Ausgabe 
6.9.1907
 
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Dalmatien und Bosnien, und meine Verwandten in Deutsch­land hätten ihn dringend gebeten, mich aufzusuchen und zur Heimkehr zu bewegen.Sie finden's sonderbar, daß Sie, alt und einsam, noch hier bleiben. Seit ich hier bin, kann ich es so unbegreiflich nicht mehr finden. Aber freilich, wenn niemand in der Nähe ist, der griechische In­schriften erklären kann, dann sind Sie in geistiger Beziehung doch sehr aufs Trockeue gesetzt", sagte er. Ich gestand ihm nicht, daß griechische Inschriften nicht so durchaus notwendig zu meinem Mücke sind, wie zu seinem eigenen, aber im Augenblick fuhr es mir durch den Sinn:Bei diesen Men- schen möchtest du deine letzten Jahre verbringen, die in der Begeisterung für ihren Beruf zu solcher Aeußerung fähig sind."

Er war entzückt von dem paradiesisch schönen Süden Dalmatiens und von den zahlloser! Ruinen aus der Römer­zeit, erzählte lebhaft und ließ sich dann meine Gärten zeigen. Im Geflügelhof hinter dem Hause war schon Abend­ruhe. Die Hühner saßen schlafend in Reihen auf den Aesten der Linde, die mitten in ihrem Bereiche stand, und die Truthühner kauerten im Sande in einer Ecke des mit Drahtgitter umgebenen Raumes. Bon den tief herab­hängenden Aesten eines alten Feigenbaumes brach ich einige Feigen, nahm auch im Gemüsegarten schöne türkische Zwet- schen in meinen flachen Korb, doch wandte ich mich gleich nach dem Weingarten, weil ich wußte, dieser Anblick würde den Nordländer am meisten überraschen. Er blieb auch mit einem Ausruf des Erstaunens stehen. Die mächtig großen Trauben hingen an den Decken der Wein-Lauben­gänge so dicht gedrängt, als sei dort ein dickes dunkel­blaues Polster angebracht. In gut gehaltenen Weingärten sind in Süddalmatien die kleinsten Trauben noch immer so groß wie man in Deutschland kaum jemals große Trauben zu sehen bekommt. Ich brach zwei und ließ den nun vollen Korb stehen. Wir wandelten durch die Lauben hinab in der Richtung nach der Bucht von Cattaro, bis zu der meine Besitzung reichte. Durch große Maisfelder gingen wir. Ich erzählte meinem Gast, der Mais sei eine Art Tribut, mit dem ich meine Sicherheit erkaufte. Es gibt viel Armut droben im Gebirge, auch jetzt noch, obgleich die österreichische Verwaltung so gut sorgt und Ordnung hält, und durch die Eisenbahnen und Fahrstraßen Verkehr und Industrie, uud damit Wohlhabenheit ins Land bringt. Dort sind noch Freiheitsfanatiker, die bleiben in ihren weit- abgelegenen Hütten in ihrer steinernen Wildnis und hassen die Neuerungen. Die kamen im Winter herab und bettelten, um nicht Hungers zu sterben. Für sie lag meine Besitzung bequeni, in der Stadt werden sie nicht geduldet, da gehörte ich zu denen, bei welchen sie ihren Tribut er­hoben. Anfangs bedurfte ich noch weit mehr Mais, denn da war noch ein großer Teil der Gebirgsbevölkerung so arm, daß sie während des Winters zerriebene Baumrinde unter das Maismehl mischte zum Brotbaüen; das tun noch jetzt dort die ärmsten Leute. War ihr eigener Vorrat zu Ende es wächst da oben gar wenig, so holten sie Nahrung bei andern. Wer auf einsamem Landgut sich weigerte, zu geben, der war ein verlorener Mann.

Können Sie denn nicht gegen diese Bettler Ihr Haus abschließen und verteidigen, wenn sie eindringen wollen?" fragte mein Gast.O nein! Es darf niemand ahnen, daß ich Waffen besitze. Die Gier danach ist hier eine furchtbare Leidenschaft, -obgleich alle Männer schon bis an die Zähne bewaffnet sind. Lassen Sie nur nicht merken, wenn Sie eine Waffe bei sich tragen. Ich glaube, wenn Sie einen verhungernden Montenegriner wählen ließen zwischen Speise und einer Pistole, er würde noch sterbend nach der Waffe greifen. Oder vielmehr," verbesserte ich mich,er würde wahrscheinlich sich an der Speise stärken, Sie dann unversehens niederschießen, und so doch in den Besitz der begehrten Waffe gelangen durchtrieben sind unsere Nach­barn da oben im höchsten Maße."

(Fortsetzung folgt.!

Won-ßerr nach Marokko.

Aus dem R e i s e t a g e b u ch e eines Gießeners. Nachdruck verboten.

(Schluß.)

Am Nachmittag unseres fünften Reisetages hatten wir den ersten der zwei großen Flüsse zu passieren, die auf dem Wege von Zanger nach Fez überschritten werden müssen, Uara und Sebu. Wohl hatten wir den Uara schon gegen 4 Uhr gesehen, mußten aber, um an die zum Uebergang am be,ten geeignete Stelle zu gelangen, am Ufer noch ein Stück entlang reiten. Brücken kennt man hierzulande kaum; wo man sie aber findet, da sind sie zumeist kaum nötig, wie z. B. über den Mekles, einen kaum 3 Meter breiten und wenig tiefen Bach, lieber den Uara dagegen führt keine Brücke. Ter Reisende muß also sehen, wie er hinüber- kommt. Es ist dies in Regenzeiten durchaus keine Kleinig­keit, oft sogar unmöglich. Eine Gesandtschaft z. B. mußte zwischen Uara und Sebu, die hier etwa 2 Stunden vonein­ander entfernt sind und sich ioeiter unterhalb vereinigen, als ein starker Regen ausbrach, tagelang lagern, da sie weder vor- noch rückwärts konnte. Wie aber unsere Reise überhaupt von gutem Wetter begünstigt war, so ging auch hier alles glatt von statten. Wegen der starken Strömung mußten die Pferde von Leuten, die eigens zur Hilfeleistung bei der Flußüberschreitung in der Nähe der Uebergangsstelle sich aufhalten, geführt werden. Nach etwa 10 Minuten war das jenseitige Ufer des Flusses, der hier etwa so breit ist wie die Lahn an der Rodheimer Straße in Gießen, aber kaum Meter tief, glücklich erreicht. Kaum 200 Meter weiter unterhalb, wo sich eine Anzahl brauner Gestalten im Wasser tummelte, so wie sie Gott geschaffen hat, schiert der Fluß allerdings bedeutend tiefer zu sein. Ein kurzer Ritt führte uns nach weiteren 20 Minuten zu unserer Nsala. Unter dem Schutze der uns auch hier zur Verfügung gestellten 23 Nachtwachen, denen es aber weniger ums Wachen als um denFavor" zu tun ist, bett sie am anderen Morgen grinsend einstecken, ging auch diese Nacht bei Hunde­geheul vorüber.

Nach etwa zweistündigem Ritt hatten wir am anderen Morgen den Sebu zu passieren. Die Breite und Tiefe war an der Uebergangsstelle etwa die gleiche wie bei dem Uara. Wir hatten an diesem, unserem vorletzten Reisetage, unter so großer Hitze zu leiden, daß wir den für unseren letzten Lagerplatz vorgesehenen Ort Mekkes nicht erreichten, sondern! in der Nähe von Beni Amar rasten mußten. Wir hatten! diesen Ort, der umkränzt von kleinen Oliven- und Orangen­gärten, malerisch an einem Bergabhang liegt, schon stunden­lang vorher gesehen, jedoch vorher eine riefige,- sandige und steinige Hochebene zu durchreiten. Kein Baum hier beuet Schatten, kein Quell durch­dringt den Sand." Am Wege bleichen Dutzende voü Gerippen verendeter Tiere, die hier entkrästet, verdurstet liegen geblieben sind, den zahlreichen Raubvögeln eine will­kommene Beute. Gegen t/gö Uhr gelangen wir schließlich zu unserer Nsala, die bei unserer Ankunft fast überfüllt war. Während wir unser Maultier entladen ließen, kam noch eine größere Karawane von etwa 30 Kamelen an. Wunder­bar, wie sich diese Kolosse durch das Gedränge von Menschen, Tieren und Gepäckstücken aller Art einen Weg zu bahnen wußten und sogar noch Raum fanden, sich niederzulegen, was für ein beladenes Kamel nicht so einfach ist. Ein leiser Ruck seines Führers am Halfterband gibt ihm das Signal zum Niederlegen, das Tier läßt die langen Beine stoßweise sinken und schließlich zusammenklappen, um sich in dieser Pose liegend entladen zu lassen. Sind die Tiere ihrer Lasten ledig, dann plazieren sie sich in zwei Reihen, die Köpfe einander zugewendet, und erwarten ihr Futter, das sie schwer genug sich verdient haben.

Wir schicken uns an, das letzte Abendbrot unserer Reisd zu verzehren. An allen Gliedern fühlen wir uns alle wie gerädert, noch mehr aber bedürfen unsere Pferde der Ruhe, die am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein scheinen. Am muntersten noch fühlt sich unser Maultier, dem so eine Reise bei der steten Uebung und dem fast ununterbrochenen Unterwegssein trotz einer Ladung von 2y2 bis 3 Zentner eine Kleinigkeit zu sein scheint.

Diese Nacht war die schrecklichste, die ich je erlebte. Wer kann sich von einem Lärm, den etwa 50 bis 60 Kamele und etwa halb so viele Esel, Pferde und Maultiere im Verein mit einigen Dutzend Hunden fertig Dringen,, die unsere Nsala um-