Ausgabe 
10.2.1906
 
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bloß sagen, weil Sie so 'ne Anspielung machten, als ob . . . na, Sie verstehen mich schon! Nein, Herr Baumeister, da täuschen Sie sich doch gewaltig in mir! . . ,

Sie nickte wieder, um dem letzten Ausruf Bekräftigung zu geben, und machte große Augen dazu.

Hammer hatte sich in den Sessel zurückgelehnt, stützte das Kinn auf den Handgriff seines Spazierstockes und schaute mit verschleiertem Blick zu Nina hinüber. Er glaubte ihr ohne weiteres. Tie Kleine hielt auf, sich, oder aber sie hatte Angst vor dem Vater. Sie sah wieder sehr hübjch aus; eine blaue Schürze umspannte ihre Büste, und um das dunkle Haar hatte sie ein buntes Kopftuch geschlungen.

Cie merkte, daß Hammers Blick auf diesem, im Nacken zusammengernoteten Kopftuch verweilte, lächelte und sagte: Ich seh' wohl wie eine Spreewälderin aus? Wer rch sed're grade Betten."

Sind Sie das Aschenbrödel im Hause?"

O nein gar nicht. Tante Laura hat mich darum ge­beten, und der tu ich schon gern einen Gefallen."

Also stehn Sie sich gut mit der Stiefmutter?"

Ganz brillant. Die müßten Sie mal kennen lernen, Herr Baumeister. Immer lustig und guter Dinge. Na, und Vater! Für den ist es ein Glück, daß sie wieder hier ist. Heute sind sie alle im Zirkus; da hüt ich das Haus . . ."

Hammer stand auf.Nina, ich will Ihnen einen Vor­schlag machen", sagte er,Was sollen Sie hier allein sitzen! Ziehen Sie sich um und gehen Sie mit mir soupieren. Ganz solide. Um zehn liefre ich Sie hier wieder ab."

Sie lachte vergnügt auf und kmff das linke Ange zu. Herr Baumeister, unsereiner ist auch helle und weiß, was es heißt: soupieren gehn".

Erlauben Sie gefälligst, liebes Kind: wenn ich Ihnen sage, daß wir ein sehr solides Lokal besuchen werden, dann geschieht es eben."

Schadet nix, es schickt sich doch nicht."

Hammer trat näher an das Mädchen heran.Seien Sie doch vernünftig"

Er berührte sie gar nicht; trotzdem sprang sie behend auf die andere Seite des Schreibtisches.

Ich bin ja vernünftig; Herr Baumeister! Ts geht nicht. In den Schlafstuben liegt alles wüst durcheinander. Ich muß die Betten in Ordnung bringen. Es ginge auch sonst nicht. Ich habe keine Toiletten für feine Lokale . .

Hammer rührte sich nicht vom Fleck. Er hatte keine Lust, mit dem Mädchen im Zimmer umherzujagen. Aber ec schaute ihr stark in die Augen, als er sagte:

Nina, Sie brauchen nur einen Wunsch zu äußern, und Sie haben, was Sie wollen. Kommen Sie mit. Noch sind die Läden auf. Was fehlt Ihnen? Eine Frühjahrsjackc und ein moderner Hut. Wir wählen das zusammen aus. Und dann gehen wir hinüber zu Rudolf Dressel, setzen uns in eine Ecke und plaudern gemütlich ein Stündchen miteinander. Ganz solide: ich wiederhole es . , ."

Nina faltete die Hände über der Brust. Sie lächelte nicht mehr; sie schüttelte nur langsam den Kopf.

Nein, Herr Baumeister", erwiderte sie fest;ich danke Ihnen - aber es geht nicht. Vater und Tante Laura würden außer sich sein. Ich will auch nicht . . ."

Da wurde Hammer grimmig. Er setzte seinen Zylinder auf, knöpfte den Paletot wieder zu und ging.Also dann nicht", sagte er, äußerlich ganz kühl und doch bebend in jedem Nerv.

Nina leuchtete ihm in die Entree. Er wandte sich nicht Mehr um; die Tür fiel hinter ihm in das Schloß. Er hatte auch nicht adieu gesagt.

Nina ging in das Bureau zurück, drehte hier die Gas- Ilammen aus und schritt dann, etwas schleppend und wie n Gedanken versunken, in das elterliche Schlafzimmer. Tort setzte sie sich auf eins der zerwühlten Betten und seufzte. Sre dachte an die versprochene Frühlingsjacke und an den modernen Hut, namentlich an den Hut. Es schwebte ihr einer vor: aus schwarzem Stroh, sehr groß und vorn auf- gekrempt, mit einem Kranz von roten Rosen. Die Zacke sollte mauvefarben sein.

Was hätte sie alles haben können! Wer Vater war (teertß und Taute Laura klug. Sich mit dem Baumeister

einzulassen, wäre ganz verfehlt gewesen. Selbst über tftt Souper in Ehren würde man gesprochen haben. Er hätte es sicher erfahren. Er konnte eifersüchtig werden und sollte es auch. Aber nur bis zu gewissen Grenzen. Ter Er war Priestap. Man hatte ihn ruhig abreisen lassen.Er kommt Dir zurück", hatte Tante Laura gesagt;diese Art Leutchen kenne ich . . ." Man hatte Großes mit Priestap vor.

Nina seufzte wieder und schlug mit der flachen Hand auf die aufgeschnürten Betttisjen, daß die Federn stoben. Er kommt zurück. Aber wann?! Und wie sehnte sie sich nach einem anständigen Hut...

Hammer trocknete sich, während er die Treppe hinabstieg, die Stirn. Er spürte, daß seine Hand zitterte. Es war lächerlich, wie nervös er war.

Auf der Straße winkte er eine offene Troschke heran und ließ sich nach Hause fahren. Er fühlte sich müde und abgespannt. Tie Augen fielen ihm während der Fahrt halb zu.

Da hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Von einem vorüberfahr enden Gig herab winkte ihn: Priestap zu. Ham­mer ließ wenden, und nun hielten die beiden Wagen dicht nebeneinander, sodaß die Herren sich die Hände reichen konnten.

Seit wann wieder daheim, lieber Herr von Priestap?" fragte der Baumeister.

Seit vorgestern. Ich wollte morgen zu Ihnen kom­men, meinen Knix machen."

Sehr scharmant. Wer Sie werden mich kaum zu Hause finden. Kommen Sie auf den Bau. Ta biu ich von früh bis abends, zwischendurch bei Bildhauern, Malern, Teppichfritzen, Stuhlfabrikanten, bei Siemens und Halske, aus der A. E. G., im Packhof, bei Berndal, beinr Notar und manchmal auch bei Tressel. Wer bis Mittag bin ich sicher auf dem Bau. Ich führe Sie herum und zeige Ihnen, was fertig ist. Es wird ein Unding an Schauderhaftig- keit..."

Priestap lockte durch einen besänftigenden Zuruf feilte ungeduldig werdenden Pferde.Hoihoiruuuhig .... Sagen Sie schauderhaft, Baumeister, so bin ich zufrieden. Tann wird es etwas ganz Großes. Wie geht es Ihnen sonst?"

,/Jammervoll, Herr von Priestap. Und Ihnen?"

Noch jammervoller. In Monte-Carlo, hat man mir eine Viertelmillion abgeknöpft. Das tut nichts. Wer die Influenza tat mir etwas. Sie hat mich böse zugerichtet. In Paris bekam ich einen Rückfall und reiste der Luftver- änderung halber nach Biarritz. Da hat mich der Typhus gepackt. Zehn Wochen lang schwebte ich zwischen Leben und Tod. Tas nennt man eine Erholungsreise . . ."

Armer Kerl", sagte Hammer. Im Lichte der Straßen­laternen die Wagen hielten auf der Charlottenburger Chaussee sah er, daß Priestap noch immer erschreckend elend war; hohlwangig, mit roten Zirketflecken und tief­liegenden Augen. Der graue Raglan umschlotterte seine hagere Gestalt. . .Wo wollen Sie hin, Priestap?"

Nach Hause. Ich war im Gruuetvald. Ich muß mich schonen . . ."

Der beste Mensch hat zuweilen eine Anwandlung von Bosheit. So erging es in diesem Augenblick Hammer.Ich wüßte eine Pflegerin für Sie", sagte er lächelnd.

Und ?"

Nina Imhoff. Sie hat" ihre Tugend unter Kuvert verschlossen und einschreiben lassen. Sie ist immer noch das ioeiße Blatt. Interessierten Sie sich nicht einmal für sie?"

Tie Anspielung tat Hammer schon wieder leid. Prie- stap zuckte heftig zusammen und wurde glühend rot. Dann verblich die Farbe auf seinen Wangen und ein krankhaftes! Gelb blieb zurück.

Lieber Baumeister", entgegnete er mit schwerem Auf­atmen und trauriger Stimme,ich bin nichts für ein junges Weib. Schauen Sie, wie ich aussehe. Und könnten Sie erst tiefer schauen . . ." Seine Stimme wurde unsicher, Au revoir!" rief er und ließ die Zügel locker.

Au revoir und nichts für ungut, Priestap. Es war ein schlechter Scherz . . ."

Tie Wagen trennten sich.

Genoveva war erstaunt, als sie ihren Herrn heim­kehren sah.

-J .. (Fortsetzung folgt.)