter.) Nachdruck verboten.
In jedem Gesangverein kennt man diesen Namen. Ludwig Erk, der allen Freunden des Gesanges, jung und alt, Wohl bekannt ist, war der erste, der das Volkslied nach der musikalischen SFeite hin auf eine sichere, wissenschaftliche Grundlage stellte, der durch die Wiederbelebung des deutschen Volksliedes deutschen Sinn und deutschen Geist in den weitesten Kreisen belebt und gefördert hat.
Geboren am 6. Januar 1807 zu Wetzlar, wo sein Vater Lehrer und zugleich Kantor und Organist war, kam der junge Erk nach dem damals französischen Worms, wohin sein Vater im Jahre 1811 als Lekwer und Organist übersiedelte. Es war ein trauriges Jahr, das die Familie hier verlebte, und doch sollte es für den jungen Erk ein segensreiches werden. An der Sekundärschule in Worms wirkte nämlich damals ein junger Manu, dessen Stirn der pädagogische Genius geküßt hatte, Adolf Diesterweg, der in Erks Hause dessen Nichte Sabine Enslin kennen lernte und sie 1814 als Gattin nach Frankfurt a. M. heimführte, lind damit war ein dauernder Grund zur Freundschaft zwischen beiden Familien gelegt. Nachdem Erks Vater im Jahre 1812 stellenlos in Neu-Isenburg gelebt hatte, nahm er 1813 eine Lehrerstelle in Dreieichenharn bei Offenbmh a. M. an, wo er 1820 verstarb. Der 13 jährige Ludwig kam nun nach Offenbach in die Erziehungsanstalt seines Paten Spieß, und es dauerte nicht lange, da war der junge Mann schon als Lehrer an dieser Anstalt tätig. Nachdem Adolf Diesterweg Seminardirektor in Mörs geworden war, berief er den strebsamen Jüngling 1826 als Hülfslehrer dorthin, und hier legte Erk den Grund zu seinem Ruhme, mächtig angeregt durch Diesterweg, der sogar seine ersten Lreder, ohne es Erk zu sagen, einem Verleger übergab. Um die Lehrer für seine auf Hebung des Bolksgesanges gerichteten Bestrebungen zu gewinnen, gründete er die niederrheinischen Lehrergesangfeste und veröffentlichte 1834 einen methodischen Leitfaden zur Erteilung des Gesangunterrichtes. Im folgenden Jahre wurde er von Diesterweg, der seit 1831 Seminardirektor in Berlin geworden war, dorthin berufen. Hier übernahm er neben seinem Amte als Seminarlehrer die Leitung des durch Seminaristen ausgeführten liturgischen Gesanges im Dome. Die Arbeiten, die der Feder Erks entflossen, sind überaus zahlreich. Seine Liederbücher erschienen in immer neuen Bearbeitungen und waren bald in mehr als einer Million von Exemplaren verbreitet. Daneben fand Erk stets Zeit zu selbständigen wissenschast- lichen Arbeiten und zur Mitarbeit an Grimm's Wörterbuch. Tas Jahr 1856 brachte seinen Liederhort und damit seine Studien über den deutschen Volksgesang zu einem vorläufigen Abschluß; im folgenden Jahre erhielt er den Titel „Musikdirektor". Dem Bestreben, seiner Sache direkt zu
dienen, verdankten seine beiden einflußreichen Gesangver- eine, ein Männerchor und ein gemischter Chor, ihre Entstehung. Seine amtliche Stellung war aber nach dem Abgänge Diesterwegs in der preußischen Reaktionszeit eine sehr schwierige; es kam zu peinlichen Reibereien zwischen ihm und dem bekannten Direktor Thilo, und als 1865 alle Seminarlehrer eine Zulage erhielten, blieb Erk allein ausgeschlossen. Erst als Dr. Schneider, der spätere Geheimrat im preußischen Kultusministerium, Semrnardirektor in Berlin wurde, kanren für ihn wieder bessere Tage; er erhielt 1873 den ersten Adlerorden und 1876 bei seinem 50 jährigen Amtsjubiläum das Prädikat „Professor". Die Hauptstadt ehrte ihn bei diesem Anlaß dadurch, daß sie ihm bis zu seinem Tode einen jährlichen Ehrensold von 3000 Mark aussetzte. Nach seiner Pensionierung lebte Erk bis zu seinem Tode im Jahre 1883 nur noch seinen Studien. Seine Bibliothek uuo seinen handschriftlichen Nachlaß ließ Kaiser Wilhelm I. für den preußischen Staat ankaufen, und lange Jahre hindurch Men es, als sei er damit sür immer begraben; bei der knappen Ausstattung des preußischen Kultusetats mit Geldmitteln war diese Befürchtung nur zu begründet. Nach langem Harren wurde endlich der Mitforsche« Franz M. Böhme mit der Bearbeitung des Nachlasses betraut, und bereits seit einer Reihe von Jahren liegt daS Werk, ein deutsches Natioualwerk ersten Ranges, in drei stattlichen Bänden fertig vor.
Ludwig Erk konnte sich der Förderung seiner Absichten durch hervorragende Gelehrten erfreuen und stand mit vielen in lebhaftem Briefwechsel. Mit Hofmann von Fallersleben war er seit 1841 in treuer Freundschaft verbunden; 1848 beherbergte er den verfolgten Dichter und half ihm fort. Schon von Offenbach aus war Lukmüg Erk mit seinem Bruder, der das Gymnasium in Wetzlar besuchte, in den Ferien aufs Sammeln von Volksliedern in den Odenwald und auf die Bergstraße gezogen. Sie grüßten aus diesen Wanderungen zunächst das Handwerk, kehrten also beim Lehrer des Dorfes ein, notierten, was von den Kindern St bekommen war, und ließen wohl auch die erwachsenen urschen und Mädchen ins Schulhaus zitieren, um die vorgesungenen Melodie» und die Texte der Lieder anfzu- zeichnen. Auf den Landstraßen, auf Weg und Steg, wurde gesammelt, und so trugen sie von jeder Tour einen wahren Schatz nach Hause. In späteren Jahren von Mörs und Berlin aits hat Erk dergleichen Golks lieserjsg den im Odenwald mit seinem Schwager, dem Oberlehrer Mock in Bes- sungen, mehrerem«! unternommen. Als sie einmal auf einer Wandernug einen ganzen Tag vergebens auf der Suche gewesen und in Gadernheim mißmutig zu Bette gegangen waren, wurde am andern Morgen frühe auf- gebrochen. Munter saugen die Vögel, laut rief der Kuckuck, und aus den Tälern und von den Hohen schallte Hörnerklang und Jodelgesang. Die .Hirtenbub en waren ausgezogen und belebten mit ihren Horden Berg und Dal. Die Wanderer bogen eben aus einer Waldecke heraus, als ihnen mehrere singende Knaben entgegenkamen, die ihnen bald ein wundervolles Volkslied vorsangen. Auf die Aufforderung: „Ihr Jungen singt uns doch das Lied noch einmal!" erfolgte die Antwort: „Ja, wenn d'r uns en Kreuzer gebt", und auf die Gegenantwort: „Den sollt ihr haben", giugs nun los. Eine andere Fahrt ging von Messel aus, dem Wohnorte der Mutter, über Guudernhausen und Spachbrücken, wo es bei Bier und Branntwein reichen Fund gab, bis nach Reinheim. Zu Hause wurden dann die an der Quelle gesammelten Lieder bearbeitet und ergänzt und für den deutschen Volksgesang, für Schule und Haus, herausgegeben. So wurde Ludwig Erk ein Schulgesangspädagoge erster Größe. Mit feinem Geschmack und mit pädagogischem Takt hat er aus der reichen Fülle des deutschen Volksliedes für die Kinder feine Lieder ausgewählt und mehrstimmig gesetzt. Erks Schulliederbücher find in allen deutschen Gauen wohlbekannt. ®-
Weimar.
Maximilian Harden gibt ht einem Artikel seiner „Zukunst" eine interessante Darstellung der letzten Vorgänge in Weimar. Im Mittelpunkte dieser Ausführungen steht ein Charakterbild des Oberhofmarschalls von Palszieux, auf dessen KvMo nach Meinung Hardens der Umschwung in dem künstlerischen Leben Weimars einzig und allein zu setzen ist. Ob diese Charakteristik in allen Einzelheiten zutreffend ist, mag dahingestellt bleiben; in ihrer Grundlage scheint ste nach dem beigebrachten Material gesichert zu sein. Danach wäre der künstlerische Gegen-


