1906
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Jem Wahren, Edlen, Schönen.
Tin Großstadtroman von Fedor v. Zobe11itz.
.(Nachdruck verboten.), (Fortsetzung.)
Wie unter einem Peitschenhieb zuckte der Graf zusammen. Sein Auge wurde stier, ganz fahl die Wange. „Arenstein," schrie er, „Dein Ehrenwort! . . ."
„Mein Ehrenwort ist heilig; wage nicht daran zu zweifeln! Ich hasse nicht alle Sünden; aber eine: die Lüge. So höre. Ich habe Freda geliebt, als sie noch Mädchen war. Meine Liebe ist geblieben, da sie Deine Frau wurde. Und nun sie sich frei gemacht aus dem Elend ihrer Ehe, wird meine Liebe sprechen! —• Reise nach Bisingen, Frehlinghaus. Versuche, Dir Dein Weib heimzuholen. Ich warte geduldig, bis meine Zeit gekommen ist. Und sie wird kommen!"
Da fuhr Frehlinghaus heulend auf: „Du! — Du! — Ihr wart im Einverständnis, wortbrüchiger —"
Die Schmähung kam nicht vollendet von seinen schäumenden Lippen. Heros packte die erhobenen Arme des andern und drückte ihn wuchtig auf den Sessel nieder. Sein Blick flog wie eilt Blitz auf ihn herab.
„Willst Du die Kugel," sagte er dumpf, „so sollst Du sie haben —- auch ohne die obligate Beschimpfung." — Und Heller wurde seine Stimme und wie metallen klingend, als er fortfuhr: „Frehlinghaus, ich will ganz ehrlich sein, will Dir noch mehr sagen. Ich weih, daß Freda mich wiederliebt. Diese Liebe ist erst gewachsen im Unglück ihrer Ehe. Sie klagt sich selber an in ihrem Briefe. Aber nein — Du bist der schuldige Teil, nur Du! Was sich aus unseren Kindertagen her noch an heimlicher Neigung für mich geregt hat in ihrem Herzen, das hätte Deine Liebe verdrängen sollen und hätte es leicht gekonnt. Aber wenn man Dein Herz aufrisse und forschen nwllte nach Spuren der Liebe, man würde nichts finden als Deine verknöcherten Prinzipien und Deine elende Selbstsucht. Weiß Gott, Freda war nie die unverstandene Frau nach der Mode! Sie kam als ein harmlos vertrauendes Kind zu Dir und Du hättest glücklich darüber sein sollen, daß ihr ein frohes Lachen besser stand als die brütende Miene salbungsvoller Heuchelei. Aber was hell war in ihr und quellenfrisch, das hast Du mit harter Faust unterdrückt, hast ihr mit brutaler Gewalt die Freiheit des Denkens nehmen und ihren heiteren Geist in das Schema Deiner Armseligkeit pressen motten. Ja, ihre Seele hast Du zu vernichten versucht, und hätte sie nicht die Starke besessen, sich Deiner Schulung zu entziehen, dann wäre sie geworden wie Du: so kleinlich, so krämerisch, so ganz aufgehend in winziger Erbärmlichkeit, so äußerlich und so
grundschlecht — wie Du, Frehlinghaus, und Deine prächtig? Hoheit! Aber Gott sei dank: in der Einsamkeit wuchs ihre Kraft, und da hat das störrische Kind denken gelernt! Schrieb sie nicht so? — In der Sclbstverbannung erinnerte sie sich des Kinderfreundes, und in dem armen zerquälien Herzen keimte die hoffende Liebe auf. Frehlinghaus, mit Jauchzen rufe ich es Dir zu: ich weiß, daß sie mitt) lieb hat. Nie hat es mir ihre Lippe gestanden, und ihr keuscher Mund verbarg ängstlich, was mir ihr Auge sagte. Ich hätte den Mut gehabt, Dir Dein Opfer zu entreißen! Aber um ihretwillen tat mitt) ich mir Gewalt an und wehrte dem zuckenden Herzen, und als Du mitt) von Deiner Schwelle jagtest, da schlich ich stumm davon. Auch itt) habe gelitten wie sie . . . soll ich mich nicht freuen, daß nun unser Leiden ein Ende hat?!
Es slaminte über sein Gesicht wie der Widerschein eines heiligen Feuers, das an geweihter Stätte lodert. Nun er sich ausgesprochen, wurde er ruhiger. Tief anfatmend sprach er das letzte Wort:
„Jetzt endlich sind wir quitt! . . ."
Frehlinghaus erhob sich mühsam; die hastenden Finger strichen über das verfütterte Haar seiner Bärte, unter dem Grau der Stirne brannten die Augen. Er Hub zu sprechen an, aber es kam mit ein gurgelnder Ton aus feiner Kehle» Seine rechte Hand fuhr nach dem Kragen, als ersticke er. Schließlich sagte er leise, unter einem nervösen Zwinkern der Wimpern und mit wildem Zucken um den Mund: „Laß' gut, sei», Du hörst noch von mir . . ."
Er nahm seinen Hut und eilte davon.
Unten hielt sein Kupee. „Natt) Hause!" tief er dem Kutscher zu. Was wollte er da?! Er beugte fidj aus dem Fenster. „Grappenthien," schrieet, „nicht nach Hause! Nach dein Palais Ihrer Hoheit!"
Er dachte jetzt gar nichts mehr. Er ordnete seine Toilette, fühlte mit der Hand, ob der Schlips richtig faß und klopfte über seinen Rock. Dann nahm er seinen Hut ab, griff nach der kleinen Bürste, die in der Wagentasche steckte, und glättete den Zylinder.
Die Prinzessin empfing ihn allein. Sie saß an ihrem Schreibtisch und schrieb. Zahlreiche Papiere lagen um sie herum und bedeckten mitt) den Teppich.
Frehlinghaus war mit einer Verbeugung in der Nähe der Tür stehen geblieben. Erst als die Prinzessin sich umwandte, sah er, daß ihr Gesicht förmlitt) kupferfarben wat. Sie trug wieder eine Art Turban und ein weißes Tuch um die Stirn.
„Es ist gut, daß Sie kommen, Graf," sagte sie. „Sie wissen alles, nicht wahr? Man klatscht schon in der Stadt über die Erilierte."


