die Geheimnisse der Deutung. Aber man fand nicht das Rechte, und da holte die Liesegang auch noch das „Aba- cadabra oder das entschleierte Bild der Traumnacht" und „bie Auslegungen der Madame Lenormand" hervor, hoffend, man werde in diesen Schätzen der Wissenschaft vielleicht auf die ewige Wahrheit stoßen. Und nun kam Imhoff und störte das Studium.
Nina war hinter den Tisch getreten und zog das herabfallende Hemd höher über die linke Schulter.
„Hmm," sagte sie, „das ist auch nicht fein, Vater, in früher Morgenstunde so loszuwettern, daß man es in der Nebenwohnung hören kann —"
„Halte den Mund," eiferte der Vater, und das alt- egyptische Kopf- und Nackentuch zitterte bedrohlich. „Ich verbitte mir alle Gegenreden. Ich verbitte mir vor allen Dingen den verfluchten Unsinn mit Euren Traumbüchern. Scher' Dich in Deine Stube, Nina, und zieh' Dich an. Liesegang, ich warte noch immer auf mein Frühstück. Wenn der Kaffee noch nicht fertig ist, gebt mir einen Schnaps."
„Der Gilka ist alle," sagte die Liesegang mit ihrer heiseren Stimme und klirrte mit den Eisenringen auf dem Herde.
„So holt eine neue Flasche!" schrie Imhoff.
„Erst Geld her," ermiederte die Liesegang.
Imhoff rollte mit den Augen und wollte in die Tasche greifen. Aber die Belmontehosen hatten keine Taschen. „Holt Euch den Mammon aus meinem Portemonnaie," grunzte er. „Es liegt auf dem Nachttisch oder sonstwo, und es müssen noch über zehn Mark darinnen sein . . . Liesegang, besinnt Ihr Euch noch auf die Bogner-Wettin? Die mit dem roten Haar."
Tie alte dürre Liesegang, die einer der Macbethschen Hexen glich, wandte sich am Herde um nnd nickte.
„I nn natürlich", erwiderte sie. „Aber das .haar war falsch. Sie war überhaupt eine falsche Katze."
„Sie war eine vorzügliche Koloratursängerin, und ich möchte gern wissen, wo sie sich jetzt aufhält."
„Gröbner ist ihr Agent, der ivird ihre Adresse schon kennen."
„Aha — richtig! Richtig — Gröbner. Da muß ich mal hin. Liesegang, wenn dec Gilka alle ist, gebt mir einen Rum. Der wird doch noch ca sein."
„Ja, der ist noch da. Aber, Herr Imhoff, es ist die dritte Flasche im Monat. Ter Arzt hat gesagt: Rocwein ja, oder einen leichten Mosel; bloß den Schnaps sollten Sie lassen."
„Rum ist kein Schnaps, Liesegang. Er ist Medizin. Manche nehmen ihn in den Tee; ich nehme ihn so. Es kommt im Effekt auf dasselbe heraus. Liesegang, hört, es wird etwas. Es wird etwas-, und wenn es auch Euer Kaffeesatz leugnet: meine Zukunst kann sich noch rosig gestalten. Was ich ersehnt und erstrebt habe, seit ich der Bühne Palet gesagt, das ist der Vollendung nahe. Wo steht der Rum?"
Tie Liesegang wies auf einen Schrank. Imhoff schenkte ich einen Rum ein und kippte ihn in den Mund und goß >ann abermals das Glas voll. Tie Liesegang sah kopf- chüttelnd zu.
„Herr Imhofs", sagte sie, „es tut mir leid um Sie. Ich wünschte. Sie kämen erst einmal wieder in eine feste Stellung, sei's welche es sei, sonst gehen Sie noch zu Grunde. Direktor Hofmann hat Sie ja doch als Inspizient an- nehmen wollen, mit ganz gutem Gehalt — ich weiß nicht, warum Sie das abgeschlagen haben!"
„Weil ich mich nicht wegwerfe. Ich kann warten. Ich bin der geborene Regisseur. Bet "der Hofoper hat man mich 'rausgegrault. Ich werde den Leuten ein Paroli bieten. Passen Sie bloß 'mal aus —"
Er schwieg und horchte aus Die Entreetür schlug an.
„Aiufmachen, Liesegang", befahl er. „Es wird der Steuertiger sein. Er war ichon zweimal hier. Sagt ihm, ich würde das Blut der Enterbten per Post eiuschicken; er möcht' sich nicht noch einmal bemühen."
Aber der Steuererheber war es nicht. Imhoff hörte draußen die Stimme des Baumeisters Hammer. Tee Liese- aang vermutete einen unbequemen Mahner und wollte ihn sortschicken. Ta riß Imhoff die Küchentür auf.
„Paumeister — hoi!" rief er. „Hiergeblieben I Liese-
e!, hebt Euch davon. Der Mann will nichts holen, fon- bringt grüne Hoffnung ms Haus. . . Treten Sie näher, lieber Herr Baumeister. Torf ich Ihnen ein kleines Frühstück anbieten: ein paar Austern, ein Glas Chablis,, ein saftiges Entrecote?"
Glücklicherweise dankte Hammer. Er schaute sich etwas verwundert in dem Salon um und setzte sich dann in einen Sessel. Da siel die brüchig« Armlehne polternd zu Boden., „Oh", meinte Hammer bedauernd.
„Hat nichts zu sagen, lieber Baumeister. Ich lasse die Lehne aus Tradition nicht mehr leimen. Tichatscheck hat sie zerbrochen, als er mich einmal besuchte. Setzen Sie sich da drüben auf das Sofa. Also nicht einmal einen Schluck Sherry? Na — dann erzählen Sie? Wie weit sind wir?"
Haiiuner hatte sich mit Vorsicht auf dem Sofa niedergelassen und stellte seinen Zylinderhut neben sich.
„Wir sind so weit, daß die Abbrucharbeiten des alten Hauses Unter den Linden demnächst beginnen können", sagte er. „Die notariellen Angelegenheiten sind geregelt. Josef Berndal hat uns sein Grundstück für eine Million dreimal-» hunderttausend Mark überlassen. Tas ist kein hoher Preis. Zudem müssen Sie bedenken, daß nur diese Summe zu verzinsen sein würde, da wir das Priestapsche Grundstück umsonst haben. Es kommt beim Bail des Hauses also auf ein paar mal Hunderttausend mehr oder weniger nicht an. Und das ist für mich die Hauptsache, denn ich will etwas Anständiges schaffen."
„Bravo!" rief Imhoff und schlug die Beine übereinander.
Hammer siel jetzt erst der seltsame Anzug auf, den Claudius trug. Er äugte schärfer grt ihm hinüber. „Was haben Sie für merkwürdig braune Beine, Menschenskind", „und für närrische gelbe Kniehosen — wollen Sie auf einen Maskenball gehen?. . . Gott bewahre, überall diese Lorbeerkränze!" fuhr er fort, sich im Zimmer umschauend; dann schlug er mit der flachen Hand auf das Sofa, so daß der Staub zu tanzen begann. „Imhoff, ich würde au Ihrer Stelle die Möbel einmal ausklopfen lassen."
„Ist richtig", erwiderte Imhoff gut gelaunt. „Etwas Bohöme; aber es soll anders werden. Die Liesegang ilt im Grunde genommen eine gute Person; doch auch ein Schweinebraten. Sie hat keinen Sinn für den Staub des Alltags. Sie läßt ihn liegen. Das ging bis jetzt; nun geht es nicht mehr."
Der Baumeister stand auf. Er war stets sehr penibel gekleidet und klopfte nut der perlgrau bekleideten Hand auf seinen hellen Frühlingsüberzieher.
„Nein, so geht das nicht mehr", wiederholte er. „Ich bin im allgemeinen auch nicht von Aeußerlichkeiten abhängig. Aber wenn Sie die Organisation in die Hand nehmen wollen, müssen Sie sich unbedingt anders installieren."
„Liebster, das kostet Geld —"
„Ach was, Geld!" . . . Hammer machte eine ärgerliche Bewegung . . . „Wir kriegen mehr zusammen, als wir brauchen und haben wollen. Von dem Augenblick ab, da die Gesellschaft zusammenlriit, beziehen Sie Ihr Gehalt. Repräsentationskosten extra. Die sind nohoenbig. In dieser Bude können Sie nicht bleiben . . . Gott bewahr' mich — nehmen Sie mir's nicht übel, Imhoff, ober das sieht hier wie in einem Versatzgeschäft aus. Nein, mein Lieder: Sie werden sich in der Nähe unsres neuen Theaters eine anständige Etage mieten, und ich werde sie Ihnen einrichten — wenigstens Bureau, Arbeits- und Empfangszimmer, damit Sie auch einmal einen Prinzen bei sich sehen können —"
„Allerhand Hochachtung", sagte Imhoff, kreuzte dis Arms über der Brust uud verneigte sich.
„Ja, mein Lieber — einen veritablen Prinzen: einen solchen bekommen wir nämlich in den 'Aufsichtsrat . . . Also hören Sie zu: wir gründen eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und nennen sie vorläufig Neue Opern- Gesellschaft. Kapital eine Million. Die kriegen wir schon sammen. Tie Gesellschaft pachtet uns das Theater aus zwanzig Jahre ab. In den Aufsichtsrat gehören bis jetzt: Joses Berndal, Fridolin Meyer —"
„Gut", sagte Imhofs.


