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„Und Veltlingen, was wird aus dem, wenn du dein Wort brichst? Und nun erst du selber? Kannst du leben mit dem Makel auf deiner sonst so reinen Stirn, die du bisher so hoch und stolz gehalten?"
Taginar atmete hastig und schwer. Wie mit Zaubergewalt stand Plötzlich der Tiag vor ihren geistigen Blicken, an denc sie sich mit Veltlingen verlobte. Wie stolz sie ihm damals als Antwort auf seine freimütig eingestandene Eifersucht gesagt hatte: „Ich bin eine echte Rolfsen, und deren Wappensprnch lautet „in Treuen fest", dessen sei und bleibe eingedenk, mein Freund!"
Und jetzt? War sie nicht eben nahe daran gewesen, ihr gegebenes Wort zu brechen? Weil sie urplötzlich wieder cr- fastt war von den Flammen einer jäh hervorbrechenden Leidenschaft, einer Leidenschaft, die sie längst bis zum letzten Funken erloschen gilaubte! Mer nein! Dem Gefühl sollte, dem durfte sie nicht nachgeben. Sie hielt ihr Wort. „In Treuen fest."
Mit einer unnachahmlich hoheitsvollen Bewegung hob Dagmar das Haupt. Ihre großen Augen schimmerten schwarz vor Erregung als sie, scheinbar sehr interessiert das Bild betrachtend, halblaut mit fester Stimme sagte:
„Es geht wohl jedem älteren Menschen so, daß er sich das eine oder andere Ideal seiner Jugend zu bewahren trachtet, Herr von Uchdorf. Mir ist aus der Vergangenheit besonders deutlich die Wichtigkeit in Erinnerung, mit welcher mein Vater alle Zeit auf die Befolgung unseres Wappenspruches hielt. Davon hoffe auch ich nie und nimnier abzuweichen."
Er sah sie ungewiß an. Narrten ihn seine überreizten Sinne, oder war das wirklich ein und dieselbe Dagmar, jene, die vorhin mit solchem glückseligen Gesicht vor ihni stand, schweigend seinen inhaltschweren Worten lauschend, und dieses ernste, junge Weib, das da voll unnahbarer Hoheit mit einem traurigen Lächeln in den Augen, bereit war, treu und fest ihr gegebenes Wort zu halten?
Er blickte- von neuem zu ihr hin. Ihre Augen begegneten sich, und als er den Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit gewahr ward, der ihm dort entgegenleuchtet«, da wußte er, daß jedes fernere Wort in dieser Angelegenheit unnütz sein würde.
Langsam beugte er seine hohe Gestalt zu ihr nieder.
„Tue ich eine Fehlbitte, Baroneß, wenn ich es wage. Ihnen jetzt noch meine Dienste anzubieten, falls Sie jemals in die Lage kommen sollten, die Hülfe eines aufrichtigen Freundes in Anspruch zu nehmen? Oder darf ich auch das nicht mehr?" Ernst und eindringlich tönten die Worte zu ihr hin.
Sie schwieg. In hastigen Atemzügen hob und senkte sich ihre Brust. Unbewußt klammerten sich ihre bebenden Hände um den Schildpattfächer, als könnte dieses leblose Ding ihr Kraft und Hilfe geben in diesem schweren Seelenkampf. Ta schlug wiederum Uchdorfs Stimme an ihr Ohr, ehrerbietig und bittend.
. „Verzeihen Sie mir, Baroneß!" Ernst rind dringlich ruhten seine Augen auf ihr, die ebenso errrst seinen Blick zurückgab. Sie neigte leicht das blasse Antlitz.
„Ter Besitz eines echten Freundes ist eine köstliche Gabe. Ich danke Ihnen, Herr von Uchdorf, wenngleich ich hoffe," sie wandte sich mit einer schnellen Bewegung nach dem andern Zinnner zurück, „an Mjagnus Sei . . ."
Ein lautes Poltern und Kvachen ließ sie erschreckt innehalten. Klirrend war das Bild der Herzogin zu Boden gefallen.
Ein leises Zittern überrann Dagmar. Verstört sah sie zu Uchdorf hin, doch ehe der noch ein beruhigendes Wort sagen könnte, kam schon der Herzog herein, der sich verwundert nach der Ursache dieses verfrühten Polterabends erkundigte.
„Ah, Ihre Schleppe sah an dem Schnitzwerk der Staffelei fest! Da sehen Sie, Baroneß, nicht einmal das leblose Holz kann Ihrer Anziehungskraft widerstehen!" scherzte der hohe Herr.
Tie Angeredete lächelte mühsam, mit blassen Lippen. Besorgt trat Veltlingen näher.
„Ist dir schlecht, Dagmar?"
„Ich habe mich _ so erschrocken, Mjagnus."
„Tas tut mir leid, mein Herz. Hoffentlich können wir Md fort, damit du zur Ruhe kommst."
„Ihre Hoheit geht schon."
Ta tpat Uchdorf wieder heran.
„Darf ich mich ganz gehorsamst empfehlen, Baroneß."
Sie reichte ihm schweigend die Hand, die er ehrfürchtig rußte. Als er sich aufrichtete, tpaf sein freimütiger Blick den ihren. Ta nickte sie ihm zu:
„Gute Nacht, Herr von Uchdorf."
5. Kapitel.
Weihnpchtsfefl war vorüber. Es! hatte Dagmav über- VMhe Gaben von Magnus gebracht. Gaben, die sie dankbaren, frohen Herzens entgegengenommen hatte.
Es war überhaupt in dem Verhältnis der Verlobten, seit jenem Teeabend, eine eigentümliche Wandlung vorgegangen, welche Veltlingen mit tiefem Behagen empfand, wenn er sich auch die Veranlassung zu dem veränderten Benehmen seiner Braut nicht denken konnte, die jetzt gegen ihn und seine kleinen Schwächen von einer sanften Duldung, einer gewissen nachsichtigen Freundlich-! feit war, die in starkem Gegensatz zu ihrem sonst so kühlenzurückhaltenden Wesen stand.
Zu Tagmars heimlicher Erleichterung hatten die Qnadrillen-- proben kurz vor Weihnachten, wegen Ansteckungsgefahr aushören müssen, denn unter den Pferden der Ulanen war die Brnstscnche ausgebrochen.
Tie Baroneß iviar es sehr zufrieden, daß die Reiterei ein Ende hatte. So geschah es schon ganz von selbst, daß sie Uchdorf wenig sah, und kamen sie dennoch auf gesellschaftlichen Veranstaltungen zusammen, so mieden sie einander, ivic in schweigender! Verabredung, möglichst unauffällig.
Anfangs hatte Tagmar sich mit einer leisen Unruhe erwehren können, wmn Uchdorf in ihrer Nähe war, doch bald hatte die stets gleichmäßige Ruhe des Rittmeisters, die zarte Art, in welche« er ihr seine aufrichtige Verehrung darzubringen wußte, ihre Erregung zu beschwichtigen verstanden.
„Ein treuer Freund," sie meinte oft noch den Tonfall seiner Stimme zu hören, in bem er diese Worte sprach. Nun gut! So hatte sie damals beschlossen, als sie sich unter bitteren Selbstvor-, würfen schlaflos auf ihrem Lager umherwarf, sie wollte sich auf diesen Freund verlassen, wenn sie jemals einen Freundesrat, eine I-renndeshilfe brauchte, wenngleich sie schwerlich an Magnus Seite je dessen bedurfte!
Boll Tankbarkeit sah Uchdorf, der sich mit seinem Empfinden in die Kämpfe dieses edlen Frauenherzens versetzte, daß Dagmar ihm nicht mehr zürnte, sondern in schweigender Gewährung seine Freundschaft hinnahm, die er ihr einstweilen durch die denkbar größte Zurückhaltung zu beweisen wußte. Tenn nicht umsonst hatte er etliche Späherblicke der Gräfin Lindström ansge-, fangen, die ihm zu denken gaben.
Wenn der Rittmeister jedoch glaubte, durch eben diese völlige Zurückhaltung Frcdine zu täuschen, so irrte er sich gewaltig. Grade in seinem auffälligen Fernhalte:: von Tagmar sah die Gräfin den Anhalt für einen Verdacht, den sie anfänglich nur instinktiv empfunden hatte, für den Beweise zu haben sie urplötzlich das Erstrebenswerteste deuchte. Welch ein Hochgenuß würde das sein, wenn die Verhaßte dann nach ihrer Pfeife tanzen mußte! Wahrlich, sie konnte bei diesem Hazard nur gemimten; — wenn sie nur einigermaßen die Karten zu mischen verstand. Da banque! Dm Zagendm flieht das Glück!
(Fortsetzung folgt.)
Die Freude» des Sommeraufenthaltes.
Aus Paris wird geschrieben: Ein paar Tage noch — und all das elegante Leben, das jetzt noch die Boulevards durchflutet, wird verschwunden sein. Die feinen Leute ziehen sich aufs Land zurück, in Bäder und Villen, Paris liegt still und ernst da, ein ungewohnter Anblick. Man hat es diesmal recht lange in den Stadtmauern nusgehalten. Vor drei oder vier Jahren noch hätte es fast als ein Verbrechen gegen den Geist des guten Tons gegolten, wenn man nach dem Grand Prix ttoch in Paris geblieben lvüre. Jetzt ist es schick, die ersten Tage des Juli abzuwarten, ehe man abbeist. Sind doch sogar die Herren vom Polo-Klub noch da, und jede Tat in den esoto- rischen Kreisen dieses „timt plus ultra" von Eleganz hat die Autorität eines unwiderruflichen Dogmas. Die Damen haben ihre Toiletten für den Sommeraufenthalt längst vollendet, die zarten, durchbrochenen Roben aus Linon und Cristalline, aus all den weißen, warm leuchtenden), geschmeidigen Stoffen, die etwas reizend Negligsartiges haben; alles ist aufs Bequeme, Gelöste, Biegsam-Bewegliche berechnet, denn mit der Enge des gesellschaftlichen Lebens, der steifen Konvention will man auch die starre Kleiderpracht von sich tun. Eine wirklich elegante Dame ist ja nach dem strengen Gesetz unserer Mode immer schlank. Korsett und eifriges Schnüren können nicht mehr helfen, nur Entfettungskuren, Sport, Massage und alles, was die sinnvolle Körperpflege erfindet. Wer da noch auf künstliche Mittel, auf Korsett, Zusammenpressen usw. vertraut, die Unglückliche kann höchstens die Männer täuschen, bei ihren Freundinnen begegnet sie nur einem verächtlichen Lächeln, In halber Mreisestimmung leise hinträumend blickt dick Pariserin über oie duftigen Schätze hin, die schon der baldigen Haft der Koffer harren. Wie schade, die kurze»


