73f —
Schreckliches gesagt hat, aber der leiseste Gedanke, ihm ein Leid zu tun, wäre mir nie auch nur in den S-inn gekommen. Ich bin unschuldig. Gott wird mich beschützen, nicht wahr?"
„Gewiß, gewiß", schluchzte Märian West, „fürchte nichts, Evelyn."
Sie blickte wieder mit ruhigen klaren Augen aus ihren Gatten. „ t
„Mortimer, du sprichst nicht. Gott kennt meine Sunden, meine Torheit, meinen Leichtsinn; aber er kennt ebensogut auch meine Unschuld, und er wird mich durch diese Gefahr hindurchbringeu, nicht wahr?"
„Ja, mein Liebling", erwiderte er leise und legte ihr die Hand auf das goldig fchimmernde Haar.
Sie sah zu ihm auf.
„Ach, Mortimer, ich verstehe. Obwohl meine Unschuld bewiesen wird, und das wird geschehen, so kann das doch nicht die Schmach und Schande von uns abwenden. Ich sehe jetzt alles."
„Wir können das nicht vermeiden", sagte er, „es muß kommen."
Sie war plötzlich still geworden; in ihren Zügen lag eine stumme, hoffnungslose Verzweiflung, die ihn mehr ergriff, als Worte es vermocht hätten.
„Ich verstehe. Ich bin dein Weib, die Mutter deiner Kinder, und doch muß ich mich dieses schmählichen Verbrechens anklagen lassen. O, Mortimer, mein Mann, kannst du mich nicht retten?"
„Was Herz und Hand eines Mannes zu tun vermögen, will ich tun", erwiderte er. „Und nun noch eins, Evelyn. Werner sollte sofort die Wahrheit erfahren. Ich vergaß dir zu sagen, daß er mit Frau Jefferies vorhin hierher gekommen ist. Sie hatte durchaus daraus bestanden, dich zu sprechen, und deshalb kam ich vorhin mit ihr hierher. Ehe auch nur irgend etwas anderes geschieht, muß dies geregelt werden. Ich will dir zeigen, wie vollständig und freiwillig meine Verzeihung ist. Meine erste Sorge sollst du selbst sein, meine ziveite soll die sein, daß deinem Sohne zu seinem Rechte verholfen wird. Seine Tante, Miß Ayles- ford, muß ihn kennen lernen und ihn anerkennen. Ayles- sord Manor muß sein Eigen werden."
Sie blickte den Dank, den ihre bebenden Lippen nicht auszusprechen vermochten.
„Ich will ihn zu dir schicken", fuhr er fort.
„O, Mortimer", rief sie, „Mortimer, glaubst du nicht, daß mir diese schreckliche Anklage erspart bleiben kann?"
„Ich will tun, was ich kann", versetzte er tröstend.
Doch in der Diese seines Herzens wußte er, daß alle Bemühungen vergeblich sein würden, und daß sie, die Frau, die er über alles liebte, vor der ganzen Welt des Mordes angeklagt würde dastehen müssen.--
Er fand Werner im Gesellschaftszimmer, schrecklich verstört und angstvoll aussehend.
Lord Wayne war zu sehr Edelmann im wahren Sinne des Wortes, um irgend ein bitteres Gefühl gegen den jungen Mann zu hegen. Er ging auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ernst ins Auge.
„Werner", sagte er, „Sie haben vielleicht etwas von der Wahrheit gehört, aber jedenfalls nicht altes. Kommen Sie mit mir zu Lady Wahnes Zimmer."
Ohne ein weiteres Wort schritten sie durch die langen Korridore bis vor die Tür ihres Gemaches.
„Gehen Sie allein hinein", sagte Lord Wahne; „es wird am besten fein."
Neber diese Szene wollen wir den Vorhang sallen lassen.
In späteren Jahren war es Werner wie ein Traum, ein Traum von zwei zärtlichen, liebevollen Frauen, von denen ihm eine die Verkörperung von Starkmut und Weisheit geschienen, indes die andere ihr goldenes Haupt vor ihm geneigt und ihn gebeten, ihr zu vergeben. “
Ein Traum, daß er dann das goldene Haupt an seiner Brust gehalten, indes seine Mutter ihm ihre Lebensgeschichte nochmals erzählt hatte; dann, daß er zu ihren Füßen gekniet und mit ihr geweint hatte, dann, daß er etwas ruhiger neben ihr gesessen, unterdes Marian West von der Gefahr berichtete, die sie bedrohe.
„Ich wundere mich nur", sagte Marian, als sie von einem Gesicht zum andern blickte, „daß nie jemand das Geheimnis erraten hat. Ich habe noch nie zwei Gesichter gesehen, die einander so vollständig geglichen."
Lady Wayne küßte ihn auf die weiße Stirn und mur- melte: „Mein Sohn i"
Und er sah sie mit unaussprechlicher Liebe und erwiderte: „Meine Mutter!"
Plötzlich schlug sie die Hände zusammen, die schreckliche Gefahr, die ihr drohte, kam ihr wieder völlig zum Bewußtsein.
„Werner, du mußt mir helfen! Du weißt, ich habe ihm nie ein Leid getan. Nie habe ich selbst einen Wurm mutwillig zertreten, viel weniger könnte ich vorsätzlich und mit grausam kaltblütiger Ueberlegung einem Menschen das Leben nehmen. Werner, hilf mir, du mußt mir helfen, mein Sohn; du mußt mich retten!"
Und er kniete zu ihren Füßen nieder, sah in das verzweiflungsvolle Gesicht und sagte tiesbewegt:
„Mutter, ich will nicht ruhen und nicht rasten, bis du frei bist. Fürchte nichts. Keine Höhe soll es geben, die ich nicht erklimmen, keine Tiefe, in die ich nicht hinab-' steigen will, um dich frei zu machen!"
(Fortsetzung folgt.)
Aus Wilhelm WlNgts Selk-Srsgmpßie«,
„So kam der Tag von Köpenick".
Wilhelm Voigt, der „Hauptmann von Köpenick", hat die Stunden seiner unfreiwilligen Muße in der Untersuchungshaft dazu benützt, um in einer eingehenden Geschichte seines Lebens bis zum denkwürdigen Tage von Köpenick seinen Anwälten Material zu seiner Verteidigung an die Hand zu geben. Die von der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte auffallend gut geschriebene Darstellung ist vom 3. November 1906 datiert. Voigt schildert zunächst seine Jugend („Durch traurige Verhältnisse ging, als ich noch ein Junge war, der Wohlstand meiner Familie ständig zurück, rit nd der unermüdliche Fleiß meiner guten Mutter vermochte die allmähliche Verarmung nicht aufzuhalten") bis zum 20. Lebensjahr, sein erstes Vergehen, die Fälschung der Postan- weisung und dann die erste Bestrafung:
„Tie Einsamkeit meiner Zelle trieb meine Gedanken zunächst zu innerer Einkehr und zum Rückblick auf mein vergangenes Leben. Ta trat vor allem das Bild meiner Mutter in den Vordergrund. Und all ihr Leiden und Dulden, Mühen und Sorgen für uns, das ihr so wenig gedankt worden, weckte eine Fülle von Liebe und Zärtlichkeit für sie in mir, die sich von Jahr zu Jahr steigerte und schließlich so groß wurde, daß ich zu ihr nicht wie ein Kind zu seiner Mutter aufblickte, sondern rote ein guter katholischer Christ zur Mutter Gottes. Diese Verehrung für meine Mutter ist mir geblieben und hat meiner Stellung auch zu anderem Frauen ein bestimmtes Gepräge gegeben. Frauen gegenüber bin ich durchaus machtlos.
Sodann führte sie mich auch zur geistigen Ausbildung. Mit guter Schulbildung hatte ich meine Heimat verlassen. Hier aber standen mir die besten Werke unserer Literatur zur Benutzung frei, und ich habe sie gern und viel gebraucht. Ich habe nacheinander Schlosser und Raumer, Becker und Menzel, Daniel und Scbart, Humboldt und Harnisch, Dickens und Scott re. durch- stndiert; und da ich dabei über dieselben Gegenstände Berichte abweichenden Inhalts vorfand, auch Kritik darin geübt. Diese Beschäftigung lehrte mich alle Vorgänge um mich in ganz anderem Lichte anschauen. Ich wurde, wenn ich so sagen darf, dadurch geistig reif und innerlich selbständig.
Dann kamen die schönen Jahre von 1870 und 1871. Die Kerkermanern vermochten nicht diese Fülle von Licht und Leben, die damals das ganze Land durchflutete, zurückzuhalten. Habe ich es auch tief beklagt, daß ich nicht mit meinen Jugendfreundei» hinausziehen konnte, so habe ich mich doch gefreut und es dankbar empfunden, daß die Sache zu so gutem Ende gekommen.
---— Doch die Jahre eilten weiter, und mir brachten sie das Glück im Jahre 1872 meine Mutter noch einmal im Leben zu sehen und zu sprechen. Meine Mutter machte eine Besuchstreise nach Köln am Rhein zu meiner Cousine, und auf der Rückreise blieb sie vier Wochen bei ihrer Schwester, meiner Tante, in Berlin. Beide besuchten mich in Gemeinschaft mit Berta (int Gefängnis). Da saßen wir nun, meine Tante zornsprühend über den ungeratenen Neffen, meine Mutter, die Augen voll Tränen, die Lippen zuckend, leise Worte der Liebkosung stammelnd, als wäre ich noch ihr kleines, geliebtes Kind. Kein Laut der Klage, des Vorwurfs; die letzten Worte, die ich von ihr gehört, waren Liebe uni) Güte.
Schwer wurde der Abschied uns allen. Ich wurde abgeführt, und als ich vor dem Tor der Gesängnisräume mich twd) einmal nmwandte, sah ich meine Mutter vor der Tür des Sprechzimmers stehen, die Augen voll Tränen, gestützt auf Berta und Tante, mit der Hand die letzten Grüße winkend. So steht meine Mutter noch heute vor mir, und so wird sie vor mir stehen in meiner letzten Stunde. Ich habe sie und die Tante nicht mehr gesehen und meine Schwester erst nach vierunddreißig Jahren."
Nach zwölf Jahren Zuchthaus kommt Voigt wieder in di» Welt. Er wandert und sieht viel:
„Daß ich mich nicht an einen Ort binden konnte, liegt in den eigentümlichen Verhältnissen unseres Betriebes. Zur Saison werden neue Leute eingestellt, die nach Ablauf der Saison wieder
r A


