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Mittwoch den 12. Dezember
1806
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I*
Im Wanne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten., (Fortsetzung.)
71. Kapitel.
Schlimmer denn Tod.
Marian hatte das ihr zugesügte Unrecht vergessen. Sie umschlang die sinkende Gestalt.
„Meine arme, arnie Eve," sagte sie zärtlich tröstend, „wie gut erinnere ich mich an dies alles. Meine arme Schwester, was du c-litten haben mußtl"
„Ja," versetzte die trübe Stimme, „ich habe gesündigt, aber ich habe auch gelitten. Mein Mann war tot. Ich war zu jung, einfach zu kindisch, als daß ich auch nur daran gedacht hätte, meine Heirat öffentlich bekannt zu machen. Ich hatte das Gehcininis bewahrt, und ich hielt es für nutzlos, es jetzt zu enthüllen. Wer würde geglaubt haben, daß einer der größten Männer Englands ein Kind von achtzehn Jahren gchcirattt und dann allein gelassen habe? Der einzige klare Wunsch war, nur recht bald zu sterben.
„Du weißt, Marian, auch sterben sollte ich nicht. Du weißt alles, was folgte — Gott weiß, daß ich glaubte, mein Kind sei tot, und daß ich cs tief bedauerte, selbst noch weiter leben zu müssen."
„Ich bewahrte mein Geheimnis. Nie habe ich dir, Marian, oder irgend einem lebenden Wesen auch mir ein Wort davon gesagt. Niemand wußte, daß ich die Witwe dieses Edward Aylesford war, den ganz England wie einen Helden betrauerte.
„Nachdem ich wieder genesen war, gewahrte ich eine große Veränderung an meiner Schwester. Sie war in tiefste Trauer gekleidet, und als ich sie eines Tages fragte, ob es meinetwegen sei, verneinte sie es. Ter Einzige, den sie je geliebt, habe einen schrecklichen Tod gefunden, und sein Tod habe ihr die ganze Welt verdüstert.
„Da wußte ich, daß wir denselben Verlust betrauerten, und empfand auch tief und lebendig, wie groß der Trug gewesen, der mich in so falsche Stellung gebracht. Lange nach meiner Genesung las ich die Einzelheiten seines schrecklichen Todes; er hatte sich benommen wie ein Held im wahren Sinne des Wortes. Die Zeitungen berichteten, daß er allen geholfen habe zu sterben, Männern, Weibern und Kindern. Wie er sie getröstet und jenem furchtbaren Tode etwas von seinem Schrecken geraubt habe.
„Nach seinem Tode erhielt ich auch einen Brief. Da, zum erstenmal war ihm der Gedanke gekommen, daß nur während seiner Abwesenheit vielleicht etwas zustoßen könne.
und er schrieb mir, ich sollte, falls irgend ivelches Unglück mich befiele, mich an seine Schwester, MißAylesford, menben, die auf ihrem (Sitte, Aylesford Manor, lebte."
„Ich dachte nie wieder an diesen Rat, ich brauchte c8 ja auch nicht. Marian war mir alles gewesen — alles geworden — sie hatte mir durch das dunkle Meer des Kummers und Unglücks geholfen. Mein Mann war tot; mein Kind glaubte ich ebenfalls tot. Es schien mir nun nichts weiter nötig, als zil vergessen. Warum sollte ich zu Miß Aylesford nach Aylesford Manor gehen und ihr alles erzählen?"
„Mein Geheimnis war also begraben, wie ich wähnte« Ich glaubte, mein Sohn läge in seinem Grabe in Abbots- ville; ich hatte ja keine Veranlassung, etwas anderes zu denken, und jetzt erst weiß ich, wie gut und umsichtig Marian damals war".
„Ich weiß nicht, was ich flckin hätte, wenn ich gewußt, daß mein Kind lebte! Mein ganzes Leben wäre anders geworden. Jedenfalls wäre ich dann wohl zu Miß Aylesford gegangen und hätte ihr erzählt, daß ihr Bruder einen Sohn hinterlassen, ich heilte nicht wieder geheiratet und meine erste Heirat hätte öffentlich bekannt gemacht werden müssen. Doch, Marian, liebste Schwester, was du getan, du hast cs in bester Absicht getan, hast cs getan, um mich zu retten, und ich kann dir jetzt dafür danken."
Sie wandte sich zu ihrem Gatten.
„Mortimer, wie kann, wie soll ich dich um Verzeihung bitten?" murmelte sie. „Tas Unrecht, was ich dir angetan habe, ist derart, daß es nie wieder ungeschehen gemacht werden kann. Toch glaube nicht, daß cs mir leicht gewesen ist. Es hat keinen Augenblick bei Tag oder Nacht gegeben, wo mein Geheimnis mich nicht zu Boden gedrückt hätte."
„Ich bin bewundert und gefeiert worden, die Leute haben mich beneidet, vielleicht wegen meiner Schönheit, meiner Stellung, meines scheinbaren Glückes, — ach! nur Gott wußte, wie Tag und Nacht mein Herz vor Schrecken zitterte."
„Mortimer, als ich als deine Gattin hier nach Kenning- hall kam und die Sage von den Regentropfen hörte, dachte ich schon, die Stunde der Entdeckung sei gekommen. ES schien mir, als ob ich den Schatten der Unehre und Schmach in dein unbeflecktes Haus brächte; und so habe ich mit der Last und Singst auf mir gelebt.
Ich hatte einmal einen Traum, daß mein Geheimnis bekannt war, es stand auf jedem Blatt des Waldes geschrieben, jeder Vogel zwitscherte und sang es aus den Zweigen. Jetzt — jetzt scheint es mir, daß jener Traum wahr geworden ist!"
Ihre Stimme erstarb bei den letzten Worten, und


