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Herrschaft egoistischer Genüsse zu öffnen ... Ich weiß, ich habe einen Rechenfehler gemacht. Der muh notgedrungen korrigiert werden. Aber dieser Trugschluß stürzt meinen Ban — und ich möchte mich nicht unter den Trümmern meiner Ideale begraben lassen . .
Er verneigte sich, nachdem er die letzten Worte nut stockender Stimme gesprochen hatte, und wollte gehen. Da erhoben sich die meisten, umringten ihn und drückten ihm die Hände. Jeder sagte ihm eine Liebenswürdigkeit; die Stimmen schwirrten durcheinander; man rief ihm zu, doch wenigstens die Aufstellungen Imhoffs prüfen zu helfen und sich selbst von deren Rentabilitätsmöglichkeit zu überzeugen; er sei doch ein Mitbeteiligter. Aber Hammer schüttelte schweigend den Kopf, warf seinen Paletot über den Arm und nahm seinen Zylinder.
„Zur Sache!" rief Geheimrat Meyer und klopfte wieder auf den Tisch. „Meine Herren, ich glaube in Ihrem Einverständnis zu handeln, wenn ich Herrn Imhoff freundlichst ersuche, noch verweilen zu wollen. Es dürfte mancherlei Punkte geben, für die uns eine nähere fachmännische Aufklärung erwünscht ist. Herr Imhoff, haben Sie noch ein Stündchen Zeit für uns übrig?"
„Selbstverständlich, Herr Geheimrat", entgegnete Claudius und setzte sich auf den ihm zugeschobenen Stuhl mitten unter die Korona. —-
Hammer stieg langsam die Treppe hinab. Die Versammlung hatte im Direktionszimmer des Prinz Ferdinand- Theaters stattgefunden. Hammer mußte durch das große Portal ins Freie. Es war ihm, als gelte es ein Abfchied- nehmcn von seiner Schöpfung. Aber er blieb ruhig, zuckte nur ein wenig zusamuien, als er vor dem Portal Herrn Sven Trusen auf und ab gehen sah.
Der lüftete höflich den Hut und trat an Hammer heran. „Guten Morgen, Herr Baumeister", sagte er. „Pardon . . . ist die Sitzung zu Ende? Ich hätte gern Herrn Imhoff auf ein paar Minuten gesprochen ..."
Durch das goldumränderte Monoele blitzte das Auge des Mannes mit dem Ausdruck eines Luchses, der sein Opfer spürt.
„Die Sitzung wird noch etwas währen", entgegnete Hammer. „Aber ich rate Ihnen: warten Sie, denn nun kommen Sie an die Reihe, Herr Trusen . . ."
Er grüßte und winkte sich eine Droschke.
Daheim fand er, mit Agnes plaudernd, einen seltenen Gast: den Prinzen Arenstein.
„Ich bin nur auf wenige Stunden in Berlin, lieber Baumeister", sagte Heros, „und wollte wenigstens einen Händedruck mit Ihnen tauschen. Was macht die Kunst und was macht unser glorioses Theater?"
„Es hat aufgehört, der Kunst zu dienen, Durchlaucht. Ich komme soeben aus der Aufsichtsratssitzung und bedaure, daß Sie ihr nicht beiwohnen konnten. Auch Ihre Stimme würde verhallt sein, -das ist gewiß. Aber es würde mir doch Freude gemacht haben, hätten Sie ein gewichtiges Wörtlein darüber fallen lassen, daß es noch etwas Besseres gibt im Leben der Völker als der Zauber des Goldes . . ."
Agnes erschrak. „Liebster, was ist?" fragte sie und schiniegte sich zärtlich an ihn.
Er erzählte. „Imhoffs Vorschlag wird angenommen werden; darüber besteht für mich kein Zweifel mehr. Ich habe auch nicht dagegen gesprochen, es wäre ganz unnütz gewesen. Ich hätte um der Ideale willen Opfer verlangen müssen, wie ich selber bereit gewesen wäre, sie zu bringen; aber auch die, die im Reichtum sitzen, spenden nur, soweit ihre eigenen Interessen nicht leiden. So wird mein Theater in Zukunft den Gelüsten des Pöbels dienen; denn schon sah ich eine Harpye der Kunst, sah Herrn Sven Trusen den Bau umschleichen."
„Wo ist Priestap?" fragte der Prinz lebhaft. „Ich meine, in allen diesen Fragen hätte seine Stimme geivichtig mitzusprechen. Er ist der Erbe der Perctti."
„Priestap liegt krank in Auteuil, Durchlaucht. Sein bevollmächtigter Vertreter ist Imhoff. Das sagt genug."
(Fortsetzung folgt.)
MsaLeröauten und der Weuöau des Kießerrer StadLtßeaters.
Ueber den Teil des Vortrages von Architekt Meyer im hiesigen: Berkchrsverein, der sich mit der Feuersicherheit der Theater, der Geschichte des Gießener Theaterbaues und dessen Einrichtungen befaßt, seien (unlieb verspätet) nachstehend einige ausführliche Mitteilungen wiedergegeben, die bei der großen Äuteil- nahme, die man dem Theaterbau in weiteren Kreisen entgegeu- bringt, auch jetzt noch und auch für die Zukunft Interesse haben toerdcn.
Die schreckliche Katastrophe des Chicagoer Theaterbrandes gab allen Behörden und Bühnenleitungen Veranlassung, über die Feuersicherheit der ihnen unterstellten. Bühnen Erhebungen anzustellen. Die Ergebnisse umreit teilweise geradezu erschreckend. Die Prüfungen der Feuersickierheit der Theater führten sogar so weit, daß auf Veranlassung des Oberbaurars Hellmer in Wier ein Komitee eingesetzt wurde, das die Frage prüfen sollte und au einem Mvdclltheater eingehende Versuche anstellen sollte. Man erbaute zu diesem Zweck in Wien ein kleines Theater, an dem anr 22. Nov. v. I. die Versuche im Beisein einer großen Anzahl Fachleute vvrgenommen würden. Als eine der wichtigsten Notwendigkeiten wurde dabei die Ermöglichung des direkten Ranchabzugs von der Bühne ohne künstliche Ein- und Umschaltungen bezeichnet. Jin Falle eines Bühncubrnndes soll der Rauch seinen natürlichen Weg ins Freie finden und nicht erst geleitet werden müssen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die absolut sichere Funktion des eisernen Vorhanges, der die Bühne vom Zuschauerhaus trennt. Er soll nicht nur dann herunter- gelassen werden, wann cs notig ist, sondern möglichst nach jedem Akt. Ferner wurde betont, daß sog. Notaustzange zu vermeiden seien und auch die Anbringung von Rettungsleitern. Die besten Sicherheitsmaßregeln sind in der geschickten Verteilung der Plätze und der Anlage breiter Gänge und Treppen, die in einfacher und übersichtlicher Weise den Weg direkt ins Freie zeigen. Bekanntlich wurde nach dem Chicagoer Branduuglück eine Reihe von Theatern umgebaut, so das Hoftheater in Darmstadt und das Berliner Schauspielhaus, während man in Weimar sich zum Ban eines neuen Theaters entschloß.
Auch in Gießen hat der Zwang und die Notwendigkert Veranlassung gegeben, der dramatischen Künst und hoffentlich auch den größeren musikalischen Aufführungen eine dauernde Heimstätte zu gründen. Seit mehr als 25 Jahren wurde allseitig das Bedürfnis nach einer geeigneten Musenstätte anerkannt. . Anfangs der 80 er Jahre hatte sich bereits ein Komitee gebildet, das sich die Errichtung eines Saalbaues zur Aufgabe gestellt hatte, in dem auch für Konzert und Theater zweckentsprechende Einrichtungen getroffen werden sollten. Trotz aller Mühe, die man fick gab, schlief aber die Sache mangels ausreichender Mittel wieder ein und dazu kann sich Gießen-heute gratulieren und zwar, weil ein Kvnzcrtsaal niemals ein richtiges Theater und ein Theater niemals ein Festsaal und Restaurationsfaal zugleich sein kann. Auch wenn ein solcher Saal die schönste Galerie hätte und für 1200 Personen Raum bieten würde, könnte auch die herrlichste Bühne nichts nützen, da der Boden und bie Galerien horizontal bleiben müßten. Keine Schaustellung würde da erhebend wirken können und von den letzten Reihen wäre nichts zu sehen, dazu käme die gähnende Leere bei geringerer Besetzung und die hohen Kosten der Heizung und Beleuchtung. In Neustadt an der Hardt, wo die Verhältnisse ähnlich üne hier lagen, hat man einen Saalbau gebaut und klagt jetzt bitter darüber, daß der Saal nicht zu Theaterzwecken benutzt werden kann. Auch darf man nicht vergessen, daß in Gießen außer etwa 12 Konzerten jährlich gegen 100 Theateraufführungen geboten werden. Dadurch allein ist das größere Bedürfnis nach einem Theater erwiesen, groß genug bleibt dabei immer noch der Notschrei nach einen: geeigneten Kvnzertsaal.
Immerhin blieb die Sache inzwischen nicht ganz ruhen, durch den Ankauf des Scküler'schen Gartens wurde das Interesse wachgehalten. Dieses Interesse wurde danu durch die Begründung des Theater-Vereins neu belebt. Mit dem alljährlich vor- genoiniiienen Verbesserungen im jetzigen Theatersaal hob sich auch das Ansehen unseres Stadttheaters nach außen hin. Erstklassige Bühnenkräfte können wir zu unseren Lieblingsgästen zählen und trotz der bescheidenste!! Bühnenverhältnisse besitzen wir eine für unsere Stadt vorzügliche Truppe. Und wäre das Interesse nicht vorhanden, nimmer würde der Geist solch lebhafter Teilnahme fick erfreuen. Bor zwei Jahren etwa entfaltete fich Dank der Rührigkeit mehrerer unserer Mitbürger das Interesse besonders lebhaft. Der ersten Stiftung folgten weitere und hente beträgt die Stiftung 391000 Mark, eine fast unglaubliche Höhe, die den Stifter,! und der Stadt Gießen zur Ehre gereicht.
Das inzwischen gebildete Komitee faßte zunächst die Ge- toinnnng geeigneter Pläne ins Auge. Die erste Basis zum Beginn der Arbeit bildete der Gedanke nach einem gemeinsamen Saal- und Theaterbau. Man beauftragte Professor Diilfer in München, den Erbauer des Meraner und des Dortmunder Theaters, mtt der Bearbeitung eines Entwurfes für Theater und Saalbau, räumlich so getrennt, daß beide nur mit gemeinschaftlichem Foyer verbunden werden könnten. Auch der Vortragende beteiligte sich mit Grundrißfkjzzen an diesem engeren Wettbewerb. Die Be-


