Ausgabe 
23.11.1906
 
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noch in Elton sein'', sagte er,und Ihre Muiter könnte allerfrühestens erst morgen srüh von dem Unglück erfahren."

Lord St. Gilbert begleitete seinen Freund bis an den Zug.

Also Gott befohlen, Werner! Ich wollte, ich könnte deinen Kummer teilen, oder ihn dir tragen helfen. Weißt du, ich habe schon den ganzen Morgen eine unheimliche Ahnung, als ob uns allen etwas furchtbar Unangenehmes bevorstände".

Werner hatte keine Zeit mehr zur Antwort, denn der Zug war schon in Bewegung; aber diese Worte verfolgten ihn auf dem ganzen Wege nach Elton.

Inzwischen kehrten Lord Wayne und der Earl nach Kenninghall zurück.

Es ist äußerst fatal für Ihr Fest, lieber Freund", sagte Lord Romsey.Wie wenig lassen wir uns träumen, was so ein paar Stunden nicht alles zu Wege bringen können !"

Als sie sich der staltlichen Freitreppe näherten, kam der Obergärtner, ein älterer Mann, der seit Jahren bereits in Wayne'schen Diensten gestanden, seinem Herrn entgegen.

Was giebt's Southall?" fragte Lord Wayne, betroffen über das niedergeschlagene Aussehen des Mannes.

Mylord, ich habe etwas sehr Unangenehmes zu be­richten. Ich habe es soeben erst entdeckt. Der Hauptast der Königs-Ceder ist vollständig abgebrochen und liegt am Boden".

Lord Wayne's Gesicht wurde sehr blaß.

Wann hat sich das ereignet?" fragte er nach einer Pause.

Es muß während der Nacht geschehen sein, Mylord. Ich war gestern nachmittag noch in der Nähe und habe nichts Außergewöhnliches bemerkt; jetzt liegt der Ast da, gerade als wenn ihn jemand heruntergerissen hätte."

Warmn ist denn das ein so großes Unglück?" fragte der Earl.

Mit schwachem Lächeln versetzte Lord Wayne:

Ach, Sie kennen die Kenninghall-Ueberlieferungen nicht. Wenn von diesem Baume ein Zweig abbricht, so ist das Glück des Hauses zu Ende. Sie hat seit vielen Generationen be­standen; dies ist das erste Zeichen des Niedergangs. Sotten wir nicht hingehen und uns die Sache ansehen?"

Sie gingen hin, und da, im Grase, lag der mächtige Ast des großen alten Baumes, wie von Riesenhand ab­gebrochen.

Lord Romsey sagte nichts; sein Gefühl sagte ihm, daß sein Freund beunruhigter war, als er eingestehen wollte. Er hielt es für das Zartfühlendste, ihn zu verlassen.

Sollte ich noch irgendetwas für Sie tun können, lieber Freund, so schicken Sie sofort zu mir; vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen zu jeder Stunde zu Diensten stehe, und Ihnen von Herzen nach besten Kräften in allem behilflich sein will. Blicken Sie nicht so ängstlich drein über diesen abgefallenen Ast, eine Sage ist schließlich bloß eine Sage. Auf fröhlicheres Wiedersehen, lieber Freund!"

Doch lange, nachdem der Earl ihn verlassen, stand Lord Wayne noch sinnend und starrte den mächtigen Ast an.

Southall", wandte er sich schließlich an den Gärtner, lassen Sie den Ast fortwcrfen und sagen Sie nichts von dem, was vorgefallen." (Forts, folgt.)

Aas Museum in Darmstadt.

Eine historische Skizze

Von Hermann Knispel (Darmstadt).

tllnüerechtigicr Nachdruck verboten.)

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit Und neues Leben blüht aus den Ruinen. Dieser Ausspruch Schillers ist so recht geeignet, meine kurze Betrachtung über das Darmstädter Museum einzuleiten.

Wo ehemals das von Schuhknecht geschaffene Exerzierhaus stand mit seiner kunstvollen Dachkonstruktion, jener eigenartige Kvlossalbau aus dem 18. Jahrhundert, wie Europa keinen zweiten aufzuweisen hatte,*) erhebt sich heute das von Alfred Messel

*) Das Gebäude wurde im Frühjahr 1892 niedergelegt.

erbaute neue Landes-Museum, ein Staatsgebäude in doppel­tem Sinne des Worts. _ Wo ehemals die Grenadiere des Pirma­senser Landgrafen Ludwigs IX. ihre winterlichen Uebungen aus­führten und später die Kriegsgeräte und Munitionen der hessi­schen Division ihr Standquartier hatten, sind jetzt die zahl­reichen und mannigfaltigen Knnstschätze der Großherzoglichen Sammlungen zur Aufstellung gekommen.

Es ist nicht meine Aufgabe, über die Bedeutung des Neu­baues und die Zweckmäßigkeit seiner Einrichtungen zu sprechen. Inwieweit beide erfüllt sind, darüber zu urteilen, wird sich Zeit und Gelegenheit finden nach Eröffnung des Hauses. Ich will nur erzählen von der Vergangenheit des Museums, von seiner Entstehung und Entwickelung.

Naturgemäß mußte ich dabei zu Rate ziehen, was von ver­dienstvollen Männern wie Dr. Walther, Rudolf Hofmann, Adamy u. a. darüber geschrieben wurde. Auch hier hielt ich es für ge­boten, hier wörtlich wiederzugeben, was Goethe in seinerReise am Rhein, Main und Neckar" über die Darmstädter Samm­lungen niedergelegt hat. Ist es doch das wertvollste Zeugnis, das wir über die Kunstanstalt jener Zeit besitzen. Ich selbst habe bei meinen Forschungen über den Gegenstand iwch manches ge­sunden, was ich hier zu verwerten bemüht gewesen bin.

Großherzog Ludewig I., dem das Hessenland, insbesondere aber die Residenz Dsirmstadt so viele großartige Schöpfungen verdankt, ist auch der Gründer des Museums. Schon vor seinem Regierungsantritt bekundete der junge Fürst einen regen Sinn für Wissenschaft und Kunst durch Sammeln von Kunstgegen- stünden, Naturalien, physikalischen Apparaten und anderen wert­vollen Gegenständen. In ungleich größerem Maße aber mehrte sich die Sammlung, als Landgraf Ludwig IX. in Pirmasens starb und sein Sohn als Landgraf Ludwig X. die Negierung antrat (1790). Zwar herrschten Kriegszeiten, aber diese hemm­ten das begonnene Werk nicht viel, ja sie mochten ihm sogar förderlich sein, weil mancherlei unter ihrem Drucke feil ge­worden war.

Keine Gelegenheit zur Erwerbung von Altertümern und Kunst- schätzen ging unbenützt vorüber, und ebensowohl einzelne Stücke wie ganze Sammlungen halfen die Schränke der jungen Anstalt füllen. Eine nicht unbedeutende Vergrößerung erhielt sie auch durch die Zuteilung solcher Gegenstände, die der Landgraf ihres altertümlichen oder künstlerischen Interesses wegen aus dem Fa­milienschatz ausgeschieden hatte. So stammt u. a. aus dem Besitzstand des landgräflichen Hauses vor dem Jahre 1790 die berühmte, in ihrer Echtheit als Tiziansches Werk angezweifelte schlafende Venus.

Die Liebe des Landgrafen zu Gegenständen der Kunst und des Altertums fand Widerhall bei seinem Volk. Dem an ger­manischen und römischen Altertümern reichen Boden des Landes wurde mancher Schatz enthoben, und Korporationen wie Private wetteiferten förmlich, das fürstliche Museum durch Schenkungen aller Art zu bereichern.

Die größten Opfer brachte aber doch der Landgraf selber, denn er verwandte aus seiner Schatulle ganz bedeutende Summen auf das Museum. Und von seinem Regierungsantritt an finden sich in den K'abinettsrechnungen die Nachweise von immer regel­mäßigeren und reichlicheren Erwerbungen für die Sammlungen des physikalischen und Naturalienkabinetts, der Altertümer, Kupfer­stiche, Handzeichnungcn und besonders der Gemäldegalerie.

Dem Fürsten stand hierbei als ebenso erfahrener wie treuer und rastloser Gehilfe sein Kabinettssekretär zur Sette, der als Wirklicher Geheimer Rat 1844 gestorbene Ernst Schleiermacher, der Freund Goethes, Mercks und Klingers.

Als eine hervorragend wichtige und erfreuliche Erwerbung muß die Sammlung des am 1. Januar 1805 in Köln ge­storbenen Barons Hüpsch erwähnt werden.

Durch sein am 22. März 180-1 errichtetes Testament hatte dieser verdienstvolle Sammlerzum Merkmal seiner unbegrenz­ten Verehriing, und damit sein mit erstaunlicher Mühe und außer­ordentlich schweren Kosten von mehr als hunderttausend Gulden zusammengebrachtcs und dermalen auf eine halbe Million zu schätzendes Kunst- und Naturalienkabinett, Gemälde, Manuskripte und Bibliothek nicht zersplittert werdeil möchten, zu feinem ein­zigen Erb Seine Hochfürstliche Durchlaucht Herrn Ludewig den Zehnten, regierenden Landgraf zu Hessen-Darmstadt", ernannt. Falls die Schenknng nicht angenommen würde, sollte als Erbe König Friedrich Wilhelm der Dritte von Preußen und dann der Kurfürst von Salzburg, Großherzog von Toskana, eintreten.

Zur Uebernahme der Sammlung begab sich alsbald eine Kommission nach Köln. Es währte aber geraume Zeit, bis man zum Ziele kam, weil von verschiedenen Seiten Ansprüche geltend gemacht wurden. Der Landgraf erfüllte sie jedoch in freigebiger Weise aufs bereitwilligste. So blieben fast alle Gegenstände, die für Köln ein lokales Interesse Hatten, im Besitz der Stadt.*)

*) Der handschriftliche Nachlaß des Barons Hüpsch enthält hochinteressante Dokumente und Briefe von den bedeutendsten Per­sonen jener Zeit. Er ist im Besitz der Großherzoglichen Hos- bibliothek in Darmstadt, deren gegenwärtiger Vorstand, Herr Direktor Dr. M. Schmidt, sich der überaus mühevollen Arbeit unterzog, das umfangreiche Material zu sichten und zu ordnen, und so der Benutzung jetzt erst zugänglich zu machen. Eine Frucht