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fein, reo sie mit Ihrem Vater hier nach Abbotsville gekommen ist; doch nein, auch das kann ivohl nicht sein, denn ich erinnere mich, daß, als Sie geboren wurden, Ihr Vater uns eine Kanne Bier spendierte, um den Bengel naß zu machen, wie er sich ausdrückte, und Sie waren knapp ein Vierteljahr alt, als er ftcirb."
Der alte Mann bemerkte nicht, daß Jacks Gesicht sich merkwürdig rötete, auch nicht, daß er kurz und stoßiveise atmete und daß ihm die Hände zitterten.
Das wars, was er so lange hatte wissen wollen. Er hatte also Recht mit seinem Argwohn — Werner war nicht der Sohn seiner Mutter.
„Dann mutz ich mich wohl geirrt haben", sagte er # wieder mit scheinbarer Gleichgültigkeit; aber vielleicht hat sie ein anderes kleines Kind zur Wartung und Pflege äuge- nommen?"
„Nicht, daß ich lvüßte. Ich habe immer nur ein Kind hei ihr gesehen, und das waren Sie."
„Dann ists nur eine müßige Idee von mir gewesen", sagte er. „Uebrigens, wie hat denn die Eisenbahn-Gesellschaft meine Mutter behandelt? Eigentlich hätten sie ihr eine Pension auf Lebenszeit geben müssen, aber ich glaube, das haben sie nicht getan."
„Das ist keine Mode bei reichen Gesellschaften", sagte der alte Mann bitter. „Sie haben die Beerdigungskosten bezahlt und der Witwe zehn oder zwanzig Pfund gegeben, aber keine Pension — das weiß ich sicher."
„Ich bin also auf der rechten Spur", dachte Jack; „das E.ld, wovon sie lebt, ist das Geld, was von Werners Verwandten kommt, und sie müssen warm in der Wolle sitzen, daß sie so anständig bezahlen können. Das Nächste ist also jetzt, herauszubekommen, wer Werner ist".
„Uebrigens freut's mich, Herr HoggS'si fuhr er dann laut fort, „daß meine Mutter Ihre Barmherzigkeit nicht nötig hat. — Ich glaube, Sie haben eine ganz nette Portion reiche Familien hier herum in der Gegend, was?"
„Hm, so viele doch nicht; die Leute hier in Abbotsville herum sind meistens Bauern, wenns hoch kommt, kleine Gutsbesitzer."
„Ich dachte nämlich gerade, ob die Geschichte, die ich auf der Herreise im Zuge hörte, wohl wahr sei", sagte Jack wie gedankenvoll.
„Was war das, bitte? Ich kenne alle Abbotsviller Geschichten so gut wies Alphabet", sagte der Alte eifrig.
„Die Namen konnte ich nicht verstehen, auch habe ich den ganzen Zusammenhang nicht recht verstanden, — ich hörte nämlich erst gar nicht darauf, — aber es handelte sich um eine Erbschaftsgeschichte, entweder in Abbotsville, oder doch in der Nähe, wobei ein Kind iin Wege stand, das bei Seite geschafft werden sollte und einer Frau hier in Pflege gegeben worden war. Wie gesagt, ich habe die Geschichte nicht ganz gehört".
Jack ivar nicht wenig stolz auf diese Erfindung; er hielt dafür, daß er in geschicktester Weise auf den Gegenstand lossteuere.
„Ich hätte eigentlich Advokat werden sollen", dachte er; „meine Talente sind wirklich ganz vergraben".
Doch Herr Hoggs schüttelte ernst den Kopf.
„Ich habe nie auch nur ein Wort von einer solchen Geschichte gehört", sagte er, „nie, auch nur ein Wort. Solche Geschichten kommen bei uns nicht oft vor. Unsere Abbotsviller Leute find durchweg brav und ordentlich, und was die besseren Familien angeht, so kann ich dafür garantieren, daß sich keiner derselben etwas Derartiges nachsagen läßt."
„Vielleicht", lenkte Jack ein, „handelte es sich auch um etwas ganz anderes, was jedenfalls herausgekommen wäre, wenn ich die ganze Geschichte gehört hätte. — A propos, wo ist die Nipleystraße, Herr Hoggs?"
„Gerade die erste Straße vor der Stobt, eine Viertelstunde vom Bahnhof, sie liegt nach der anderen Seite, wissen Sie — es stehen da jetzt mehrere nette Häuschen; Ihr Vater wohnte damals gleich in dem ersten".
„Danke", versetzte Jack, und nun, nachdem er alles, was
der alte Mann ihm mitteilen konnte, erfahren, sah et auf die Uhr, als feine Andeutung, daß das Interview vorüber. Herr Hoggs zögerte denn auch nicht, mit vielen Dankesworten für die Gastfreundschaft und vielen Wünschen auf ein baldiges Wiedersehen sich zu verabschieden.
Soweit triumphierte Jack; er hatte wunderbaren Erfolg gehabt. Werner war nicht der Sohn seiner Mutter, und das (Selb, wovon sie lebte, kam nicht von bet Eisenbahn-Gesellschaft, das stand fest. Aber jetzt lag noch ein Teil seines Unternehmens, und vielleicht der schwierigste, ungelöst vor ihm. Er hatte ausfindig zu machen, wer Werner war, und bei diesem Punkte angelangt, wuchsen die Schwierigkeiten erst recht.
Er stand des andern Morgens früh auf und machte sich auf den Weg zur Ripleystraße. Die hübschen, freundlichen Häuschen glanzten ihm im Morgensoimenschein entgegen; aber keine sentimentalen Gedanken beunruhigten Jack beim Anblick des Hauses, wo er das Licht der Welt erblickt hatte.
Wer mochte jetzt wohl noch dort wohnen, der seine Mutter vor zwanzig Jahren gekannt hatte? Es war doch eine lange Zeit, und er hatte kaum eine schwache Hoffnung, alte Nachbarn als alte Bekannte wiederziisinden.
Aber er versuchte sein Bestes. Er begann mit den Kindern zu spielen, und sich mit ihnen anzufreunden; und es dauerte nicht lange, so glückte ihm auch, was er wollte.
Vor dem zweiten Häuschen saß eine nette junge Frau und strickte Strümpfe. Sie sah sich die Sache ein Weilchen an, daun redete sie Jack an:
„Selb Ihr hier fremd?"
„Nein", erwiderte Jack mit seinem freundlichsten Lächeln, „doch nicht ganz; ich bin hier in der Straße geboren unb bin weit hergekommen, um den alten Ort noch mal zu sehen."
„Wo geboren, Kitty?" krächzte eine alte Frau aus dem Hausflur.
„Hier in der Straße, Matter", gab die junge Frau prompt zurück.
„Dann frag' doch mal, wie er heißt. Ich wohne hier bald vierzig Jahre und kenne alle Leute, die hier gelebt haben ober gestorben sinb."
Bei den letzten Worten erschien bie Alte schon auf bet Schwelle, unb Jack, sein gewinnendstes Wesen annehmend, schritt schnell auf sie zu.
„Dann müßt Ihr meine liebe Matter gekannt haben, Kate Jefferies, nicht wahr?"
Ein Strahl lebhafter Neugier flackerte in den trüben Augen der Alten.
„O, gewiß habe ich die gekannt. Ich bin ja zu ihr gegangen und hab' sie getröstet, als ihr Mann verunglückt wär. Kate Jefferies! Ja, das war die Frau, die mir ein Rätsel aufgegeben hat. Ich besuchte sie den einen Tag, da hatte sie ein Kind in der Wiege; ich kam den andern Tag, da hatte sie zwei."
„Tas eine war mein Milchbruder, meine Mutter nahm ihn in Pflege an", sagte Jack. „Hat sie euch nie gesagt, wie er hieß?"
„Nein; sie ging weg und sagte mir nicht mal Adieu, und wir waren doch so lange Nachbarn gewesen. Ader kommt herein; ich möchte wohl was von ihr hören, wenn sie mir auch kein Vertrauen schenken wollte."
31. Kapitel.
Eine u n ü b e r st e i g l i ch e Mauer.
„Setzt Euch", sagte die Alte; „Kitty, bring' mal einen Stuhl für den Herrn", und Jack ließ sich in gespanntester Erwartung nieder.
„Also Ihr seid Kate Jefferies' Sohn! Habe ich's doch immer schon gesagt, daß ich noch mal was von ihr hören würde, ehe ich stürbe. Wißt Ihr auch, daß ich an die zwanzig Jahre hier in diesem Stuhl gesessen und mit den Kopf darüber zerbrochen habe, wo wohl das fremde Kind hergekommen ist, das sie damals zur Pflege kriegte?"


